Unzertrennlich

Aufwachsen in einer Familie mit einem behinderten Geschwisterchen, das bleibt nicht ohne Folgen für die Brüder und Schwestern. Sie stehen im Schatten, müssen Verantwortung übernehmen, lernen gar Gebärdensprache oder müssen sich mit frühem Tod auseinandersetzen und werden womöglich in der Öffentlichkeit blöd angemacht.

Frauke Lodders hat sich ein Thema vorgenommen, was kaum im Rampenlicht steht, stehen es doch seine Protagonisten, zumindest in ihren Familien, auch nicht; manche mögen das deshalb auch gar nicht besonders.

Die Dokumentaristin hat sich bei vier Familien mit einem behinderten Kind, wobei dieses in einem Fall bereits gestorben ist, wie ein Fisch in den Strom des Lebens dieser Familien hineinbegeben, hat sich integriert, so dass selbst ein behindertes Mädchen, das anfangs noch gebannt von der Kamera war und unentwegt hineingestarrt hat, diese zu vergessen scheint.

Außerdem hat sie Protagonisten gefunden, die reflektiert über diese, ihre Situation sprechen können; vermutlich hilft auch gerade dieses Aufwachsen mit einem Behinderten zu stärkerem Bewusstsein und auch zu mehr Toleranz im Leben, wie es an einer Stelle angedeutet wird.

Es kommen nicht nur Geschwister zu Wort, teils reden auch die Eltern über die Situation.

Untertitel: Leben mit behinderten und lebensverkürzt erkrankten Geschwistern. Der Sonderfall ist der ältere Bruder, der bereits verheiratet ist und selber ein Kind hat. Er und seine Frau und Bekannte feiern jedes Jahr auf einem Kinderfriedhof den frühen Tod des Schwesterchens. Andererseits genießt er die Ungebundenheit und plant größere Reisen mit einem Campingbus, denn jetzt muss er nicht mehr damit rechnen, jederzeit einen Anruf über den sich verschlechternden Zustand des Schwesterchens erhalten zu können.

In trendiger Verzopfmanier schneidet die Dokumentaristin, das dürfte dem Fernsehen geschuldet sein, die filmischen Notizen aus den jeweiligen Familienleben mit Aussagen der Geschwister und Eltern ineinander.

Auf den enormen Leinwand-Showwert Behinderter verzichtet sie ganz; denn es geht eben nicht um die Behinderten.

In den Aufnahmen aus den Familien kommen vor: Rumtollen im Bett, spielen, umziehen, Zähneputzen, kochen, essen, Iactatio Capitis im Bett, Malstifte, zeichnen, Grillen im Garten, den Bruder stören, Sport, Familienfeste wie Fastenbrechen oder Konfirmation, Totengedenkfest, Kinderspielplatz, Busausbau, Pferdehof, Autolackierevent, Studentenparty, Open-Flair-Festival, Kinderhospiz.

Die Themen in den Interviews sind vielfältig: direkte Gespräche in die Kamera über Geburt, die Schwierigkeiten, den Einfluss auf Geschwister, über den Schlaf (oder dessen Abwesenheit); Verantwortung der Geschwister, neue Gewichtung in der Familie, Probleme mit Nachtschwester, über die verschiedenen Krankheiten, über den Umgangston mit den Behinderten, Vernachlässigung der gesunden Geschwister durch Aufmerksamkeit auf Behinderte oder Kranke, über Gott, die Kirche und die Welt.

Über Reaktionen aus der Umgebung, über die Veränderung in der Beziehung, Unterstützung durch die Familie, allenfalls Verlust von Freunden, Reisepläne, Sterben, Urlaubspläne, dass Behinderung als solche kein Thema sei, eher das Üben von Gebärdensprache, Beleidigung, über Häme, die man abkriegt, wenn man ein behindertes Geschwisterchen hat, den positiven Einfluss auf die Geschwister, über Urlaub im Hotel und Reaktion der Umwelt, über die Bindung der Behinderten zu ihrer Familie, die sie versteht, weil die sie besser kennen und verstehen, über Wertschätzung, dessen was man hat.

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