Archiv für 3. Januar 2019

Persönliches.
Julia Edenhofer. Sie bleibt mir in Erinnerung mit ihrem Strahlen, das aus den Tiefen der Seele (oder des Schmerzes?) kam, mit kurzen Gesprächen über die Filme vor oder nach Pressevorführungen und, wie Julian in seinem sehr persönlichen Nachruf erwähnt, mit den verführerischsten Torten weitherum, die sie für den Flohmarkt des Bundes der Katzenfreunde zu kreieren pflegte. Mit einem Link darauf hinzuweisen ist sicher in ihrem Sinne, die sich für Tiere engagiert eingesetzt hat – einmal bin ich ihr bei klirrendem Schneewetter im Luitpoldpark begegnet, wie sie mit ihrem Wägelchen voller Vogelfutter zugange war. – Dies sind Erinnerungen, die bleiben.

Zu den Reviews.
Falscher Schein. Die Nähe zur Macht verwandelt Frauen zu Schlangen. Der Visionär, der sich für einen König hält. Mit der falschen Identität aufgewachsen. Nur unter Pseudonym zum Erfolg. Den Nobelpreis erschlichen. Extrembergsteiger und doch kein Vorbild. Im TV dümpelte eine frühere Erfolgssendung auf längst korrumpierten Pfaden. Und stefe servierte einen Strauß an Filmen von 2018, die frisch geblieben sind.

Kino
THE FAVOURITE – INTRIGEN UND IRRSINN
Der britische Königshof liefert das Modell, wie trunken und amoralisch der Zugang zu den intimsten Gemächern der Macht Menschen machen kann.

REY
Es gibt Menschen mit Visionen, die wollen die Welt im äußersten Zipfel retten.

MANOU, DER MAUERSEGLER
Weil Manou unter lauter Möwen aufwächst, muss er sich fragen, ob mit ihm etwas nicht stimmt. Der schöne Animationsfilm hilft ihm, damit klar zu kommen.

COLETTE
Der Erfolg des Autors Willy ist eine Mogelpackung; die Bücher stammen von seiner Frau.

DIE FRAU DES NOBELPREISTRÄGERS – THE WIFE
Mogelpackung auch hier: die Gattin ist die wahre Autorin hinter dem Literaturnobelpreisträger.

MANASLU – BERG DER SEELEN
Ein erfolgreicher Extrembergsteiger, der im Straßenverkehr mit zu viel Alkohol im Blut einen Menschen zu Tode fährt, sollte sich besser aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

TV
GERNSTL UNTERWEGS: IM GÄUBODEN UND IM BAYERISCHEN WALD
Franz-Xaver ist in seinem Pfründenaustrag müde geworden. Kein Empfehlung für eine Erhöhung des Rundfunkzwangsbeitrages.

Jahresrückblick
EIN STRAUSS SCHÖNER FILME AUS 2018
Einige Filme, die zu erinnern sich lohnt.

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Urheberrechtsprobleme

sind sicher nicht der Grund, weshalb das Publikum, vermutlich überwiegend Frauen, diesen Film im Kino anschauen werden.

Urheberrechte sind der schwarze Kern, um den herum Wash Westmorland, der mit Richard Glatzer und Rebecca Lenkiewicz auch das Drehbuch geschrieben hat (Alice – Mein Leben ohne Gestern), die Geschichte von Colette (Keira Knightley) in perfekter Konvention kalt anrichtet, zum heißen Konsum der Gefühle einer jungen Frau vom Land, Unschuld garantiert, die über die Liebschaft zum Gschaftlhuber-Autor Willy (Dominic West) aus Burgund nach Paris zieht, ihn heiratet, zur Autorin wird.

Der Film fängt in den 80ern des vorletzten Jahrhunderts an und erstreckt sich ins frühe 19. Jahrhundert hinein, Paris ist eine Stadt der Künstler, der Salons, des Theaters, der Literatur.

Besonders reizvoll ist es, wenn britische Könner sich der französischen Kultur annehmen, wie im Film über Die Gärtnerin von Versailles.

Colette mag unverdorben sein, verschlafen ist sie nicht, verkrampft ist sie nicht, nein, sie ist offen für Gefühle und sie hat Talent zum Schreiben. Das zeigen schon ihre Briefe an Willy, der sich wohl auch deshalb in sie verliebt. Wobei er lockere Sitten pflegt. Da wird sie schnell dahinter kommen.

