Archiv für März 2019

Clown/stumm/nicht stumm

Pic, Meister des Spiels mit der Maske im Zirkus und im Theater, verliert in einer inszenierten Nummer die Stimme, findet sie in der nächsten, um verwirrendste Verwandtschaftsbeziehungen auf die Reihe zu kriegen, dabei taumelt er ganz nah in den Bereich des Kabaretts.

Zirkusgeschichte geschrieben hat Pic lange zuvor: als der melancholisch-poetische Künstler der Seifenblase, der in einer blauen Sternenkugel ins Rund der Zirkusmanege gerollt kommt, daraus entsteigt wie von einem anderen Planeten, Seifenblasen entstehen lässt, mit ihnen jongliert und spielt. Mit diesem einzigartigen Glanzstück besiegelte er anno 1980 in Köln Aufstieg und Ruhm des Zirkus Roncalli.

Mäeutische Dienste leistete dabei der Schweizer Emil Steinberger, der 1979 in Deutschland mit dem Film „Die Schweizermacher“ für Furore gesorgt hatte (Steinberger hat es sich nicht nehmen lassen, zur Premiere des Filmes am Donnerstag ins Kinok nach St. Gallen zu kommen). Er brachte Pic, der damals in München mit seinem Partner Pello im TamS-Theater gastierte, mit Bernhard Paul zusammen. So wurde der Zirkus Roncalli aus der Taufe gehoben.

Für diese Zeiten kann der Schweizer Dokumentarist Thomas Ott auf reiches Archivmaterial zurückgreifen, eindrückliche Schwarz-Weiß Fotos von hinter den Kulissen des Zirkus von Franziska Messner-Rast und Filmmaterial von unvergesslichen Zirkusnummern wie dem Glockenspiel (Zirkus als Carillon mit Zuschauern!) oder die Angelegenheit mit dem Huhn Hugo.

Pic kann aus jener Zeit fabelhaft Anekdoten erzählen, von der Nachtfahrt im Zirkuszug mit wippenden Elefanten oder von der Lungenentzündung des Huhnes und der Röntgenaufnahme bis hin zum Dschungel in Zofingen.

Das Anarchische, das Familiäre, die Herausforderung vor bis zu über 3000 Zuschauern zweimal täglich mit höchster Konzentration die Auftritte präzise zu absolvieren, das war das Zirkusleben, alles zu geben, die Schwierigkeiten mit der Seifenblase, widrige Umstände, eine Heizung, die bläst.

Ausgleich zur dieser exzessiven Verausgabung ist das Malen, Figuren etwas kräftiger als die von Sempé, immer auf der Suche nach dem Einfachen, das den ganzen Menschen ausdrückt, seine Haltung und Stellung in der Welt, die knappe Frage nach dem Wesen des Menschen.

Der Schritt auf die Theaterbühne ist ein harter Bruch zum Zirkus, auch filmisch. Das Licht, gerade für die Maskenszenen, ist extrem anspruchsvoll (Lorenz Knöpfli), wenn Pic ein halbes Dutzend oder mehr Theatergänger skizziert mit wenigen, charakterisierenden und exzellent unterscheidbaren Bewegungsabläufen; die Figuren haben ein Ticket in der Hand, es steht eine Bank neben dem Theaterwegweiser, ins Theater kommen sie nie, schwenken aber stolz die Eintrittskarte – Kulturgänger.

Die theatrale Spiegelfunktion wird deutlich, wenn bei der Aufführung eine Lachwurze in der Nähe der Kamera sitzt, die die Bühnenvorgänge frei heraus mit Lachern quittiert.

Thomas Ott hat als alleiniger Filmemacher mit minimalem Aufwand, generell eine Kamera mit Mikro drauf, das Materiall für diesen Solitär von filmischem Clownporträt eingefangen. 12 Jahre lang hat er jeweils 8, 10 oder 12 Tage Pic begleitet, hat den Aufbau beobachtet, die Lichteinrichtung, ist Pic in sein Atelier gefolgt oder hat ihn beim Hängen einer Bilderausstellung beobachtet.

