Capernaum – Stadt der Hoffnung

Capernaum heißt das Lager, in welchem der Protagonist Zain (Zain al Rafeea) aufwächst in diesem Film von Nadine Labaki unter Drehbuchmitwirkung von Jihad Hojelly, Michelle Keserwany und Khaled Mozzanar.

Die Unerträglichkeit seiner Lebensumstände, die eine legitime Existenz sowie anständige Bildung und Erziehung ausschließen, veranlassen Zain dazu, seine Eltern vor Gericht dafür zu verklagen, dass sie ihn in diese chaotische Welt hinein gesetzt haben.

Das ist ein dramaturgischer Kunstgriff der Filmemacherin, durch den der Bub Sätze sagt, die er so garantiert nicht sagen würde, die es aber gleichzeitig ermöglichen, ein präzises Abbild der Lebensumstände in einem Flüchtlingslager in Beirut filmisch zu zeigen.

Zains Zuhause ist eine Hütte, in der seine Eltern und jede Menge Geschwister aller Altersstufen dicht gedrängt hausen und schlafen; das Kleinste im Krabbelalter wird mit einer Kette am Fuß vom Davonkrabbeln abgehalten.

Sie verdienen sich ein Geld mit der Herstellung eines besonderen Tomatensaftes. Schwester Sara erlebt gerade ihre erste Blutung und der kleiner Zain unterstützt sie dabei, das zu verheimlichen und zu vertuschen, denn sobald sie geschlechtsreif ist, soll sie verheiratet werden.

Die Sache geht ungut aus. Zain findet ein neues Zuhause bei der ebenfalls illegalen Äthiopierin Rahil (Yordanos Shiferaw), die den Säugling Yonas hat, den sie verstecken muss. Wenn sie als Toilettenfrau arbeitet, bunkert sie ihn in einem Toilettenabteil, von dem sie den Kunden gegenüber behauptet, es sei defekt. Oder sie arbeitet in einem Lebensmittelbetrieb, kann aber schauen, wo ihr Geld bleibt, da auch der Chef weiß, dass sie nicht klagen kann, weil sie illegal ist.

Sie spart sich Geld, in der Hoffnung gefälschte Papier kaufen zu können. Und Zain spielt das Kindermädchen für den Säugling, versucht diesen zu füttern. Das ist die eher niedliche Phase des Filmes.

Wie Rahil nicht mehr zurückkehrt von der Arbeit, weil sei bei einer Razzia auffliegt und im Gefängnis landet, kümmert sich Zain wie ein kleiner Tramp um Yonas; da geht Armut in malerische Poesie über, wenn er den Kleinen in einem großen Topf, den er auf einem Brett mit Rädern befestigt hat und drum herum allerlei Töpfe, die er verkaufen will, loszieht durchs Lager.

Der Film ist semidokumentarisch insofern, als Labaki die Darsteller bei einem Streetcasting im Lager gefunden und dort auch gedreht hat und somit einen schockierenden Einblick in dieses Lagerleben gibt.

Wenn Zain im Jugendknast Rouieh ist, dann endlich öffnet sich der Blick aus den engen Gassen auf Beirut und das Mittelmeer und dann kommt die Erinnerung an die Dokumentation Taste of Cement.

Der Film will auf diese Lebensbedingungen aufmerksam machen und dass jeder Mensch ein Recht auf ein anständiges Leben hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.