Archiv für Dezember 2018

Mehr gute Filme denn je, dafür weniger extrem herausragende, das ist stefes Bilanz des Kinojahres 2018. Das hat zur Folge, dass statt 33 diesmal ein Strauß aus 46 Filmen zustande kam, die erinnerungswürdig und auf ihre Art bemerkenswert sind. Das Gebinde ist nach Regionen und Kontinenten sortiert; die Biopics bilden ein eigene Kategorie.

– Aus Europa –
Der großartigste Film des Jahres
CALL ME BY YOUR NAME

Bös-politisch aus Britannien (in Russland verboten!)
THE DEATH OF STALIN

Tiefsinnig-schräg europäisch
JUPITER’S MOON

Wild pubertär britisch
ANNA UND DIE APOKALYPSE

Kapitalismusphilosophisch aus Portugal
A FABRICA DE NADA

Spanische Aufarbeitung (endlich; ein Ansatz)
FRANCO VOR GERICHT: DAS SPANISCHE NÜRNBERG?

Skandinavisch herausragend – Kinderfilm
THILDA UND DIE BESTE BAND DER WELT – LOS BANDO

Poesie und Sinnlichkeit, portugiesisch
AL BERTO

Weit Gedachtes aus England
VOM ENDE EINER GESCHICHTE

– Aus Deutschland –
(soll keiner behaupten, stefe mag das deutsche Kino nicht!)
Ein bemerkenswerter deutscher Spielfilm
IN MY ROOM

Ein entscheidender Film zum Verständnis Polens
EMPREZA – DAS FEST

Eine deutsche Meisterdoku
SEESTÜCK

Eine deutsche Sonderdoku
IT MUST SCHWING – THE BLUE NOTE STORY

Aus politischer Aktualität
FOLLOWING HABECK

Schmackhafte, regionale Kost aus Bayern
SAUERKRAUTKOMA

Anspruchsvolles aus Schwaben
LANDRAUSCHEN

Ein wahnwitziges Stück deutscher Kinogeschichte
WUNDER DER WIRKLICHKEIT

Zauberhaftes aus Brandenburg
KÖNIGIN VON NIENDORF

– Aus Russland –
Meisterlich russisch wie aktuell
LOVELESS

– Aus Amerika –
Meisterdoku
EX LIBRIS – DIE PUBLIC LIBRARY VON NEW YORK

Störkörnchen des Alltags
A HAPPENING OF MONUMENTAL PROPORTIONS

Genre – lustvoll angegangen
BAD SAMARITAN – IM VISIER DES KILLERS

Horror, herausragend
HEREDITARY

Ein Blockbuster
DIE UNGLAUBLICHEN 2

Protoypisch für die amerikanische Rassismus-Auseinandersetzung
BLACKKKLANSMAN

Amerikanisches Zeitgeschichtskino at its best
DIE VERLEGERIN

Ein Hollywood meisterlicher Kinematographie
THE SHAPE OF WATER

Ein amerikanischer Meister in Europa
DER SEIDENE FADEN

– Aus Lateinamerika –
Eine große Liebesgeschichte aus Kuba
CANDELARIA – EIN KUBANISCHER SOMMER

– Aus dem Orient –
Kaputter Abfluss im Libanon
THE INSULT – L’INSULTE

– Aus dem Maghreb –
Die leben nicht neben der Zeit in Algerien
WARTEN AUF SCHWALBEN

– Aus Asien –
Vor den Asiaten sollten wir die Augen nicht verschließen
CRAZY RICH – CRAZY RICH ASIANS

Asien, politisch
METAL POLITICS TAIWAN

Vergangene Machowelt
OUTRAGE CODA

Und das soll man bittschön auch zur Kenntnis nehmen: es gibt ein afghanisches Kino!
MEISTER DER TRÄUME – LE PRINCE DE NOTHINGWOOD

