Loro

Mit „Il Divo“ hat Paolo Sorrentino (Ewige Jugend, La Grande Bellezza, Cheyenne – This must be the Place) schon einmal einen Politiker, Giulio Andreotti, leinwandtechnisch beleuchtet und überhöht.

Jetzt ist Silvio Berlusconi dran. Im Vorspann warnt Sorrentino die Zuschauer, er hätte Material aus der Realität genommen, dieses aber auch willkürlich gemischt, verändert und dokumentiert.

Die Rolle hat er mit Toni Servillo besetzt, der in Ansätzen ein Clowngesicht hat. Die Maske hat daraus einen grandiosen Berlusconi geformt mit spezieller Berücksichtigung der kleinen, pingelig genau gepflegten, geölten und gelegten Haarplantage auf dem Kopf.

Sein Anwesen auf Sardinien sucht seinesgleichen. So viel Luxus passt kaum in einen Film. Seine Frau Veronica (Elena Sofia Ricci) lümmelt in den feinen Fauteuils rum oder meditiert. Sie nimmt die Eskapaden ihres Mannes mit Minderjährigen in Kauf. Erst spät im Film liest sie ihm die Leviten in einer emotionalen Auseinandersetzung und verlangt die Scheidung.

Der Film fängt nicht mit der Schilderung der Person Berlusconis an. Dieser bleibt lange unnahbar. Sie fängt in der Welt an, mit der er sein Geschäft macht, mit Fernsehunterhaltung, mit Show. Der Film wirkt anfänglich wie eine Dauerwerbesendung, nur viel besser, unterhaltsamer, fast wie eine würdige Fortsetzung von Fellinis Hommage an die ewige Stadt und die Frauen „Roma, offene Stadt“. Eine Explosion der oberflächlichen Italianitá.

In dem Gewimmel wuselt ein Dompteur und Geschäftswitterer, Sergio Morra. Der stammt aus einer „ehrlichen“ Industriellenfamilie; zumindest ist das die Geschäftsphilosophie seines Vaters. Sergio möchte unbedingt an Silvio rankommen, um Aufträge zu angeln.

An Berlusconi ranzukommen ist ein komplizierter Vorgang, hochkomplex und voller überraschender Showeffekte und kostspielig dazu. Sergio möchte die Aufmerksamkeit von Berlusconi erregen. Und er weiß, wie dieser zu Frauen steht. Also organisiert er Riesenpartys in einer Villa, die von Berlusconis Villa aus zu sehen ist; die Party füllt Szenen noch und nöcher, bis der Zuschauer endlich überrascht feststellt, dass eine Figur im leeren Garten der Berlusconi-Villa im goldenen Tschador sitzt.

Der Film pflückt diverse Skandale aus der jüngeren italienischen Geschichte heraus, vermischt und sortiert sie neu. Berlusconi stürzt die Regierung, indem er sechs Abgeordnete kauft. Im Moment, da Berlusconi den Eid zum Ministerpräsidenten ablegt, geht das Erdbeben von Aquila los.

Sorrentino kriegt sich schier nicht mehr ein, schildert zügellos und ausschweifend und mit enormer Fabulierlust die Korrumpiertheit dieser italienischen Elite, deren Leben wie in Ekstase. Aber bevor sich das als Prinzip verselbständigt, bringt er ernstere Töne in die Angelegenheit und hat auch ein Auge für die Opfer der leeren Versprechungen der Politiker.

Die junge hübsche Stella (Alice Pagani) ist ein Knackpunkt für Silvio: er begehrt sie. Sie will nicht. Sie beschreibt ihn als einen Mann, der sie an ihren Opa erinnert, an dessen Atem, weder gut noch schlecht, aber den eines alten Mannes. Berlusconi wird treuherzig zu seiner Verteidigung anführen, er wolle doch nur ein Kaufmann sein (wozu die Betrügerei existentiell dazugehört).

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