Im Film gibts auch Handyaufnahmen. Und beim Ausprobieren einer Dialektimitationsnummer genügt Pic sein Laptop und ein Zigarillo im Mundwinkel. Hier produziert er die Laute eines ihm nicht geläufigen Dialektes (aus Basel), indem er jede einzelne Silbe wie das Wunderwerk einer Seifenblase formt. Da ist er wieder ganz bei sich, der große Clown, wird eins mit dem Traum von der Seifenblase.

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Die altehrwürdige Ludwig-Thoma-Moral ist im Internet- und Social-Media-Zeitalter angekommen – der Mensch ist sündig nach wie vor; aber die technischen Möglichkeiten, das zu erzählen, sind wilder und rasanter.

Siehe Review von stefe.

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Extreme Bandbreite. Ein extrem tüfteliges und ein extrem nostalgisches Wunderwerk je aus den USA sowie ein extremer Dokfilm aus Lateinamerika. Ein humorvoll-lakonisches Alterswerk sowie eine Doku über sonniges Alter aus den USA. Eine entzückende, europäische Animationsprinzessin. Eine deftige Amiflachserei über den Reichtum des Dichters. Aus der Schweiz Beispiele zu Ernst Blochs „Konkreter Utopie“. Fanartikel für eine deutsche Band. Nettes Design-Kino über Beratergespräche. Spannende DVD: ein Indigenendokument aus Brasilien. Im TV gab‘ s eine zupackende Speidel.

Kino
WILLKOMMEN IN MARWEN
Den Krieg im Kopf mit Spielzeug nachgestellt – dem Frieden im Kopf zuliebe.

DUMBO
Zirkus für alle Zeiten – und der Elefant kann fliegen, echt!

UNSER TEAM – NOSSA CHAPE
Eine heiße und tödliche Fußballgeschichte aus Lateinamerika.

EIN GAUNER & GENTLEMAN
Banküberfälle mit Stil in Zeiten langsamer Kommunikation.

GESTORBEN WIRD MORGEN
Im Land of „No Utopia“ geht es quicklebendig zu.

PRINZESSIN EMMY
Wer 26 Pferde hat, braucht den Menschen nicht zu fürchten.

BEACH BUM
Hippieexzess as Exzess can als Poeteninterpretation.

FAIR TRADERS
Geschäft kann kapitalistisch und gleichzeitig human sein.

WEIL DU NUR EINMAL LEBST – DIE TOTEN HOSEN AUF TOUR
Alternde Rockstars ganz aus der Nähe – es gibt Inspirierenderes.

TALKING MONEY – RENDEZVOUS BEI DER BANK
Dokumäuschen reist um die Welt.

DVD
PIRIPKURA – DIE SUCHE NACH DEN LETZTEN IHRES VOLKES
Seltene Begegnung mit zwei letzten Indigenen.

TV
LEBENSLINIEN JUTTA SPEIDEL – ICH MACH’S EINFACH
Ich mach mir die Lebenslinien für mein Horizont-Projekt gefügig.

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Selbstgenügsamkeit im Land of No Utopia?

Sun City ist eine Rentnerstadt im sonnigen Arizona: keine Schulen, kein Rathaus, niedrige Steuern.

Susan Gluth hat darüber eine Dokumentation gemacht mit dem Untertext, hier habe ich etwas entdeckt, was auch für unsere Gesellschaft von Interesse sein könnte, was einen Beitrag zum Nachdenken über das Alter in unseren alternden Gesellschaften leisten könnte. Das tut es. Immer steht ihr waches Interesse im Vordergrund, wie diese Menschen ihr Leben, ihr verbleibendes Leben gestalten, wie sie ihm einen Sinn geben.

Es ist eine paradiesische Stadt, künstlich angelegt, ohne Kommunalverwaltung. Es gibt keine Bürgersteige, nur breite Straßen, künstlich besprengten Rasen unter Palmen, Golfmobile sind unterwegs, es gibt nur ebenerdige Bungalows mit schönen Terrassen und Hollywood-Schaukeln darauf.

