Archiv für 4. April 2019

Der BR preist diese Miniserie von Georg Büttel, der mit Jochen Müller auch die Regie übernommen hat, als „Mystery Mediensatire“ an. Da kann sich jeder denken, was er will. Am besten das Teil anschauen und konkludieren: „Mystery-Mediensatire“, das ist, wenn vorgeblich der eigene Arbeitgeber, also der BR, satirisch auseinandergenommen werden soll, aber so, dass es keinswegs weh tut, so dass ganz klar wird, es ist nicht nach dem Leben, keiner nimmt das richtig ernst; vielmehr belustigt sich ein Serienteam selbst.

Wir zeigen, dass wir spielen – und nicht mal besonders gut, weil das Drehbuch nie und nimmer profund gearbeitet ist. „Mystery-Mediensatire“ will heiß, wir machen hier so einen auf gefällig-affiges Schülertheater und gehen mit den Bild- und Studiospielereien leger um.

Es soll nach dem Prinzip Ein Inspektor kommt Licht in die windigen Verhältnisse bei der BR-Produktion „Dahoam is dahoam“ geworfen werden oder auch das Prinzip von Heinrich von Kleists Der zerbrochene Krug wird ungelenk paraphrasiert. Bei diesem bringt Gerichtsrat Walter das Provinzgericht und seine Machenschaften durcheinander.

In der „Akte Lansing“ soll Dr. Dr. Georg Spieß (Stefan Murr, dessen Naturell dem Blasiert-Steifen nahe zu kommen scheint) bei der Serienproduktion Sparpotential erforschen. Statt den Requisiten-Leberkäs wegzuwerfen, fressen die ihn selber. Allerdings passiert das hier merklich mit dem augenzwinkernden Subtext, so ist es eben im Theater und nicht im Leben.

Kritisch sind wir schon gar nicht. Spannend wäre womöglich, das Entstehen dieser Serie unter den redaktionellen Auspizien der Zwangsgebührentreuhänder August Pflugfelder, Thomas Müller, Daniele Boehm, Friederike Galley als ein Tatsachenbericht zu recherchieren. Wer mit wem auf wessen Kosten wo zusammensitzt, bis die Idee gesponnen ist und wer dann mit wem zusammensitzt, bis Finanzierung und Cast stehen, bis klar ist, wer von diesem Teil des Zwangsgebührenkuchens wieviel abbekommt.

So eine Recherche könnte hoch spannend sein oder auch eine, wie kopflos der BR beim Sparen wirklich vorgeht oder was für merkwürdige Folgen ein Durchforsten des Betriebes durch Management-Berater (McKinsey oder wen auch immer) hat.

Den Zwangsgebührenzahler selbst dürfte das hier gebotene, pseudokritische Produkt wenig interessieren. So deppert ist weder er noch die Wirklichkeit. Beispiel: der Inspektor läuft eine Ewigkeit im Morgenmantel und mit einem wenig plausiblen Kopfverband im Set herum, wie um zu zeigen, was für ein Depp er ist. Und er spielt es nicht so eindeutig, dass klar würde, es ist eine Schusseligkeit des Tpyen, womit er Rollenprofil zulegen könnte – was zum blasierten – also gerade nicht schusseligen – Ansatz sowieso nicht passt.

„Mystery Mediensatire“ heißt offenbar: schlechtes Theater, schlecht gearbeitete Story, keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Institution, kein Ernstnehmen der Situationen, billige Selbstbelustigung. Das sollen die beim Betriebsfest machen, da passt es.

Aber es ist nicht reif genug, um in einem zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk gezeigt zu werden, erst recht nicht in einem, der dauernd jammert, es habe zu wenig Geld, um seine Qualität aufrechtzuerhalten: solche Qualität gehört in den Mülleimer und spart somit Kosten.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Comments Kein Kommentar »

