Archiv für 2. Mai 2019

Spannung und Spaß je einmal aus Amerika, aus Frankreich und aus Belgien und weniger spaßig aus Frankreich. Zweimal beachtliches deutsches Nachwuchskino und zweimal deutsches Subventionskino mit Klumpfüßen, während das Zwangsgebührenfernsehen richtig oberpeinlich den sozialen Medien hinterher hechelte. Auf DVD erschien ein sehenswerter Naziaufarbeitungsfilm.

Kino
IM NETZ DER VERSUCHUNG
Hier geht es nicht um den Besuch der alten Dame wie einsten bei Dürrenmatt, aber ein dramaturgischer Kniff ist unverkennbar …

ZU JEDER ZEIT
So knackig kann eine französische Doku zu einem Thema sein, das in Deutschland von der Politik in den Dreck gezogen wird: Krankheits- und Gesundheitspflege.

ROYAL CORGI – DER LIEBLING DER QUEEN
Die schräge belgische (hündische) Perspektive auf die Queen und ihre Hunde.

DER FLOHMARKT DER MADAME CLAIRE
Altersverwirrung einer reichen Sammlerin und Schlossherrin.

O BEAUTIFUL NIGHT
Bildnerisch expressiv die Todessehnsucht geküsst.

LIEBESFILM
Die Mythen eines jungen, ziellosen Mannes um die 30.

GESCHWISTER – ALL MY LOVING
Das könnte so schönes Kino sein, wenn die Macher nicht das Elementarste des Erzählens zu vergeheimnissen versuchten.

DAS SCHÖNSTE PAAR
So sieht ein gremienkompatibles, deutsches Kinotraumpaar aus.

TV
DER BERG UND ICH
Hier droht das Zwangsgebührenfernsehen: bist Du (Zwangsgebührenzahler) nicht willig (das Indexmodell für die Zwangsgebühr zu akzeptieren), so bestrafe ich Dich mit solchen Sendungen.

DVD
SOBIBOR
Revenge der Gefangenen im KZ gegen die Nazis.

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Bestechend expressiv-jugendlich-talentiertes Bilderwerk zum Thema der Todes- oder der Liebes- und Rauschsehnsucht in emotionaler Blau-Rot-Chromatographie.

Es gibt ein Bild, das erinnert direkt an Max Beckmann: drei Personen im Lift, Raketen wie Blumen.

Was bedeutet es, wenn im Kino das Thema Tod akut wird, wenn der Tod in Person auftritt (wie im „Jedemann“ von Hugo von Hofmannsthal, später dann im Brandner Kasper)?

Hier im Film nähert sich der Tod (Marko Mandic) dem jungen, künstlerhaften Juri (Noah Saavedra). Er sagt ihm, dass er ihn hole, dass sein letztes Stündchen geschlagen habe. Daraus wird eine Nacht, in der Nina (Vanessa Loilb) zu den beiden stößt, sie treiben sich im Milieu von russischem Roulette, Opium und Korea-Voodoo herum. Nietzsche wird zitiert.

Und am Ende haben sie im botanischen Garten (Dschungel- und Tropensymbolik) auch Betti, einen schwingenbeschnittenen Zoovogel gefunden, der mit den Dreien in einem geknackten Amischlitten durch die Nacht fährt.

Dieser Film von Xaver Böhm, der mit Ariana Berndl auch das Drehbuch geschrieben hat, ist eher Zustandsbeschreibung, denn Entwicklung, Bilder für Todessehnsucht, Existentialismus als bildnerischer Expressionismus mit Neonästhetik. Die Jugend, die Sehnsucht, die Hoffnung und der Tod.

Und immer wieder die Blumenbilder, Stilleben, die sich farblich stets verändern, ornamenthaft für Morbides stehend, momentweise an die holländische Malerei dieses Genres erinnernd oder gar an die orchideenhaften Faltenwürfe bei Grünewald (Renaissance).

Nina Haun hat einen durchgehend filmaffinen Augenfang-Cast zusammengestellt, der die Idee des Bildnerisch-Exzessiv-Existentiellen prima unterstützt. Und merke: die Hornisten sind die Versautesten. Aber, man kann den Tod auch küssen.

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Mythen eines jungen Mannes um die 30.

Er fühlt sich frei, ungebunden, liebeslustig, er heißt Lenz (Eric Klotzsch), was auf vielfältigen, literarischen Background verweist. Er liebt Ira (Lana Cooper), was das lateinische Wort für Zorn ist, ein weiterer bildungsbürgerlicher Hinweis.

