Unsere Gesellschaft bricht auseinander in diejenigen, die nicht wissen, wohin mit dem Geld und in diejenigen, die nicht wissen, wo einen Euro herkriegen oder die mit Benzingutscheinen, wie die Protagonistin Alice (Eva Löbau) sie für die Teilnahme an der Marktforschung erhält, auch nirgendwo bezahlen können und schon gar kein Auto haben. Die Leute halten die Gutscheine für Monopoly-Spielgeld.

Der Film von Lucia Chiarla illustriert die Schattenseite des großen Monopoloys. Diese werden in der Bildgestaltung von Ralf Noack konsequent aus der Underdogperspektive gezeigt, was nebenbei ein unerfreuliches Berlin-Bild generiert.

Alice ist studierte Publizistin. Sie ist ihren Job losgeworden und gerät, da sie als Freelancer nicht genügend verdient, in die Mühlen des Jobcenters und damit der Maßnahmen- und Umschulungsindustrie.

Damit der krasse Lebensstandardgegensatz zu früher drastisch sichtbar wird, lässt Chiara sie sich mit Ex-Kollegen treffen. Sie kann nicht mithalten mit deren Ausgabenfreude für Kino, Essen, Trinken, Party, Stripper.

Der Film reiht eine Fülle an prekären Situationen von Alice aneinander. Das geht vom Zahnersatzproblem über den Zahlversuch mit Benzingutscheinen, Besprechungen in der Maßnahmenindustrie wie Bewerbungstraining oder Umschulungsvorschläge bis hin zum defekten Fahrrad, dem defekten Computer bis zur Mietpreisstundung, lauter unüberwindliche Hindernisse.

Das Problem dabei scheint mir, dass es bei der Aneinanderreihung bleibt, aus der sich keinerlei Handlungsdramatik ergibt, keine Spannung erzeugt wird.

Fachleute werden anerkennen, dass die verschiedenen Filmgewerke hervorragende Arbeit geleistet haben. Die Schauspieler sind gut besetzt. In diesem Zusammenhang ist just die Hauptfigur, abhängig vom Drehbuch, das nur die Situation illustrieren will, eine Hypothek. Vielleicht gerade, weil sie versucht, ihre Rolle realistisch zu spielen, alltagsrealistisch. Vielleicht überrealistisch. Ein theatraler Realismus, der das Prekäre an ihrer Lage sogar betont, die Hiflosigkeit. Das dürfte mit der kapitale Fehler des Buches sein im Hinblick auf die Publikumsresonanz. Wer will schon realistisch eine prekäre Situation geschildert sehen, so wie im Lehrfilm des Arbeitsamtes? Die Menschen, denen es so geht, können sich das Kino nicht leisten oder müssen sich wie unsere Protagonistin hineinschleichen.

Spannender wäre es, wenn vom Drehbuch her der Charakter von Alice genauer studiert worden wäre, der eine individuelle Reaktion auf die prekäre Situation ermöglichte, der Dynamik ins Spiel bringen, der Konflikte erzeugen würde. Aber das ist wiederum die typisch deutsche Drehbuchkrankheit, vor Charakteranalysen und Personenstudien zurückzuschrecken, lieber erfindet man wie hier Fallbeispiele, so dass die Regisseurin sich bestens für Schulungs- oder Industriefilme empfiehlt.

Frage an den Kinobesucher: Wollen Sie sehen, wie ein Mensch in eine prekäre Situation gerät und darin schwimmt oder wollen Sie lieber sehen, wie er individuell, gar widerständig und kreativ damit umgeht, Konflikte hervorrufend?

Der Film selbst wirkt selbst wie ein flankierende Maßnahme des Jobcenters für Arbeitslose. Spannend dagegen wäre eine gründlich recherchierte Dokumentation zur florierenden Sekundärindustrie von Fortbildungs-, Trainings- und Umschulungsmaßnahmen, die sich vom Arbeitsamt gut finanzieren lässt.

Der Sesseltanz am Schluss, also die Illustrierung des Titels als „Reise nach Jerusalem“ ist zu dick, ja erklärt den Film als so oberflächlich wie dieses Spiel. Hoffnungslos.

2 Antworten zu “Reise nach Jerusalem”
  1. Martin sagt:

    Vielleicht sollte sich der Autor den Film nochmal genau anschauen.

  2. Stefe sagt:

    Vielen Dank Martin für Ihren Hinweis. Allerdings ist der so pauschal gefasst, dass ich gar nichts damit anfangen kann. Ist das vielleicht darauf zurückzuführen, dass Sie möglicherweise bedingungslos von dem Film angetan sind und dass es Sie stört, dass jemand sich herausnimmt, diesen zu kritisieren? Vielleicht sollten Sie sich den Film ein zweites Mal anschauen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar