Wenn die Christusstatue in die falsche Richtung blickt,

dann kann nur Polen ihr zu Füßen liegen.

Den von krankem Ehrgeiz angetriebenen Bau der Christusstatue von Swiebodzin in Polen hat Malgorzata Szumowska, die mit Michal Englert auch das Buch geschrieben hat, zum Anlass genommen, ein hellwaches Porträt des heutigen Polen auf die Leinwand zu wuchten.

Ihr Held ist Jacek (Mateusz Kosdiukiewicz). Er wohnt im Dorf in der Nähe der Baustelle. Er führt sich auf wie ein Heavy Metal Fan. Das ist er auch. Er trägt sich mit dem Gedanken, nach London auszuwandern. Das führt in der traditionellen Familie zu heftigen Verwerfungen.

Szumowska gibt als breite Exposition eine Reihe von „Idyllen“, das sind immer Gesamtbilder einzelner Szenen und Situationen. Sie fängt mit einem absurden Warenhaus-Angebot in einer Stadt an, mit den „Weihnachtsschnäppchen für Nakedeis“. Wer sich von den Kunden bis auf die Unterwäsche auszieht, erhält besondere Schnäppchenpreise.

Das ist der eine Irrsinn im heutigen Polen. Wie die Menschen als globalisiertes Vieh sich auf solche Angebote stürzen. Jacek und die seinen haben sich einen riesigen Fernseher geschnappt, unter dem ihr altes Auto fast zusammenbricht.

Die andere Seite des Irrsinns des heutigen Polen ist immer noch die Macht der Kirche und die Religiosität. Sie kulminiert in dem Projekt, die größte Christusstatue der Welt zu bauen.

In die exponierenden Schilderungen gehen weitere Szenen aus dem Landleben ein, in denen sich tiefe Gläubigkeit mit Religionsverachtung und -verspottung paaren. Auch eine Liebesgeschichte zwischen Jacek und der blondierten Dagmara (Malgorzata Gorol) bahnt sich an: auf einem blau angestrichenen Steg macht er ihr einen formalen Heiratsantrag. Sie machen schon die Verlobungsfotos.

Ab jetzt wird gespoilert: Dann passiert mit Jacek wie aus dem Nichts, uangekündigt und leise eine schwerer Unfall auf der Statuen-Baustelle. Jacek bekommt eine Gesichtstransplantation. Den Umgang damit, die Reaktion seiner Umwelt, der Kirche, der Braut, der Familie und nicht zuletzt der Werbeindustrie vertieft und verschärft mit ihrem Blick für die letzten zwei Drittel des Filmes die Polen-Widerspruchs-Thematik am Umgang mit dem veränderten Jacek.

Wer will noch etwas wissen von ihm, mit ihm zu tun haben, wer nicht, wie geht der Sozialstaat mit so einer Beeinträchtigung um, wie die Kirche, wie das Dorf, wie die Medien, die Werbeindustrie? Auch er muss sich zurechtfinden. —

Bei all dieser Polenproblematik weiß die Statue nicht recht, wo sie hinschauen soll. Am besten wäre vielleicht in Richtung Rio, mit dem nächst kleineren Christus.

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