Wir

Der Mensch und sein Double.

Von Antonin Arthaud gibt es den Begriff „Das Theater und sein Double“; von ihm stammt auch die Idee des Theaters der Grausamkeit.

Grausam geht es auch zu in Jordan Peeles zweitem Film nach seinem aufsehenerregenden Erstling Get Out. Schon dies war ein herber Horrorfilm.

Jetzt packt Peele noch ein paar Scheite drauf. Von Einzelfällen geht er jetzt auf fundamental Menschliches. Die fundamentale Dualität.

Die Basisinfo, die er anfangs liefert, ist die über eine der längsten Menschenketten (Solidarität der Menschen) in den USA und ebenfalls darüber, dass die USA unterhöhlt seien mit Gängen von U-Bahn-Bauten, Kanalisation und anderem, von dem nicht recht klar ist, wofür es gebaut wurde. Eine die USA umspannende Unterwelt.

Den Hauptreiz für seinen Horrorfilm bezieht Peele daraus, dass er die Geschichte von Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o) sorgfältig erdet. Und damit enorme Glaubwürdigkeit und daraus Spannung erzeugt.

Er fängt vor 30 Jahren in Santa Cruz, Kalifornien an. Das liegt an einer Bay, ist aber auch nicht weit vom Meer entfernt, eine Differenzierung, die noch wichtig wird.

Mit irrer Lust an Kameraperspektiven und überraschenden Blickwinkeln, die immer eine Idee von der Langweilenormalität sich unterscheiden, schildert er den Familienausflug von Adelaide als kleinem Mädchen. Es verläuft sich auf dem Rummelplatz, gerät in ein Spiegellabyrinth, ist vielleicht eine Viertelstunde von der Familie entfernt. Hat ein einschneidendes Erlebnis.

30 Jahre später ist sie verheiratet mit Gabe Wilson (Winston Duke), hat die beiden entzückenden Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und den kleineren Jason (Evan Alex). Ein ganz normale Familie, die auf dem Weg in den Urlaub ist.

Nur dass die Mutter ein posttraumatisches Syndrom zu verarbeiten hat. Dieses wird geweckt schon mit der Nennung des Urlaubsortes Santa Cruz. Hier treffen sie am Strand die befreundete Familie Tyler mit Josh (Tim Heidecker), Kitty (Cali Sheldon), die zwei heranwachsende Mädchen haben. Wie geerdet Peele die Familien vorstellt zeigt ein kleiner Smalltalk im Liegestuhl der beiden Frauen, denn Kitty sieht noch exakt aus wie im letzten Jahr, triumphierend erzählt sie, dass ein klitzekleiner Schnitt in die Wange das möglich gemacht habe. Amerikanischer Alltag.

Wie bei schönstem Wetter erste kleine Wölkchen den Umschwung anzeigen, so gibt es erste, kleine, alarmierende Ereignisse. Der Bub Jason entfernt sich von den Müttern in ihren Liegestühlen, er behauptet, Pipi machen zu müssen. Aber er hat eine die Mutter erschütternde Begegnung; sie wird erst später über eine Zeichnung davon erfahren.

Wie gut geerdet Peele seine Geschichte einfädelt, zeigt ein kleiner Dialog im Familienauto: Jason benutzt den Begriff „Anus“, statt zu fluchen. Da wäre dem Vater doch lieber, er würde fluchen, obwohl das bei Tylers nicht gern gesehen ist.

In der ersten Nacht in Santa Cruz folgt der Umschwung, tauchen die Doubles auf, alle in roten Kleidern, bedrohen die Originale – oder die Marionetten? Die Kämpfe werden hart und zäh, nie aber unübersichtlich. Sie weiten sich aus.

Auch die Tylers werden von Doubles heimgesucht. Diese stechen am liebsten mit Scheren auf die Originale ein. Und sie weiten sich weiter aus und aus, ergreifen die ganze Welt. Und immer noch eine Volte und noch eine. Ein Repetitiv-Alptraum, der nicht zu stoppen ist. Wobei Familie Wilson zwischendrin genüsslich Killer-Bilanz zieht.

Peele gehen die Bilder und Umschwünge nicht aus, immer bleibt es spannend, nachdem kurz bei den Tylers der Eindruck entstand, die Chose würde sich verselbständigen. Aber diese Wendungen und Fluchten und Kämpfe und Echos aus der Vergangenheit, die braucht so ein Film, damit er das wird, was er geworden ist: herausragend aus den tiefen – archaischen? – Tiefen der Duplizität des Menschen erzählend. Und von den Versuchen des Menschen, gegen die Einsamkeit ein Wir-Gefühl zu entwickeln, ein Solidaritätsgefühl bis hin zum Menschenkettengefühl über die Hügel.

Einmal kommt auch der Begriff „umbrae“ für die Monster vor: die Schattenwelt. Auch das geht weit in menschliche Mythologien zurück, die Schattenmonster. Oder wenn der Mensch dem eigenen Monster begegnet.

Was Peele nicht daran hindert, „Good Vibrations“ von den Beach Boys aufzulegen. Es fibriert zwischen Mensch und Schatten. Oder die Differenz zwischen Bildung und Missbildung. Das Material, aus dem Geschichten werden, ist in diesem Falle recht untergründig.

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