Gestorben wird Morgen

Selbstgenügsamkeit im Land of No Utopia?

Sun City ist eine Rentnerstadt im sonnigen Arizona: keine Schulen, kein Rathaus, niedrige Steuern.

Susan Gluth hat darüber eine Dokumentation gemacht mit dem Untertext, hier habe ich etwas entdeckt, was auch für unsere Gesellschaft von Interesse sein könnte, was einen Beitrag zum Nachdenken über das Alter in unseren alternden Gesellschaften leisten könnte. Das tut es. Immer steht ihr waches Interesse im Vordergrund, wie diese Menschen ihr Leben, ihr verbleibendes Leben gestalten, wie sie ihm einen Sinn geben.

Es ist eine paradiesische Stadt, künstlich angelegt, ohne Kommunalverwaltung. Es gibt keine Bürgersteige, nur breite Straßen, künstlich besprengten Rasen unter Palmen, Golfmobile sind unterwegs, es gibt nur ebenerdige Bungalows mit schönen Terrassen und Hollywood-Schaukeln darauf.

Die Stadt platzt vor Freizeitangeboten (Rollschuhfahren, Ballspiele, Töpfern, Gymnastik, Orchester etc.), aber auch Kirche, Krankenhaus, Gemeinschaftshalle, Fitnesscenter, Friedhof sind da. Viele Dienste werden freiwillig geleistet. Ehrenamtliche Hilfssheriffs sorgen für Sauberkeit und Ordnung. Sie treiben es zu weit, wenn sie gar eine Unkrautpolizei losschicken, meint ein Bewohner, aber das sei ein lässiges Übel gegenüber den Vorteilen, der Freiheit, die man hier genießt.

Susan Gluth blendet die Negativseiten des Alters nicht aus, obwohl fürs Kino, wie schon Ü 100 von Dagmar Wagner gezeigt hat, aktive, positiv eingestellte Menschen ergiebiger sind. Was nicht ausschließt, dass sich manche in Sun City durchaus mit dem Tod beschäftigen. Eine Frau hat die Asche ihres Mannes im eigenen Garten verstreut und mit Drinks übergossen und die Asche ihrer Mutter wird sie dort hinzufügen, damit diese weiterhin den Mann ihrer Tochter ärgern kann, das, was sie am besten konnte. Einer töpfert im Kurs die Urnen für sich und seine Frau.

Es wird das Pflegeheim nicht ausgeblendet, der Arztbesuch, das Thema Alzheimer, die Abgabe des Führerscheins (schmerzlich). Aber es gibt wundervolle Aufnahmen von einer Damentanztruppe, die Steppauftritte übt, es gibt Sportler und Fitnesstraining, Tanz und Flohmarkt, Basteln, Töpfern und über Sex wird genau so geredet wie über die Einsamkeit, die Entfernung von der Familie und die Fremdheit („they move in as strangers“), Tod des Lebenspartners und dass das System der Ehrenamtlichen neue soziale Netze knüpfe und den Menschen auch Sinn gebe durch die freiwillige Verpflichtung oder auch für Witwen ein „Support-System of Friends“.

Auch nachdenkliche Töne finden Eingang in den Film, dass das Alter sowohl ein aufregender als auch ein beängstigender Lebensabschnitt sei. Der Abspann hält überraschende und andere nicht überraschende Informationen darüber bereit, was mit einigen Protagonisten aus dem Film nach dem Drehende passiert ist. Sun City muss nicht Endstation sein und auch das Pflegeheim nicht.

Die Tonspur wird von musischen Bewohnern von Sun City bestritten (die haben nicht nur eine Radiostation, einen eigenen Schlager, „keine Eingemeindung!“, sondern auch ein Orchester und eine Rockband, diese singt über die Menopause). Der Soundtrack sorgt für das originale Sun-City-Feeling.

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