Ein starker Kinostarttag. Ein Unbeirrbarer des Kinos und die Becassine. Das aufkommende Drogengeschäft in Kolumbien und seine Wirkung auf die Indigenen. Ein mutiger Reporter und die blutigen Folgen der Befreiung Angolas aus der Kolonialherrschaft. Zweimal Hamburg: Eine perfekte britische Rom-Com auf zerstörtem deutschem Boden und Kunst schlägt Einwanderungsthema. In Frankreich hat das Sequel einer Vorurteils-Familienkomödie angenehme Flughöhe erreicht. Ein spanischer Meisterregisseur unterhält sich mit einem italienischen Stararchitekten. Ein Naturfilm aus Deutschland gibt ein starkes Votum für den Erhalt der Artenvielfalt ab. Das Original eines Horrorfilmes aus den USA stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges. Ein Kinderfilm aus Deutschland hat Probleme mit dem Alter Ego. Und ein Blockbusterversuch aus den USA möchte nicht, dass etwas gespoilert wird. Außer der Kinostartreihe gab es schon mal einen Blick auf einen einzigartigen Clownfilm aus der Schweiz. Auf DVD geht es um die Moral in Zeiten der Social Media.

Kino
BILDBUCH
Einblicke in Bild- und Montage-Altmeisters Spätwerk (oder Späthirn?).

BIRDS OF PASSAGE – DAS GRÜNE GOLD DER WAYUU
Wenn die Wortboten nichts mehr zu vermelden haben, steht es schlecht um die indigene Kultur.

ANOTHER DAY OF LIFE
Schock nach Angolas Exit aus dem Kolonialreich Portugal. Ein mutiger Reporter berichtet.

NIEMANDSLAND – THE AFTERMATH
Im zerstörten Hamburg entbrennt eine heiße Liebe zwischen einem britischen Offizier und einer deutschen Bankiersfrau.

IM LAND MEINER KINDER
Im Hamburg des frühen 21. Jahrhunderts wundert sich ein ecuadorianischer Filmemacher über das Einbürgerungsprozedere.

MONSIEUR CLAUDE 2
Wenn im Vorgängerfilm die religiösen Vorurteile durchdekliniert wurden, so geht es jetzt um die Taliban, die gleichgeschlechtliche Liebe und um Frankreich schlechthin.

RENZO PIANO, ARCHITEKT DES LICHTS
Spanischer Filmemacher entlockt dem Stararchitekten bemerkenswerte Statements zum kreativen Vorgang.

DIE WIESE – EIN PARADIES VON NEBENAN
Für all diejenigen, die dem Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt „Rettet die Bienen“ nichts abgewinnen können – sowie für die bayerische Staatsregierung und ihren runden Tisch!

FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE
Wenn tote Haustiere und indianische Geister ihren Frieden nicht finden.

UNHEIMLICH PERFEKTE FREUNDE
Titel ist ein Widerspruch in sich: Freunde sollten weder perfekt noch unheimlich sein.

SHAZAM!
Schaut in die magische Kugel, dann werdet Ihr sehen, so Ihr reinen Herzens seid.

CIRQUE DE PIC
Last not least und nur in einem einzigen Kino in der Schweiz: Biopic über Pic.

DVD
ASSASSINATION NATION
In Zeiten des Internets wird es deutlich riskanter, außerhalb der Ehe zu sündigen.

Comments Kein Kommentar »

Man soll die Toten ruhen lassen.

Die Familie von Louis Creed (Jason Clake, Amy Seimetz als seine Frau Rachel, Jeté Laurence als Ellie, und Hugo Lavoi als der kleins Gage) zieht von Boston nach Main in ein Waldgebiet. Zur Familie gehört auch Kater Church.

Es gibt Traumata in der Familie, Rachel kann mit dem frühen Tod ihrer kleinen Schwester keinen Frieden finden und in Maine erlebt Louis einen Unfallverletzten, der furchtbar zugerichtet ist, den Studenten Victor Pascow (Obssa Ahmed).

Das Haus der Creeds ist außerhalb der Ortschaft Ludlow gelegen am Rande eines weitläufigen Waldgebietes. Ab und an rasen in unverwantwortlich hohem Tempo Lastwagen vielleicht 20 Meter vor den Häusern entfernt über die Landstraße. Der erste, den es erwischt, ist Kater Church. Gut, dass es im Wald einen Tierfriedhof gibt, wunderbar falsch auf Englisch geschrieben, irgendwie „Semetary“ oder so.

Entscheidend für die Aneignung von Wissen über Ludlow, den Wald und den Tierfriedhof ist Nachbar Jud (John Lithgow), ein älterer Herr, der inzwischen allein lebt. Über ihn erfährt Louis, dass es hinter dem Tierfriedhof einen alten Begräbnisplatz von Indianern gibt. Da ruhen ganz andere Geheimnisse, die das Horrorgenre, um das es hier geht, reichlich füttern werden.