Die Stadt platzt vor Freizeitangeboten (Rollschuhfahren, Ballspiele, Töpfern, Gymnastik, Orchester etc.), aber auch Kirche, Krankenhaus, Gemeinschaftshalle, Fitnesscenter, Friedhof sind da. Viele Dienste werden freiwillig geleistet. Ehrenamtliche Hilfssheriffs sorgen für Sauberkeit und Ordnung. Sie treiben es zu weit, wenn sie gar eine Unkrautpolizei losschicken, meint ein Bewohner, aber das sei ein lässiges Übel gegenüber den Vorteilen, der Freiheit, die man hier genießt.

Susan Gluth blendet die Negativseiten des Alters nicht aus, obwohl fürs Kino, wie schon Ü 100 von Dagmar Wagner gezeigt hat, aktive, positiv eingestellte Menschen ergiebiger sind. Was nicht ausschließt, dass sich manche in Sun City durchaus mit dem Tod beschäftigen. Eine Frau hat die Asche ihres Mannes im eigenen Garten verstreut und mit Drinks übergossen und die Asche ihrer Mutter wird sie dort hinzufügen, damit diese weiterhin den Mann ihrer Tochter ärgern kann, das, was sie am besten konnte. Einer töpfert im Kurs die Urnen für sich und seine Frau.

Es wird das Pflegeheim nicht ausgeblendet, der Arztbesuch, das Thema Alzheimer, die Abgabe des Führerscheins (schmerzlich). Aber es gibt wundervolle Aufnahmen von einer Damentanztruppe, die Steppauftritte übt, es gibt Sportler und Fitnesstraining, Tanz und Flohmarkt, Basteln, Töpfern und über Sex wird genau so geredet wie über die Einsamkeit, die Entfernung von der Familie und die Fremdheit („they move in as strangers“), Tod des Lebenspartners und dass das System der Ehrenamtlichen neue soziale Netze knüpfe und den Menschen auch Sinn gebe durch die freiwillige Verpflichtung oder auch für Witwen ein „Support-System of Friends“.

Auch nachdenkliche Töne finden Eingang in den Film, dass das Alter sowohl ein aufregender als auch ein beängstigender Lebensabschnitt sei. Der Abspann hält überraschende und andere nicht überraschende Informationen darüber bereit, was mit einigen Protagonisten aus dem Film nach dem Drehende passiert ist. Sun City muss nicht Endstation sein und auch das Pflegeheim nicht.

Die Tonspur wird von musischen Bewohnern von Sun City bestritten (die haben nicht nur eine Radiostation, einen eigenen Schlager, „keine Eingemeindung!“, sondern auch ein Orchester und eine Rockband, diese singt über die Menopause). Der Soundtrack sorgt für das originale Sun-City-Feeling.

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In diesem Film konnte Tim Burton nach dem Drehbuch von Ehren Kruger nach der Geschichte von Helen Aerson und Harold Pearl seine Zirkus- und Artistennostalgie bis zur äußersten Liebenswürdigkeit und Perfektion ausleben und ein Publikum von 1919 hätte die Sensation gehabt.

100 Jahre später haben es Zirkusfilme deutlich schwerer, wie denn auch Zirkus zwar irgendwie zeitlos ist, aber irgendwie auch kaum entwicklungsfähig, gerade im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung und immer noch zunehmender Fliegerei und allseitig verfügbaren Bildern und Sensationen und Emotionen.

So bleibt denn der Film im Rahmen eines Zirkusfilmes spitzenmäßig, aber eben auch nicht mehr. Er bietet, was Zirkus zwei Stunden lang bieten kann: Sensationen und noch die Geschichte von Dumbo hinter den Kuisssen. Diese ist sauber ausgearbeitet, ohne allzu sehr auf die Tränendrüsen zu drücken, was ihr hoch anzurechnen ist.

