Archiv für 7. Februar 2019

Rätselhaft faszinierende Liebeszeichnung aus China. Schööönes und zauberhaftes Kino aus USA und China. Aus Frankreich eine Autorenbiographie. Deutschland heute bodenständig attraktiv. Aus den USA eine Vorgängerin von Relatius und zwei überladene Kinderanimationen. Aus Deutschland ein Film, der viel Glück bräuchte, um zu gedeihen. Auf DVD gabs Einblick in eine kleine, strenge Religionsgemeinschaft.

Kino.
BIG FISH & BEGONIA
Der Liebe auf den Grund gegangen.

THE PRODIGY
Horror soooo schööön!

HAVE A NICE DAY
Zauberhafte chinesische Animation mit Action, Tiefe und Geist.

FRÜHES VERSPRECHEN
Alles der Mutter zuliebe, sogar zwei Mal den Prix Goncourt!

ASI MIT NIWOH – DIE JÜRGEN ZELTINGER GESCHICHTE
Kölsches Urgestein, resistent gegen Vereinnahmung durch Dokumentaristen.

CAN YOU EVER FORGIVE ME?
Hier ist die Frau die Fake-Autorin.

DRACHENZÄHMEN LEICHT GEMACHT3 : GEHEIME WELT
Hübsche Story unter Dauerbeschuss durch Action-Effekte.

THE LEGO MOVIE 2
Die Behauptung von Phantasie über die multiple Verwendbarkeit der Spielklötzchen und deren Negierung im ausgelutschten Storytelling.

GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER
und wäre dennoch Drehbuchautorin und Regisseurin dringend zu wünschen.

DVD
MENASHE
Wie bequem, wenn die Gemeinde sich um das Liebesglück ihrer Mitglieder kümmert.

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Armageddon unter der Waschmaschine.

Den ersten Punkt macht dieser zweite Lego-Film von Mike Mitchell nach dem Buch von Phil Lord, Christopher Miller + 3 schon mit der Legoisierung des Warner-Emblems, wie spielerisch leicht doch damit umgegangen werden kann.

Den zweiten Punkt macht der Film in seiner ersten Phase. Hier dominiert die Welt der Phantasie, das Erstaunen darüber, was aus so kleinen, normierten Steinen sich für grundverschiedene Gebilde und Figuren zusammenstellen lassen, die Faszination der Verwandlung, der Metamorphose ebenso wie das Thema der Vernichtung derselben, die Grundfaszination von Lego überhaupt: Bauen, Entstehen und Zertrümmern, Vergehen.

Vielleicht gehört dazu auch noch die Philosophie, dass Chaos stark mache als ein Plädoyer für die Kreativität. Hier sind die Buben in der Pressevorführung in der Reihe hinter mir voll fasziniert, ihre Köpfe lehnen sich in höchster Anspannung, höchster Konzentration nach vorne, um nichts zu verpassen, damit ihnen nichts von dieser kostbaren Phantasiewelt entgeht.

Dann folgt die um ein Mehrfaches längere Phase des verquirlten Storytellings, kein schöpferisches Chaos mehr, nur noch ein Durcheinander in einem kruden Mix aus abgelutschen Genreversuchen, die aber auch gar nichts mehr mit Kreativität zu tun haben: Action, Verfolgungsgeschichte, Entführungsgeschichte, Rettungsgeschichte, Romanze, Musical, Sisterwelt und Umerziehung, Hochzeitsgeschichte und Gehirnwäsche, Show, Operette, Liebesschmonzette und Melodram, simple Pop- und Schlagermusik und wie in einem Almanach müssen alle möglichen Kinderspielfiguren auftreten, außer Mogli und Kasperl vielleicht, aber dafür sogar die Gerechtigkeits-Oma (ich nehme an, das ist RBG, die gerade im Kino in einer Doku und demnächst in einem Spielfilm vorkommt) da sinken die Köpfe dieser Buben kurz vor Ende ihrer Bubenzeit in die Kinopolster zurück im Kino Gabriel in München, welches selber vorm Armageddon steht und – traurig – für das sich wohl niemand in der überreichen Stadt München stark macht.

