Archiv für 20. Dezember 2018

Im Kino: Anknüpfen an einen großen Kinoerfolg, die Geschichte eines gestohlenen Literatur-Erfolges, eine indische Herr/Haushälterin-Romanze und die drehbuchlastige Geschichte eines Erbzwistes. Auf DVD macht eine junge, aktive Holländerin eine rigorose Muslima-Reise in den Nahen Osten. Das Fernsehen zeigte einen wichtigen Film über Taiwan und verabschiedete sich von einem hochgradig neurotischen Kommissar, brachte eine Wühltischsendung über „Stille Nacht“ und stellte ein braves Imagefilmchen für einen Zirkus her.

Kino
MARY POPPIN’S RÜCKKEHR
Immer Neues lernen: nicht nur mit dem Schirm, jetzt auch mit dem Drachen fliegen!

DIE POESIE DER LIEBE – MR & MME ADELMAN
Von Poesie ist in diesem Verhältnis nicht viel übrig geblieben – sie schreibt, er reklamiert den Erfolg für sich.

DIE SCHNEIDERIN DER TRÄUME
Die intime Gefühlsgemengelage zum Hausherrn wirkt sich auf die Inderin emanzipativ aus.

AQUAMAN
Alles doch nur ein elementares Missverständnis?

TROUBLE
Wegen Buchfokussierung der Regisseurin bleibt die Schauspielerführung außen vor – trotz gestandener Darsteller mit viel Erfahrung, wirken sie bisweilen laienhaft.

DVD
LAYLA M.
Eine emanzipierte Muslima in Nahost, die in Holland Linienrichterin beim Männerfußball war, geht das?

METAL POLITICS TAIWAN
Beitrag zur Identitätsfindung in Taiwan.

TV
POLIZEIRUF 110: TATORTE
Und keiner weint dem Kommissar eine Träne nach.

STILLE NACHT – EIN LIED FÜR DIE WELT
Billigst-Verschnitt für den doofen Fernsehzuschauer.

LEBENSLINIEN – DIE ZIRKUS-ERBIN
Sie liebt Pferde ohne Zweifel und Elefanten. Aber ob im Zirkus artgerechte Haltung möglich ist? Das fragt der BR-Film lieber nicht.

Comments Kein Kommentar »

Großer, klassischer Konfliktstoff als Storygerüst. Königin Atlanna (Nicole Kidman) von Atlantis zeugt mit einem redlichen Leuchtturmwärter aus Maine den Bastard Arthur (Jason Momoa). Er ist somit eine Mischung aus Gottheit und Mensch. Halbgott Arthur lernt als Junge die Techniken des Aquamans, am wichtigsten dabei ist der Umgang mit dem mythischen Dreizack. Seine Mutter verschwindet früh aus seinem Leben.

Arthurs zwei Hauptprobleme in diesem Film von James Wan nach dem Drehbuch von David Leslie Johnson-McGoldrick und Will Beall sind der Kampf mit dem legitimen Halbbruder und König Orm (Patrick Wilson). Der ist ein im Gesicht stahlharter und glattgekämmter Typ auf der Seite der Unsympathen, während Arthur seine Naturburschenhaftigkeit und sein physiologisches Heldentum noch mit Tattoos über und über hervorhebt. Sein Haar ist wild.

Auf dem Weg zum Endkampf zwischen den beiden gibt es verschiedene Zwischen- und Seitenstränge der Geschichte, Neben- und Übungsheldentaten, weitere Unterwasserreiche, U-Boot-Kaperung und ein meiner Meinung nach überflüssiges Extempore in die Sahara und nach Sizilien. Das durchbricht die dominierende martiale Seepferdchen-Ästhetik, die in schönstem und gekonntestem Hollywood-Kitsch auf die Leinwand gemalt wird, und die nichts an Effekten, was das Wasser mit allem Drum und Dran bietet, auslässt bis zum versunkenen Atlantis, was den Gegensatz zum Küstenleben in Maine mit dem Leuchtturm markant macht.

Das Aquarium von Boston muss für eine signifikante Szene herhalten, in der der angehende Aquaman als Bub mit einem wild gewordenen Hai kommuniziert, der außer Rand und Band an die Glaswände anschwimmt.