Aber wozu sich noch nacherzählerisch betätigen. Der Friedhof der Kuscheltiere von Stephen King ist 1983 erschienen und hat eingeschlagen wie ein Bombe, ein Welterfolg. Der ist sozusagen Kulturgut. Die Verfilmung ließ bis 1989 warten und auch die dürfte vielen, auch später Geborenen, bekannt sein.

Die Regisseure Kevin Kölsch und Dennis Widmyer haben für ihre neue Verfilmung das Drehbuch von Matt Greenberg und Jeff Buhler nach dem Roman von Stephen King zur Vorlage gehabt. Sie dürften sich sehr genau daran gehalten haben. Sie haben eine erstklassige Verfilmung zustande gebracht. Sie sind sozusagen erstklassig konventionell geblieben. Sie haben gar nicht erst den Versuch einer Neuinterpretation, einer aktuellen Interpretation unternommen. Vielmehr scheint ihr Film von Respekt durchdrungen vor den großen Vorbildern, dem berühmten Erfolgsroman und der berühmten Verfilmung.

Diese Filmemacher wollten womöglich nichts falsch machen. Sie haben alles richtig gemacht, die Stimmungen, die Sprachregie, die Lautstärke der Sprache, die Horroreffekte, die Schauspielerauswahl- und führung, Ausstattung, Lichtsetzungen, Tonspur, Schnitt, alles erstklassig und handwerklich gekonnt – aber wir leben nicht mehr in 1989, das ist vielleicht das Manko – von uns aus gesehen ist 1989 doch eine recht übersichtliche und beschauliche Zeit, außer dem Fall der Mauer, der vieles in Bewegung setzte, woran wir heute noch knabbern. Aber da hat es den Friedhof der Kuscheltiere schon gegeben. Der stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges. Und das ist vielleicht das Problem mit dieser allzu ordentlichen Neuverfilmung.

Comments Kein Kommentar »

Autonomes Fahren,

darum geht es in diesem Film von David F. Sandberg nach dem Drehbuch von Henry Gayden auch, einmal in upstate New York in den frühen Siebzigern mit einer ausladenden Blechkutsche von damals und einmal im Heute in Philadelphia in der U-Bahn. Das ist nun eindeutig gespoilert, aber damit sei es auch belassen. Denn die Verleiher haben Angst, man könnte zu viel verraten von dem Film.

Die Bitte, nicht zu spoilern, wirkt allerdings auch immer ein bisschen wie Gängelung. Wie soll man denn einen Film reviewisieren, ohne etwas vom Film auszuplaudern?

Also sei hier nicht verraten, ob es um das Coming-of-Age von in der Kindheit versehrten Jungs geht. Es sei nicht gespoilert, was es mit dem Titel Shazam! auf sich habe und ob das mehr als nur ein magisches Wort ist. Es sei nicht gespoilert, ob ein Junge von 15 Jahren mit diesem Zauberwort zu einer kindisch-linkischen Erwachsenenfigur werden kann mit Superman-Eigenschaften. Es sei nicht gespoilert, ob die Filmemacher aus dem Entdecken dieser Qualitäten ein Fass aufmachen.

Es sei nicht gespoilert ob es in Philadelphia einen Vergnügungspark namens Chilladelphia / Winter Carnival mit einem Riesenrad gibt. Es sei nicht gespoilert, ob es Monster wie in der Geisterbahn gibt, die sich allenfalls ständig wieder auflösen.

Es sei nicht gespoilert, ob das Thema Pflegefamilie eine Rolle spielt. Es sei nicht gespoilert, ob der Superman einen Gegenspieler hat. Es sei nicht gespoilert, ob jede Menge altbekannte Kampf- und Gefahreneffekte eingebaut wurden in diesen Film. Es sei nicht gespoilert, ob Zaubaubereien vorkommen.

Es sei nicht gespoilert, ob es um die Reinheit des Herzens und Wahrhaftigkeit eines Jungen, den perfekten Mann, und auch um das Thema Versuchung, „der wahre Champion“ sowie Superkraft und die Quelle aller Energie geht.

Es sei nicht gespoilert, ob wie neulich bei Asterix der Magier einen Nachfolger sucht. Es sei nicht gespoilert, ob Dämonen vorkommen. Es sei nicht gespoilert, ob die sieben Todsünden eine Rolle spielen. Und es sei nicht gespoilert, ob ein besonderes, blaues Auge die Achillesferse eines Mannes sein kann.

