Ihr letzter Film hieß Auf der Jagd – Wem gehört die Natur?. Jetzt hat Alice Agneskirchner – wenn die Dokumentaristin Gärtnerin wäre, könnte man sagen: die mit dem grünen Daumen – sich auf die Pirsch einer anderen Jagd begeben und der Zusatz zum Titel müsste slauten: wem gehört die Zukunft? oder auch: wer wird ein Bühnenstar?.

Einmal im Jahr bringt das Musicaltheater Friedrichstadtpalast in Berlin ein Kindermusical auf die Bühne. Die Mitwirkenden sind zwischen 6 und 16 Jahre alt. Sie werden fast ein Jahr lang trainiert und auf ihren Auftritt vorbereitet. Jedes Jahr kommt ein Schwung eines neuen Jahrganges hinzu. Das heißt, anfangs mindestens zweimal die Woche Ballett- und Tanztraining.

Es gibt auch ein außerordentliches Casting für Quereinsteiger. Ein solches war der Ausgangspunkt für Alice Agneskirchner. Sie hat sich in ihrer Bilderjagd auf ihren Instinkt verlassen bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Ein bisschen auch hat sie beim Casting der imponierenden Leiterin Frau Tarelkin über die Schultern gespickt, so erzählt es die Regisseurin bei einem Vorabscreening im voll besetzten Atelier-Kino an der Sonnenstraße in München am Sonntag vor dem Kinostart.

Denn es ist durchaus ein Risiko, für einen Film unter 200 jungen Menschen die zum Casting kommen, welche herauszupicken und zu hoffen, dass sie Casting und Probenprozess durchstehen und bestehen. Aber der Dokumentarjagd-Instinkt hat die Regisseurin nicht verlassen. Sie hat sich fabelhafte Protagonisten herausgepickt, ganz unterschiedlichen Alters, Herkunft und auch aus verschiedensten Familienverhältnissen.

In inszenierten Szenen wirken die Protagonisten in Gesprächen mit Mutter oder Vater oder untereinander ganz natürlich (jeder hat sein Schicksal, Mutterverlust mit 14 oder eine Mutter mit Krebsdiagnose, eine Emigrantenfamilie, die mit dem anderen Familienteil im arabischen Raum über Skype kommuniziert). Die Dokumentaristin hat das Vertrauen dieser Nachwuchstalente gewonnen, so dass sie einen bleibenden und wunderbar individuellen Eindruck auf der Leinwand hinterlassen.

Das Castingteam umd Frau Tarelkin haben eh einen guten Riecher bewiesen, die machen das ja auch schon seit ein paar Jährchen. Meist bleiben die Kinder über einige Jahre dabei, manche spielen sich nach vorn in die Region der Hauptrollen.

Aber es gibt auch das Mädchen, das gleichzeitig als Kinderdarstellerin eine Fernsehrolle spielt; das wird zu viel, zu oft fehlt sie bei wichtigen Proben – sie wird bei der Aufführung nicht mehr dabei sein.

Frau Tarelkin allein ist eine Show mit ihrer unglaublichen Beweglichkeit, mit ihrem scharfen Blick, mit ihrer Direktheit in der Ansprache ihrer Schützlinge, die Respekt vor ihr haben und sich bei ihr mehr anstrengen als bei anderen. Nie zeigt sie auch nur einen Hauch von Missmut oder Ressentiment. Mühe hat Frau Tarelkin, wenn ein begabtes Mädchen einfach nicht den Drang nach vorne hat, nicht diesen eisernen Willen, etwas zu erreichen, wenn es anderen Dingen nachhängt während einer Probe.

Interessant noch im Casting-Prozess ist auch ein Gruppe sehr kleiner Mädchen, die nicht weitergekommen sind; als ob die Welt für sie zusammenbreche, weinen sie. Sie scheinen mir die protoypischen Ballettmädchen zu sein. Da könnte die Spekulation hochkommen, die könnten Opfer von Elternehrgeiz sein.

Schwierig wird es auch mit einem Jungen, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, der selbst bereits ein Youtube-Star ist und nebst Schule und Proben täglich Clips auf Youtube einstellt. Ein Junge, der schon redet wie ein Altmeister, der kurz vor der Premiere äußert, dass seine Arbeit bei Youtube seine „Sicht auf die Regie hier verändert“ habe, den es auch massiv stört, wenn bei einem anderen Buben zwischen Perücke und Maske noch die eigenen Haare hervorlugen.

Der Friedrichstadtpalast ist eine der größten Bühnen überhaupt. Der Aufwand an Technik, Projektionen, Kostümen ist enorm, auch beim Kindermusical, das eine Zeitreise durch die halbe Kulturgeschichte macht von den Steinzeitmenschen über die alten Ägypter, die Rokoko-Opulenz bis zu den Indianern.

Bei einem Seitenblick auf eine Erwachsenenvorstellung eines Musicals fühlt man sich direkt an die Roaring Twentieth erinnert. Damals folgte darauf Dunkles.

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