Speziell die Exposition wirkt wohldosiert und dem Comic-Erzählduktus angemessen. Später vertüdelt sich die Story, siehe Sahara und Sizilien, und kann dann wieder nicht genug kriegen von den aufregenden Unterwasser-Leinwandfantasiewelten.

Das Prinzip von Superheldengeschichten erfüllt der Film spielend, diesen ewigen, nicht enden wollenden spektakulären Kämpfe um Oberwasser und die Anerkennung, worin sich wohl die meisten Menschen im Lebenskampf erkennen können, der hier glorios abgeht.

Der Spiegel eines Lebens, in dem mit harten Bandagen gekämpft wird, vom Mobbing über Schikanen, arschlochige Chefs, immer höherer Leistungsdruck: da sind Bilder von tobender See, von explosionsgefährlichen Geschossen, von Titanenkämpfen, von Niederschlag und Wiederaufstehen, vom freien Fall gerade das richtige Gegengewicht.

Zudem die Faszination der Kampfarena im Sport und andererseits im Superheldenblockbuster als Kompensation für den gefühlten Kampf auf Leben und Tod im Berufs-Alltag. Dazwischen die Sehnsucht nach der Mutter oder eine Megakrake als Trommler.

Das Licht fügt dem Ganzen einen leicht religiösen Touch hinzu (Wink mit dem Erlösungsglauben).

Der scheinbar unversöhnliche Bruderkampf wird eingeebnet mit Mutters Satz zum legitimen Erben „You have been misguided“ und „Arthur saved me“. Soll das Publikum bittschön nicht auf sich münzen – der Existenzkampf alles nur ein Missverständnis?

Comments Kein Kommentar »

Stürzt Euch in Schale,

kleidet Euch festlich für diesen erfrischend-traditionellen Kinobesuch, der alles erfüllt, was ein Musical- oder ein Theaterbesuch einem bieten können, mit dem feinen Unterschied, dass das Geschehen auf die Leinwand projiziert wird.

Das Thema ist zudem brandaktuell: der Verlust der Wohnung steht in unserer Zeit der sich täglich mehr erhitzenden Immobilien- und Mietpreise für viele Menschen bedrohlich bevor.

Die Familie Banks ist mit ihren drei Kindern kurz vorm Rauswurf aus ihrem Londoner Haus. Sie müssen innert einer Woche das Geld für nicht bezahlte Mieten aufbringen oder den Beweis, dass sie im Besitz von Anteilen an der pfändenden Bank sind. Denn Michaels (Ben Wishaw) Vater war Mitbesitzer.

Michael sucht krampfhaft nach diesen Papieren. Unterstützt wird er von seiner Schwester Jane (Emily Mortimer). In die Aufregung hinein bringen die Kinder vom Spielen mit einem alten löchrigen Drachen eine Überraschung mit nach Hause: mit dem Drachen steigt Mary Poppins (die perfekte Emily Blunt) vom Himmel. Sie kehrt zurück. Denn sie war schon das Kindermädchen von Michael und Jane.

Die einführende Figur ist der Laternenanzünder (am Abend) und Laternenauslöscher (am Morgen) Jack (Lin Manuel Miranda). Der ist mit dem Rad und einer Leiter durch das trübe London von 1930 unterwegs.

Aufhellend wirkt da die Erscheinung von Mary. Die führt die drei Kinder von Jack und damit die Zuschauer in bunt-magische Welten, unterhaltsam und lebensbejahend, nie aggressiv, oft singend und tanzend, wie die Welt des Musicals ist.

Wie eine chinesische Vase mit einer Kutsche drauf zu Bruch geht, mit welch fantastischer Story die wieder repariert wird und welch magischer Ausflug damit verbunden ist! Dieser Ausflug ist auch ein Ausflug in das Genre des Animationsfilmes, wird so zur Re-Animation einer chinesischen Vase.

Regisseur Rob Marshall (Into the Woods) besinnt sich nach dem Drehbuch von David Magee (Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger) auf die Urmusical-Qualitäten: Frische des Gesangs, Glaubwürdigkeit von Tanzeinlagen, die teils ins Akrobatische gehen, wohldosiert die Computeranimation und herrlich unbeschwerte Bilder, die keine allzu komplizierten Filmtricks sind, wenn am Schluss die Mannschaft an Luftballons in die Höhe schwebt.