Ein politisch nicht erwünschter Film
PAWO

Ein Antivorurteilsfilm aus Indien
HICKI

Menschliche Vielschichtigkeit und Tiefe aus den Philippinen
THE WOMAN WHO LEFT

– Biopics –
Richterin und Popikone
RBG – EIN LEBEN FÜR DIE GERECHTIGKEIT

Extremkletterer-Doku-Abenteuer
DURCH DIE WAND

Der Modeexzentriker
ALEXANDER MCQUEEN

Diese Starkompetenz fährt ein
MARIA BY CALLAS

Volle Pulle Künstlerleben
DANCE FIGHT LOVE DIE

Eine eindrückliche Sängerin
ANNE CLARK: I’LL WALK OUT INTO TOMORROW

Schmausekino
BOHEMIAN RHAPSODY

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Lau dümpelt

Gernstl und sein mitverantwortliches Team HP Fischer und Stefan Ravash im abgestandenen Fahrwasser früherer Erfolge durch Niederbayern (Gäuboden) und den Bayerischen Wald. Mal legt Gernstl das Casting seiner Protagonisten offen, meist nicht. Es bleibt intransparent, warum er minutenlang Werbung für einen Hutladen in Straubing macht oder für einen blinden Schnitzer, noch kann er es sich verklemmen, sich eine schöne Brotzeit servieren zu lassen, auch hier legt er nicht offen, ob das ein Geschenk ist, oder ob der BR etwas an die Unkosten dafür bezahlt und bei Minute 25 findet Gernstl auch noch Zeit für ein garantiert nicht zufälliges VW-Logo-Placement (und falls es dem Kameramann ‚passiert‘ ist, so hätte es spätestens dem Schnittregisseur, Gernstl-Sohn Jonas, auffallen müssen). Für die Gernstl-Firma Megaherz wird sich das sicher in der einen oder anderen Weise in Form von Vergünstigungen auszahlen. Die Autoindustrie ist ja nicht blöd; die weiß solch diskret gesetzte Werbung durchaus zu schätzen.

Junge Zuschauer dürften mit so einer Sendung kaum zu gewinnen sein; vom schwindenden Teil der wegsterbenden Restzuschauer der Öffentlich-Rechtlichen dürften die alten Fans sich noch einschalten, was Redakteur Ulrich Gambke dann sicher als großen Erfolg herausstellen wird und von Gernstl wird er bestimmt zu einem prächtigen Essen eingeladen werden, so eine Vermutung könnte sich aufdrängen.

Falls sich Gernstl ernsthaft für bayerisches Leben interessiert, sollte er Haushalte recherchieren, denen die Bezahlung des Zwangsgeldes zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes schwer fällt, zB die Frau, deren Rente so bescheiden ist, dass sie sich die Zeitung nicht mehr leisten kann, obwohl sie Zeitungsleserin und nicht Rundfunkteilnehmerin ist (darüber ist in den Zeitungen berichtet worden, dürfte Gernstl also nicht entgangen sein).

Solange der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit Haushaltszwangsgeld finanziert wird, sollte er allen Künstlern und Trachtenschneidern und Bildhauern und Hutverkäufern die gleichen Chancen und Sendezeiten einräumen und dürfte nicht mehr sich auf wie auch immer geartete Bevorzugerei beschränken.

Gernstl behandelt das selbstgestelllte Thema mau. Er nutzt es lediglich als Skelett für die Werbeprodukte. Er insistiert nicht darauf, was denn nun das Bayerische sei. Ist es inzwischen das, sich für eine Gernstl-Sendung im Sinne einer PR-Sendung zu bewerben?

Der Anfang mit dem Potpourri aus den Auslandsreisen ist billig und wenig zielführend, ist Selbstbebauchpinselung.

Statt von seinen Redaktionen pfiffigere Formate, die nicht so beliebig und lustlos über Bayern berichten, zu fordern, verlegt sich der Intendant des BR, Ulrich Wilhelm (jawohl, der mit dem Kanzlerinnengehalt!), lieber darauf, die Länder, die im Frühjahr über die Höhe der Zwangsgebühr zu entscheiden haben, mit der Drohung zu erpressen, wenn es die geforderte Erhöhung nicht gebe, dann werde die ARD Verfassungsklage erheben. „Dies würde freilich eine jahrelange Hängepartie bedeuten. In dieser Zeit könnte nicht ordnungsgemäß gearbeitet werden.“, habe er der Deutschen Presseagentur in München gesagt – also wenn das keine Erpressung ist. Statt dass er den kraft- und energievollen, findigen Unternehmer herauskehrt und sagt, wenn’s weniger Geld gibt, dann machen wir erst recht erstklassiges Programm. So aber: dümpelig und armselig.

Keine Zwangsgebührenerhöhung für solch laue Ware!

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Wichteln? Ein Sohn in totaler Abhängigkeit von seiner Mutter. Kein Film für den Ayatollah. Die Nichtigkeit des Menschen als absurde Spielerei aus Spanien. Japanische Familie human statt genetisch definiert. Als ob Prinz Mohammad bin Salman drohend hinter der Filmemacherin stünde. Statt Plätzchen backen Drachengeschichten erfinden. Nostalgische Ruhrpottbubenrührgeschichte.