Es sei nicht gespoilert, ob es eine schlüssige Geschichte und Überraschungen gibt und es sei auch nicht gespoilert, ob der Film belanglos ist oder nicht. Wir verweigern uns der Spoilerei!

Comments Kein Kommentar »

An kniffliger Lage.

Der italienische Archtiekt Renzo Piano soll in Santander an der spanischen Atlantikküste an zentraler Stelle der Uferpromenade einen (Prestige)Kultur- und Bildungsbau hinstellen. Auftraggeber ist Emilio Botin, Präsident der Santander Bank.

Carlos Saura hat Renzo Piano dazu befragt und dokumentarisch begleitet.

Es gibt an der Stelle einen kleinen Park. Der ist umspült vom Autoverkehr. Piano liebt das Licht, die Luft, das Wasser und die Schwingungen. Er spaziert erst in der Stadt herum, um ihr Gefühl aufzunehmen. Für ihn ist Architektur ein Experiment. Er beneidet die Fotografen, die seiner Meinung nach den Moment festhalten für die Ewigkeit. Während das Entwickeln eines solchen Gebäudes ein kreativer Prozess ist. Die fangen schon an zu bauen, während noch nicht alles fertig gezeichnet ist. Das kann zu Verzögerungen und Verteuerungen führen.

Piano findet eine Lösung, die sowohl den Verkehr verschwinden lässt, als auch den Blick freigibt auf die der Bucht gegenüberliegenden Berge. Aber er sieht jeden Bau auch als ein Experiment, ein Geduldsspiel und als eine gemeinnützige Kunst.

Wie 1977 das Centre Georges Pompidou eröffnet wurde und Piano feststellen wollte, ob der Bau gelungen ist – das kann immer erst dann passieren, wenn es zu spät für Änderungen ist oder er behilft sich mit dem Apercu, da würden Bäume hinzukommen – soll ihm Roberto Rosselini geraten haben, er dürfe nicht auf den Bau schauen, sondern in die Augen der Menschen; die würden ihm unfehlbar erzählen, ob der Bau für sie gemacht sei und sie sich darin und darum herum wohlfühlen. Denn das ist das Ziel des Architekten Piano: lebendige Architektur für die Menschen.

Saura unterlegt seinen Film, der auch wunderbare Blicke aufs Meer enthält, mit ernster, klassischer Musik von Schumann, Beethoven, Mahler, Verdi.

Der Film ist durch das Gespräch zwischen Saura und Piano in dessen Studio in Genua auch eine anregende Unterhaltung zwischen Filmemacher und Archtiekten über das Wesen der Kunst und was Kreativität bedeute – mit einer überraschenden Einsicht.

Comments Kein Kommentar »

Perfektes Melodram auf brisanter, historischer Bruchstelle.

Ein Melodram der Oberklasse, inszeniert von James Kent nach dem Drehbuch von Joe Shrapnel und Anna Waterhouse nach dem Roman von Rhidian Brook.

Es spielt vor dem Hintergrund des riskanten Überganges vom zerstörten 1000-jährigen Reich zur Zivilisation in Hamburg, etwa 5 Monate nach dem verpassten Endsieg.

Hamburg in Trümmern. Die Engländer sollen für Ordnung sorgen. Colonel Lewis Morgan (Jason Clarke) kann seine Frau Rachael (Keira Knightley, hier als perfekter Filmstar inszeniert in der großartigen Paarung von makelloser Schönheit und Charakter) aus England herholen. Sie werden zwangseinquartiert am Elbufer in der mondänen Villa des Architekten Stefan Lubert (Alexander Skarsgard), der hier mit Personal und Töchterchen Frieda (Flora Thiemann) lebt.

Die Morgans werden in den exklusiven Salons im Parterre (Mies-van-der Rohe Möbel, Steinway-Flügel) wohnen. Rachael ist überaus misstrauisch, beäugt die Feinde und gleichzeitig Quartiergeber skeptisch, hätte sie am liebsten aus dem Haus.

Aber schon die ersten Blicke zwischen ihr und Stefan lassen den Beginn einer neuen Liaison erahnen.