Davor hat Meryl Streep als skurrile Topsy bestens unterhalten und die Lampenanzünder haben mit ihren Fahrrädern halsbrecherische Nummern durch London aufgeführt bis zu zirkusreifer Artistik, wenn sie die Turmuhr des Big Ben erklettern, weil zum Erreichen des glücklichen Finales noch ein paar Minuten fehlen.

Es dominiert das exzellente Performer-Handwerk über die Tricksereien am Computer, das macht die Sache quicklebendig-munter. Hier soll keiner mäkeln nach dem Motto von Mary Poppins „Don’t spoil it with too many questions“.

Comments Kein Kommentar »

Ihren Fokus legt Autorin und Regisseurin Theresa Rebeck ganz auf die Geschichte. Es geht um eine Urfamiliengeschichte, einen Erbschaftskonflikt.

Ausgangslage ist das Familienglück, als die Erben noch Kinder waren. Dieses Glück wird in herzlichen Farben, nah an Blumen und den Protagonisten im Garten des Hauses der Familie in den Wäldern an der amerikanischen Ostküste immer wieder eingeblendet in einem Format, das an Super-8-Filme erinnert.

Sie pflanzen Blumen, setzen Blumen in die Erde, alle ganz nah beieinander, Papa, Mama, die beiden Geschwister. Bilder reinen Glücks. Mit einer solchen Szene fängt die Filmemacherin an.

Die nächste Szene, das kann sich der Zuschauer schnell an den Fingern abzählen, ist einige Jahrzehnte später. Das Mädchen von damals ist jetzt eine gestandene Frau, Maggie (Anjelica Houston). Sie wohnt in eben dem Haus ihrer Eltern in dem Waldstück.

Auf einer Wiese etwas entfernt ist ein Mann, es ist, stellt sich bald schon heraus, ihr Bruder, Ben (Bill Pullman). Er ist dabei, mit einem kleinen Bagger, Löcher in eine Lichtung zu graben (er behauptet, damit einen Steuervorteil zu erlangen).

Das ist der Grundkonflikt. Sie behauptet, sie habe das ganze Grundstück geerbt. Er behauptet, es gehöre ihm. Er wohnt abgerissen in einer Waldlichtung in einem Wohnwagen. Er hat auch ein Papier vorzuweisen, was ihm angeblich den Besitz attestiert.

Theresa Rebeck hat weitere Figuren zur Entwicklung, Verwicklung, Steigerung und schließlich auch Lösung des Konfliktes eingebaut. Der quasi weise Hausfreund Gerry (David Morse), Rachel (Julia Stiles), die mit Curt (Jim Parrack) befreundet ist und der eine bestimmte Beziehung zu Ben hat. Ein Polizist spielt mit, Anwälte und weitere zugewandte Orte. Man kennt sich.

Einmal taucht in einem Amtsstubenschild der Name Peterborough auf; das könnte ein Hinweis auf das Peterborough sein, das Vorbild für „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder war. Die Landschaft passt jedenfalls gut dazu.

Die Message, die Theresa Rebeck transportiert, ist die, dass man nur miteinander reden müsse, dass man von seinen Vorurteilen runterkommen müsse, dass man das frühe Familienglück nicht vergessen soll, dass es also möglich sei, wieder Frieden zu schließen in der Familie.

Die Entwicklung des Konfliktes und wie die einzelnen Figuren ihn mit jeder Szene ein Stück weitertreiben, das ist Rebecks Hauptaugenmerk. Dabei hat sie die Schauspieler, gestandene Profis, an der langen Leine gelassen. Das führt zu interessanten private Activities, wobei nicht immer klar ist, wie weit es schauspielerische oder Rollenverlegenheit ist, wenn sie mal wieder vor einem Konflikt stehen.

Der Film scheint eine recht billige Produktion zu sein; mir kommt er mehr vor wie ein Storyboard, was nicht die Ausgestaltung oder die Performance interessiert, sondern konsequent nur der Fortgang der Geschichte über die konfliktrelevanten Dialoge.