FRÜHES VERSPRECHEN – LA PROMESSE D L’AUBE
Dichterbiographie als die Geschichte einer Mutter-Abhängigkeit.

DREI GESICHTER
Meisterhafter Nichtfilm als Film.

KILLING GOD
Das Leben ist so sinnlos comichaft – aber so schräg abzubilden.

SHOPLIFTERS
Ladendiebe lassen ein Kind mitlaufen – daraus wird eine weihnachtsfähige Familiengeschichte.

MARY SHELLEY
Das Leben der Autorin von Frankenstein aus saudischer Perspektive – den Potentaten im Nacken.

DER KLEINE DRACHE KOKOSNUSS – AUF IN DEN DSCHUGEL
Dieses ist der zweite Teil eines gut auf den Weg gebrachten Animationskindes.

DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT
Es soll sich um einen Ausschnitt aus der Biographie des später berühmten Hape Kerkeling handeln.

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Das Gros der Filme kann man relativ schnell unter einer Kategorie oder einem Genre subsumieren oder in einer Schublade ablegen.

Bei Hirokazu Koreeda (Like Father, Like Son, Unsere kleine Schwester) wird das von Film zu Film schwieriger, weil er es schafft, uns glauben zu machen, wir würden wirkliches Leben vor uns sehen, wir würden an realem, obgleich von A- Z erfundenem Leben, zwei Stunden lang teilnehmen, einem Leben, dem wir auf unseren gewohnten Wegen so nie begegnen würden.

Es scheint seine besondere Fähigkeit zu sein, ausgehend von der Beobachtung von Menschen und ihren Verhältnissen diese Glauwürdigkeit herstellen zu können. Das wirkt so, wie in der Tradition der japanischen Rollbilder oder auch bei Ozu, dass das Leben ein langer, ruhiger Fluss sei, dass es dahinplätschert und die Menschen ihr Leben ohne äußere Zwänge in einem Knäuel von Familie in einer engen Behausung verbringen.

Vater Osamu (Lily Franky) geht mit Sohn Shota (Jyo Kairi) auf gut eingeübte Diebestour. Auf dem Rückweg erbarmen sie sich eines Mädchens, das sie in einem Haus wehklagen hören und das offenbar verwahrlost und unbeaufsichtigt ist, auf Yuri (Sasaki Miyu).

Ganz selbstverständlich nehmen sie das Kind mit, kümmern sich um es, nehmen es auf in ihren Wuselhaushalt, in dem noch die Oma Hatsue (Kiki Krin), Halbschwester Aki (Matsuoka Mayu) und seine Ehefrau Nobuyo (Ando Sakura) vorhanden sind.

Bald wird auch klar, dass diese enge Familie, die oft wie ein einziger Körper wirkt, nicht unbedingt durch Blutsverwandtschaft zusammengehört. Aber der Familiensinn ist groß, was die Frage aufwirft, ob dazu wirklich die Blutsverwandtschaft nötig ist. Sie leben am Rande der Gesellschaft. Osamu arbeitet als Taglöhner auf dem Bau. Selbstverständlich sind die, wenn ihnen was passiert, nicht versichert. Eine der Frauen arbeitet als Büglerin. Sie wird mit einer Kollegin vor die Entscheidung gestellt, einer der beiden müsse gekündigt werden, zwei solch teure Arbeitskräfte seien zuviel. Es wird dann ein Ereignis eintreten, das den Mechanismus des Sozialstaates aktiviert; der meint es nun wirklich gut.

Kino, das Leben vermittelt. Und im richtigen Moment geht Regen nieder, so, dass er als das familiärste, vielleicht tröstlichste Element der Natur verstanden werden kann.

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Biopic über die Autorin von Frankenstein, Mary Shelley (Elle Fanning). Umso mehr ist der Film ein Frauenemanzipationsfilm, als die Regisseurin, die mit Emma Jensen auch das Drehbuch geschrieben hat, Haifaa Al-Mansour ist, die aus Saudi-Arabien stammt und den dort wohl ersten Kinofilm heimlich gedreht hat: Das Mädchen Wadjda.

Die Drehbedingungen ihres Spielfilm-Erstlings scheinen ihr noch in den Knochen zu stecken – dort wird ein saudisches Tabu gebrochen: es geht um ein Mädchen, das unbedingt radfahren möchte.

