Archiv für 14. März 2019

Identitätssuche in Polen. Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit in den USA. Ein Pfeifen im Ohr in Italien. Männergedankenlesen in den USA. Vertrauenstest in der Schweiz. Karrierepalast in Berlin. Weltraum und Sexhunger in Frankreich; von da auch ein knuddeliger Comic. Unbefangenes Mädchen mit Hamburger Humanismus und zwei weitere deutsche Produkte: Naziaufarbeitung und Reiselust. Im TV wiederholt der BR eine erfreuliche, österreichische Krimiserie.

Kino
DIE MASKE – TWARZ
Da kann die Christusstatue in Polen nur in die falsche Richtung blicken.

DESTROYER
Der Kommissarin begegnet in der Arbeit ihrer eigenen (problematischen) Vergangenheit.

OHRENSAUSEN – ORECCHIE
Vom Tinnitus existentialiter.

WAS MÄNNER WOLLEN
Der Fehler einer Magierin ermöglicht es Ali, Männergedanken zu lesen.

VAKUUM
Ein Arztbefund bringt das eheliche Vertrauensgebäude ins Wanken.

LAMPENFIEBER
Frühe Talentauslese und -ausbildung für die große Welt der Musicalbühne.

HIGH LIFE
Alternde Französinnen und der Traum vom Weltraumsex.

ASTERIX UND DAS GEHEIMNIS DES ZAUBERTRANKS
Miraculix fällt vom Baum und sucht einen Nachfolger.

ROCCA VERÄNDERT DIE WELT
Was Herzlichkeit und Direktheit einer unvoreingenommenen Elfjährigen bewirken können.

TRAUTMANN – GELIEBTER FEIND
Entsorgung der deutschen Drehbuchkrankheit (Biopic als Themenfilm) nach Brexitannien? Biopic zum Themenfilm verkümmert.

REISS AUS – ZWEI MENSCHEN ZWEI JAHRE EIN TRAUM
Selbstsucher unterwegs; verfahren sich in Westafrika.

TV
SCHNELL ERMITTELT – SCHULD
Schnell macht noch jedes Verbrechen genießbar.

Comments Kein Kommentar »

Ihr letzter Film hieß Auf der Jagd – Wem gehört die Natur?. Jetzt hat Alice Agneskirchner – wenn die Dokumentaristin Gärtnerin wäre, könnte man sagen: die mit dem grünen Daumen – sich auf die Pirsch einer anderen Jagd begeben und der Zusatz zum Titel müsste slauten: wem gehört die Zukunft? oder auch: wer wird ein Bühnenstar?.

Einmal im Jahr bringt das Musicaltheater Friedrichstadtpalast in Berlin ein Kindermusical auf die Bühne. Die Mitwirkenden sind zwischen 6 und 16 Jahre alt. Sie werden fast ein Jahr lang trainiert und auf ihren Auftritt vorbereitet. Jedes Jahr kommt ein Schwung eines neuen Jahrganges hinzu. Das heißt, anfangs mindestens zweimal die Woche Ballett- und Tanztraining.

Es gibt auch ein außerordentliches Casting für Quereinsteiger. Ein solches war der Ausgangspunkt für Alice Agneskirchner. Sie hat sich in ihrer Bilderjagd auf ihren Instinkt verlassen bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Ein bisschen auch hat sie beim Casting der imponierenden Leiterin Frau Tarelkin über die Schultern gespickt, so erzählt es die Regisseurin bei einem Vorabscreening im voll besetzten Atelier-Kino an der Sonnenstraße in München am Sonntag vor dem Kinostart.

Denn es ist durchaus ein Risiko, für einen Film unter 200 jungen Menschen die zum Casting kommen, welche herauszupicken und zu hoffen, dass sie Casting und Probenprozess durchstehen und bestehen. Aber der Dokumentarjagd-Instinkt hat die Regisseurin nicht verlassen. Sie hat sich fabelhafte Protagonisten herausgepickt, ganz unterschiedlichen Alters, Herkunft und auch aus verschiedensten Familienverhältnissen.