Comments Kein Kommentar »

Konversationsstück als Stenogramm einer Autorenbiographie und des Einflusses der Liebe darauf; wo lebt der Autor mehr, in der Literatur oder im Leben?

Auch hier im Film wird diese Verwicklung gespiegelt. Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Nicolas Bedos hat mit seiner Protagonistin Doria Tiller auch das Drehbuch geschrieben.

Im Film spielen die beiden den Erfolgsautor Victor de Richemont genannt Adelman und Sarah Adelman.

Unter dem Pseudonym Adelman wird er erfolgreich. Er gibt sich eine jüdische Biographie, verschweigt seinen französischen Reichen-Hintergrund aus großbürgerlichem Milieu. Das Adelmanpseudonym nimmt er von seiner Frau und integriert da hinein gleich ein Stück ihrer Geschichte.

Wie sie überhaupt in sein Werk eingreift, indem sie schon nach der ersten Nacht, die sie mit ihm verbringt, anfängt seine Manuskripte durchzulesen, zu korrigieren und zu kritisieren. Wobei die Nacht bei seinem Alkoholkonsum und seiner Ermattung alles andere als eine Liebesnacht war. Aber Sarah hat sich vorgenommen, sich den Typen zu krallen.

Es sind die 70er Jahre, da war einiges möglich; sie muss zu augenfälligen Mitteln greifen, um den Literaten aus seiner literarischen Welt herauszulotsen.

Die Beziehung fängt in den 70ern an und erzählt in raschem Takt und unter 11 Kapiteln subsumiert (von „Strategie des Zufalls“ über „Justierungen“, „das Geheimnis des Erfolges“, „Das Geld“, „Ein Neuer Anfang“ bis zum Epilog) von der irren Fallhöhe der größten Lust bis zur Verödung, von Riesenerfolg, Misserfolg, Kinderglück und Kinderpech, Trennung und erneuter Annäherung.

Den Rahmen bildet die Trauerfeier für Adelman. Dass die Erzählattitüde nicht todernst ist, sondern eher salopp im Künstlerleben, im Kulturleben rumtobt, geben schon die Titel seiner drei in der Trauerfeier erwähnten Meisterwerke zu verstehen: „Die bedrückende Stadt“, „Der Bärendurst“, „Die Windmühlen der Stille“.

Tiller-Bedos packen rein, was rein geht in so eine Vita: den Psychiater, den Victor regelmäßig aufsucht, den zurückgebliebenen Sohn, das Inzestverhältnis vom Vater zur Tochter Melanie, die jüdischen Schwiegereltern, sein großbürgerlicher Background, den Ruhm, die sinnlose Geldrausschmeißerei, das Aufplustern des Haushaltes mit Personal und Hunden, das Auseinanderleben des Ehepaares, künstlerischer Misserfolg, Depression, Trennung, Professur, anhimmelnde Studentinnen, Wiederannäherung und schließlich Demenz bis zu einem merkwürdigen Tod von Victor in Etretat, wo die Falaises ganz hoch sind.

So ein Tod, gibt der Trauergemeinde Rätsel auf und Anlass zu Spekulationen. Aus dem Traueressen heraus nähert sich der Journalist Antoine Grillot (Antoine Gouy) der Witwe. Er sei dabei, ein Buch über den berühmten Schrifsteller zu schreiben. Davon gebe es doch schon genug, meint die Witwe, nutzt aber die Chance, sich von der falschen Trauergemeinde zu entfernen und in der Bibliothek ausführlich – quasi ehrlich und offen – ihre Sicht der und ihre Verwicklung in die Geschichte zu erzählen. Das sind die Rückblenden.

Vorher noch drückt sie ihre Zigarette auf dem sündteuren Schreibtisch aus, einem ganz besonderen Exemplar, das Viktor nie geschätzt habe. Einen deutlicheren Kontrast zum deutschen Verleihtitel „Poesie der Liebe“ könnte es kaum geben, denn dass er ironisch gemeint ist, das sieht man ihm nun wirklich nicht an. Der französische Originaltitel behauptet trocken, von Herrn und Frau Adelman zu erzählen.

Comments Kein Kommentar »