Jupiter‘ s Moon

Die Message ist klar, was soll ein Gott, der nur als Bild und ohne die Menschen zu manipulieren am Himmel schwebt, was soll so ein Gott?

Immerhin etwas erreicht er: die Menschen schauen nach oben, ihr Blick geht in die Vertikale und somit weg von der unerfreulichen Horizontalen, wo der Mensch dem Menschen nicht wohlgesonnen ist, wo er unchristlich handelt, keine Nächstenliebe praktiziert.

Diese Idee nutzt Kornél Mundruczó, der mit Kata Wéber auch das Drehbuch geschrieben hat, um mit einer rasanten Erzählung voller kinematographischer Unerwartetheiten den Blick auf eben diese Menschheit zu richten, die so menschlich nicht ist. Sie treibt Menschen in die Flucht. Dorthin schaut er gar nicht.

Er begleitet Flüchtlinge aus Syrien, wie sie aus der Türkei nach Europa übersetzen wollen. Allein diese Schilderung mit rasender Kamera, die Fliehenden durch sumpfiges Buschgebiet und Wald begleitend, ist schon eine Faszination.

Mundruczó inszeniert mit Bedacht. Er lässt auch schönes zur Geltung kommen, eine Frau, die nackt Geld zählt, wie er narrativ am Vorgang „Geldzählen“ hängt, dabei wie nebenbei den Blick der Kamera an der attraktiven Frau hinuntergleiten lässt. Oder wenn sein Protagonist von einem Hochhaus schwebt, kommen Etage über Etage Einblicke in ungarische Lebensverhältnisse ins Bild.

In Ungarn spielt der Hauptteil des Filmes, der den Umgang mit den Flüchtlingen kritisiert.

Der Protagonist ist der wunderbare, so unverbrauchte Zsombor Jéger als Aryan. Der wird bei der Flucht erschossen. Das hätte nie passieren dürfen, aber der Schütze und Oberpolizist László (György Cserhalmi) wollen den Vorgang vertuschen.

Da greift die, – hm, irgendwie schlitzohrige – Dramaturgie von Mundruczó ein; er will László damit nicht davonkommen lassen. Er lässt Aryan auferstehen. Plötzlich entschwebt er.

Der Arzt Dr. Stern (Merab Ninidze) bekommt den Flüchtling zum Untersuch und bemerkt die Außergewöhnlichkeit. Er selbst hat sich bei einer Operation, die er unter Wodka-Einfluss vorgenommen hat, den unnötigen Tod eines Sportlers zuschulden kommen lassen, will das mit viel Geld, das er noch nicht hat, wieder in Ordnung bringen.

So kommt ihm das Talent von Aryan zupaß. Er setzt ihn als Heiler für reiche Patienten ein. Aryan lässt das passiv mit sich geschehen, fliegt auf Kommando.

Gleichzeitig sucht Aryan seinen Vater, von dem er bei der Flucht getrennt worden ist. Den vermutet er am Bahnhof Keteli, da will er hin. Aber einen richtigen Willen zeigt so ein Gott nicht. Denn unser Gott ist kein manipulativer Gott, sonst sähe die Welt bestimmt anders aus. Die Menschen machen mit diesem Gott, was sie wollen.

Also lässt er sich für die Heilerzwecke missbrauchen wie ein willenloses Wesen, zeigt auf Wunsch von Dr. Stern seine Flug- und Schwebekünste, die gewaltige Ausmaße annehmen können bis zur Drehung eines Wohnraumes mit Ansätzen von Erdbebeneffekten.

Auch das dürfte Mundruczó mit einem gewissen Spaß an der Boshaftigkeit inszeniert haben; das verleiht dem Film seine besondere Attraktivität.

Die zeigt sich auch bei einer ordinären Verbrecherjagd, die sich daraus entwickelt, dass Aryan und sein Vater fälschlicherweise von Laszló als Atttentäter eines Bombenanschlages am Bahnhof Ketil verdächtigt werden. So kommt es zu einer ungewöhnlichen Autoverfolgungsjagd durch Budapest. Die Kamera fährt auf tiefgelegter Position etwa auf Reifenhöhe des Verfolgerwagens mit, was zu verblüffenden Slalomperspektiven führt. Und ganz nebenbei konnte vorher auch die Lage am Budapester Bahnhof beim großen Flüchltingstreck gezeigt werden.

Groteske Bilder erzeugen auch Helikopter, die sich dem schwebenden Phänomen nähern und es beäugen wie ein Alien.

An anderer Stelle gerät wie nebenbei die moderne Freizeit- und Tourismusindustrie Ungarns ins Blickfeld, wenn ein Amphiebienbus, „River-Side 2“, in die Donau fährt (kurzes Echo im Kopf auf den Touristenbus von Tatis Playtime, der um den Kreisel kurvt). Genau so gibt es ungewöhliche Einblicke in die moderne Sterne-Restauranterie.

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