In inszenierten Szenen wirken die Protagonisten in Gesprächen mit Mutter oder Vater oder untereinander ganz natürlich (jeder hat sein Schicksal, Mutterverlust mit 14 oder eine Mutter mit Krebsdiagnose, eine Emigrantenfamilie, die mit dem anderen Familienteil im arabischen Raum über Skype kommuniziert). Die Dokumentaristin hat das Vertrauen dieser Nachwuchstalente gewonnen, so dass sie einen bleibenden und wunderbar individuellen Eindruck auf der Leinwand hinterlassen.

Das Castingteam umd Frau Tarelkin haben eh einen guten Riecher bewiesen, die machen das ja auch schon seit ein paar Jährchen. Meist bleiben die Kinder über einige Jahre dabei, manche spielen sich nach vorn in die Region der Hauptrollen.

Aber es gibt auch das Mädchen, das gleichzeitig als Kinderdarstellerin eine Fernsehrolle spielt; das wird zu viel, zu oft fehlt sie bei wichtigen Proben – sie wird bei der Aufführung nicht mehr dabei sein.

Frau Tarelkin allein ist eine Show mit ihrer unglaublichen Beweglichkeit, mit ihrem scharfen Blick, mit ihrer Direktheit in der Ansprache ihrer Schützlinge, die Respekt vor ihr haben und sich bei ihr mehr anstrengen als bei anderen. Nie zeigt sie auch nur einen Hauch von Missmut oder Ressentiment. Mühe hat Frau Tarelkin, wenn ein begabtes Mädchen einfach nicht den Drang nach vorne hat, nicht diesen eisernen Willen, etwas zu erreichen, wenn es anderen Dingen nachhängt während einer Probe.

Interessant noch im Casting-Prozess ist auch ein Gruppe sehr kleiner Mädchen, die nicht weitergekommen sind; als ob die Welt für sie zusammenbreche, weinen sie. Sie scheinen mir die protoypischen Ballettmädchen zu sein. Da könnte die Spekulation hochkommen, die könnten Opfer von Elternehrgeiz sein.

Schwierig wird es auch mit einem Jungen, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, der selbst bereits ein Youtube-Star ist und nebst Schule und Proben täglich Clips auf Youtube einstellt. Ein Junge, der schon redet wie ein Altmeister, der kurz vor der Premiere äußert, dass seine Arbeit bei Youtube seine „Sicht auf die Regie hier verändert“ habe, den es auch massiv stört, wenn bei einem anderen Buben zwischen Perücke und Maske noch die eigenen Haare hervorlugen.

Der Friedrichstadtpalast ist eine der größten Bühnen überhaupt. Der Aufwand an Technik, Projektionen, Kostümen ist enorm, auch beim Kindermusical, das eine Zeitreise durch die halbe Kulturgeschichte macht von den Steinzeitmenschen über die alten Ägypter, die Rokoko-Opulenz bis zu den Indianern.

Bei einem Seitenblick auf eine Erwachsenenvorstellung eines Musicals fühlt man sich direkt an die Roaring Twentieth erinnert. Damals folgte darauf Dunkles.

Comments Kein Kommentar »

Der Lärm der Gedanken.

Der Protagonist (Daniele Parisi) ist Philosoph und Lehrer. Er wacht eines morgens mit einem Ohrensausen auf. Auf dem Kühlschrank findet er einen Zettel seiner Freundin, sie sei schon in die Praxis gegangen und sein Freund Luigi sei tot und er möge bitte auf dessen Beerdigung gehen. Nur hat der Protagonist, der bei IMDb nur als „Lui“ (Er) vorkommt, keine Ahnung mehr, wer dieser Luigi ist.