Der Zirkus Medici-Brothers, wobei der Name Medici auch nur ein PR-Gag ist, hangelt sich mehr schlecht als recht durch eine Amerika-Tournee. Der Vater der beiden Protagonisten-Kinder, ein berühmter Zirkusreiter, kehrt einarmig aus dem Krieg zurück. Sein Frau ist schon tot, sein Reitpferd verkauft und auch der schöne Wohnwagen ist weg.

Der Zirkusdirektor hat sich eine alte Elefantin aufschwatzen lassen, die schwanger ist. Aber schon ist Dumbo, der kleine Elefant mit den übergroßen Ohren unterm Stroh versteckt. Die Elefantenpfleger sind brutale Kerle. Der Direktor bietet dem einarmigen Kriegrückkehrer an, den Elefantendompteur zu geben, da das Pferd nicht mehr verfügbar sei.

Traurige Zustände, die ein Wunder brauchen, um überstanden werden zu können. Das Wunder lässt nicht lange auf sich warten. Die beiden Kinder, vor allem das superaltkluge Mädchen, das von Marie Curie und der Wissenschaft fasziniert ist, kümmern sich um Dumbo und entdecken wegen eines blöden Federchens seine Flugkünste.

Es folgt eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Das große Geld interessiert sich für die Sensation, bald treten die verarmten Medici-Leute in Vanderver Enterprises‘ exklusiver Wunderwelt auf. Das Management, dem der Erfolg in den Kopf gestiegen ist, macht Fehler. Das lassen die mutigen Medici-Leute nicht auf sich sitzen. Sie haben schließlich den Flugelefanten Tumbo, der ihnen, das ist logisch, aus dem großen Chaos des actionreichen Count-Downs, in dem das Wunderland zerbricht, hinaushilft. Ein Film wie für alle Zeiten, ein Film für das schönste Zirkusmuseum der Welt.

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Wunderwerk.

Nach Allied – Vertraute Fremde und The Walk hat Robert Zemeckis, der mit Caroline Thompson auch das Drehbuch geschrieben, ein neues Kinowunderwerk geschaffen.

Zemeckis gibt Einblick in die Traumverarbeitungswerkstatt von Mark Hogenkamp (Steve Carell). Der hat ein traumatisches Erlebnis einer Schlägerei, wie er nach einem Barbesuch halb zu Tode geprügelt wurde und ihm die alte Identität abhanden gekommen ist.

Mit der Herstellung von Spielzeugfiguren, bei denen Capt‘ n Hogle sein Avatar ist, entwickelt er Szenen, die das Trauma verarbeiten sollen. Dabei tritt Cap‘ n Hogle in Stiletten, in High-Heels auf.

Hogencamp wohnt in einem Dorf. Er zieht wie auf einem Leiterwagen einen Miniaturjeep mit attraktiver Besatzung durch die kleine Häuseransammlung, die abgelegen scheint. Dieser Jeep und seine Besatzung erhalten dann plötzlich Eigenleben, geraten in Kriegssituationen; Nazis, Weltkrieg.

Es gibt Leute, die Hogencamp mögen. Roberta (Merritt Wever) vom Spielzeugladen, bei der er die Figürchen und Puppen besorgt. Eine neue Nachbarin zieht gegenüber ein. Nicol ohne e am Ende (Leslie Mann). Sie wird von ihrem Ex Kurt (Neill Jackson) resp. Major Meyer gestalkt. Aus der Beziehung zu dieser verständnisvollen Nachbarin wird mehr als nur freundliche Nachbarschaft, ja, er wird sein belgisches Fantasiedorf, in dem sich immer wieder Weltkriegsszenen abspielen, von Marwen zu Marwencol umbenennen.

Zemeckis arbeitet grandios mit dieser Puppen- und Menschenwelt. Es gibt auch Zwischenfiguren in der aufregenden Anfangszene, da spielen die Schauspieler ihre Puppen, es ist im ersten Moment irritierend, wenn man den Film unvorbereitet schaut, das ist wohl Kalkül, insofern sollte vielleicht auch gar nicht zu viel verraten werden.