Erst jetzt unter der treibenden Energie von Kronprinz Mohammad bin Salman sollen Kinos in Saudi Arabien erlaubt werden. (Bin Salman ist jener Scharfmacher, der mit seinen Kriegsgelüsten und mithilfe von Waffen auch von uns den Jemen an den Abgrund einer humanitären Katastrophe stürzt und zugleich jener skrupellose Politiker, der kürzlich in der saudischen Botschaft in Istanbul seinen Kritiker und Landesbürger Kashoggi hat kaltblütig ermorden und die Leiche auf diplomatischen Kanälen entsorgen lassen, zumindest deuten inzwischen vielerlei Indizien daraufhin).

Wer aus so einem Land kommt, kann sich seiner Haut nicht sicher sein, erst recht, wenn er oder sie schon einen Film gedreht hat, der gegen die Unterdrückung der Frau agiert. Das kann eine Erklärung für die Erzählweise in diesem Film sein (es umfasst die Zeit, kurz bevor Shelleys Vater die 16-jährige Tochter nach Schottland schickt bis zu ihrem Outing als Autorin des erst unter Pseudonym erschienenen Frankenstein).

Haifaa Al-Mansour blättert den Bilderbogen dieses Leben in großer Hast, beinah in Atemlosigkeit durch, so sehr, dass kaum Zeit für Lichtsetzungen in den Szenen blieb. Gleichzeitig scheint es, rafft sie in großer Eile so viele Zitate wie möglich zusammen und steckt sie in die Dialoge, um ein Maximum an literarischer Substanz reinzpacken, als ob sie in letzter Minute eine nahrhafte Stulle für einen langen Weg (Fluchtweg vor den Häschern?) in ein dickes Butterpapier einwickelt.

Die Zitate stammen nicht nur von Mary Shelley, auch von ihrem vorerst berühmteren Ehemann Percy (Douglas Booth) oder von Lord Byron (Tom Sturridge), der das Ehepaar und die Jugendfreundin Claire (Bel Powley) nach Genf eingeladen hat, oder auch von ihrem Vater William Godwin (Stephen Dillane).

So scheint auch für die Arbeit mit den Darstellern wenig Zeit geblieben zu sein, kein großer Nachteil bei dem guten Kaliber an Schauspielern und ihrem erstklassigen Handwerk (wobei allerdings die Darsteller sowohl von Mary als auch von Percy Shelley deutlich älter sind als im Film angegeben).

Mit Zitaten gespickte Nachillustration. Wie andere, kürzliche Biopics von Autoren, erzählt auch dieses hier primär den Weg der Werdung des Autors. Bemerkenswert ist auch der Henri Füssli zugeschriebene Einfluss. Ein weiterer Tippgeber für die Gestaltung des Films scheint die Stimmungsbeschreibung „trostlose Novembernacht“ gewesen zu sein.

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Gott zu töten ist wie Zeit töten, das könnte ein Schluss sein, der vielleicht aus diesem Film zu ziehen wäre.

Bierernst oder verbiestert sollte niemand an diesen Film von Caye Casas und Albert Pintó rangehen, eine Message erwarten besser auch nicht. Sich auf eine Farce aus Verzweiflung über die Sinnlosigkeit des Lebens einzustellen, über die Nichtigkeit des Seins, könnte hilfreicher sein.

An wie einem dünnen Faden das Leben hängt, wie es Spiel unsichtbarer Mächte ist, ein Spiel, makaber, wer wieso stirbt und wer nicht, wenn wann stirbt und wer dann doch nicht; wie der Mensch sich doch viel zu wichtig nimmt. Wobei der Film sein Spiel mit dem Leben ernst nimmt.

Der Film dürfte aus jenem Existenzsicht-Tiegel stammen, in welchen auch ein Film über russisches Roulette am besten reinpasst.

Die Stärke des Filmes ist einwandfrei die leinwandaffine Malerei, das Gemäldehafte mit seiner Neigung zum entfernt Comichaft-Übertriebenen aus dem Nahbereich von Stereotypen (die Fette, der Rundliche, der Zwerg).

Der Radikalzwerg (Emilio Gavira) spielt Gott. Er taucht auf bei einem Vater, Eduardo (Boris Ruiz), der mit seinen zwei Söhnen Sanit (David Pareja) und Carlos (Eduardo Anuna) und dessen leinwandfüllend-dicken Frau Ana (Itzlar Castro) sich in einem hochkotzprotzherrschaftlichen Anwesen auf dem Lande zum Essen treffen.

