Assassination Nation

Waren das noch Zeiten vor über 100 Jahren als ein Stück von Ludwig Thoma, „Moral“, ausreichte, um die bürgerliche Doppelmoral freizulegen, obwohl gerade der Sittlichkeitsverein diese zementieren will. Denn eine Dame, bei der ehrenwerte Männer ein- und ausgehen, hat ein Verzeichnis ihrer Besucher angelegt.

Das mit der Heuchelei ist heute nicht anders. Auch nicht in Amerika, in Salem, wo dieser wild und aufregend montierte Film von Sam Levinson spielt. Der ist nicht weniger patriotisch als das Stück von Ludwig Thoma. Denn Moral ist ein wesentlicher Bestandteil für den Zusammenhalt eines Landes.

Lily (Odessa Young) und ihre Freundinnen Bex (Hary Nef), Sarah (Suki Waterhouse) und Em (Abra) sind in der Zeit ihrer wildesten Sex-Phantasien und -Erlebnisse. Die aufgeregte Kommunikation läuft über SMS, Bilder und Videos über mobile Geräte.

Solche Kommunikation ist von wachen Internetnerds leicht zu hacken – und in Windeseile zu verbreiten. So gelangen Intimfotos des Bürgermeisters an die Öffentlichkeit. Und bald ist gehackt, mit wem er sich vergnügt.

Ausgehend davon baut Sam Levinson mit zwingender Dynamik einen beängstigend realistischen Finster-Provinz-Thriller auf, dessen Entwicklung immer mehr aus den Fugen gerät über die Hackerei, Erpressung, Denunziation, Entfesselung von Hass- und Rachegefühlen, Entstehung eines Gruppenmobs, Shitstorm im Internet, der in Aktion übergeht, die zusammengefasst werden kann als „Salem lost its motherfucking mind“.

Dann allerdings scheint Levinson diese Dynamik zu entgleiten oder es ihm am Willen zu fehlen, aus der lichterlohen Gewalt zurückzuschalten auf einen zivilisierten Umgang.

Er setzt deshalb einen blutig choreographierten Trashdeckel der vier Damen in roten Gummimänteln als Selbstjustiz- und Rachegemälde drüber, was auf einer anderen Realitätsebene abläuft als der vorherige Thriller.

Ganz am Schluss, so wie das Amen in der Kirche, kommt dann doch noch die – wenig interessierte – Justiz ins Spiel. Die Musik untermauert die Unerbittlichkeit einer Spirale der Gewalt.

Ein Satz, der besonders viel Realitätsinput in die Entwicklungen bringt: Dass jemand, der irrelevant ist, es schafft, dass du dich irrelevant fühlst.

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