Archiv für 2. Dezember 2018

Bis hin zum Asia Trash

Spoiler, aber da der Tatort eben gesendet worden ist, geschenkt. Am Schluss erledigt das asiatische Kindermädchen mit Pfeil und Bogen einen der Täter. Sie tut das so selbstverständlich, als sei sie darin ein Profi. Deshalb wird aus dem Tatort sogleich billiger Bogenhausener-Asia Trash. Dieser wird noch getoppt dadurch, dass ein kleines Mädchen die Täterin kurz darauf mit dem Schirm aus dem Fenster kickt. Bogenhausener Kleinmädchen-Trash.

Derweil läuft ein Text von Mord durch Machete. Und wie im bald ins Kino kommenden „Mary Poppins‘ Rückkehr“ entschwebt der schwarze Schirm hinweg. Dabei hat dieser Tatort von Sven Bohse nach dem Drehbuch von Michael Comtesse und Michael Proehl vielversprechend angefangen.

Einstimmung in ruhiger Erzählart mit einer Kamera, die immer in leichter, unaufdringlicher Bewegung ist, gerne zoomt, verlangsamt, wie so ein Kopf, der, um ein besseres Bild zu bekommen, sich leicht hin- oder her oder um das Objekt herum bewegt.

Dies trägt dazu bei, dass Inszenierung und Schnitt gegen die übliche TV-Ashmatik arbeiten, in Ruhe einige Elemente der Geschichte exponieren, die neugierig macht, in der auch die beiden Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) in privatistisch-verhaltener Manier sich dem Thema annähern dürfen.

Es geht um Kindsmissbrauch; das erklärt vielleicht der anfangs narrative Weichzeichner, der später Trash-Elementen weicht.

Wobei der Fall – oder die Fälle – dann doch wieder viel zu kompliziert und zu konstruiert wirken. Es ist eben nicht nur ein Täter, Hasko (Leonard Carow), sondern er hat einen Mitverschworenen, Louis (Jannik Schümann).

Das Täter-Vorgehen wirkt höchst ausgeklügelt und gleichzeitig ebenso erfunden, allein durch die große Anzahl von 20 in Österreich gekauften Puppen, die in Deutschland verboten sind und die per ferngesteuertem Mikrofon mit den Kindern sprechen können und vom Täter, resp. von den Tätern an Kinder verschenkt werden.

Dieser Vorgang wird über sieben Ecken verwickelt eingeführt, man muss es einfach glauben, nachzuvollziehen ist es nicht. Das ist ein handwerkliches Manko. Und dass es gleich um 20 Fällle geht, verstärkt den Mankofaktor erheblich. Sowie, dass auch noch eine alte Schauspielerin als Strohfrau für die käufliche Beschaffung eingeführt wird. Das macht die Sache schnell unübersichtlich, insbesondere weil diese Frau gleich zu Beginn tot ist. Wag dich aus der Deckung, hilfreicher Gedanke, ich seh dich nicht.

Mit der Zeit ermüdet auch das kinematographische Vorgehen dieser Kamera, die kaum Stillstand kennt, die in möglicherweise scheinheilig intendierter Distanz um die scheußlichen Taten einen Tanz aufführt.

Es wiederholen sich zu häufig das Spiel mit der Puppe, mit den Plätzchen, die Anleitungen an die Kinder aus dem zum Studio umgebauten Minibus. Immer nur fragmentarisch.

Selbst das ist den Machern noch nicht genug. Es wird ausführlich Raum – und doch nicht plausibel genug – für eine Selbsthilfegruppe von Männern, die Opfer von Kindsmissbrauch geworden sind, gegeben, dann für eine Familiengeschichte in einem reichen Münchner Stadtteil inklusive Amore des verwöhnten Sohnes mit asiatischem Au-Pair-Mädchen – aber auch wider nicht präzise genug, um der Angelegenheit Glaubwürdigkeit zu verleihen, noch weniger, um sie als dramaturgisch treibendes Element einzusetzen.

Weniger wäre mehr gewesen: ein einziger Fall Schritt für Schritt nachvollziehbar erzählen und auch genügend Raum lassen für die empirisch eher ungewöhnliche, psychische Konstellation, dass ein Opfer zum Rächer wird auch in Fällen, die ihn persönlich gar nicht betreffen. Dass diese Verglaubwürdigungen nicht passieren, ist ein elementarer Mangel an diesem Tatort. So wundert es nicht, dass er sich zum Ende mit absurdem Trash behilft – damit die restlichen anderthalb Stunden in Frage stellt – und ebenso das damit verbrannte Zwangsgebührengeld.

Was haben sich die Zwangsgebührentreuhänder Stephanie Heckner und Cornelius Conrad vom BR dabei gedacht? Sind sie vielleicht unterbezahlt (oder gar überfordert?) und können ihren Job nur beschränkt erfüllen?

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