Ein interessanter Erzählfaden könnte die Geschichte von der Zeitreise sein, die dazu führt, dass der junge Held seinem späteren und gewandelten Alter Ego begegnet, aber das ist nur ein Streusel unter vielen, vielen.

Und ab und an spielen reale Kinder mit- und gegeneinander; Mutter greift ein mit: „Aufräumen!“. Dann landen die Figuren im Armageddon, in der schwarzen Spielzeugkiste oder eben unter der Waschmaschine, doch der Film findet immer noch kein Ende, dabei hat er seine Pluspunkte längst verspielt.

Die Moral von der Geschicht: Krieg verhärtet das Herz.

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Das ist selten bei einem Film, dass ich beim Beginn des Abspanns denke, ach schade, schon vorbei. Doch dieser Horrorfilm von Jeff Buhler nach dem Drehbuch von Nicholas McCarthy ist einfach zu schön gemacht.

Was Neues dürfte es im Genre eh kaum mehr geben. Also wieso nicht das Bekannte, dass in einem Menschen, hier im 8-jährigen Jungen Miles (Jackson Robert Scott), seelenwandernderweise der just zum Zeitpunkt seiner Geburt verstorbene Massenmörder Edward Scarka (Paul Fauteux) sein neues Gehäuse findet. Darin will er sein Werk vollenden.

Im Fall von Margaret St. James (Brittany Allen) hat der Serienkiller Scarka es nur geschafft, die Hand abzuhauen (die hat daraufhin ein Buch darüber geschrieben). Das war seine Spezialität vor den nachfolgenden Gräueltaten. Er sucht also einen Körper, in dem er sich einnisten kann (to invade), um den Fall zu Ende zu bringen.

Davon ahnen die Eltern von Miles, Mutter Sarah Blume (Taylor Schilling, die eben nicht den Horror spielt, sondern dessen Wirkung auf eine normale Frau) und Vater John Blume (Peter Mooney) nichts. Sie sind glücklich, nach langem Nichtgelingen endlich Eltern geworden zu sein.

Bei diesen Beschreibungen ist viel Spoilern dabei. Das dürfte den Genuss nicht im Geringsten mindern. So wenig wie die Absehbarkeit der Geschichte, zumindest für Leute, die schon mal den einen oder anderen Horrorfilm gesehen haben.

Hier geht es um den Genuss eines besonders fein angerichteten Horrorstreifens, der wohl dosiert, mehr um das Genre zu markieren, mit den üblichen Schockeffekten umgeht, ganz am Anfang kurz und dann noch ein, zwei Mal.

Denn der Horror liegt nicht in den gezielten Effekten. Der liegt im Erschrecken darüber, dass ein Mensch nicht das ist, was er zu sein scheint und für die Eltern zu sein hat: nämlich ein hochbegabtes Jüngelchen, das seinen Alterskameraden weit voraus ist und in eine Begabtenschule gehört. Es irritiert, dass in ihm ein Monster sich ausbreitet.

Die Qualität dieses Streifens liegt im Ernst und in der Sorgfalt von Spiel und Inszenierung, fast als ob die Macher uns diesen ganz unerhörten Fall so glaubwürdig wie möglich schildern wollen und es nicht auf vordergründigen Klamauk um des Horrorklamaukes willen abgesehen haben. „Bad things happen when he leaves his body.“ – das ist eine nüchterne Feststellung, die die Betrachtung der Geschichte beeinflusst.

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Der Titel sagt es, „habe einen schönen Tag“.

Aber was ist ein schöner Tag, was ist Glück, was macht den Tag lebenswert? Das ist die Frage, der Jian Liu mit diesen behutsam animierten Cartoons, die weit von der Gier nach Bilderüberfülle so manchen Hollywood-Blockbusters entfernt sind, dafür witzig, philosophisch und mit einem nachsichtigen Auge für Kreaturen an vernachlässigten Ecken der Wirtschafts- und Wachstumsindustrien nachgeht.

Der Film stellt seiner Bildreflektion ein Tolstoi-Wort voran aus „Auferstehung“* über das Streben der Menschen, die Erde zu verstümmeln, dass das alles nicht fruchtet und der Frühling doch kommt.