Das Melodram bleibt stets im Vordergrund. Die Figuren habe ihre Schicksale. Deutsche haben Menschen verloren (Stefan seine Frau), die Morgans haben bei einem Bombenangriff in London ihren Sohn verloren.

Vor allem ist die Ehe zwischen Rachael und Lews eine typische Anhängselehe: er hat immer dienstliche Verpflichtungen, er kann mit dem Tod des Sohnes nicht umgehen, er flieht, sie bleibt allein zurück.

Auch von Hamburg aus muss Lewis mehrere Tage weg wegen eines Anschlages im russischen Besatzungssektor.

Wie nebenher tauchen die bösen Geister der Nazizeit auf, es werden auch noch Menschen erschossen, es gibt Schwarzmarkt, die Wände mit den Zetteln auf der Suche nach Angehörigen und Bekannten, die Trümmer, gewalttätige Demonstrationen, immer wieder ist auf den Unterarmen von Burschen und Männern die eintätowierte 88 (zweimal der 8. Buchstaben des Alphabetes, das „H“) zu sehen.

Der Film erzählt so ganz en passant, wie schwierig der Weg aus dem Krieg und seinen Gräueln zurück zur Zivilisation ist.

Top-Inszenierung, -kamera und -schnitt ergeben ein makelloses Filmerlebnis ohne den kleinsten Anflug von der Bedröppeltheit vieler Aufarbeitungsfilme – weil der Film sich auf das Melodram auf diesem extrem schwierigen Terrain konzentriert – umso mehr sticht er hervor.

Und wenn es schon einen Steinway-Flügel gibt, so ist es folgerichtig, dass auch ein Musikstück seinen dramaturgischen Part übernimmt: Claire de Lune von Debussy. Aber man sieht: die Liebe ist eine ewige Prüfung.

Comments Kein Kommentar »

L‘ Apéro est sacré.

Der Apéritiv ist heilig, das sagt viel über die Lebenskunst in Frankreich. Der Apéritiv zu diesem Film von Philippe de Chauveron, der mit Guy Laurent auch das Drehbuch geschrieben hat, ist sein Vorgängerfilm Monsieur Claude und seine Töchter, ein Film der systematisch mit rassistisch-religiösen Voruteilen spielt und der im Kino durch die Decke gegangen sei.

Jetzt folgt Teil 2. Da runzelt man gern die Stirn. Wieder ein Sequel. In dessen ersten Phase stellt sich eine gewisse Ruhe ein, als ob man die Flughöhe erreicht habe mit dem Spiel mit den Vorurteilen. Diese werden – pro memoriam – eher warm-up-mäßig und altbekannt durchgespielt; zum Wiedereingewöhnen.

Dann plötzlich kommt es zu Turbulenzen, geht es um Frankreich, um Macron, was los sei im Lande, den Antisemitismus, die Gewerkschaften, obwohl doch der Erfolgsschriftsteller Claude Verneuil (Christian Clavier) mit seiner Frau Marie (Chantal Lauby) in der französischen Provinz, in einem Schloss in Chinon lebt.

Die erste Unruhe in den ruhigen Fluss der Vorurteilerei bringt ein afghanischer Flüchtling, den der Pfarrer den Verneuils aufschwatzt. Er darf gärtnern und im Gartenhäuschen wohnen und die tiefsten Vorurteile von Claude von wegen Taliban und Sprengstoffgürteln an die Oberfläche spülen.

Der nächste Casus Knaktus ist aber kein Problem mehr für ihn, der betrifft den Schwiegervater aus dem Senegal, André. Die Familie fiebert der Heirat ihrer Tochter entgegen und kennt den vermuteten Ehemann, der gar keiner ist, noch nicht. Diese Vorurteilsklatsche ist quasi eine Wiederholung aus Film eins, aber dieses Mal trifft es den Senegalesen und Claude Verneuil grinst sich einen ab, in dieser Erfahrung einen Schritt voraus, er hat die Katharsis schon hinter sich.

Das neue Problem für die Verneuils ist anderer Natur. Alle Schwiegersöhne wollen mit ihren Gattinen von Frankreich wegziehen. Der Umgang damit fordert die höchste Raffinesse von den alten Verneuils. Zum Glück sind sie gut betucht, die modernen Balzacs. Und das sollte man sich mal für Deutschland vorstellen, eine Komödie, die Kapital daraus schlägt, dass sie Deutschland positiv darstellt. Die Franzosen schaffen das, aber hier ist der Apéro eben heilig. Und in manchen Fällen empfiehlt sich Voltaren statt Stützstrümpfe.

