Der Titel „Gewichtslos“ könnte der direkte Schlüssel zu dem Bilderwerk von Jaron Albertin, der mit Charlotte Colbert und Enda Walsh auch das Drehbuch geschrieben hat, sein.

Schon sein Vorgängerkurzfilm hieß laut IMDb „Visions“. Visionen, Gedanken. Die Figur, um die sich alles dreht im Film, ist Will (Eli Haley) ein massiv übergewichtiger Junge von 10 Jahren.

Wenn er nur eine Vision wäre, dann wäre er gewichtlos. Es gibt Hinweise auf ein gespaltenes Bewusstsein von Wills Vater Joel (Alessandro Nivola). Er arbeitet, was auch seltsam genug ist, als Baggerfahrer auf einer ausladenden Mülldeponie.

Die Kamera liebt Details von seiner Arbeit, wie Joel mit starken Maschinen den Müllberg traktiert. Wenn es sich um Visionen handeln sollte, so lassen auch solche Details Interpretationen zu. Joel lebt getrennt von der Mutter seines Sohnes. Diese verschwindet eines Tages. Joel soll seinen Sohn, den er nie kennengelernt hat, bei sich aufnehmen.

Interessanterweise gibt es leere Zimmer in seinem Haus. Er besorgt eine Matratze. Das ist ein Vorgang, der überporportional viel Raum einnimmt, wie er diese auf seinem Rücken nach Hause trägt.

Joel ist mit Janeece (Julianne Nicholson) liebesmäßig zugange. Die beiden leben aber nicht zusammen. Es gibt Merkwürdigkeiten. Im Shop einer Tankstelle starrt Joel einmal lange direkt in die Kamera, die die Bilder aus dem Laden auf einen Bildschirm überträgt. Ganz klar wird nicht, was er da sieht, sein zweites Gesicht?

Einmal geht Joel in die Nacht hinaus, plötzlich sind es zwei Menschen, dunkle Schattengestalten, die dicht hintereinander marschieren. Eine trägt weiße Schuhe, das ist fast der einzige Unterschied. Kongruent sind sie nicht.

Ein ander Mal steigt Joel bei einer Überlandfahrt aus seinem nicht näher identifizierbaren Auto an einem Feld braun gewordener, abgestorbener Sonnenblumen aus. Lange pinkelt er. Dann marschiert er los durchs Feld. Als ob er sich von seiner Identität entfernt.

Wasser ist immer ein Element zu Bebilderung von Unterbewusstem, siehe Shape of Water. Hier taucht Joel anfangs des Filmes wie einsten Neptun oder wie Aquaman aus dem Wasser auf. Schleppt sich erschöpft an den Strand. Die Wege aus dem Unterbewussten können anstrengend sein.

Es gibt, das ist vielleicht das Merkwürdigste, keine Konflikte in dem Film, keine Auseinandersetzungen mit einem Gegenüber. Erst recht nicht mit Will, der anfangs höchst passiv ist, kaum redet oder sich vor das Haus setzt und sich eine Papiertüte über den Kopf stülpt. Symbol, Symbol. Aber von dem Nachbarsmädchen Carol (Shiobhan Fallon Hogan) lässt er sich die Tüte abnehmen und Augen draufzeichnen.

Spuren einer Story sind vorhanden. Die staatliche Sozialmaschinerie kümmert sich, möchte eruieren, ob der Junge bei Joel gut untergebracht ist. Ihr wird aber die Tür nicht geöffnet oder sie wird gar angeblufft vom Nachbarsmädchen. Wie die beiden Sozialfunktionäre sich wieder zu ihrem Auto begeben, flackert im nahen Wald plötzlich ein Licht. Sie sehen es nicht. Parallele, unterschiedliche Realitäten.

Einmal wird Joel gefragt, ob mit ihm was sei. Er deutet kommentarlos auf seinen Kopf.

Die Inszenierung wirkt deutlich hinweisgebend, wie bemüht, gar zwanghaft, gleichzeitig hochredlich-ethisch.

Die Vorlage zum Drehbuch liefert eine Kurzgeschichte. Bedeutungsvoll gibt es Drohnenflüge, vor der Kamera ragt ein Raubvogelflügel ins Bild. Diese kreist um die Müllhalde, über die Behausung von Joel.

Die deutsche Synchro trägt das ihre zum dem irrealen Touch bei, den der Film verbreitet. Will hat Diabetes, muss also regelmäßig medizinisch versorgt werden. Der Müll als die Halde des Unbewussten, das Halbbegrabenen, des entwertet Weggeworfenen? Und dann wieder gibt es die Sehnsucht nach dem Wasser, nach der Bootsfahrt. Auch Reh- und Goldfischsymbolik fehlen nicht und dazu die leeren Flaschen oder das Wespennest, das ein Problem darstellt. Auf leichte Befremdung arbeitet die Kamera, die untersichtige Aufnahmen vorzieht und die es ab und an wie von den Beinen haut oder die wie irritiert wirkt (welche Realität sie einfangen soll?)

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