Ein interessante Denkelipse: der Mensch arbeitet gegen sein Glück und doch kann ihm solches blühen. Es ist der Traum des kleinen Mannes von der Million, vom Traumresort oder nur vom kleinen Restaurant (den sich ja auch Hundertausende erfüllen).

Eine solche reale Million in einer Tasche ist das Hauptrequisit, hinter dem jede Menge Menschen her sind, ein Fahrer, der oberste Boss, andere, die davon hören, einer der seiner Schwester eine Schönheitsoperation in Südkorea schenken will, da die erste missglückt ist.

Das Internatcafé „Freiheit“ spielt eine Rolle und das Zimmer 301 im Bahnhofshotel. Es gibt Gewaltakte und Menschen, die liegen bleiben. Es gibt aber auch Gespräche über die Philosophien von Steve Jobs oder Marc Zuckerberg, darüber, die Kinder in Harvard studieren zu lassen, um dem Glück nachzuhelfen, darüber, was das Schicksal mit den Menschen anfange.

Die Animation ist oft minim. Lediglich ein Augendeckel bewegt sich zu einem Gespräch oder aus dem Maisfeld sprudelt der Strahl eines Pinklers, ein Rotlicht flackert hinter Bahngleisen und Autos kommen ungebremst zum Stehen, das kann der Trick sich leisten, wozu Bremswege inszenieren, wenn das andere schneller geht und eh nichts zur Sache beiträgt?

Das Thema Freiheit wird abgehandelt genaus so wie der Traum vom starken Typen wie dem Paten aus dem amerikanischen Kino und die Erkenntnis, selbst immer der Geprügelte zu sein. Es geht um Spiritualität, Glauben, die Wirksamkeit Gottes, die Wirtschaft, um Freiheit und Markt, um die großen Träume kleiner, geschundener Kreaturen.

*„Vergeblich bemühten sich einige hunderttausend Menschen,
die auf kleinem Raum vereinigt waren, die Erde zu verstümmeln, auf der sie lebten;
umsonst erdrückten sie die Erde unter Steinen, damit nichts aufkeimen konnte;
umsonst rissen sie das kleinste Grashälmchen aus;
umsonst verpesteten sie die Luft mit Petroleum und Steinkohle;
umsonst beschnitten sie die Bäume;
umsonst jagten sie Tiere und Vögel fort;
der Frühling war, selbst in der Stadt immer noch der Frühling.“
Aus „Auferstehung“ von Leo Tolstoi.

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Coming of Age und Sterbehilfe.

Auf so ein Konstrukt für einen Film muss man erst mal kommen.

Die Hauptautorin Silvia Wolkan bedankt sich im Abspann gleich bei einer ganzen Reihe von Professoren. Vielleicht haben sie in dem dramaturgischen Brei mitgerührt und zum unentschiedenen, verschwommenen Resultat massiv mitgeholfen – und dann ist ja hier auch noch das ZDF (Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“, Jörg Schneider) im Boot und die Förderer FilmFernsehFonds Bayern, die Filmstiftung NRW, die Nordmedia und das Kuratorium junger deutscher Film; auch die wollten bestimmt noch ihren Einfluss geltend machen.

So war es für die junge Regisseurin Anca Miruna Lazarescu, die mit ihrem sehr persönlichen Erstling Die Reise mit Vater in guter Erinnerung ist, diesmal bestimmt schwieriger. Sie hat ein kopfiges Drehbuch zu verfilmen und dies mit einem, wie es scheint, aus der Lostrommel gezogenen Cast.

Die eine zentrale Figur ist die pubertierende Jessica (Ella Frey), der Fußballschuhe mit Spikes lieber sind als Mädchenzeugs. Sie steht am Anfang der Pubertät, ist mit Ticks beglückt, ständig zieht sie die Strümpfe hoch, hat einen Zahlenfimmel, der sie fesselt.

Also ob das nicht genug wäre, schreibt ihr das Drehbuch eine totkranke, ältere Schwester zu, Sabrina (Emilia Bernsdorf, die mit Nasenschläuchen bettlägrig ist). Sie hat eine Lungenkrankheit.