Lenz stammt aus Bankiersverhältnissen, hat keine Geldprobleme, genießt gerade den Sommer seines Lebens (und bitte nicht schon an Elternschaft denken, aber so weit kommt es dann just) und bei einer nächtlichen Diskussion (mit Rotfilter) in einem Zelt im Wald mit Ira muss er doch suchen, wo er Traumata hat.

Ira hat welche, sie weiß nicht wer ihr Vater ist. Sie ist markant eigensinnig, übt einen streng geheimen Job aus, der mit dem Afghanistankrieg zu tun hat und mit VPN-Verschlüsselung. Sie hat eine schusssichere Weste zuhause und muss immer mal für kurze Zeit weg. Sie ist die Ich-Erzählerin.

Lenz wird mit Zwischentiteln, so wie Godard sie gerne nutzt, im Hinblick auf seine Mythen charakterisiert. Diese sind teils hochaktuell, was zur Zeit, in der dieser lockere Berlin-Film spielt, die Gemüter beschäftigte: das Kreuzfahrtschiff, was vor Italien sank und bei welchem der Kapitän als erster von Bord ging, die Verfolgung Osama Bin Ladens und das spurlose Verschwinden eines Flugzeuges der Malaysischen Fluggesellschaft. Aber auch ein russisches Kriegerdenkmal in Berlin, der Löwe des Paschir-Tales, Affenliebe, Heldentum generell. Bei Lenz äußert es sich darin, dass er beim Campieren aus Zunder selber ein Feuer entfacht.

Der Film kreist unverkrampft essayistisch um die Vorstellungswelt dieses jungen Mannes, wie er gerne liebt, aber keinesfalls an daraus sich möglicherweise ergebende Verantwortung erinnert werden möchte. Andererseits drängt die Mutterrolle beim fortschreitenden Alter von Ira.

Seine Mythen erscheinen Lenz so lebendig, dass er sie ab und an leibhaftig vor sich sieht.

Vom Thema her erinnert der Film an Oh Boy; von der Machart her unterscheidet er sich erheblich, er scheint auch inspiriert von der Aufbruchs- und Sorglosstimmung der Beat-Generation-Filme.

Hier mischen sich das Freiheitsgefühl des Protagonisten mit dem Freiheitsgefühl der Filmemacher, das sind Robert Bohrer und Emma Rosa Simmon. Ihre Begeisterung, diese Geschichte fürs Kino erzählen zu können, ist unübersehbar und überträgt sich mit der Leichtigkeit des Spieles der Akteure, die viele Regungen und Reaktionen zeigen können, wie bei vielen ihrer häufigen Fernsehrollen bestimmt nicht – und sie genießen es.

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Gesundheits- und Krankheitspflegende,

sind die Berufe, um die es in dieser knackigen Dokumentation von Nicolas Philibert geht.

In Deutschland sind die Pflegeberuf im Gezerre der Politik in ein schlechtes Bild geraten. Das ist hässlich.

Philibert nötigt dem Zuschauer den höchsten Respekt vor diesen Berufen ab, indem er Auszubildende der Pflegeschule von Croix-Saint-Simon in Montreuil über die Stufen Theorie, Praktikum und Praktikumsnachbesprechung verfolgt. Ohne jeden geschwätzigen Kommentar, ohne dümmliche Statements und mit schonendster Behandlung von ganz wenig Beifang zwischendrin, einmal ein Blick aus einem Zimmer auf die Umgegbung, einmal ein Blick in ein Rollstuhllager. Zur Entspannung. Denn sowohl der Dokumentarist als auch die Auszubildenden sind hoch konzentriert dabei.

Die Ausbildung ist vielfältig und anpsruchsvoll. So dass ab und an vor lauter Konzentration bei einem kleinen Fehler plötzlich Gelächter ausbricht. Sie nehmen es ernst, aber nicht tierisch ernst.

Für die schulische Phase der Ausbildung hat Philibert sich einige typische Situationen herausgepickt. Nebst Theorie müssen sie an Übungspuppen erste Versuche unternehmen im Spritzen- und Infusionenstecken, Verbandabnahme oder Sterilbehandlung, Wundversorgung, Herzmassage oder gar Geburtshilfe. Oder sie lernen, wie man einen Patienten, der an einem Bein lahm ist, aus dem Bett nimmt und in den Rollstuhl setzt.