Das ist der äußere Rahmen für die Geschichte dieses Tages, am dem Lui versucht herauszufinden, wer dieser Luigi war und er wird ihm eine schöne Abschiedsrede halten, ohne die Individualität von ihm wieder herausgefunden zu haben, eine Abschiedsrede auf die Einsamkeit des Menschen.

Alessandro Aronadio, der mit Valerio Cilo auch das kultursatirische Drehbuch geschrieben hat, dreht seinen Film ganz in Schwarz/Weiß und im Quadratformat mit generell statischer Kamera, die an die Luzidität der Filme des Neorealismo erinnert, diese ruhige Klarheit.

Die geistige Perspektive ist die durch die Folie eines Camus, Der Fremde, der – wegen der Sonne, wie es heißt -, völlig sinnlos einen Mord begeht. Aronadio ventiliert die Absurdität des Seins, der menschlichen Existenz. Er dekliniert das durch an Alltagssituationen von Empfang in einem Krankenhaus über das Fast-Food-Essen mit Handyselfies bis hin zum absurden Besuch bei seinem Professor Marinetti, der das Ohrensausen auch kannte und als „Lärm der Gedanken“ interpretiert, der jetzt aber degeneriert Playstation spielt, während seine Frau (Milena Vukotic) von „Lui“ keine Hilfe für das Beschneiden der Bachira Aquatica erwarten kann.

Die Stationen gehen vom ehemaligen Schüler, der sich inzwischen Privatstunden leistet, weil er ein erfolgreicher Musiker ist über den neuen Geliebten der Mutter, dessen Vorstellung von Künstlertum (und der Personalisierung von IKEA-Möbeln) und Leben mehr als diffus sind, über den Arztbesuch im Spital (hierbei noch eine groteske Geldautomatenszene), bis zum Padre (Rocco Papaleo) in der Kirche, der mit dem Kammerjäger und dessen Kampf gegen die Kakerlakenplage vollauf beschäftigt ist.

Es ist ein mondo kafkaesco, den Aronadio uns vorführt und der nachhaltig ein Pfeifen im Ohr (welches er ab und an witzig musikalisch andeutet) auslösen kann, das Sein des Menschen zur Kultur und zur Philosophie und die alltäglichen Probleme mit den anderen Menschen, wenn nur die nicht wären. So eine Menschheit kann am Ende fürs Selfie nur noch die Narrenkappe aufsetzen.

Und die Spur der Marienerscheinung hat sich doch nur als Schimmelfleck erwiesen.

2.

Comments Kein Kommentar »

Sicher nicht, dass man ihre Gedanken lesen kann.

Genau das aber kann Protagonistin Ali Davis (Taraji P. Henson) nach einer misslungenen Magierinnensitzung; der Tee, den sie trank, lässt sie plötzlich Stimmen hören. Das macht sie erst wahnsinnig, bis sie bemerkt, dass das die unausgesprochenen Gedanken der Männer um sie herum sind.

Jetzt kann sie diese Fähigkeit einsetzen, um ihr widerfahrenes Unrecht in der Firma geradezubiegen, nämlich vor versammelter Mannschaft Empfängerin des Auszeichnungsballs des Chefs zu werden. Die Firma heißt SWM (Summit Worldwide Management). Sie vermarktet Sportgrößen.

In dieser Männergesellschaft kommt für dies Auszeichnung eine Frau, unabhängig von ihren Qualitäten, nicht in Frage. So kommt ihr diese plötzliche Fähigkeit gelegen und sie wird sie dazu einsetzen, die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Adam Shankman inszeniert das nach dem Drehbuch von Tina Gordon, Peter Huyck, Alex Gregory und anderen mehr mit hohem Tempo, großer Dichte, in unbändigem, amerikanischem Comedy-Standard und die Stimmen der Männer, die nur Ali hört, sind so eindringlich, dass ich beim Verlassen des Kinos unwillkürlich um mich horchte, ob ich etwaige Gedanken hören kann. Aber dann war es doch nur ein vergnügliches Kino.