Und als ob dieses Übergepäck für die Reise zum Erwachsenwerden noch zu leicht sei, ist der Vater Stefan (Martin Wuttke) ehrenamtlicher Sterbebegleiter nebst seinem Beruf als Bademeister – hm, welch Drehbucherfindungen.

Das Ehrenamt betreibt Stefan seit dem Tod seiner Frau. Verhaltensdumm ist er dazu. Einmal hat er im Mixer ein erdebeerfarbenes Milchgemisch. Aber er guckt in die Höhe und die rote Sauce ergießt sich ungebremst und länger über sein weißes Polo-Shirt. Damit läuft er durch die nächsten Szenen – elementare menschliche Reaktionen sind außer Gefecht gesetzt; welche Störungen in einem Menschen. Später folgt die Erklärung, immer wenn er Wut und Traurigkeit nicht aushalte, dann mache er den Mixer an. – Wie man einen Mixer intelligent in eine Filmhandlung einbauen kann, das zeigt demnächst Linus de Paoli in „A Young Man with High Potential“.

Freundlich ausgedrückt, der Theaterstar Wuttke kann durch sein Spiel nicht plausibel machen, warum er die Rolle zugesagt hat.

Eine weitere Drehbuchidee ist die, dass Jessica blutjunge Buben auftreiben soll, um mit ihrer todkranken Schwester Sex zu machen. Ein Psychiater gibt ihr bescheuerte Anleitungen, wie sie Schönling Nicolai (Tim Dieck), den sie anhimmelt, um eine Zigarette anpumpen soll. Du heiliger Drehbuchdurchfall; dies lässt zumindest die unbeholfene Inszenierung vermuten.

So könnte man hier endlos weiter Fehler, Unstimmigkeiten, Unbedarftheiten in den unterschiedlichsten Gewerken analysieren, die absehen lassen, dass diesen Film im Kino kaum jemand freiwillig anschauen wird. Schade für das öffentliche Geld.

Vieles hätte schon beim sorgfältigen Studium des Drehbuches erkannt werden können. Und die Geisterbahnmusik schlägt den letzten Sargnagel für diesen Film ein. Nach etwa einer Stunde gibt es einen Hinweis auf den Drehort: Autokennzeichen LIP.

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Ein Hochzeitsfilm,

ist es auch.

Der Film von Dean DeBlois, der mit Cressida Cowell ebenfalls das Drehbuch geschrieben hat, läuft auf eine spießige, gänzlich humorfreie Hochzeit hinaus; die beiden Protagonisten Astrid und Hicks geben sich das Ja-Wort mit großem Gefolge von Wikingern und Drachen auf einem Felsen.

Ein Familienfilm auch, denn Jahre später segeln Hicks (jetzt erwachsen und bärtig wie der Prophet) mit Frau und Kindern in einem Geborgenheit erzeugenden Boot übers Meer. Da taucht aus den wilden Kindheitsfantasien sein schwarzer Nachtschatten Ohnezahn auf. Jetzt darf in der Familie gewerweißt werden, ob es diesen Drachen und alle anderen überhaupt gibt oder ob es Fantasien sind.

Im Film gibt es sie, diese Fantasiewesen – und zwar in Hülle und Fülle, Drachen und Wikinger. Im Overkill der Bilder, die aus Panik vor der Lücke entstanden scheint, schimmert sogar eine Story durch.

Ein böser Drachenfänger will alle Drachen einfangen. Hicks soll seine Drachen retten. Er soll sie in eine geheime Welt führen. Allerdings wird er ausspioniert. Dies wiederum hängt mit einer Lovestory des Nachtschattens zusammen. Dazu muss der Junge Hicks bei seinem Stamm die Häuptlingsposition einnehmen.

Die Rettungsaktion der eigenen und die Befreiungsaktion der bereits gefangenen Drachen wird erzählt mit der Besessenheit der Filmemacher, die offenbar jeden erwachsenen Actionfilm noch überflügeln wollen an Effekten (overeffected), an Massen von Drachenvarianten, Fluggeräten, Kriegern und Schiffen, an Kämpfen und wilden Flugkapriolen, untermalt mit voluminöser Mainstream-Actionmusik.

