Archiv für 16. Dezember 2018

Meuffels und die Frauen.

Für seinen letzten Fall will Meuffels (Matthias Brandt) nochmal seine sämtlichen Neurosen auffahren.

Dabei wird einiges deutlich. Zum Beispiel, dass er vielleicht besser mit einer einzigen Neurose gefahren wäre, die er hier im Ansatz bei der ersten Autofahrt anbietet: Fingernägelkauen – als Blitzableiter und Kondensator für seine sämtlichen Zwangsneurosen. Damit hätte er sich viel wirre Grimastik, Lippenpressen und Gesichtszuckungen erspart. Das hätte auch für den Zuschauer schmerzhaft werden können. Und seine Wirkung somit tiefer, weniger beliebig.

Noch mehr wird sein gestörtes Verhältnis zu Frauen deutlich. Und zwar scheint deren irritierende Wirkung auf ihn umgekehrt proportional zur Länge seiner Begegnung mit ihnen zu sein: je kürzer der Kontakt mit einer Frau ist, desto mürrischer macht es ihn, desto mehr scheint diese auf ihn wie ein Allergikum zu wirken. Mit seiner Kollegin Constanze (Barbara Auer) da geht das so, die kennen sich lang genug; eine schwere Nervenprüfung wird die Begegnung mit der von Constanze ausgebildeten (dazu weiter unten mehr) Nadja (Maryam Zaree), noch schlimmer wird es, wenn er es mit der Therapeutin Stindl (Bettina Mittendorfer) zu tun bekommt, aber zu einem Existenzproblem wird für ihn die Begegnung mit seiner Nachbarin Frau Wegner (Gabriele Kastner), die ihn beim Musikhören stört, da scheint sein Weltbild in den Grundfesten erschüttert.

Männern dagegen begegnet er, als seien sie Wesen von einem anderen Planeten. Das erzählt die komische Gestikszene durchs Schaufenster mit Lichtinger, der versucht ein Dampfbügeleisen aus dem Fenster zu angeln oder die Reaktion auf den Polizisten, der ihm im Krankenhaus über einen Vorfall im Zimmer des verdächtigen Vaters berichtet. Wie er beim Rausgehen diesem Polizisten gegenüber steht, hm, vielleicht ist die Stummfilmszene am Schluss des Filmes ein Hinweis auf die Plausbilität? Das sind möglicherweise Punkte, die nicht alle nur der Freiwilligkeit entspringen.

Abgesehen davon trifft Christian Petzold unter der fördernden Hand der BR-Redakteurin Cornelia Ackers in diesem seinem Film einige für ein Serienprodukt wie den Polizeiruf mit immer stressiger werdenden Produktionsbedingungen kluge Entscheidungen.

Er beschränkt sich auf einen einzigen Fall, brutal genug, der wird gleich eingangs geschildert; eine Mutter fährt mit ihrem 7-jährigen Kind auf einen Parkplatz, um jemanden zu treffen. Dabei wird sie erschossen, das Kind, das Zeuge der Tat ist, entkommt. Brutal genug. Petzold braucht nicht 20 Fälle von Kindsmissbrauch, wie neulich der Tatort.

Ferner spart er enorm viel Bühnenaufbau-, Absperr-, Einleuchtzeit, indem er häufig Dialoge im fahrenden Auto spielen lässt. Dadurch gewinnt er Zeit, die er für die Arbeit mit den Schauspielern und an den Dialogen nutzt; weshalb die Schauspieler bei ihm immer gut kommen; für den Schauspieler wiederum ist es eine Auszeichnung, mit Petzold arbeiten zu dürfen.

Zudem gewinnt Petzold Zeit, um gewisse Befunde – doppelt und dreifach genäht hält besser – gleich mehrfach zu beschreiben, zu erläutern, wie das Nachreflektieren der Tat, und dass doch ein Vater, der um das Sorgerecht für das Kind streitet, dieses sicher nicht töten würde. Oder zum Erklären des Fotos aus dem Swingerclub (etwas sogenannt Abartiges gehört offenbar zur gepflegt bürgerlichen Sonntagabendunterhaltung).

So kann Petzold ungewöhnlichere Locations aufbauen oder mieten wie das Tatortstudio, das Konstanze in Nürnberg für ihre Polizistenlehrgänge betreibt, oder für den Besuch im Swingerclub, der durch das Foto und dessen Beschreibung gut vorbereitet ist.

Außerdem gewinnt Petzold Zeit für sprachliche Spielereien in den Dialogen um Wörter wie ‚ergo‘, ‚quasi‘ oder ‚übergriffig‘ sowie für quasikritische Seitenhiebe aufs Fernsehen, die zahnlos bleiben. Zu den sprachlichen Spielereien gehört auch der Titel des Polizeirufes: „Polizeiruf 110: Tatorte“. Mit einer Verschiebung des Atmers oder des Doppelpunktes, kann daraus werden „Polizeiruf: 110 Tatorte“. Das ist nun ganz und gar nicht abwegig, wie überlastet die Tatorte in letzter Zeit oft sind – und wie dünn dadurch die Geschichten; da ist Petzold meilenweit voraus.

Trotzdem bleibt ihm noch genügend Zeit für die gezielte Einblendung des BMW-Logos am Lenkrad beim Händereinigen auf der Rückfahrt vom Swingerclub – eine vermutlich sogar verabredete, gleichzeitig aber unerlaubte Produktwerbung in den Öffentlich-Rechtlichen.

Mit dem Drehort Autokino kann Petzold uns seine eigentliche Liebe gestehen, derentwegen er hier zum Serienarbeiter wird.

Dank Petzold ist also ein ganz erträgliches Schauen möglich. Was aber will der Film uns erzählen? Dass Petzold ein toller Regisseur ist? Dass er aus einem Serienprodukt ein Maximum an Filmqualität rausholt? Das auf jeden Fall. Dass es höchste Zeit war für Meuffels, abzudanken? Zweifellos auch, denn vor lauter Neurosen lässt er seine neue Kollegin ins Gewehrfeuer laufen. Eine neckische Selbsterkenntnis.

Dass Sorgerechtsstreitereien bis aufs Blut gehen können? Gut, das ist nicht neu. Dass Petzold das eindimensionale Tatort-System des Fernsehens mit seiner Tatort-Schule zu durchbrechen vermag? Kann glaubwürdig bejaht werden. Dass Petzold das Kino liebt und die klassische Musik, das Grammophon und den Stummfilm? Keine Einwand nötig. Dass das öffentlich-rechtliche Zwangsgebührenfernsehen einem der sicher begabtesten Kinomenschen im Lande die Chance auf Fingerübungen gibt? Das ist offensichtlich, drängt aber die Gegenfrage auf, warum das Fernsehen ihm dieses Geld nicht gleich für einen gscheiten Kinofilm gibt, sondern ihn zur Fließbandarbeit an einer Serie verdonnert?

Erstaunlich schnelle Arbeit der Polizei; kaum kehrt Meuffels vom Tatort zurück, hat die Polizei schon eine ganze Wand voll mit Karten, Plänen, Vermutungen, Skizzen, Ausdrucke aus dem Internet, Farbfotovergrößerungen – potzblitz!

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Freiheitsverlust.

Von der emanzipierten Linierrichterin beim Männerfußball in Holland zur gläubigen Muslima in den Fängen eins Dschihadisten im Nahen Osten. Siehe Review von stefe.

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