Archiv für 26. Dezember 2018

Die Kunst des Nichtfilmens.

Filme drehen in Iran ist vielleicht kein Ding der Unmöglichkeit, aber ein Ding unter allerschwersten Bedingungen. Deshalb hat Jafar Panahi seinen letzten Film einzig in einer Taxe gedreht, die durch Teheran gefahren ist, Taxi Teheran.

Jetzt treibt er es noch ein Stück weiter und zeigt, dass er eigentlich gar nicht filmen kann, also nicht dazukommt oder nicht die Möglichkeit hat.

Er berichtet, als sei es eine Doku, über einen Filmregissuer, der zwar ein Drehbuch über Selbstmord in Arbeit hat, der aber gerade keinen Film dreht, sondern sich mit einer suizidgefährdeten jungen Frau beschäftigt, die Schauspielerin werden möchte. Den Regisseur spielt er selbst. Er ist mit der Schauspielerin Behnaz Jafari, die sich krank und unglücklich fühlt, und die Gestörtheit einer Schauspielerin prima rüberbringt, unterwegs ins Landesinnere.

Eigentlich müsste die Jafari, die eine berühmte Schauspielerin ist, auch an einem Dreh-Set sein. Den beiden ist das Video von Marziyeh Rezaei zugespielt worden. Das zeigt Panahi am Anfang des Filmes. Und genau die Fragen, die sich der Zuschauer beim Anschauen stellt: hat sie das selber gedreht oder ist es ein professionelles Video und ist da an einer bestimmten Stelle nicht ein Schnitt drin, werden später im Film verhandelt.

Allerdings ist Marziyeh verschwunden. Eine Spur zu ihr könnte Maedeh Erteghaei geben (der Regisseur und die drei Frauen firmieren bei IMDb alle als „Himself“ oder „Herself“). Aus diesem Nichtfilm macht Panahi allerdings einen wunderbaren Film, beweist seine weiche, klare Erzählkunst, die vor allem vom Leben im Iran erzählt, auch von der Macht des Fernsehens bis in entlegene Zipfel hinaus, denn die Jafari wird immer wieder auf ihre Serienrolle angesprochen und die Menschen wollen wissen, wie es mit ihr weitergehe, „bekannte Frau Athene, wie geht die Serie aus?“.

Es gibt dazu die lakonische Antwort, wie in jeder Serie, jemand werde sterben etc.. Mit einfachsten Mitteln und unter Ausnutzung natürlicher Lichtquellen oder der Sonne zaubert Panahi verführerisches Erzählkino auf die Leinwand.

Mich erinnert Panahi vom Typ her, der alles selber macht und ohne große Unterstützung auskommt, an den afghanischen Filmer Salim Shaheen (Meister der Träume – Le Prince de Nothingwood) oder auch an den Deutschen Zoltan Paul (Breakdown in Tokyo – Ein Vater dreht durch).

Es ist ein Road-Movie „nah am Abgrund“, wie immer man so einen Satz interpretieren möchte. Es kommt von Schauspielerinnen die „Wut auf Regisseure“ vor – oder der Regisseur versinkt in ein Dösen. Das Ritual um eine abgeschnittene Vorhaut ist ein kleiner, eigener Geschichtsstrang oder das Hupsignal an nicht zu sehende, entgegenkommende Fahrzeuge auf einer eng-kurvigen Bergstraße spielt eine (schön symbolische) Rolle.

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