Diese Überfülle plättete die Kinder, die in der Pressevorstellung saßen. Anfangs haben sie noch reagiert, haben ein- zweimal versucht, Unklarheiten zu beseitigen, dann waren sie absolut still. Und kaum fing der Abspann an, war die erste Frage von einem der Kids, ob er noch zu seinem Freund nach Hause darf.

Was ich bei guten Kinderfilmen sonst oft beobachte, dass sie nach der Vorstellung herausplatzen mit den Eindrücken. Hier waren sie stumm. Was nicht bedeutet, dass Bilder nicht später hochkommen und die Kinder anregen werden.

Eher vermute ich aber, dass bei der Herstellung des Filmes kein Wahrnehmungsschulungspsychologe um seinen Rat gebeten wurde, der weiß, wie Menge und Montage von Bildern auf Kinder wirkt.

Hicks gewinnt eine gewisse Sympathie, weil ihm ein halbes Bein fehlt, welches durch eine Gehprothese ersetzt ist – die wird sich anderweitig noch als nützlich erweisen.

Regie führte Dean De Blois (Drachenzähmen leicht gemacht 2), der mit Cressida Cover auch das Drehbuch geschrieben hat.

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Lee Israel war eine amerikanische Autorin, die für ihre Fälschung von Briefen berühmter Autoren und Autorinnen bekannt wurde.

In einem Buch mit dem Titel „Can You Ever Forgive Me?“ legt sie ihre Beichte ab. Melissa McCarthy sieht darin die Chance für eine Rolle, die zwar böse, aber eben auch empathieheischend ist.

In der Regie von Marielle Heller (The Diary of a Teenage-Girl) und nach dem Drehbuch von Nicole Holofcener und Jeff Whitty nach Lee Israels Autobiographie erzählt der Film jenen Ausschnitt aus dem Leben von Lee, der zur Fälscherei führte, wie diese vorerst von überraschendem Erfolg gekrönt ist und wie der ganze Schwindel auffliegt und sie sich vor Gericht reuig zeigt und dann noch ein paar Drüberstreuszenen.

Die Geschichte wird so erzählt, dass der Zuschauer selbstverständlich auf der Seite der todernst spielenden Melissa McCarthy ist. Sie spielt das auch überzeugend, wie sie von der Branche schlecht behandelt wird. Sie hatte einige erfolgreiche Bücher geschrieben. Aber für ihr neues Projekt will ihre Agentin keinen Vorschuss rausrücken.

Die Literaturbranche ist rücksichtslos. Lee gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Bei einer ihrer Recherchen zum neuen Buch fällt ihr daraus ein Originalbrief der Autorin in die Hände. Den will sie in einem Antiquariat – davon werden noch viele im Film mit überzeugend besetzten Händlerinnen und Händlern vorkommen – verscherbeln. Aber die Händlerin meint, der Brief sei zu belanglos.

Zufälligerweise hat Lee zuhause eine Schreibmaschine des Typs, in welchem der Autorinnenbrief geschrieben ist. Es macht Klick im Autorinnen- und ebenfalls im Zuschauerhirn, wie sie den Brief in die Maschine spannt – und noch zwei Sätze dazu erfindet. Das kommt an, spült Geld in die Kasse.

Andererseits ist Lee alkoholabhängig. Das verschafft ihr in der Kneipe „Bei Julius“ die Bekanntschaft mit der gescheiterten Künstlernatur Jack Hock (Richard E. Grant), einem Aufschneider. Der wird ihre einzige soziale Beziehung sein. Sonst hat sie noch eine Katze.

Später taucht eine frühere Freundin von ihr auf. Zur ersten Buchhändlerin entspinnt sich ein Ansatz von Freundschaft, bleibt aber dabei stehen.

Melissa McCarthy nimmt diese Rolle sehr ernst und sie will es ganz genau machen. So dass mit der Zeit auch im Film ein Gefühl von Fälscherroutine entsteht, noch ein neuer Händler, noch ein neuer Brief eines bekannten Literaten – im Nacherfinden hat sie Talent.

Wie das FBI vor ihr warnt, kann sie das Geschäft noch eine Weile mit ihrem Freund Jack weiterbetreiben – denn solche Briefe sind gesucht. Die Sammler allerdings, die gute Summen dafür auf den Tisch zu legen bereit sind, die lernen wir nicht kennen.