In stenogrammhaft kurzen Szenen schildert Westmoreland den Lebensweg von Colette. Er hält sich nicht lange in Burgund auf. Schnell ist die Heirat. Schnell wird sie in die Pariser Gesellschaft eingeführt. Und schnell schon schreibt sie für Willy, dem der Gerichtsvollzieher ins Haus steht, den ersten Roman. Und schnell ist das ein Riesenerfolg – unter dem Autorennamen von Willy.

Sicher, es geht auch um die Emanzipation einer begabten Frau. Denn er betrügt sie. Sie lässt vieles mit sich machen. Sie lässt sich in ein großartiges Landhaus einsperren, um Nachfolgeroman um Nachfolgeroman zu schreiben. Immer unter seinem Namen.

Er ist ein gefeierter Dichter. Kann nicht mit dem Geld umgehen. Sie entdeckt ihre Liebe zu Frauen. Er lässt das zu, ja er treibts auch mit einer ihrer Geliebten.

Die Entwicklung der Beziehung – bei stetigem und steigendem Erfolg der Colette-Bücher, auch ein Theaterstück wird daraus gemacht – verschlechtert sich. Bei Missy (Denise Gough), die sie als Mann vorstellt und die immer Anzug trägt, lernt sie Pantomime. Wie trotz großem Erfolg das Landhaus gepfändet werden soll, reicht es ihr. Sie trennt sich von Willy. Sie tingelt durch die Provinz mit einem Pantomimen-Stück. Fängt wieder an zu schreiben – und schafft endlich den Durchbruch unter ihrem eigenen Namen – nachdem Colette als Romanfigur längst Kult geworden ist.

Westmorland arbeitet mit einem erstklassigen Cast, erstklassigen Gewerken auf allen Positionen, es gibt nichts zu mäkeln, perfekter kann Repertoir-Kino nicht sein – ganz die Geschichte im Fokus, gut verdaulich und nachvollziehbar zubereitet.

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Eine experimentelle Träumerei in Form einer frei nacherfundenen Biographie in 5 Kapiteln und mit einem Epilog über einen königlichen Träumer, der sich einen unversehrten Zustand von Natur und Mensch herbeisehnt nach all den Verwüstungen, die der Kolonialismus im engeren und die Herrsch- und Zerstörungssucht des Menschen im weiteren Sinne angerichtet hat und auch immer noch anrichtet; nie wurde mehr Amazonas zerstört als heute.

Der Träumer, der sich als König ohne Land und Einfluss aber mit Visionen sieht, ist ein Franzose, Orllie-Antoine de Tounens (Rodrigo Lisboa), ein Anwalt vom Lande. Er träumt davon, die indigenen Völker im Süden Lateinamerikas zu vereinen und so gegen den Kolonialismus zu schützen.

Von zwei Reisen ist die Rede. Die erste – wie auch andere Teile des Filmes – werden in Found-Footage-Manier (und fakehistorisierendem Material mit fabelhaft knirschenden Zelluloidspielen inklusiver visionärer Bilder des Königs als Wasserspender und naturmystischen Improvisationen) präsentiert, was etwas Verwegenes hat.

Die aktuelle Reise spielt 1858 abenteuerfilmhaft, der Franzose zu Pferd mit Bart und breitkrempigem Hut. Er wird begleitet vom Einheimischen Rosales (Claudio Riveros) als Führer und Pfadfinder.

Die Begegnung mit den Einheimischen verläuft zwiespältig. Denn der Chef Manil der Indigenen, der ihn eingeladen hat, ist inzwischen verstorben. So könnte es gefährlich werden. Rosales jedoch arbeitet mit der chilenischen Regierung zusammen. So wird Tounens verhaftet, in einen Kerker geführt, verhört.

Die Gerichtsszenen in dem Keller inszeniert Niles Atallah als theatralische Farce mit Masken, eine schlaglichthaft groteske Wirkung erzielend.

Der Film kann gelesen werden als fantasievoller Aufruf zum Respekt der indigenen Völker und vor der Natur. Wobei dem Visionär schier der Verstand abhanden kömmen möchte – auch das in einer eindrucksvollen Bildsequenz – angesichts all der Apokalypsen, die der Mensch auf Erden anstellt.

Und während Sie diesen Text gelesen haben, dürfte im Amazonasgebiet schon wieder die Fläche von einem Fußballfeld gerodet worden sein.

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Ein deutscher Animationsfilm, entwickelt für den Weltmarkt der Kinderfilme, der da durchaus seine Chance haben dürfte.

Das Bildwerk ist dicht – es gibt wohl auch eine Fassung in 3D – in der Regie von Christian Haas und Andrea Block, die beide bei IMDb beachtliche Credits bei den „Visual Effects“ haben, was sich als ein wichtiges Pfund für den Film erweist.

