Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph

Fragmente über einen Fragmentarischen.

Den Hang zum Fragmentarischen des von Christoph Rüter mit Burkhard Lütke Schwienhorst als Co-Autor aus Anlass des 20. Todestages recherchierten Philosophen Hans Blumenberg illustriert eine schöne Anekdote: ein Buch über Goethe wollte Blumenberg – nachdem er es fertig geschrieben hatte – erst erscheinen lassen, wenn jede vierte Seite wieder daraus entfernt würde. Das Buch ist nie erschienen. Der Film jetzt schon.

Die Philosophie von Hans Blumenberg nach dem anregenden Genuss dieses Filmes (und nur aus diesem heraus) in wenigen Sätzen verbindlich referieren zu können, wäre wohl eine überambitionierte Erwartung an diesen filmischen Essay oder dieses filmisch-philosophische Roadmovie, das die Autoren mit einem weiteren ehemaligen Blumenbergstudenten zu Blumenberg-Infizierten führt, zu Blumenberg-Angeregten und zu solchen, die privat (seine Tochter als Nachlassverwalterin) oder beruflich mit Blumenberg zu tun hatten (Verleger, Archivare, Herausgeber, Blumenberg-Forscher, Berufsphilosophen).

Sicher lässt sich sagen, das bestätigen auch die immer wieder eingestreuten Tonfragmente von Vorlesungsmitschnitten, Blumenberg hat eine ungemein anregende Wirkung auf philosophisch suchende Geister weit über seinen Tod hinaus entfaltet.

Die Frage, wie Philosophie bebildern, wie das Bild eines Philosophen entwerfen, der sich strikt gegen Abbildung gewehrt hat, der in seiner Selbstmystifizierung sich zum Unsichtbaren hochstilisiert hat, haben die Philosophie-Dokumentaristen vielleicht ähnlich gelöst, wie vor Jahren Wilhelm Weischädel mit seinem Buch Die philosophische Hintertreppe, allerdings mit den Mitteln moderner Kommunikation, der modernen Allverfügbarkeit von Texten über Laptops und Handys auch in einem Konferenzbus, in dem die kleine Philosophentruppe unterwegs ist zu Wirkstätten oder anderen Bezugsstätten des Verehrten, wie Vorlesungssäle oder das Literaturarchiv Marbach.

So lässt sich auch auf deutschen Autobahnen ohne Tempolimit trefflich philosophieren über Sichtbarkeit und Höhle, die latente Virulenz des Theologischen, den Atheismus, Optimismus für den Menschen trotz Bedrohung, die Bewohnbarmachung der Welt, die Evolution (und ihr Ende, sie weiterzuführen wäre Barbarei), über Nachdenklichkeit als Freiheit und Abschweifung, sich austauschen oder Texte hören, darüber, ob der Menschen alles machen müsse, was er kann, warum nicht viel mehr nichts als überhaupt etwas sei.

Pikant wird es an einer Unfallstelle mit zwei grässlich zusammengstauchten Autos, Verletzten und Rettungsgmannschaften, die Kamera kann nicht umhin, draufzuhalten – aber dann schnell weg. Kurzer verdutzter Dialog dazu. Was hätte Blumenberg in diesem Moment gesagt?

Da Blumenberg ein Buch über die Matthäuspassion geschrieben hat, wird viel Johannes-Sebastian-Bach-Musik drübergelegt, feierlich bis mystisch.

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