Sie füllen die Zeit mit Dauerdialogen, die farcehaft Themen wie Liebe, Seitensprung, Ehe, Eifersucht, Kinderzeugen, Depression behandeln.

Carlos ist eifersüchtig auf seine Frau, weil diese von ihrem Chef andauernd SMS erhält, dass die Nacht mit ihr die schönste gewesen sein. Den Satz kann Carlos nicht oft genug wiederholen, am liebsten beim Hantieren mit dem Küchenmesser. Solche Bilder sprechen für sich oder gar nicht.

Der Gott-Zwerg trifft ein, prophezeit den Tod von zweien der Anwesenden, zwei würden überleben, das sei wichtig für die Menschheit. Die Entscheidung, wen es trifft, müssen die Betroffenen selber fällen. Jeder darf einen Zettel ausfüllen mit einem Namen, der überleben soll.

Klar, das ist Humbug-Spielerei, woher die Faszination davon kommt, das ist mir nicht klar. Es sieht so schon bitter aus für die Zukunft der Menschheit, für die Bildung neuer Generationen, wenn sich ein Depressiver, ein Unfruchtbarer und ein herzkranker Greis und dazu noch eine Übermatrone von Frau, die auch nicht mehr die Jüngste ist, dafür bewerben.

Es gibt auch Mordversuche mit Schlaftabletten oder mit dem Schwert (huch, „wir sind echte Mörder“ – es gibt sie eben aller Absurdität zum Trotz doch noch, die Hemmschwelle zum Töten).

Ausgestopfte Jagdtrophäen glotzen von den Wänden, während die Kamera sich gezielt und unzimperlich am Geschehen orientiert.

Die experimentelle Musikuntermalung tendiert zum spöttischen Ausrutscher, betont damit die Farce-Idee, dass es sich um eine absurde Spielerei mit der unerklärlichen Begründung der menschlichen Existenz und deren Berechtigung handle. Ein tieferer Sinn ist aus der Veranstaltung nicht herauszulesen. Grotesk um des Grotesken willen oder weil das menschliche Leben von Natur aus grotesk ist?

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Von Wilna bis Mexiko

erstreckt sich dieses Biopic über den Erfolgsautor Romain Gary, der als bisher einziger Autor – und das noch unter zwei verschiedenen Pseudonymen – den begehrten und bedeutenden französischen Literaturpreis Prix Concourt zweimal erhalten hat.

Seine Lebensgeschichte, wie sie sich in diesem Film von Eric Barbier darstellt, ist vieles in einem. Biographisch die Geschichte eines erfolgreichen Literaten, aber auch ein Stück Holocaustaufarbeitung, sein Background ist jüdisch, wenn das auch nicht besonders hervorgehoben wird. Es ist eine Fluchtgeschichte (von Wilna nach Nizza – weil die Mutter bankrott gegangen ist), es ist eine Abenteuergeschichte von dem Moment an, wo Romain Kacew (Pierre Niney in der Darstellung des erwachsenen Autors) von zuhause auszieht, nach Paris geht, in die Armee eintritt und zum Schriftsteller wird.

Vor allem aber und nachdrücklich ist es eine Mutter-Sohn-Geschichte von einer schier unglaublichen Intensität. Charlotte Gainsbourg spielt diese Mutter auch gestisch als greifend. Sie verpasst ihrer Nina Kacew den Gang einer Frau, der, selbst wenn sie über Kopfsteinpflaster geht, nichts von ihrer Zielgerichtetheit verliert.

Sie will, dass aus ihrem Sohn etwas Bedeutendes wird. Er soll Botschafter werden. Das ist ein Beruf, der etwas wert ist. Das erzählt sie überall in der Nachbarschaft. Sie ist eine verhinderte Schauspielerin. Dieses Talent kommt anders zum Tragen als erwartet.

Zum Geldverdienen erfindet und inszeniert sie in Wilna die Eröffnung einer Dependence des berühmten, französischen Modeschöpfers Paul Poiret. Das ist im Film in den frühen 20ern des letzten Jahrhunderts der Fall. Sie engagiert dafür einen abgestürzten Schauspielerkollegen aus Warschau, der gut französisch spricht. Die feine Wilnaer Damenschaft lässt sich erfolgreich bluffen und bestellt ab jetzt die Haute Couture à la Nina Kacew.