Die Spannung im Film besteht aus der Diskrepanz zwischen dem ruhigen Leben bei Mark und den unruhigen, explosiv zerstörerischen Bildern in seinem Kopf, dem Leben und der Interaktion der Figuren, und wie er wieder als Fotograf dahinter auftaucht – und später die Fotografien selber, die aus dem tüfteligen Film ihre Meisterhaftigkeit beziehen.

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Altern

ist das unterschwellige Thema dieser Mäuschendoku bei Campino und Co. Die Rockstars bewältigen das hochrespektabel, statt Exzess ist jetzt Fleiß und Üben, Üben angesagt. Denn sie fühlen sich ihrem generationenübergreifenden Publikum verpflichtet, möchten ihnen etwas bieten fürs Geld, denn Power und Energie, die müssen über die Bühnerampe hinaus.

Das passiert höchst professionell, wenn auch inzwischen ein entsprechend professionelles Lächeln aufgesetzt wird. Campino sorgt mit bewährt-beherrschter Massenmanipulation dafür, dass das Publikum sich aufgehoben fühlt bei ihm und seiner eingeschworenen Band und den altbekannten Songs.

Für den Außenstehenden ist es erstaunlich, wie gut das funktioniert, wie die Massen strömen und sich mitreißen lassen, jung wie alt.

Der Film von Cordula Kablitz-Post, die die Regie mit Paul Dugdale teilte, ist allerdings primär ein Fanartikel. Die Verehrer von Campino und den Toten Hosen dürfen an die zwei Stunden lang in nächster Nähe mit den Musikern verbringen.

Sie sind in der Garderobe dabei, bei den Konzerten, beim Aufbau, bei den Proben. Immer wieder geben Bandmitglieder Statements ab. Es gibt auch Seitenblicke auf ein sportliches Training, auf einen Hörsturz mit Konzertabsage in der Folge, auf eine nächtliche Eskapade in einen Swimmingpool, Einblicke in den Tourbus, in die Besprechung der Songliste, in die Kantine, in die zahlreiche (treue) Crew, eine ICE-Fahrt, Begrüßung zuhause in Düsseldorf und ein Extempore nach Argentinien, wo die Band viele Fans hat, inklusive eines Werbekurzfilmes für ein Weingut mit Weinprobe.

Alles, was über den Tellerrand so einer Tournee hinausginge, bleibt außen vor, das Private, das Organisatorische, das Finanzielle, das Strukturelle, das gesellschaftlich-kulturell Relevante. Es gibt auch keinen Erzählfaden. Insofern ein reiner PR-Artikel, ein Werbeprodukt und man wundert sich, dass so etwas Filmförderung erhält. Denn für dokumentarische Lorbeeren reichts dem Film hinten und vorne nicht. Und dass Frauen kaum eine Rolle finden wird kommentarlos hingenommen.

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Hochemotionales Fast-Footage.

Bitte nicht missverstehen, das Fast-Footage. Das meint nur, dass das Material, aus dem Jeff und Michael Zimbalist diesen hochemotionalen Film montiert haben, lauter schnell geschossenes Dokumaterial ist, anders ist es beim Fußball oder bei Katastrophen kaum zu haben und auch bei privatem Handymaterial.

Mit solchem fängt der Film an in einem Flugzeug der Mannschaft von Chapeco, einer Provinzortschaft irgendwo im Süden Brasiliens.

Die Fußballmannschaft, das ist am 29. November 2016, hat einen guten Lauf gehabt, ein einmaliges Teamgefühl dürfte einer der entscheidenden Motoren dafür gewesen sein, dass sie in der wichtigen Copa Sudamericana das Finale erreicht haben. Eine sportliche Sensationsgeschichte. Zu verdanken dem Team-Spirit.

Das ist aber erst der Anfang, der viel unglaublicheren Geschichte, die der Film von diesem Moment an erzählt und die weit über den Fußballfan hinaus auf Interesse stoßen dürfte. Es ist eine Geschichte von Verlust, Tod, Schmerz, Verletzung – und von Teamgeist.