Comments Kein Kommentar »

Die elfjährige Rocca (Luna Maxeiner) ist ein höchst ungewöhnliches Mädchen. Sie landet sicher ein Flugzeug mit 188 Passagieren auf dem Hamburger Flughafen, weil den Piloten übel geworden ist und sie verschwindet, noch bevor klar wird, wer diese Heldentat vollbracht hat, im Gewühl.

Roccas Mutter ist bei der Geburt gestorben. Vater ist Astronaut und hat das Mädchen nach Astana ins Trainingslager mitgenommen, bevor er zu einer Mission auf der internationalen Weltraumstation ISIS aufbricht.

Papa schickt das Töchterchen zur Oma (Barbara Sukowa) nach Hamburg zurück. Die ist Misanthropin pur, während Rocca ein Musterbeispiel für Direktheit, Unvoreingenommenheit, Herzlichkeit ist, ja für den Humanismus des Hamburger Kinos steht.

Mit ihrer unbefangenen Art bringt Rocca die erstarrten Verhältnisse in ihrer Nachbarschaft, in der Schule, die sie besuchen soll, durcheinander.

Es sieht aus wie ein Musterbeispiel, wie Menschen es doch viel einfacher hätten, miteinander auszukommen. Sie geht ebenso auf Obdachlose zu, wobei ihr Kaspar (Fahri Yardim) noch sehr nützlich sein wird. Sie dutzt die Lehrer und steckt mit ihrer Unbekümmertheit und Schlagfertigkeit (gegen übles Mobbing an der Schule) alle an.

Auch die konservativen Nachbarskinder, die aufmerksam beobachten, wie sie sich um ein verletztes Eichhörnchen kümmert, sind neugierig und lassen sich anstecken.

Mit diesem geballten Weltveränderungspower fängt aber auch die Rührstory an, die den Film aus der Ecke des Hamburger ethischen Pragmatismus schnell in Richtung Traumfabrik-Emotion abheben lässt. Ein Vorgang, der unterstrichen wird durch extrem auf Dauer-Feelgood aufgeschäumte Musik. Denn am Ende wird alles gut, wie es eben nur im Traum oder im Kino gut werden kann.

Rocca entwickelt enorme Heilkräfte für ihre Umgebung, weicht die Herzen auf, man möchte schier glauben, man ist in eine Bekehrungsveranstaltung einer Erweckungskirche geraten, denn es entwickeln sich keine Konflikte, nachdem die Verhärtungen der Menschen aufgeweicht worden sind. Das dürfte gegen jede Lebenserfahrung sein.

Dieser Effekt wird vielleicht noch verstärkt durch das Casting, das, so scheint es, auf Klischees verzichten wollte. Aber mehr gibt das Drehbuch von Hilly Martinek nicht her und mehr hat die Regie von Katja Benrath aus den netten Darstellern nicht rausgeholt. Das mag am Heilimpetus des Drehbuches liegen.

Zum Casting und Klischee: dabei geht es doch just um erstarrte Klischeetypen, die aufgeweicht und verändert werden sollen. Ist diese Veränderung so leicht, wie das Umstülpen eines Handschuhes?

Comments Kein Kommentar »

Wenn die Christusstatue in die falsche Richtung blickt,

dann kann nur Polen ihr zu Füßen liegen.

Den von krankem Ehrgeiz angetriebenen Bau der Christusstatue von Swiebodzin in Polen hat Malgorzata Szumowska, die mit Michal Englert auch das Buch geschrieben hat, zum Anlass genommen, ein hellwaches Porträt des heutigen Polen auf die Leinwand zu wuchten.

Ihr Held ist Jacek (Mateusz Kosdiukiewicz). Er wohnt im Dorf in der Nähe der Baustelle. Er führt sich auf wie ein Heavy Metal Fan. Das ist er auch. Er trägt sich mit dem Gedanken, nach London auszuwandern. Das führt in der traditionellen Familie zu heftigen Verwerfungen.

