Was uns nicht umbringt

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker, lässt uns nicht am Leben verzweifeln. Was uns nicht umbringt, das sind in diesem Film von Sandra Nettelbeck die Kleinigkeiten des Alltags genau so wie die existenziellen menschlichen Beziehungen elementarer Liebe innerhalb der Familie, zwischen den Geschlechtern oder zwischen Menschen gleichen Geschlechts.

Es sind die kleinen Dinge, die sich im Alltag zu monumentaler Größe auswachsen: ein Wasserhahn, der sich immer nach links dreht – und nicht etwa nach rechts, sobald man ihn anstellt (auch das Knarzen einer Tür); das erinnert an A Happening of monumental Proportions; die Amerikaner haben diese Alltagswidrigkeiten satirisch überspitzt und fetzig auf die Leinwand gebracht.

Bei Sandra Nettelbeck herrscht das Prinzip der präzisen Miniaturmalerei vor, wird es ein Fleckerletppich voll wunderbarer Alltagsminiaturen im Sinne einer essayistisch-literarischen Kunst, auch Interieur-Kunst.

Die Szenen spielen überwiegend in Innenräumen, teils so schön und perfekt ausgeleuchtet wie die Leserin von Vermeer. Generell vom Bildnerischen her orientiert an der holländischen Genre- und Interieur-Malerei, könnte auch rembrandtisch inspiriert sein mit diesem Fokus auf den Gesichtern.

Die Themen und Lokalitäten sind die urmenschlichen von Trennung, Patchworkfamilie, Schwangerschaft oder Wechseljahre, Wohnungsbesichtigung, Umzug, Psychiater, Bestattungsinstitut, die Krankheit Krebs, Krankenhaus, die Uni, Kaffehaus, Wohnzimmer, Küche, Besprechungszimmer, Kündigung, Pilot mit Flugangst, klassischer Musikbetrieb, Schauspielerei, Anschaffung eines Hundes nach jahrelanger Sehnsucht, über einen, der nicht gerade Stiefvatermaterial sei (auch hier wird diese sprachliche gewollte herausgehobene Verkündigung einer Alltagsbanalität sichtbar), der Glaube an tödliche Krankheiten, dramatisches Zertrümmern einer Melone, Hörsaal, auch der Zoo mit seinen Pinguinen erfährt eine Würdigung.

Eine philosophische Anmerkung von Voltaire zur Medizin kommt vor, deren Geheimnis bestehe darin, den Patienten abzulenken, während die Natur ihre Selbstheilungsfunktion efüllt.

Kinematographisch moderierter Alltag.
Kinematographische Alltagsdistillerie. Geschmackvoll, gediegen.
Hochkulturelle Alltagsfledderei und -aufbereitung zu feinen Interieur-Miniaturen eines literarisch bedeutungsvoll sich gebenden deutschen Kinos.

Diese Miniaturszenen sind mit strenger Regie, theatralisch, aber auf diese Art erstklassig mit einem exzellenten Ensemble inszeniert; es spielen mit: August Zirner, Johanna Ter Steege, Barbara Auer, Oliver Broumis, Jenni Schily, Bjarne Mädel, Christian Berkel, Victoria Mayer, Deborah Kaufmann, Mark Waschke, Peter Lohmeyer uva.

Während die Musik gerne die Wellenförmigkeit der Wiederholung (der Lebensvorgänge) betont.

Scherzhafter Insider-Satz: „Ich glaub, ich geh jetzt nach Hause“. Antwort: „Ich glaub, das ist eine gute Idee“ – dem ist nicht zu widersprechen.

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