Archiv für 14. Mai 2019

Eine der ganz großen Qualitäten dieses Filmes von Hubertus Siegert ist ein gewisses dokumentarisches Urvertrauen, das er zu seinen Protagonisten hat. Das ist kein Zufall. Das hat er sich 12 Jahre vor dem Dreh zu diesem Film geschaffen.

Im Film „Klassenleben“ von 2005 hat Siegert, was damals noch ungewöhnlich war, ein halbes Jahr lang in Berlin eine Klasse begleitet, in der praktische Inklusion gelebt wurde, Schüler mit unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten, auch solche mit Behinderungen, lernten gemeinsam. Die Dreharbeiten dürften den Klassenverband zusätzlich verbunden haben.

12 Jahre später ist Siegert in einem Zeitungsartikel auf einen der Protagonisten von damals, Dennis, gestoßen. Dieser hatte, jetzt 24, einen Musicaldarsteller-Nachwuchspreis gewonnen. Das brachte Siegert auf die Idee, nachzuschauen, was aus seinen Darstellern von damals geworden ist.

Nach dem Muster eines Reigens lässt er die Schüler sich je zu zweit wiederbegegnen, ein Reigen, der am Schluss zu einem berührenden Gesamttableau zusammenfindet.

Luca ist Hobby-Fotografin, die Umweltwissenschaften studiert. Sie kocht gemeinsam mit Dennis. Dieser lädt Christian in seine Künstlergarderobe ein. Dieser erzählt von seinem Coming-Out, an dem er rumlaboriert. Christian trifft Marvin, der von der Feuerwehr geträumt und in einer Krise zu Gott gefunden hat, der mit Menschen mit Behinderungen arbeitet. Marvin begegnet Johanna, die als Altenpflegerin arbeitet und dadurch Selbstbewusstsein gewonnen hat (wenn sie denkt, wie lange, es gebraucht hat und durch welch ein Wunder – knisterndes Goldpapier – sie sehen gelernt hat). Johanna trifft auf Natalie, die in einer Schulmensa in der Küche arbeitet (drei Rädchen Salami aufs Pizzabrot sollen genügen, so der Chef). Und dann trifft Luca auf Natalie.

Immer schauen sich die sich Begegnenden Szenen aus dem Film von vor zwölf Jahren an. Die Arbeit des Lebens an den Menschen wird sichtbar. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass für die Nicht-Behinderten durch den selbstverständlichen Umgang mit den Andersbegabten Toleranz etwas Normales geworden ist; gewisse Witze, die in Monokulturnormalo-Gruppen aufkommen – gerade über Minderheiten – sind für sie undenkbar.

Das ist das Paradoxe an so einem Film: gerade die Menschen, die sich mit Andersbegabten beschäftigen, lernen Toleranz; das was die Masse lernen müsste. Insofern bleibt so ein Film eine Randerscheinung. Und das einzig Richtige, was die Verleiher entschieden haben: daraus ein Event zu machen: der Film läuft nur am 15. Mai im Kino, da findet ein bundesweiter Kino-Aktionsabend statt. Details dazu finden sich unter hier.

Für das Event seien schon Tausende von Karten vorbestellt; also nichts wie einen Platz reservieren! Der Film ist nicht nur sehenswert, er ist auch von generellem Interesse zum Beispiel im Hinblick auf Teambuilding.

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