Es ist die Geschichte der Fußballmannschaft, die auf diesem Flug nach Medellin kurz vor der Landung in den Anden abstürzt. Drei Fußballer und wenige andere Passagiere überleben. Das sind Unglücke, die als solche schon hochemotionale Bilder liefern und erst recht in Lateinamerika, wo die Fußballer vorm Spiel auch ein Gebet sprechen oder eine Kerze vor einer Marienstatue anzünden.

Hochemotional geht es weiter und in atemberaubendem Tempo. Der Club hatte nur wenige Wochen Zeit, bis zum Start der neuen Saison. Er ist eines Großteils seiner Mannschaft beraubt. Die drei überlebenden Spieler sind nicht einsatzfähig.

Es muss ein neues Team mit einem neuen Trainer aus dem Boden gestampft werden. Es ist, als werde dem alten Team ein neues aufgepfropft, es ist wie bei einer Amputation. Es gibt Schockreaktionen, es gibt Erfolge und Misserfolge.

Nach einem halben Jahr kommt die Besinnung auf die ursprünglichen Qualitäten; ein Abstoßungsprozess, wie er bei Transplantationen vorkommt, kann vermieden werden. Umso noch emotionaler werden gewisse Ereignisse weniger als ein Jahr nach dem Unglück werden.

Es ist ein Film, der einen im ersten Moment eher kühl lässt, wieso soll ich mich für diese Mannschaft interessiseren, für dieses Kino interessieren, was aus nur allzu fernsehbekannten Schnipseln zusammengesetzt ist? Aber zusehends zieht einen dieser Prozess, der vor allem um die drei Spieler kreist, die den Absturz überlebt haben, hinein als in einen Prozess, in dem es sowohl ums Überleben, als auch ums Bewahren eines Ideals geht, um Karrierismus gegen Teamgeist, um die Erholung von einem unglaublichen Unglück, das aus skandalösem Grund pasisert ist.

Je mehr ich versuche, die Bilder und Gedanken zu diesem Film zu sortieren, umso mehr Gewicht gewinnt er, umso spannender erscheint er mir, umso einmaliger. Er erinnert mich an eine deutsche Doku von 2018, Wunder der Wirklichkeit. Hier geht es um den Flugzeugabsturz mit einem Filmteam.

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Prinzip Stegreif.

Der Macher dieser „Dokumentation“, Sebastian Winkels, stellt seinem Film ein Wort von Karl Marx voraus, dass Geld eine soziale Beziehung sei.

Auf der Website seines Filmes behauptet er, „Fünfzehn aus dem Stegreif beobachtete Begegnungen zwischen Kunde und Banker verknüpfen sich zu einer großen Erzählung über Geld, Macht und das Leben.“ Das ist kecker, theoretischer Anspruch, und wenn Marx den Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt hat, so stellt Winkels, den Marx wieder auf den Kopf, kommt mit aufgebauschtem Theorieanspruch daher, den der Film in keinster Weise einlöst.

Dieser ist eine Ansammlung und Ineinanderschneiderei von Stegreif-Szenen von Bankberatungsgesprächen mit diskret postierter Kamera. Diese ist immer auf Tischhöhe neben dem Berater, den sieht man allenfalls im Anschnitt. Die Kamera ist auf die Kunden gerichtet.

Dazwischen gibt es Impressionen aus den Geldinstituten von Fluren, Foyers, Treppenhäusern, Türen, Sicherheitsvorkehrungen.

Beratungs-Szenen zu beobachten mag im Einzelfall einen Müßiggänger unterhalten, aber selbst der verliert bei der endlosen Aneinanderreihung bald das Interesse.

Skepsis über die Echtheit der Gespräche ist zudem angebracht nach dem Dokskandal beim WDR, wo für solche Sendungen eigens angeheurte und dafür bezahlte Komparsen besetzt wurden und nebenbei zu lesen war, dass das nicht unüblich sei. Dann glaubt man plötzlich, dass bei einem Kunden in Karachi der Bart möglicherweise angeklebt ist.