Wie sie in Wilna bankrott geht, wandert sie aus nach Nizza. Dort spielt sie einem Antiquitäten-Händler so überzeugend vor, dass ihr billiger Samowar vom russischen Zarenhof stamme, dass sie auf der Stelle als Weiterverkäuferin engagiert wird.

Bald wird sie – mit mehr Bühnenaufwand denn Sachverstand – ein Hotel eröffnen. Immer hat sie ein Auge auf dem Buben. In Wilna will sie noch einen Geigenvirtuosen aus ihm machen; doch das Talent ist nicht vorhanden.

Und Romain, der Sohn? Er ist dieser durchorganisierenden Mutterliebe widerstandslos ausgeliefert. Er fühlt sich nicht unwohl dabei. Er möchte der beste Sohn der Welt werden. Er möchte der Mutter alle Wünsche erfüllen, vor allem den nach Berühmtheit. Aber in ihm steckt das Schreiben.

Großartig schildert Barbier, wie Romain eine erste Kurzgeschichte in Paris veröffentlicht – und wie halb Nizza auf den berühmten Sohn wartet, weil Mutter das so aufgebauscht hat. Aber weitere Veröffentlichungen lassen auf sich warten. Der Sohn windet sich am Telefon.

Der Krieg fängt an. Romain wird eingezogen. Er möchte Leutnant werden. Von 300 Bewerbern ist er der einzige, der nicht genommen wird. Hier sei das Jüdische der Grund.

Ihn schmerzt es, seine Mutter zu enttäuschen, auch wenn er nicht mehr zuhause ist. Eine feste Frau gibt es nicht in seinem Leben. Nur Amouren und Einzelnächte. Er lebt für die Mutter. Er erzählt ihr faule Ausreden, warum er nicht Leutnant geworden ist. Er sieht die Mutter als seinen Schutzengel. Er wehrt sich in keiner Sekunde gegen sie.

Den Beweis für die Schutzengelhaftigkeit erbringt der Absturz eines Testflugzeuges, das für die Flucht nach England genutzt werden sollte. Er verpasst den Flug, weil in diesem Moment seine Mutter anruft.

Der Film wirkt wie das volle Kontrastprogramm zu Female Pleasures, in welchem Aktivistinnen sich aus der Männerherrschaft emanzipieren. Hier ist ein Mann von einer Frau abhängig, faktisch ihr ausgeliefert. Aber das trägt ihn – irgendwie.

Es gibt einen deutschen Film mit dem Titel Frau Mutter Tier – was dieser deutsche Film verspricht, das hält der Film von Eric Barbier mit der grandiosen Charlotte Gainsbourg.

Der Film ist eingerahmt von einer Krankheitsattacke des alten Autors in Mexiko. Seine Begleiterin Lesley (Catherine McCormack) entdeckt dabei das Manuskript zu seiner Biographie.

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Das Übel an der Wurzel
packen, das ist eine Nebenmoral dieses Filmes, die sich viele Erwachsene, gerade auch in der Politik, zu Herzen nehmen sollten.

Das ist sozusagen eine Nebeneinsicht in dieser Animation von Anthony Power (Der kleine Drache Kokosnuss), der mit Mark Slater und der Produzentin Gabriele M. Walther recht hemdsärmelig manchmal zu nah an der Alltagsbedürfnissen und zu weit weg vom Fantasievollen – oder hausbacken – das Drehbuch geschrieben hat.

Auf der Ferieninsel, wo die Reise hingeht, ist eine der Gefahren eine fleischfressende Pflanze, die sich in unendlich vielen Armen immer weiter und weiterverzweigt ausbreitet – dabei ist es nur eine Pflanze. Wer sie an der Wurzel packt, der beherrscht sie.

Die Hauptidee des Filmes ist aber die eines Kinderabenteuers. Für die Sommerferien soll es mit einem Schaufelraddampfer auf eine Insel gehen. Die beiden Hauptfiguren und Freunde sind der kleine Feuerdrache Kokosnuss und sein Busenfreund Oskar. Zu ihnen gehört als Dritte im Bunde das Stachelschwein Matilda.

Da es ein Sommerlager nur für Feuerdrachen ist, darf Matilda nicht mit. Freundschaften können das nicht zulassen. So wird sie in einer Kiste auf das Schiff geschmuggelt.

Der Kapitän hat Probleme, die Seekarte richtig zu lesen. Deshalb landen sie erst mal nicht da wo sie sollen und sie stehen einer bedrohlichen Kulisse von Wasserdrachen gegenüber, Feinde?