Szumowska gibt als breite Exposition eine Reihe von „Idyllen“, das sind immer Gesamtbilder einzelner Szenen und Situationen. Sie fängt mit einem absurden Warenhaus-Angebot in einer Stadt an, mit den „Weihnachtsschnäppchen für Nakedeis“. Wer sich von den Kunden bis auf die Unterwäsche auszieht, erhält besondere Schnäppchenpreise.

Das ist der eine Irrsinn im heutigen Polen. Wie die Menschen als globalisiertes Vieh sich auf solche Angebote stürzen. Jacek und die seinen haben sich einen riesigen Fernseher geschnappt, unter dem ihr altes Auto fast zusammenbricht.

Die andere Seite des Irrsinns des heutigen Polen ist immer noch die Macht der Kirche und die Religiosität. Sie kulminiert in dem Projekt, die größte Christusstatue der Welt zu bauen.

In die exponierenden Schilderungen gehen weitere Szenen aus dem Landleben ein, in denen sich tiefe Gläubigkeit mit Religionsverachtung und -verspottung paaren. Auch eine Liebesgeschichte zwischen Jacek und der blondierten Dagmara (Malgorzata Gorol) bahnt sich an: auf einem blau angestrichenen Steg macht er ihr einen formalen Heiratsantrag. Sie machen schon die Verlobungsfotos.

Ab jetzt wird gespoilert: Dann passiert mit Jacek wie aus dem Nichts, uangekündigt und leise eine schwerer Unfall auf der Statuen-Baustelle. Jacek bekommt eine Gesichtstransplantation. Den Umgang damit, die Reaktion seiner Umwelt, der Kirche, der Braut, der Familie und nicht zuletzt der Werbeindustrie vertieft und verschärft mit ihrem Blick für die letzten zwei Drittel des Filmes die Polen-Widerspruchs-Thematik am Umgang mit dem veränderten Jacek.

Wer will noch etwas wissen von ihm, mit ihm zu tun haben, wer nicht, wie geht der Sozialstaat mit so einer Beeinträchtigung um, wie die Kirche, wie das Dorf, wie die Medien, die Werbeindustrie? Auch er muss sich zurechtfinden. —

Bei all dieser Polenproblematik weiß die Statue nicht recht, wo sie hinschauen soll. Am besten wäre vielleicht in Richtung Rio, mit dem nächst kleineren Christus.

Comments Kein Kommentar »

Bungalow triste.

Keine Sonne in dieser novemberlichen Schweiz.

Dabei geht es Meredith (Barbara Auer) und André (Robert Hunger-Bühler) gut. Architekten in der Schweiz. Kinder und Kindeskinder. Swimming Pool. Der ist jahreszeitlich leer. Hier gibt es nur feucht-modriges Laub einzusammeln.

Das Paar ist davor, seinen 35. Hochzeitstag zu feiern. Ordentlichen Sex haben sie immer noch. Sogar mit witziger Anmache. André zieht sich aus dem Zimmer für die Enkel eine aus einem Partyteller gebastelte Schnurrikatermaske über und macht seine im Bett liegende Gattin mit den entsprechenden Lauten auf sein Begehr aufmerksam. Dann geht die Post ab, zumindest im sportlich arbeitsintensiven Sinne.

Du sollst kein Blut spenden.

Meredith wird nach einer Blutspende zum Arzt bestellt. Es sind HIV-Antikörper gefunden worden. Aufgrund dieser Info fängt eine schleichende Erosion der stabil geglaubten Vertrauensbasis des Ehepaares an. Denn bald stellt sich heraus, dass auch André infiziert ist.

Das zeigt Christine Repond (Silberwald), die mit Silvia Wolkan auch das Drehbuch geschrieben hat, zum Gänsehaut bekommen. Der Zuschauer wähnt sich glücklich, dass sie die AIDS-Thematik nur so knapp einführt als Katalysator für den einsetzenden Vertrauensschwund, der die ganze bisherige Ehe in Frage stellt. Ihre beiden Protagonisten spielen das großartig.