Beim Drehbuch wurden die beiden Regisseure unterstützt von Axel Melzener, der bei IMDb als Autor bei einigen Kurz- und Fernsehfilmen auftaucht.

Die Geschichte ist einfach, aber sie betrifft ein grundsätzliches Identitätsproblem. Manou ist ein Mauersegler, der aus dem Nest gefallen ist und von einem Seemöwenpaar, bei dem es mit dem Nachwuchs hapert, ersatzweise aufgezogen wird.

Die Anwesenheit von Manou hat offenbar das Elterngen der beiden aktiviert und sofort gibt es noch ein Ei. Aus diesem entschlüpft Luke, der Halbbruder von Manou. Die Verkürzungen innerhalb der Erzählungen zeigen sich darin, dass frischgeschlüpfte Vögel schon nach zwei Sekunden als erstes „Mama“ sagen. Und gleich darauf auch schon „Papa“.

Solche Verkürzungen oder Abkürzungen sind ein Hinweis darauf, dass der Film für die ganz Kleinen gedacht ist, die noch kaum in Zusammenhängen von Handlungen, deren Logik und Folgen denken. Trotzdem wird ihnen Lebensproblematik nicht vorenthalten. Aber nichts wird en Detail ausgeschlachtet. Brutalitäten, die das Leben mit sich bringt – wenn die Mauersegler um die von den Ratten gestohlenen Eier kämpfen -, werden unblutig genau so verkürzt gezeigt, slapstickhaft.

Das Identitätsproblem wird virulent beim Besuch der Flugschule. Da ist Manou der einzige Mauersegler unter lauter Möwen. Gemobbt wird er deswegen nicht. Er hat aufgrund seines anderen Konstruktionsplanes technische Probleme, die ihn ins Wasser abstürzen lassen.

Das Identitätsproblem stellt sich auch, wie die Möwen sich zu ihrem Flug entschließen. Dafür ist Manou nicht geeignet. Auch seine Flugkünste sehen anders aus, direkt lustig, wenn er versucht als Möwe zu fliegen.

Eine Solidaritätsthese findet sich auch in dem Film. Solidarität unter den Vögeln. Diese wird nötig beim Kampf gegen die Ratten als Eierdiebe und besonders in dem Moment, wo klar wird, dass die Möwen in einen Sturm hineingeraten werden; dabei haben Mauersegler die besseren Auseinandersetzungsstrategien und die besseren Sensoren und helfen so den Möwen.

Der Sturm selbst ist ein Fest für die Animateure. Die Orchestermusik schwelgt ebenfalls darin mit einem Volumen in der Art eines gewaltigen Chorales.

Es gibt auch eine komische Figur in dem Film. Das ist der Truthahn Percy. Der spricht in der deutschen (fürs Ohr weniger attraktiven, provinzielleren) Variante ein Truthahnschwäbisch, vermutlich als Verneigung vor dem Sponsor Stadtsparkaße Waiblingen. Der kann sich rechtzeitig vorm Metzger in der Stadt befreien. Der ist deshalb auch von der Solidarität unter den Vögeln überzeugt, die ihm helfen. Er watschelt durch die Szenerie mit einer durchgetrennten Fußkette, die noch um einen seiner Sporne befestigt ist.

Die englische Sprecherspur mit Stimmen von Weltstars wie Kate Winslet und Willem Dafoe bestätigt den künstlerischen Anspruch des Filmes.

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Kein Vorbild.

Bestens in Erinnerung von Gerald Salmina ist der Film Streif: One Hell of a Ride. Das war eine aufregende Montage von Dokmaterial und Nachfragen.

Jetzt hat sich Salmina für das Porträt des Extrembergesteigers Hans Kammerlander für einen anderes Modell von Kinofilm entschieden. Kammerlander steht im Heute in der Sprecherkabine eines Tonstudios, vor ihm zwei formschöne, hochprofessionelle Mikros. In diese hinein erzählt er aus seinem Leben.

Salmina hat dazu nachillustrierende Szenen gedreht und schneidet die dazwischen. Das schildert das Leben der Bergbauernbuben Hans, der zuhause mit anpacken muss. Man sieht ihn mit Vater, Mutter und Geschwistern bei der Heuernte an steilen Abhängen, beim Melken oder beim Abransport von gefällten Baumstämmen.

Man sieht seine erste Begegnung mit Bergwanderern, die ihn nach dem Weg fragen. Er schleicht ihnen nach. Es folgt eine süße Gipfelszene, wie das Paar ihn entdeckt und ihm einen Apfel anbietet.

