Acid in die Augen.

Das Leben greifen wollen und zur Erkenntnis kommen, dass das Sterben außergewöhnlich sei, eine Schlussfolgerung, die einem nur nach dem enthemmtesten Exzess einfallen kann, nach einer Spielfilmlänge Erfahrung, dass das Leben eine kollektive Unmöglichkeit sei.

Das Kollektiv, das Gaspar Noé (Love) in seinem neuen Film meint, ist eine Tanzgruppe.

Er schickt einen kaum wahrnehmbaren Tod im Eis voraus, der vielleicht verschwommensten aller möglichen Existenzwahrnehmungen an deren Rändern. Nach dem Tod folgt der Abspann. Dabei ist der Film noch ganz jung.

Könnte Studentenulklogik sein, genau so wie die Idee, die Titel mitten in den Film reinzuschneiden – spielt bei einer Lebensphilosophie, die sich vor Leben betrinken möchte, die sich Acid in die Augen träufeln möchte, keine Rolle.

Das Kollektiv, der Exzess, der Rausch, die Körper, das fasziniert Noé mit Naturgewalt und so lässt er sie über die Leinwand wie mit dem Hozhammer donnern, dem Zuschauer eine einzige Ekstase einbläuend.

Kino als Ersatz für ein Rauscherlebnis, zuschauen, wie andere sich immer mehr in den Extremzustand versetzen, bis sie nicht mehr können, bis sie nur noch wie Todesbilder ihrer selbst am Boden, in Ecken und in Kammern liegen.

Vorne im Film werden die Mitglieder der Tanzcompagnie vorgestellt und auch befragt. Die Fragen zielen dahin, wie weit sie gehen würden, wie extrem sie ihren Einsatz sehen. Dabei bleiben manche Dinge offen.

Es folgt eine lange, ungeschnittene Sequenz einer umwerfenden Gruppentanzchoreographie. Dabei stellte sich mir gleich die Frage, wenn Noé diese Sequenz so lange macht, wie will er daraus wieder herauskommen?

Ein Mischmittel, sicher auch ein symbolisches für Sinnlichkeit und Rauschhaftigkeit orgiastischen Lebens, dürfte die Sangria sein, zu der immer wieder gerne gegriffen wird.

Das ist ein Kino, das nicht eine Geschichte erzählen will mit einer Moral, ein Kino eher, das nach dem Leben greifen möchte mit der bitteren Erkenntnis, dass es, dass die Ekstase nicht zu greifen ist, dass die Sinnlichkeit nicht festzuhalten, nicht festzunageln ist – oder dass sie stirbt dabei. Deshalb wohl der Todeswunsch. Eine Idee die gerne auch im Zusammenhang mit unsterblicher Liebe konnotiert wird.

Kinostart ist am Nikolaustag – ein klein wenig vergiftet ist diese Schockonikolaus schon.

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