Der furchtbare Vorgang gewinnt noch an Stärke durch die lakonische Konstanz der atmosphärischen Novembrigkeit, des Fehlens von Sonnenlicht und auch von Farben.

Dann aber nimmt sich die AIDS-Aufklärung und AIDS-Prävention immer mehr Raum. Das ist vielleicht den fördernden Gremien und Fernsehsendern geschuldet.

Allerdings verwandelt sich die Grauatmosphäre dadurch zusehends in Bedröppelungsatmosphäre und die Frage stellt sich, ob nicht just dagegen plötzlich mehr Licht und auch Farbe hätte gesetzt werden müssen.

Christine Repond arbeitet subtil und präzsie mit ihren Darstellern und gewinnt so hohe Glaubwürdigkeit. Auch sprachlich gelingt ihr dies: Barbara Auer kann problemlos ein leichtes Hochdeutsch sprechen, André mit ihr ein entsprechend deutsch eingefärbtes Schweizerisch und die Schweizer unter sich schalten auf Dialekt um; das wird mit gut lesebaren, deutschen Untertiteln versehen.

Comments Kein Kommentar »

Erst am Schluss wird klar, dass es sich beim Film um ein Biopic über den Ausnahmetorhüter Bert Trautmann handeln soll und nicht um einen Naziaufarbeitungsfilm.

Denn obwohl er Titelheld ist, behandelt Marcus H. Rosenmüller, der mit Nicholas J. Schofield auch das Drehbuch zu dieser deutsch-britischen Koproduktion geschrieben hat, den Film über weite Strecken wie einen Themenfilm im Sinne eines Beitrages zur Aufarbeitung der Nazizeit.

Entsprechend schlicht sind die Texte geschrieben und die Figuren konfliktfrei als Infolieferanten und Illustrierende erfunden, ohne Facetten: Export, scheint mir, der deutschen Drehbuchkrankheit nach Brexitannien. So dass für den Transport der Substanz des Filmes ein Kurzfilm dicke genügt hätte: ein Kriegsgefangener bleibt in England, weil er ein Weltklasse-Torhüter ist und wird zum britischen Gentleman.

Trautmann, Nazisoldat mit Eisernem Kreuz, gerät 1945 in Kleve mit seiner Truppe in britische Kriegsgefangenschaft und wird in ein Lager in England verbracht. Trautmann (David Kross kommt wirklich gut in der Rolle – wobei er auf das Trautmann zugeschriebene Gentleman-Attribut weitgehend verzichtet) hat Probleme mit den Engländern. Sie kommendieren ihn zum Latrinendienst ab.

Der Gemüsehändler Jack Friar (John Henshaw) beliefert das Lager und entdeckt das Torhütertalent von Bert. Dem Fußballverein des Händlers droht der Abstieg. Jack engagiert ihn und rettet den Verein.

Der Krieg ist zu Ende. Bert bleibt.

Das Thema für diese Phase des Filmes, auf das sich Rosenmüller konzentriert sind die erwartbaren, üblichen Anfeindungen, was, ein Deutscher im Tor!. Hinzu kommt die Tochter Margaret (Freya Mavor). Schon mit dem ersten Blick zwischen Margaret und Bert macht Rosenmüller klar, welch eindimensionale Klischeeliebesstory zu erwarten ist.

Gegen knapp skizzierte Widerstände (filmisch mit kaum Widerstandskraft) mausert sich Trautmann zum Heldentorhüter von Manchester United.

Durch die dünne Charakterisierung der Figuren und die entsprechenden Texte wirken die Szenen behäbig, spreitzbeinig inszeniert, gewinnt der Film kaum Flow und Tempo.

Auch die Musik von Gerd Baumann schwimmt, ob er jetzt einen Themenfilm, einen Kunstfilm, einen Aufarbeitungsfilm (es gibt ein Trauma von Bert in Rückblenden und das entsprechende Schuldproblem), eine Schmonzette, eine Romanze oder eine Heldenstory zu vertonen hat.