Comments Kein Kommentar »

Die Sache mit dem Alter Ego

wird hier von den Drehbuchautorinnen Simone Höft und Nora Lämmermann sozusagen etwas eigenwillig behandelt.

Während das Alter Ego in der Psychologie den Schatten, das Dunkle, das Verdrängte einer Person bezeichnet, das hat kürzlich Jordan Peele mit Wir recht monströs erkundet, geht es in diesem von Marcus H. Rosenmüller kinobegeistert inszenierten Film eher um eine Ergänzung des Ich, um Defizitkompensation.

Fridolin (Luis Vorbach) ist nicht gut in der Schule. Seine Mutter (die immer verbindliche Marie Leuenberger) möchte, dass er es aufs Gymnasium schafft. Seine Begabungen sind nicht darnach.

Auf dem Rummel, im magischen Labyrinth Calpyso, begegnet Fridolin seinem Ebenbild. Das tritt aus dem Spiegel heraus. Spiegel-Fridolin ergänzt die fehlende Schulintelligenz von Fridolin, ist somit ein Ergänzungsego. Beide existieren physisch nebeneinander und das soll nicht entdeckt werden.

Der Gscheite geht zur Schule und vom Moment an weiß Fridolin alles, schreibt nur Bestnoten. Sein vergeistigter Freund Emil (Jona Gaensslen) kommt hinter das Geheimnis und möchte auch ein Doppel. Hier funktioniert es eher mit dem Alter-Ego-Prinzip. Er, der von der strengen Mutter (Maja Beckmann) nur Emil-Leopold gerufen wird, agiert plötzlich renitent, schnoddrig, wendet physische Gewalt an, eine eklatante Wandlung.

Der Verdoppelungsmechanismus wird auch hier entdeckt, zieht Kreise, bis die ganze Klasse nur noch im Chor und wie aus der Pistole geschossen die Antworten auf die Fragen der verdutzten Lehrerin (Margarita Broich) hersagt.

Da hat sich das Spiegelprinzip verselbständigt und irgendwie die Orientierung verloren, so dass die Rückverfrachtung der Doubles in den Spiegelschrank eine Berserkerei wird, schönes Bild für einen nicht ganz garen, dramaturgischen Einfall (die erfundenen Figuren werden die Autorinnen kaum mehr los, müssen zum schreiberischen Wallholz greifen).

Rosenmüller lässt sich von derlei nicht irritieren. Er arbeitet schönstens und enthusiastisch, speziell mit den beiden Jungs und lässt sie in je zwei verblüffend differenzierten Varianten aufspielen. Allerdings überschreitet er gelegentlich die Grenze zur Klamotte, wenn es zur Tortenschlacht mit Schülern und Eltern kommt. So wäre es denn schwierig, aus dem geheimnisvollen Spiegelschrank ein präzises Ebenbild für diesen Film herauszuzaubern, auch dort wäre wohl von diesem und jenem und von allem etwas, aber nicht alles da. Wobei schon die Charakterisierung dieser Spiegel-Freunde im Titel des Filmes als „unheimlich perfekt“ sprachkulturell wenig oder nur sperrigen Aufschluss bietet.

Comments Kein Kommentar »

Auch die Kanadagans ruft Unmut hervor,
aber Künstler sind universell.

Dario Aguirre ist Künstler, Performer, Pantomime, Sänger, Filmemacher. Er sieht die Welt als Künstler. Genau so benutzt er sich und seine Umgebung für die Kunst. Er ist der Autoporträtist dieses Filmes.

Statt dass Aguirre sich auf ein typisch deutsches Themenkino, Thema Immigration, einlässt, nimmt er auch diesen Vorgang her, um ihn in seinen Film zu integrieren, den Vorgang seiner eigenen Einbürgerung.

Aber der ist nur ein Faden für seine künstlerische Selbst- und Weltbetrachtung. Die fing früh an in seiner Heimat Ecuador. Er ist auch ein Künstler, der sich selbst in Frage stellt, der fragend in die Super-8-Kamera guckt, sich wundert über sich und die Welt.

Über eine deutsche Austauschstudentin, Stephanie, kommt er nach Hamburg, lässt seine Eltern und Vaters Grillrestaurant zurück. Er scheint hier schnell als Künstler weitergemacht zu haben.