Das Problem scheint mir die Ernsthaftigkeit und Seriosität in der Haltung der Filmemacher; dadurch wird die Betrügerchose bierernst und auch die Geschichte läuft einfach geradeaus, wie eine Straßenbahn von Haltestelle zu Haltestelle, von Antiquar zu Antiquar.

Als ob Melissa McCarthy zu sehr im eigenen Rollensaft schmort. Es scheint ihr Bemühen, bei der abgebrühten Durchtriebenheit noch die Publikumssympathie zu behalten, zu durchscheinend. Es fehlen Pfiff und Charme, die die Gaunerkomödie erträglich machen würde. Das ist vielleicht primär ein Problem der Drehbuchbearbeitung, die sich möglicherweise zu penibel an die Vorlage hält, die sich zu wenig Freiheiten nimmt, die für die Kinoleinwand unabdingbar sind. So trottet der Film in einem absehbaren Trab daher und wirkt betulich hausbacken.

Einen Dokumentarfilm über einen berühmten Fälscher gibt es aus Deutschland: Beltracchi – Die Kunst der Fälschung. In diesem sind dieses Need zur Fälschung und der Pep dazu drin.

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Kölsche Marke.

Jürgen Zeltinger – ist mit seiner Band (Website) – eine kölsche Marke, ein unverformbares Urgestein, einer, der sich nie hat verbiegen lassen und deshalb eine enorme Glaubwürdigkeit besitzt, einer der seit Jahrzehnten Rock’n Roll Musik macht mit seiner Band (nebst einem Ausrutscher mit einer Solo-Platte), der eine bunte Vergangenheit in besseren und weniger beleumdeten Milieus hat, an dem Geld nicht kleben bleibt, der trinkfest ist, der Aufritte vor großen Arenen mit internationalen Berühmtheiten kennt wie den Auftritt im intimen Club, einer vor dem die anderen Respekt bis Furcht haben, dessen Kindheit mit einem verständnislosen, schlagenden Vater nicht goldig war, der eine Autoschlosserlehre abgebrochen hat, nachdem der Lehrmeister ihm eine Backpfeife gegeben und er ihn darauf ko geschlagen hat, das sei das letzte Mal gewesen, dass er gearbeitet habe, sagt er, dann ging es bald schon los mit der Musik.

In Paris hatte er mit Heiner Lauterbach, einem der Interview-Partner in diesem Film von Oliver Schwabe, in der U-Bahn gespielt, bis sie das Geld für eine Whisky-Flasche zusammen hatten, später brauchten sie zwei. Heute meint Lauterbach, glücklich, wer aus diesem Saufrausch wieder rauskomme.

Zeltinger hat die wilde Saufphase überlebt. Er wohnt in einem flachen Haus mit Garten und Goldfischteich. Sein Nachbar ist der junge Gitarrist Dennis, der ihn pusht, wieder in die Gänge zu kommen, was mit 68 nicht mehr so leicht geht, den er mag und fördert wie ein Vater, eine platonische Beziehung, was bei Zeltinger nicht selbstverständlich ist.

Aus Archivausschnitten, aktuellen Erzählungen, Hinter-der-Bühne-Aufnahmen und aus Statements von seiner Schwester, Lauterbach, Bandmitgliedern und anderen Musikern montiert Schwab einen Dokumentarstreifen, der seine Lebendigkeit aus dem Objekt bezieht und der einen schönen Einblick in diese kölsche Musikkultur gewährt, die ein Faible für das Anarchistische hat, aber Fremdenfeindlichkeit grad gar nicht ertragen kann, die ein Feeling für das Asoziale hat, für die Außenseiter. Zeltinger singt und spricht Kölsch. Dankenswerter Weise wird das zuweilen mit deutschen Untertiteln übersetzt. Sein junger Protégé zeichnet für die Tonspur verantwortlich. Außerdem sind jede Menge Songs von Zeltinger und seiner Band zu hören, wie: „Mein Vater war ein Wandersmann“, „Morgen geh ich zum Sozialamt“, „Asi mit Niwoh“, „Leck mich“, „Wir sind alle kölsche Jungen“, „Tuntensong“.

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