Maria Stuart, Königin von Schottland

Klassik und Drohnenflug.

Ob der Drohnenflug der Kamera, der immer wieder prächtige schottische Panoramen eröffnet, dazu angetan ist, Sinnbild für eine erhöhte Sicht der Filmemacher auf das klassische Königinnendram zu zeigen, wage ich zu bezweifeln.

Die Filmemacher, das sind Josie Rourke als Regisseurin und Beau Willimon als Drehbuchautor, der den Roman von John Guy zur Vorlage hatte. Sie verteidigen das Grundthema, das der Staatsraison – dass Elisabeth (Margot Robbie), die Königin von England, Mary Stuart (Saoirse Ronan), die Königin von Schottland, auf dem Schafott töten lässt.

Elisabeth findet es zwar traurig, den einzigen Menschen zu töten, der noch verwandt ist mit ihr und der weiß, was es bedeutet, Königin zu sein. Aber das Töten muss sein, aus Gründen der Staatsraison.

Die Staatsraison im Film von Josie Rourke ist eine gute, denn sie hat zur Folge, das ist im Abspann zu lesen, dass dadurch aus zwei Königreichen mit zwei Königinnen ein einziges Königreich mit einer einzigen Krone wird. Wer das allerdings als These gegen den Brexit lesen will (eine EU unter einer Regierung), dürfte überinterpretativ reagieren.

Das ist mein erstes Problem mit diesem Film, dass er die Staatsraison bewertet, dass er sie als weise darstellt. Dagegen dürfte es die Stärke von Schillers „Maria Stuart“ sein, dass er die Staatsraison zur Diskussion stellt, sie aber keinesfalls verteidigt, dass er eher erschüttert ist, was sie so mit sich bringt.

Kleiner Exkurs zur Staatsraison: Staatsraison ist beispielsweise das Votum der SPD für ein Mietgesetz, das den Mieter zwingt, egal ob arm, ob reich, bei Sanierung der Wohnung das Kapital des Vermieters mit 8 Prozent Zinsen zu bedienen. Das in Zeiten der Nullzinspolitik der Zentralbanken, in Zeiten der Ausblutung der Sparer, des Krebsganges des DAX: 8 Prozent Zinsen! Wo gibt es das noch außer bei Halunkens. Aber die SPD macht das zum Gesetz. Passt so gar nicht zur SPD. Aber es ist Staatsraison, denn durch die Zustimmung zu diesem Gesetz konnte sich die SPD vorerst an der Macht halten, bleibt die Regierung in Deutschland stabil. Ungerechtigkeit walten lassen, um der Stabilität willen und um an der Macht zu bleiben. Das ist Staatsraison.

Diese Sicht auf den Begriff Staatsraison kommt im Film von Jose Rourke nicht vor. Er kritisiert die Staatsraison nicht. Sie kostet Opfer und scheint im übrigen sakrosankt.

Mein zweites Problem ist die Charakterisierung der beiden Königinnen. Rourke wird sich was gedacht haben dabei, dass sie beide rothaarig, vom Casting her eher als protestantische Typen, von der Ausstattung her streng elisabethanisch zeichnet. Und bleich dazu. Zum Verwechseln ähnlich.

Allerdings ergibt sich daraus – speziell in Sequenzen des schnellen Wechsels zwischen Schottland und England – immer wieder ein Perzeptions-, ein Unterscheidungsproblem für die Nicht-Recogniser im Publikum. Auch lässt sich empirisch kaum nachvollziehen, wenn Elisabeth bei der Begegnung mit Mary (das Spiel zwischen den Vorhängen; „Wie hat es so weit kommen können?“) sagt, dass die Katholikin die Schöne, die Sinnliche sein soll. Vielleicht deshalb wird drastisch am Haarausfall von Elisabeth gearbeitet und eine knallrote Perücke drüber gestülpt.

Die katholische Lebenslust wird in manchen Szenen geschildert, nicht als besonders sinnlich, mehr sinnbildlich, wenn Mary Sex mit ihrem Henry hat (Luke Hobson, der gern mit ausgestrecktem Zeigefinger gestikuliert): anal oder Cunnilingus – ungleich Deckhengst. Das muss für das Sittenbild, das der Film zeichnen will, reichen.

Dass Elisabeth beim Todesurteil wie ein weißer Clown geschminkt und mit knallroter Perücke versehen ist; schwer nachvollziehbar. Auch hier wird sich Rourke was gedacht haben, hat aber vergessen, es mitzuteilen.

Die pinzettenhafte deutsche Nachsynchronisierung passt ganz gut zu der inhaltlichen Sterilität des Filmes. Wie denn auch die literarische Qualität des Textes weit entfernt ist von der klassischen Sprachkompetenz eines Schiller oder eines Shakespeare.

Schließlich verlustiert sich der Film noch beim Genderthema. Elisabeth, die auf Liebe, Familie und Nachwuchs verzichtet, fühlt sich wie ein Mann – der Staatsraison geschuldet. Bei Mary spielt es keine Rolle, dass im Ehebett nebst Gatten sich noch der künstlermähnige David Rizzio (Ismael Cruz Cordova) tummelt, von dem auch der Ehemann entzündet ist. Dadurch wird jedoch Rizzio selbst Opfer der Staatsraison. Und die ist, wie der Film am Schluss meint, gut und weise.

Ein gesundheitliches Extempore leistet sich der Film mit Elisabeth, lässt sie von den Pocken anstecken. Das gibt viel Arbeit für die Maskenbildner, vor allem für die Continuity der Heilung (recht gut hinbekommen haben die das) – deswegen am Schluss die Maske des weißen Clowns?

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