Für sein Verhalten zum Leben, zur Liebe, für sein Künstlersein gibt es eine bemerkenswerte Aussage seines deutschen Schwiegervaters. Ihm hat eine Badewannenperformance von Dario zu denken gegeben. Denn dabei hat hinter einer von hinten beleuchteten Leinwand seine Freundin am Schreibtisch gearbeitet. Dario hat diese Schattenfigur als Malskizze benutzt. Ausbeutung, Selbstausbeutung, Ausbeutung der Umgebung des Künstlers.

Es gibt einzelne dokumentarische Szenen aus dem Einbürgerungsverfahren, die Fragen, die da gestellt werden, allein die Hochzeitsdaten der Eltern, man wundert sich. An seinem Künstlertum ändert die Einbürgerung nichts. Außer dass die Hamburger Einbürgerungszeremonie mit dem Oberbürgermeister Olaf Scholz (inzwischen Finanzminister) im Prunksaal der Stadt schöne Kinobilder abgibt. So schlachtet er auch diesen Vorgang filmisch aus.

Nach der Einbürgerung ist er erleichtert, nie wieder mit der Ausländerbehörde zu tun haben zu müssen – bis seine Eltern sich zu Besuch anmelden, um das Enkelkind kennenzulernen …

Mit seinem Film schafft Dario Aguirre es, dieses oft mit heftigen Emotionen behandelte Thema Integration/Zuwanderung in seine Schranken zu weisen, weil Künstler universell sind – und sollte so nicht der Mensch auch sein? Kann Menschsein mit nationaler Reduktion ausgefüllt werden? Wohl eher nicht.

Comments Kein Kommentar »

Der Film zum Volksbegehren.

Diese Naturdokumentation von Jan Haft nimmt klar Partei für die Natur, ist sie doch eine Auftragsarbeit für die Deutsche Wildtier Stiftung.

Wobei Haft sich nicht parteigängerisch verengt gibt. Er zeigt lediglich die Wunder der Artenvielfalt, wie sie sich auf den Wiesen (die im Junig gemäht) werden, über Jahrhunderte entwickelt hat. Die Natur hat sich den Anbaumethoden der Menschen angepasst. Ja, sie braucht die Mahd. Aber sie kann nicht mit den rasanten Veränderungen der industriellen Landwirtschaft mithalten.

Haft geht nicht mal so weit, in Alarmismus zu verfallen und den Einstein zu zitieren, dass wenn die Bienen aussterben, der Mensch es vier Jahre später ebenfalls täte. Er zeigt zwar Bilder von Maisanbau für Biodiesel – hier gibt es keine Biene weit und breit.

Sein Film beobachtet die Natur in den Wiesen übers Jahr. Er hält sich mit anthropozentrischen Kommentaren angenehm zurück, setzt mehr auf Information und lässt die Emotion auf der Tonspur, die sich durchaus auch amüsiert zeigen kann, beispielsweise, wenn ein Käfer, der wie ein Kuckuck handelt, sein Ei in hohem Bogen in eine fremde Höhle schleudert.

Die Vielfalt und ihr Zusammenspiel ist atemberaubend und moderne Kameratechnik kann Dinge erfasssen, die wir von bloßem Auge nicht zu sehen imstande sind.

Der Film wirkt wie ein Plädoyer der Natur und ihrer Vielfalt für sich. Er wirkt angenehm unsentimental, obwohl zwei Rehkitze die Leitfiguren durch den Film sind.

Aber es gibt ja auch noch die Kohlmeise, den Fuchs, die Schafstelze, die Feldlerche, die Wiesensalbei, den Mäusebussard, den Schreiadler, den Kiebitz, den Storch, den Wiesenbocksbart, den Aurorafalter, das Braunkehlchen, den großen Brachvogel, Roesels Beißschnecke, das Taubenschwänzchen, den Wiesendrachenwurz, jede Menge von Wanzen, die Wiesenschaumzikade, die Krabeenspinne, die schwarze Rossameise, die Harzbiene, den Rotmilan, den Neuntöter, den Rothirsch, die Saftline, viel mehr als sich Tacitus, der nie hier war, mit seiner drögen Beschreibung Germaniens je hat vorstellen können.

Ein Vorschlag des Filmes: Artenvielfalt als Produktionsziel.

Comments Kein Kommentar »