Er schildert, wie ihn sein älterer Bruder das erste Mal auf eine Klettertour mitnimmt und dass er bald die ganzen Gipfel der Umgebung erklimmt – und entdeckt, dass die Welt dahinter noch nicht zu Ende ist.

Es folgt die Begegnung mit Reinhold Messner, es folgen berühmte 8-Tausender, all die Sensationserfolge, die er und mit dem Doppelachtausender zusammen mit Meßner geschafft hat. Auch von diesen Geschichten werden Szenen nachgestellt und gespielt, Biwak-Szenen, Halluzinationsszenen, Umkehr-Szenen, Am-Ende-der-Kräfte-Szenen, Absturz-Szenen, Szenen, die an toten Kletterern vorbeiführen, Szenen, in denen er gleich beide Begleiter verliert – und die Werbepickerl auf den Ausrüstungen immer fett im Bild.

Es werden, da wird es schwierig, Szenen nachgestellt, in denen Menschen vom Tod ihrer Geliebten erfahren, weil sie Opfer ihrer Bergleidenschaft geworden sind. Nach einem Statement von Kammerlander ist die Todesrate in seiner Kletterkategorie extrem hoch, weil zum Können und zur Ausdauer immer auch das Glück mitspielen muss.

Durch diese Art des Zusammenschnittes von Tonstudio und Nachillustrationsszenen wirkt der Film allerdings länglich und bemüht, das dürfte den Publikumskreis auf eingefleischte Bergfexe und Extremklettereibewunderer einschränken. Diesen Eindruck kann auch der Versuch mit wilden Effekten-Montagen dazwischen nicht beseitigen.

Auch die planlos dazwischen geschnittenen Drohnenaufnahmen tragen wenig zur Spannung bei. Noch beruhigender wirkt die wie eine Borte in einer Stickerei immer wieder dazwischen montierte Arbeit von tibetanischen Mönchen an der Herstellung eines Quadratmeter großen Weltenrades mittels filigranen Streuens bunter Körnchen. Das verlängert den Film deutlich. Am Schluss wird dieses Weltrad auch noch, als sei nichts gewesen, weggewischt. Erschwerend kommt hinzu, dass Kammermeier wegen einer Alkoholfahrt im Auto mit Todesfolge kein Vorbild sein kann.

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Liebesgeschichte in der Schlangengrube.

Die innersten, intimsten Räumlichkeiten der Macht als Schlangengrube.

Halt – die heiligen Tiere dort sind Kaninchen. Jede Menge. Sie werden von der britischen Königin Anne (Olivia Colman), die so hübsch ist „wie ein Dachs“, in ihrem Schlaf- und gerne auch Regierungsgemach in Käfigen gehalten, die aussehen wie Kanarienvogelkäfige, nur komplizierter und voluminöser. Am liebsten setzt sich die Königin auf den Boden und spielt mit ihnen und einer Hofdame.

Lady Sarah (Rachel Weisz), ist ihr Hofhund, ihre Hofschlange, wie immer man es sehen will, an ihr kommt keiner vorbei. Sie will in die große Politik hineinspielen. Anne ist zudem schwer an Gicht leidend – das Verhältnis zu Sarah ist mehr als förmlich und höflich. Sollte zwischen die beiden eine weitere Frau Zugang zu diesem intimsten Gemach erhalten, drohen die Auseinandersetzungen, die gerne mit Schlangengrube bezeichnet werden.

Politisch befindet sich Britannien im Krieg mit Frankreich, wir befinden uns irgendwo im schönen Kutschenalter des 18. Jahrhunderts. Der Krieg ist teuer und die Fraktion von Sarah möchte unbedingt am Krieg festhalten und diesen mit neuen Steuern finanzieren.

Das Volk fängt an, dagegen zu rebellieren. In dieser Situation schafft es tatsächlich eine junge Frau, eine gestürzte Adelige, Abigail (Emma Stone), bis in diese intimsten Gemächer vorzudringen. Wodurch das Drama seinen unaufhaltsamen Lauf nehmen wird.

Yorgos Lanthimos (The Killing of a Sacred Deer, The Lobster – eine unkonventionelle Liebesgeschichte) fädelt die Story nach dem Drehbuch von Deobrah Davis und Tony McNamara etwas anders auf.

Sein erstes Schlaglicht auf die Verhältnisse wirft er in der Art eines intellektuellen Analytikers, der die menschliche Kälte an diese Hof in knappen scharfen Dialogen aufleuchten lässt. Als Gegensatz dazu hat er ein Schloss gewählt, das wie die maximale Kombination und Anhäufung von Protz und Luxusaustattung eines Sonnen-Sonnenkönigs aufweist.