Fakt ist, für diesen nichtssagenden Film sind der Filmemacher und sein Team rund um die Welt gereist und zwar auf Zwangsgebührenzahlers Kosten, denn das Schweizer Fernsehen und der rbb fanden das Projekt förderungswürdig. Vermutlich könnte man den dortigen Redakteuren mit einem Projekt kommen: „Ein Geschäft erledigen – Menschen auf dem Donnerbalken“ und sie würden es fördern, wenn man dafür nur weit genug reisen will wie Winkels: der ist rumgeflogen in der Welt; er hat in Karachi aufgeschlagen, in Georgien, in Benin, in Bolivien, in Italien, in den USA, in Berlin, in Zürich.

Und der Zwangszuschauer darf blechen und muss diesen faden Cocktail mit der leeren Marx-Belehrung schlucken.

Im Abspann wird sogar ein „ministry of dramaturgy“ erwähnt. Die haben Dramaturgie, die vom Erzählen einer Geschichte handelt, mit Design verwechselt, das für das nette, immer ähnliche Muster der gesammelten Albumszenen verwendet wird.

Pluspunkt: es werden keine erklärenden Kommentare abgegeben, keine der üblichen, unsäglichen Statements, mit denen viele sogenannte Dokumentaristen ihre Filme mit Geschwätz und vorwiegend heißer Luft füllen, trotzdem:

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Emmy ist eine fröhliche Göre, nicht unbedingt prinzessinnenlike. Sie liebt ihre 26 Pferde und kann sich mit ihnen unterhalten. Um sich diese – privilegierte – Eigenschaft zu bewahren, muss sie sich als würdig erweisen.

Diese Prophezeiung hängt mit dem Buch Carlottas zusammen, in dem eine Seite fehlt. Was aber genau der Test ist, den Emmy bestehen muss, das wird ihr nicht mitgeteilt.

Der Animationsilm von Piet De Rycker nach dem Buch von Sergio Casi hält jede Menge Prüfungen bereit für das sorglos-fröhliche Mädchen, das am liebsten bei seinen Pferden ist.

Die Eltern wollen Emmy beim Hofball in die Gesellschaft einführen. Dafür wird der pomadige Benimmlehrer Vincenzo Massimo Cerimonata engagiert. Tanzstunden muss Emmy bei Frau Zwickelmeier absolvieren. Das sind Dinge, die sie in ihrer Beziehung zu den Pferden und den Anforderungen aus Carlottas Buch und dem herausgerissenen Blatt ablenken. Entsprechend begeistert und zuverlässig ist sie dabei. Das freut die Eltern gar nicht.

Hinzu kommt, dass plötzlich ihre Cousine Gizana bei ihr im Zimmer wohnen soll. Ausgerechnet die, mit der sie sich nicht verträgt, weil die nicht geradeheraus ist, sondern hinterlistig und neidisch. Und sie kommt hinter das Geheimnis mit dem Buch. Nicht nur das, sie schafft es, dass Emmy bei den Eltern und den anderen Schlossbewohnern dumm dasteht.

Das sind Testsituationen. Aber ihre Pferde sind ihre verschworenen Genossen. Sie helfen ihr, sich würdig mit den Konflikten auseinanderzusetzen. Ihre innere Größe führt sogar dazu, dass sie sich mit der engstirnigen Gizana anfreundet.

Ein Geschichte für die Kleinen, ganz individuell gezeichnet unterscheidet sie sich wohltuend von den großen Blockbuster-Zeichentrickfilmen, die mit Überladung und zu viel Action punkten wollen. Es passieren munter erfundene, spontan wirkende Slapsticks. Zum Beispiel mit der Katze und der Maus, die die Tanzstunde bei Frau Zwickelmeier durcheinanderbringt, und wo die Maus sich am Schluss verbirgt, da darf das Lachen pure Schadenfreude sein. Entsprechend ungeordnet verläuft die Abfahrt im Auto vom Eingangsbereich des Schlosses, das kühn über einem Abhang teils wie in der Luft hängt.

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