Aufregend sind einmal mehr die Archivaufnahmen von den Fußballspielen: die zeigen, wie dramatisch und spannend so ein Film sein könnte.

Umständlich, belanglose Inszenierung.

Rosenmüller sollte lieber seinem Dachauer Hinterland treu bleiben.

Und als kleiner Geschichtsunterricht muss es auch eine Szene mit dem Umerziehungsprogramm geben.

Es stimmen Dimensionen und Relationen, die Wertigkeiten der Szenen überhaupt nicht. Es wird jede Belanglosigkeit gleichwertig und gleich staatstragend inszeniert wie Essentielles.

Comments Kein Kommentar »

Geballte Ladung Westafrik und deutsches Machertum.

Lena Wendt, die mit Ulrich Stirnat ihr eigenes Westafrikaabenteuer auch als Filmabenteuer auffaßen und vermarkten will, ist unbändig in ihrem Tatendrang und durch nichts aus der Fassung zu bringen. Weder, dass eine arme, unschuldige Frau mittels Hexerritual zur Diebin erklärt wird, wobei die Deutschen fahrlässigerweise bares Geld offen im Auto haben rumliegen lassen, als direkte Einladung an mögliche Diebe – aber eine Frau, die es kaum gewesen sein kann, muss unschuldig büßen, noch dass vermutlich ein Krokodil den Hund der Filmemacherin gefressen hat, hier gibt’s immerhin ein paar Krokodilstränen der Protagonistin, noch kümmert es diese groß, dass ihr Freund Ulrich sich für ein paar Wochen vom großen Trip auf Heimaturlaub verabschiedet, da lebt sie erst richtig auf, surft und geht zur Disco, so geht die Försterstochter aus dem Norden unbeirrbar und egoistisch ihren Egotrip-Weg und hat alleweil und grad wieder ihre metallene Lache parat.

So kann nicht so richtig ein cinéma verité entstehen. Ursprünglich sollte der Trip ein halbes Jahr dauern und nach Südafrika gehen. Daraus sind zwei Jahre Westafrika geworden, über ein Dutzend Länder, viele davon wohltuend wenig touristisch, immerhin das.

Das ergibt zwei Stunden Bilderpower (fast möchte man von Bilderpowder reden), denn immer schneiden sie wieder Natur und Tiere dazwischen, Surfwellen, aber auch endlose Regenzeiten und Matsch auf den Pisten, ständig bleibt ihr massiver Jeep mit Zelt auf dem Dach stecken.

Ulrich findet, er komme nicht zur Ruhe, findet nicht, was er sucht und Lena kann nicht genug kriegen. Insofern stimmt der Begriff „ein Traum“ aus dem Titel nicht, ist eine Irreführung.

Gar nichts erfährt man über die Finanzierung, außer dass im Abspann ein Crowdfunding erwähnt wird. Auch nichts über Heimatkontakte während ihrer Reise. Aber viel Gejuchze, wenn sie sich wieder ins Meer stürzen oder das Abenteuerlich-Urlaubshafte deutlich machen wollen.

Es gab vor kurzem den Abenteuerfilm Weit Der Erfolg des Streifens dieses Paares war umwerfend. Sie hatten eine etwas differenziertere und gleichzeitig einfachere und klarere Haltung zu ihrem Abenteuer. Sie wollten einmal ohne Zeitlimit rund um die Welt reisen, einziges Tabu: Flugreisen. Sie hatten der Welt gegenüber eine demütige Haltung, sie haben sich für die Welt interessiert, dadurch hat diese sich ihnen offenbart – und auch dem Publikum.

Bei Wendt Stirnat dominiert die Macherhaltung, scheint die Leitlinie ihres Handelns zumindest gemischt: sie wollen Selbstdarsteller sein, sie wollen ihr Vergnügen haben, sie sind mit großem Gepäck und Jeep oder Landrover losgezogen und die Kinoauswertung schien von Anfang an fester Bestandteil der Ambition.