Der Umweg endet mit einem Leck im Schiff, weil zu viele Felsen in den engen Wasserkanal ragen. So ist bereits genügend Stoff für Abenteuer gegeben, die erforderlich sein werden, um das Ziel eines fröhlich-friedlichen Sommercamps mit Lagerfeuer und Songs auf der Insel zu erreichen.

Eine gewisse Nähe zum Marionettentheater ist unverkennbar. Die einfache Ausgestaltung der „Kulisse“ und auch der Figuren. Kleine Details wie Mützen, Haare, Brille machen nebst Farb- und Größenunterschieden die Charakterisierung der Figuren aus.

Die Sprecherspur würde ich, wenn nicht als vorbildhaft, so doch als genügend bewerten. Sympathisch an den Drachen ist auch, wie sie mit ihren Miniflügelchen fliegen können, wie sie überhaupt in mehreren Elementen zu Hause sind, denn auch unter Wassser bewegen sie sich wie die Fische. In allen Elementen zuhause.

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Die Kunst des Nichtfilmens.

Filme drehen in Iran ist vielleicht kein Ding der Unmöglichkeit, aber ein Ding unter allerschwersten Bedingungen. Deshalb hat Jafar Panahi seinen letzten Film einzig in einer Taxe gedreht, die durch Teheran gefahren ist, Taxi Teheran.

Jetzt treibt er es noch ein Stück weiter und zeigt, dass er eigentlich gar nicht filmen kann, also nicht dazukommt oder nicht die Möglichkeit hat.

Er berichtet, als sei es eine Doku, über einen Filmregissuer, der zwar ein Drehbuch über Selbstmord in Arbeit hat, der aber gerade keinen Film dreht, sondern sich mit einer suizidgefährdeten jungen Frau beschäftigt, die Schauspielerin werden möchte. Den Regisseur spielt er selbst. Er ist mit der Schauspielerin Behnaz Jafari, die sich krank und unglücklich fühlt, und die Gestörtheit einer Schauspielerin prima rüberbringt, unterwegs ins Landesinnere.

Eigentlich müsste die Jafari, die eine berühmte Schauspielerin ist, auch an einem Dreh-Set sein. Den beiden ist das Video von Marziyeh Rezaei zugespielt worden. Das zeigt Panahi am Anfang des Filmes. Und genau die Fragen, die sich der Zuschauer beim Anschauen stellt: hat sie das selber gedreht oder ist es ein professionelles Video und ist da an einer bestimmten Stelle nicht ein Schnitt drin, werden später im Film verhandelt.

Allerdings ist Marziyeh verschwunden. Eine Spur zu ihr könnte Maedeh Erteghaei geben (der Regisseur und die drei Frauen firmieren bei IMDb alle als „Himself“ oder „Herself“). Aus diesem Nichtfilm macht Panahi allerdings einen wunderbaren Film, beweist seine weiche, klare Erzählkunst, die vor allem vom Leben im Iran erzählt, auch von der Macht des Fernsehens bis in entlegene Zipfel hinaus, denn die Jafari wird immer wieder auf ihre Serienrolle angesprochen und die Menschen wollen wissen, wie es mit ihr weitergehe, „bekannte Frau Athene, wie geht die Serie aus?“.

Es gibt dazu die lakonische Antwort, wie in jeder Serie, jemand werde sterben etc.. Mit einfachsten Mitteln und unter Ausnutzung natürlicher Lichtquellen oder der Sonne zaubert Panahi verführerisches Erzählkino auf die Leinwand.

Mich erinnert Panahi vom Typ her, der alles selber macht und ohne große Unterstützung auskommt, an den afghanischen Filmer Salim Shaheen (Meister der Träume – Le Prince de Nothingwood) oder auch an den Deutschen Zoltan Paul (Breakdown in Tokyo – Ein Vater dreht durch).

Es ist ein Road-Movie „nah am Abgrund“, wie immer man so einen Satz interpretieren möchte. Es kommt von Schauspielerinnen die „Wut auf Regisseure“ vor – oder der Regisseur versinkt in ein Dösen. Das Ritual um eine abgeschnittene Vorhaut ist ein kleiner, eigener Geschichtsstrang oder das Hupsignal an nicht zu sehende, entgegenkommende Fahrzeuge auf einer eng-kurvigen Bergstraße spielt eine (schön symbolische) Rolle.