Dies und die darin agierenden Menschen präsentiert er am liebsten mit einer Weitwinkelkamera, die den Umständen dadurch a priori eine gewisse Schiefheit verpasst.

Auch die Einführung von Abigail passiert schroff. Sie ist auf dem Weg zum königlichen Schloss, wird aber kurz vorher brutal aus der Kutsche geworfen und landet im Dreck. Entsprechend ist das erste Kapitel überschrieben. So dreckig wie sie ist, stellt sie sich am Hofe vor und bekommt eine Dienstmädchenstelle, obwohl sie eine geborene Adelige ist.

Für Abigail ist der Schlüssel zum Zugang in die Intimgemächer das Peleatis-Kraut, das der Königin Linderung von ihren Gicht-Schmerzen am Bein bringt. Die Suche nach diesem Kraut ermöglicht ein Schäferstündchen mit einem jungen Höfling, das mitunter recht heftig und mit Ohrfeigen vonstatten geht. Womit die Ausgangslage für die abzuarbeitenden Intrigen bereits skizziert ist.

Je mehr Lanthimos sich allerdings darauf einlässt, desto mehr entsteht ein Gewöhnungseffekt an dieses anfangs so brisant geschilderte Hofleben, verwandelt sich die anfängliche Frische eines Brisanzfilmes in die wohlige Häuslichkeit eines Kostümfilmes, dessen brillanter Cast aber die Spannung aufrechterhält.

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Brühwarm aus dem Nähkästchen.

Dies scheint eine Saison zu sein, mit Filmen über verschwiegene Autorinnen. Collette, Poesie der Liebe – Mr & Mme Adelman, Mary Shelley und als Kontrastprogramm die Fakeschriftstellerin Lee mit Melissa McCarthy.

Den Filmen gemeinsam ist, dass sie Frauenemanzipationsfilme sind, dass den Autorinnen Autorenschaft nicht zugetraut wird, dass sie im Hintergrund für ihre Männer schreiben, die mit den Texten den Ruhm einheimsen.

Das Outing der Autorinnen geht verschiedene Weg. Mit einem Knall macht sich Mary Shelley als Autorin von Frankenstein bekannt. Colette erst spät, wie sie die Nase von ihrem Willy voll hat. Frau Adelman nutzt die heuchlerischen Abdankungsfeierlichkeiten für ihren berühmten Autorenmann, um in einem Zimmer abseits einem Journalisten die Story zu offenbaren.

Joan Castleman (Glenn Close) macht es hier am Verdrucktesten, sie streitet es dem neugierigen Journalisten Nathaniel Bone (Christian Slater) gegenüber bis auf Blut ab.

Bone kontaktiert das Ehepaar bei seinem Flug in der Concorde (das ist 1992) über dem Atlantik. Joe Castleman (Jonathan Pryce) soll in Stockholm den Literatur-Nobelpreis entgegennehmen für sein Werk, das die Kunst des Romans wegweisend weitergebracht habe.

Der Film in der Regie von Björn Runge nach dem Drehbuch von Jane Anderson nach dem Roman von Meg Wolitzer gibt von der ersten Szene an zu verstehen, dass ihn das Intime, das Häusliche der literarischen Berühmtheit interessiert.

Er fängt mit einer Bettszene des betagten Ehepaares an. Das Telefon klingelt und stellt den Draht zur großen literarischen Welt her, zum Nobelkomitee. Er bleibt wie ein Klatschreporter am Ehepaar dran, berichtet von der privaten Feier, von den Aufregungen.

In Rückblenden, die 1958 anfangen (Professor und Studentin), wird die Geschichte, noch verschwiegen, stückweise erzählt. Auch dass er ein fröhlicher Frauenjäger war, wird nur angedeutet.

Der Film bleibt immer in Atemnähe der Protatgonisten, die Limousine, der Rummel, die Proben für die Übergabe des Preises, die Zeremonie.

Der Kriminalfall an der Geschichte und wie Joan ihn vertuscht sind nur Einsprengsel. Vielmehr scheint der Film auf Frauen zu zielen, die gerne die Regenbogenpresse studieren, die sich in ein feines Milieu hineinfühlen wollen.

Ein Grund für den Film scheint außerdem der gewesen zu sein, für Glenn Close eine sympathieheischende Hauptrolle zu finden. Das wird, je älter Schauspielerinnen werden, für diese immer schwieriger. Das deckt sich mit dem Film von Julia Roberts und dem Drogensohn (Ben is Back). Das Kino auf Homestory-Abwegen.

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