Sie bekommen ethischen Unterricht, denn gerade diese Anforderungen sind streng, dass sie alle Patienten gleich behandeln müssen ohne Ansehen von Person, Hautfarbe, Geschlecht, Religion, auch ohne Ansehen des gesundheitlichen und ästhetischen Zustandes – die „professionelle Unabhängigkeit“, die auch die Annahme von Bestechung nicht gestattet. Ein Problem kann es werden, das wird in der Nachbearbeitung angesprochen, wenn ein Pfleger vom Patienten nicht akzeptiert wird.

Im Praktikum müssen sich die Auszubildenden auf verschiedenen Stationen bewähren, in der Psychiatrie, in der Chirurgie, Intensiv- oder auch Palliativstation. Man möchte nicht bei jedem Studenten der erste sein, dem Blut abgezapft oder eine Infusion gelegt wird. Diese Versuche zeitigen Bildmaterial aus dem Leben, die Patienten nehmen es unterschiedlich auf, einer bezeichnet sich selbst, als das, was er ist, als Versuchskaninchen.

Der dialoglastigere Teil, aber insofern auch der informativste, ist der dritte Teil mit den Nachbesprechungen zu den Praktika, was war gut, was ist schief gelaufen.

Manche haben Pech und landen in einer Abteilung, in der die Stimmung nicht gut ist oder in welcher die Chefs wenig Verständnis für Praktikanten haben. Andere wiederum möchten noch viel mehr kennenlernen.

Dem Praktikanten aus der Psychiatrie tut der Abschied weh, weil er zu den Patienten ein persönliches Verhältnis aufgebaut hat und sich mies vorkommt, dass er diese jetzt im Stich lässt.

Der Film bietet auch einen präzisen Einblick in die Diversität der französischen Gesellschaft mit einer bunten Vielfalt an religiösen und sprachlichen Hintergründen. So ist es von Vorteil, wenn eine algerienstämmige Französin mit Patienten arabisch sprechen kann, während es vielleicht andere beim Pflegepersonal oder bei den Ärzten nicht können. So ist denn Dolmetschen angesagt und selbstverständlich. Schwierig kann es bei Sinti werden oder wenn einer aus Pakistan kommt. Schwer vorstellbar, dass die deutschen Ressentimentkultur und deren Subventionskino eine so glasklare und spannende Dokumentation über ein so diffiziles Thema und eine gesellschaftliche Wunde zugleich, hervorbringen kann.

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Catch the Tuna. (Fang den Thunfisch)

Schnapp dir den Fisch, wenn du ihn an der Angel hast, auch wenn es auf einen Kampf à la „Der alte Mann und das Meer“ hinauszulaufen droht.

Baker Dill (Matthew McConaughey) hat ihn im Meer um sein Fischerboot gespürt, er ist fixiert auf ihn. Er fischt vor Plymouth auf der Insel Montserrat in der Karibik.

Nächtens fangen die Fischer Schwertfisch, das ist einträglicher, tagsüber Thunfisch – und auch Haie ziehen ihre Kreise. Baker ist hochverschuldet und fährt mit seinem Assistenten Duke (Dijmon Hounsou) gut betuchte Touristen mit seinem Motorboot „Serenity“ zum Fischen aufs Meer. Das gibt 700 Dollar am Tag.

Allein wie Steven Knight (Die Frau, die vorausgeht, Allied – Vertraute Fremde, Verschwörung – The Girl in den the Spider-s-Web) diese Informationen schildert, szenisch auflöst und in den Film trägt, und wie er damit den Zuschauer machtvoll in den Film hineinzieht, das vertrüge ellenlange, lustvolle Detailbeschreibungen, Take für Take, Schnitt für Schnitt, wie er mit exklusiven Blickwinkeln, kühnen Drohnenflügen, pointierten Closeups und elegant geschnitten gleichzeitig eine Freude am Kino vermittelt, das sich an Wasser, Karibik, muskulösen Seemännern (oder weißen, reichen Fettsäcken) und an schönen Frauen genau so wie an Unterwasseraufnahmen berauscht, ein fleischlich, physisch, sinnliches Kino immer im Spiel von Gegenkräften.

Aber Knight will mehr als nur eine Alte-Mann-und-das-Meer-Geschichte. Baker hat nicht nur seine Geliebte Constance (Diane Lane), er hat Schulden und eine Vergangenheit, vielleicht sogar mehrere Vergangenheiten und auch einen früheren, anderen Namen, John.