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Eine herausragende Stärke der Regisseurin Caroline Link (die mit Ruth Toma auch das Drehbuch nach dem autobiographischen Buch von Hape Kerkeling geschrieben hat) ist sicher der Umgang mit Kinderdarstellern. Das hat sie schon in ihrem Durchbruchsfilm „Jenseits der Stille“ meisterlich bewiesen.

Das ist ihr auch jetzt wieder mit dem Darsteller des jungen Hape Kerkeling (ich hasse es, bei Kinderdarstellern die Namen schon im kommerziellen Sinne zu schreiben; wie mir sowieso beim leichten Entzücken über begabte Kinder dieses gleich im Hals stecken bleibt, was wird aus diesen Kinderstars später? Ist es nicht eine Art von Kindsmissbrauch, Kinder zu Kinostars zu machen?). Der Film spannt sich über die Jahre 1971 bis 1973, also des Sieben- bis Zehnjährigen mit Umzug der Familie von Bocholt (vom Land) ins städtischere Recklinghausen.

Das ist der Lebensausschnitt, den die Autorinnen gewählt haben. Die Subventions-Fließband- und Herz-Schmerz-Autorin Ruth Toma hat bewährte Alltagssätze, wie sie sich in ihren Drehbüchern längst als austauschbar erweisen, einfließen lassen; die Protagonistin fragt einen Arzt: Haben Sie einen Moment Zeit? Und er antwortet „Ich habe gerade Pause“ oder es fällt der Satz „Der Mama geht’s nicht so gut“ und kurz darauf: „Papa, der Mama geht’s grad nicht gut“ (was dem Zuschauer eh bereits dick vorgespielt worden ist) und dann ein Satz wie ein Dietrich für alle Drehbuchsituationen „Und wer soll sich hier um alles kümmern?“ oder an anderer Stelle „Einer muss sich hier um alles kümmern“ (Tomassche Kümmersätze) und dann noch die Mutmachersätze, dass man alles schaffen könne, man dürfe nur nicht aufgeben, so kann man vieltextig und wenigsagend Filmzeit verspachteln und Filmförder- und Zwangsgebührengelder, die hier massenhaft eingeflossen sind, in Nichtigkeiten auflösen.

Einige Kochhinweise über Marillen hinzfügen, das sind auch so beliebig austauschbare Drehbuchinhalte, die Frau Toma sich leichter und umaufwendiger beschaffen kann, als sich ernsthaft mit der Hauptfigur zu beschäftigen.

Der Haupthinweis auf den späteren Erfolg von Kerkeling sind allerlei Erwachsenenimitationseinlagen. Die arbeitet Frau Link auch wirklich hübsch mit den kleinen Protagonisten: bestes Kompliment dafür: allerliebst. Das wird jede Oma entzücken, die noch etwas ungelüfteten 50er-Jahre-Geist im greisen Haupte aufbewahrt. Nur gehen diese Omas, die das Zielpublikum scheinen, eher nicht mehr ins Kino. Den Rest der Menschheit dürfte diese geistige Käseglockenenge des Drehbuches vom Kinogang abschrecken.

Dagegen wirken die Autos aus der Zeit, es sind die Modelle der späten 60er und der frühen 70er Jahre alle erstaunlich auf Hochglanz poliert und das im Ruhrpott, wie frisch aus dem Sammlermuseum.

Es ist dies ein weiterer Ruhrpottfilm, der wie in einer merkwürdigen Nostalgieschlaufe hängen bleibt; am klarsten kommt noch die liebevoll zusammengestellte Ausstattung zum Tragen. Das war schon in einigen neueren Ruhrpottfilmen so: zuletzt in So viel Zeit, vor kurzem in Sommerfest oder auch in Radio Heimat.

Nebst der Ruhrpottnostalgie ist in diesem Film auch eine Sehnsucht von Frau Link einerseits nach buntem Familienleben (das sie stellenweise mit gutem Flow nachzeichnet) und andererseits nach ländlich weichgezeichneter Idylle zu diagnostizieren: Felder, Bäume Wiesen, ein Bub der reitet – immer wieder dazwischen geschnitten.

Und sonst werden jede Menge, wie sie es im deutschen Subventionsfilm lieben, Essens- oder Essenszubereitungsszenen erfunden, Umzug, Schule, weil das alles viel leichter ist als Charakterstudien der Figuren und davon ausgehend eine spannende Dramaturgie herzustellen. Stattdessen fade Herz-Schmerz-Suppe. Ruhrgebietsfilm als Rührgebietsfilm, Tendenz nostalgisch und ohne Biss oder Würze.

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