Yuli

Nahrhaft human.
Zum Tanzen geprügelt.

Das Leben des Weltstar-Tänzers Carlos Acosta, vom Vater gefühlvoll Yuli genannt, er sei ein Krieger, ist so voll von Widersprüchen, Energie, Talent, kubanischer Lebensweise und mit 350 Jahren Sklaverei im Gepäck, dass der Stoff bei Bearbeitung durch das exzellentes Team zu einem großartigen Kinofilm führt, der das anspruchsvolle Münchner Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten City-Kino (genau: im Atelier) letzten Montag zwei Stunden zu bannen vermochte.

Das Team hinter diesem Film steht auf drei wuchtigen Säulen. Gleich mehrfach im Zentrum ist der kubanische Tänzer, der gar nicht Tänzer werden wollte, Carlos Acosta, Yuli.

Yuli spielt einige Szenen selbst mit als Tänzer und als Choreograph. Aber er hat auch ein Buch geschrieben über seinen Lebensweg. Dieses wiederum hat der erstklassige schottische Autor Paul Laverty (das war ein komplizierter Weg vom englischen Drehbuch zu einer spanischen Übersetzung bis zu einer kubanisch sprechbaren Version, wie die Regisseurin am Montag erzählte), dem immer die Humanität, die Gerechtigkeit, die Menschlichkeit im Vordergrund steht, wie er mit Filmen wie Ich Daniel Blake, Jimmys Hall oder Looking for Eric bewiesen hat.

Die Hauptarbeit und den Finish verpasst der tiefen Geschichte die Regisseurin Icíar Bollaín. Sie hat in Deutschland bereits mit Und dann der Regen einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der neugierig auf ihre weiteren Filme macht.

Icíar Bollaín enttäuscht nicht mit Yuli. Sie ist auch Schauspielerin, arbeitet exzellent mit den Darstellern, hat mit den jungen Buben Yuli einen Castinglücksfall erlebt und trägt das südamerikanische Temperament, das Lebensgefühl und die Lebenseinstellung in den Film.

Sie hat bei der Präsentation am Montag in München ausgesprochen das harmonische, qualitativ extraordinäre und exzellente Team erwähnt und ein Sonderkränzchen der kubanischen Crew gewunden. Aber auch die Musik (Alberto Iglesias) und die Kamera (Alex Catalán) verdienen fette Komplimente (allein wie schwierig es ist, mit Steadycam Tanzchoreographien nah aufzunehmen, da werde der Kameramann selbst zum Tänzer).

Es ist das Geheimnis dieses Filmes, dass das Ganze zählt. So übersteigt er weit das Genre des Ballettfilms. Er erzählt – auch in Form von Tanzchoreographien – von den Abgründen des Lebens von dessen schier unerträglichen Widersprüchen und reflektiert zudem das Verhältnis von dokuentarischer zu künstlerischer Wahrheit.

Hinzu kommmen Auszüge aus den Balletten „Romeo und Julia“ oder „Gisellle“. Carlos Acosta (als junger Tänzer: Kevyin Martinez) war der erste schwarze Romeo im Royal Ballet in London.

Nach einem Knöchelbruch wollte er aufgeben. Ihn zieht es in seine zwiespältige Heimat – die Kubaner schimpfen über Stromausfällle und die mangelnde Versorgung, er kann das nur schwer nachvollziehen, auch nicht den überall präsenten Wunsch zum Abhauen.

Den Bezug zu seinen Wurzeln, zu Kuba hat er nie verloren. Das Verhältnis zu seinem Vater Pedro (Santiago Alfonso), das bringt der Film als eine der Hauptstorylines klar zur Geltung, war schwierig, zwiespältig. Der Vater hat das Talent im Sohn gesehen. Er hat ihn zur Ballettausbildung geprügelt, hat ihm geraten, wie er gegen die Schwuchtelvorwürfe der Schulkameraden reagieren soll. Diese Szenen spiegeln sich erinnerungshaft wider in Tanzchoreographien.

Inzwischen ist Costa nach Kuba zurückgekehrt. Er will sich einbringen. Er will ein nie vollendetes, unter Catro groß geplantes Kulturzentrum aus dem Ruinenschlaf wecken. Auch dafür engagiert sich der Film.

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