Baker hat eine Exfrau Karen (Anne Hathaway), die unvermutet in Plymouth auftaucht, steinreich, und sie hat einen Sohn von ihm, Patrick (Rafael Sayegh). Sie ist mit dem Bauunternehmer Frank (Jason Clarke) (Miami und Kuba) verheiratet, der zuhause ein brutales Tier ist. So kommt das Familienthema ins Spiel, Familie als der Ort der größten Liebe aber auch der größten Verbrechen.

Hierbei werden Geheimnisse akut, was besonders in Plymouth, worüber es heißt, hier wisse immer jeder alles, nicht ganz ohne ist. Es sind existentielle Geheimnisse. Auch taucht ein merkwürdig blasser Vertreter (mehrfach) wie ein Deus ex Macchina auf, der Baker erst ein Fischortungsgerät andrehen will, später spezielles Köderfutter, eine mysteriöse Figur durch und durch und Sohn Patrick, ein früher Teen, ist vernarrt ins Internet.

Spoiler zum Verständnis des Filmes: Bei all den Faktenlagen ist es ratsam, Nachrichten als Wahrheitsindikatoren zu nehmen.

Weiteres Beispiel für eine filmisch berauschende Sequenz: Baker sagt zu seiner Geliebten „Ich nehm ne Dusche“, es folgt eine Nacktsequenz, wie er von seinem Wohncontainer über den Klippen zum Meer rennt, mit ganz ungewöhnlichen Erzählverkürzungen, wie in einem Traum, und einem unerwarteten Sprung aus großer Höhe ins Meer und anschließend grandiosen Unterwasseraufnahmen – rätselhaft faszinierende Bebilderung des Satzes „Ich nehm ne Dusche“.

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Inglaterra in Milano.

Ein Hauch von großem Kino weht durch diesen Film von Edward Berger (Jack), der mit Nele Mueller-Stöfen auch das Drehbuch geschrieben hat.

Ein einfache Grundstruktur, Porträt von drei Geschwistern, erst werden sie zusammen vorgestellt, dann in je einem eigenen Film und am Ende findet sich tutta la famiglia zusammen.

Den Hauch von großem Kino suggerieren die ruhige, klare Erzählstruktur mit ebensolcher Kamera, Szenenauflösung, Schnitt und exzellente Schauspieler.

Wobei just beim bekanntesten der Stars ein Einwand geltend gemacht werden muss. Es ist Lars Eidinger, der inzwischen wie überbesetzt wirkt, der vor lauter Drehen offenbar keine Verschnaufpausen kennt und sich ganz auf seine erstklassigen Routinen verlässt. Er ist der Bruder, der Stefan heißt. Er ist Pilot. Hütet den Hund Rocco. Putzt mit Papiertuch riesige Hundehaufen vom Parkett und vom Teppich auf und reinigt darauf den Teppich. Es ist eine dieser typischen Szenen, wie sie aus einem Hochschulfilm stammen könnten, wo Regisseure zeigen wollen, was sie können, wie sie das ‚machen‘, aber oft nichts zu erzählen haben. Und die Schauspieler machen mit in der Hoffnung, Demomaterial zu bekommen.

Eidinger spielt einen Piloten mit einem Gehörproblem. Deshalb hängt er rum. Macht in Bars Frauen an, fickt sie in Hotelzimmern oder erlebt auch mal eine Abfuhr.

Mathilde Berger ist die Schwester. Sie heißt Vicky und fährt mit ihrem Freund Christian (Godehard Giese, ein Allzweckschauspieler) nach Mailand. Dort treffen sie einen Freund von Christian, der in London wohnt. Daher ist das Kapitel INGLATERRA EIN TRAUM überschrieben (ich hoffe, ich habe das richtig notiert).

Hauptfigur ist ein angefahrener Hund, den die beiden Nero taufen. Für weitere Profilierung als ein deutscher Peter Sellers nutzt Hans Löw die Rolle des Tobias. Er ist noch etwas Geisteswissenschaftliches am Studieren (den Hinweis bietet ein Buch auf seinem Schreibtisch). Er perfektioniert den Typen, der immer allem hinterherrennt, der leicht überfordert ist von Frau und Kind und Job und einem Vater (Manfred Zapatka), der in Richtung Demenz sich zurückentwickelt. Löw ist in jedem Moment eine Show.