Während bei „Weit“ der Eindruck vorherrscht, sie haben quasi Tagebuch geführt und dann geschaut, ob das etwas Auswertbares ergibt.

Auch geben Wendt / Stirnat viel zu viele erklärende Kommentare ab und wollen den inneren Wert der Reise deutlich machen und ihre eigene Wandlung. Zudem sollte die Reise für Ulrich eine Heilungsreise von seinem Burnout sein. Das Paar hatte also schon in sich widersprüchliche Haltungen und war insofern auch übermäßig mit sich selber beschäftigt. So dass Lena sozusagen immer wieder das Gegenteil, nämlich den Spaß, behaupten muss – eine wenig ergiebige Show.

Es gibt auch Szenen, die wirken zu intentional inszeniert, zum Beispiel diejenige mit dem Poeten, der von einem verhafteten Freund berichtet. Insofern ist in dem Film von Wendt und Stirna weniger Unmittelbarkeit. Sie scheinen sich gierig auf Kamerafutter gestürzt zu haben. Dies war wichtiger als die Menschen.

Comments Kein Kommentar »

Vielleicht sollten Frauen, die von Weltraum und erst recht von Weltraumfilmen wie Gravity keine Ahnung haben, die Finger davon lassen, Weltraumfilme drehen zu wollen.

Erst recht, wenn sie von ihrem Thema, dem Sexhunger alternder, intellektueller Frauen nicht loskommen. Dieses hat Claire Denis, die hier mit Jean-Pol Fargeau + 2 auch das Drehbuch geschrieben hat, in ihrem Vorgängerfilm Meine schöne innere Sonne kühl und anregend analysiert, ebenfalls mit Juliette Binoche. Das war vor gerade mal einem Jahr.

Da muss viel passiert sein dazwischen oder die Herausforderung mit dem Weltall war eine Schnapsidee und sie hat sie bis zum bitteren Ende in einer peinlich hausbackenen Ausstattung durchgezogen. Sie schickt eine Gruppe von Verbrechern, die auf der Welt die Todesstrafe erwarten würden, auf eine Weltraummission, die einem Selbstmordkommando gleicht. Rückkehr unwahrscheinlich. Die sollen aus einem Schwarzen Loch Rotationsenergie gewinnen, eine nette Spinneridee.

Als Stars hat Claire Denis neben Juliette Binoche als Dr. Dibs Robert Pattinson als Monte verpflichtet. Auch er spielt ernsthaft als ob er große Kunst mache. Worin diese große Kunst besteht, ist nicht leicht zu erurieren. Die ist eher niedrig als hoch. Sie versucht sich in Dreckstexten und Fick- oder Onanietexten und -akten. Das wirkt wie ein billiges, aber hochverklemmtes Weltraumsexfilmchen.

Wobei der Geschlechtsverkehr, der Ersatzverkehr, das Spermienabzapfen, das Spermien-via-Pipetten-in-Muschis-Einflößen ungefähr so erotisch abläuft, wie das Aufdrehen eines Wasserhahnes.

Es gibt hübsche Szenen, die an Tanzchoreographien erinnern. Und ein Säugling spielt mit im Weltaum. Der wird nackt gezeigt, während die versauten Erwachsenen meist züchtig in Slip und mit mehr sich produzieren.

Schwarze, graue und weiße Wasser bis zur Molekülwolke decken die Spanne der weltraumrelevanten Begriffe ab. Die Entsorgung von toten Raumfahrern geht ganz einfach; sie in die Raumanzüge stecken, Tür auf und raus. So ist es halt im Leben, auch im hochkulturellen Künstlerleben, da geht auch mal ein Schuss daneben. Bilder eines Scheiß-Seins oder eines Seins zum Scheiß-Sein.

Comments Kein Kommentar »