Das kapitale Defizit dieses irgendwie Hoffnung erweckenden deutschen Filmes ist allerdings (einmal mehr und hier besonder krass auffallend, weil der Rest so gut ist) das Drehbuch! Der Film hält es nicht für nötig, eine Ansage zu machen, was er erzählen will. Es lässt die Zuschauer von Anfang an in der schlimmsten Dunkelheit. Statt gleich – und dringlich – zu behaupten, ich habe Euch etwas Irres zu erzählen von drei Geschwistern, wird eine lange Prologszene kaum geschnitten in einem feinen Lokal etabliert und der Zuschauer wird so lange wie möglich im Unklaren gelassen (vor lauter Lify-Style-Schilderung), worauf Eidinger hier wartet, in welchem Verhältnis er zu Löw steht und was die Frau, die als Dritte dazustößt, mit ihnen zu tun hat.

Warum dem Zuschauer von Anfang an das vorenthalten, was man ja so brennend erzählen möchte? So fehlt der Rahmen für die Bildaufnahme des Zuschauers. Es werden Alltagsszenen an Alltagsszenen gereiht, immerhin die drei Geschichten nicht ineinander verhackstückt, das ist schon ein gewaltiger Fortschritt im deutschen Kino, aber es fehlt die Idee, warum diese Geschichten etwas Besonderes sein sollen.

Es fehlt der Leitfaden der Erzählung. Es ist gar keine Erzählung. Es sind lediglich talentiert aneinandergereihte Übungsszenen. Man könnte fast sagen, es fehlt das Drehbuch. Das ist, als ob ein Mensch kein Skelett hätte. Was ihn erst zum Funktionieren bringt, was erst die Übertragung der Nerven- und Gedankensignale in die Extremitäten oder die Physiognomie ermöglicht, was ihn erst zum Leben bringt. Dieses Defizit ist ein kapitales. Bis auf diesen existentiellen Mangel ist alles gut.

Eine elementare Unklarheit: sind die jetzt in Mailand oder in Madrid? In Madrid gibt es ein Hotel namens Inglaterra. Aber „vongole“, von denen sie reden, das ist Italienisch. Und England auf Italienisch würde heißen „l‘ Inghilterra“.
Hinweis auf deutschen Ort: Autokennzeichen SG: Solingen.

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Viel Symbolismus in diesem Film von Julie Bertuccelli, die mit mehreren Mitautorinnen das Drehbuch nach dem Roman von Lynda Rutledge geschrieben hat: Flohmarkt, Rummel, Steinbruch, Nippes, Puppen, Clownpuppen, mechanische Spieluhren.

Claire Darling (Catherine Deneuve) wohnt als Kettenraucherin in einem Schloss in Verderonne. Dieses ist vollgestopft mit Möbeln, Bildern, Puppen, ausgestopften Tieren, Kostbarkeiten noch und nöcher und sogar ein echter Monet ist dabei, den sie dem Dorfpfarrer abgeluchst hat.

Claire glaubt, dass ihr letztes Stündchen geschlagen hat und will den kostbaren Hausrat in einem privaten Flohmarkt losschlagen. Junge Männer vom Steinbruch, der jetzt den Chinesen gehört, schleppen das Zeugs für sie auf den Vorplatz.

Claire ist von Absenzen und Ansätzen von Demenz geplagt. Die Vergangenheit holt sie ein. Im Film sind das Rückblenden, die von jüngeren Darstellern gespielt werden.

Tochter Marie (Chiara Mastroianni), die die Mutter lange nicht gesehen hat, ist alarmiert und taucht auf. Mutter verscherbelt teuereste Kostbarkeiten für wenige Euro. Es gibt Dunkles in der Vergangenheit. Einmal behauptet Claire dem Priester gegenüber, sie habe getötet. Sie verlangt von ihm einen Exorzismus.

Das Mutter-Tochter-Verhältnis ist zerrüttet. Aber in so einem Endstadium, besonders, wenn die Mutter in der Klinik landet, stellt sich einiges in milderem Lichte dar.

Der Film lebt vom Verschwimmen der Sinneseindrücke und der Zeitebenen der alten Claire, die hin und hergeschüttelt wird zwischen Gegenwart, die sie kaum mehr versteht und einer Vergangenheit, die sie nicht verarbeitet hat. Es gab auch einen Ehemann. Flohmarkt, Schluss- oder Ausverkauf von Identitäten?

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