Das große Buch des kleinen Horrors

Iiih!, schaut das giftig und grimmig aus, das Titelbild! Giftgrün und horrorviolett, Puppen, Critters, Gnome, Goblins oder Gizmos. Auf Würfeln ist das Wort T O T zu lesen. Aber nicht genug des Würfelspieles, die kleine Puppe mit den roten Haaren will auch noch drauflosstechen, den Teddy vor ihr hat sie bereits zerlegt.

Peter Vogel, der Autor, widmet das Buch seiner Mutter, „auch wenn es ihr nicht gefallen wird“. Das lässt auf eine hohe persönliche Affinität zum Thema „Kleiner Horror“ schließen. Auch zum Vaterverhältnis gibt es eine Bemerkung: „Mein Vater kann meine bis heute anhaltende Actionfigurenobsession auch nicht nachvollziehen“… und kommentiert, das müsse er auch nicht, denn „one man’s trash is another man’s treasure“.

Aus diesem Schatzkästchen hat er ein „großes Buch“, gleich eine Film-Enzyklopädie gemacht. Diese besteht aus einem Vorwort, Anmerkungen zum Aufbau, Kritik und Fazit zu 181 Filmen vornehmlich aus den USA, die mit einem 5-Sterne-System bewertet sind, „eine komplette Liste der 32 Charles-Band-Produktionen in diesem Buch“, ein Kapitel „Tiny TV-Terrors: Folgen von TV-Serien mit kleinem Horror“ und anschließend eine Filmliste nach Jahren und Jahrzehnten geordnet.

Die Texte sind von kleinen Schwarz-Weiß-Fotos begleitet, die mehr der illustrierend-kommentierenden Information als der Schaulust dienen.

Der Autor hat sich Tage und Nächte um die Ohren geschlagen beim Sichten von Filmen des Subgenres, das ihn bannt, „sehr oft lustig, zu oft langweilig, immer wieder eigenartig und manchmal auch abartig pervers, banal, inspirierend. .. und viele von ihnen können auch unerträglich frustrierend und in einigen Fällen sogar fast seelenraubend schlecht sein“.

Tiny Terror, Puppen- und Small Creature-Horrorfilme hält der Autor auch deshalb für spannend, weil sie „in dieser geek-schicken Post-Big Bang Theory-Welt … als cool“ gelten, „wenn man mit seinem inneren, begeisterungsfähigen Kind eng in Kontakt steht.“ Das dürfte auch die Attitüde des Autors zu seinen Filmen sein, weshalb die Lektüre unbedingt als anregend bezeichnet werden kann.

Die Hürden der Filme für die Aufnahme in dieses Buch beschreibt der Autor in vier Punkten: sie müssen dem Horrorgenre zugeordnet werden können, ein bis mehrere kleine Wesen sollten prominent auftreten, es darf kein Kurzfilm sein und eine kommerzielle Veröffentlichung auf einem Trägermedium ist Voraussetzung. Keine Aufnahme fanden Filme mit Killerratten, Mörderfröschen, Piranhas, Ameisen und auch Kind-als-Monster-Filme passten nicht (Ausnahme: Zombie-Biber).

Die Filme
Mit ‚Aberrations‘ fängt der Almanach „ganz weit unten“ an. Hier zeigt der Autor, dass bei ihm auch Schimpfen über einen Film dazugehören kann („Dieser ganze Kackfilm ist ein einziger Irrweg“) und gleichzeitig hofft er, dass niemand von seinen Lesern, die er per „Ihr“ anspricht, je diesen Film sehen wird.

Somit wird klar, dass dem Genre gemäss es nicht um wissenschaftliche Penibilität, sondern gerne um rotzigen Kommentar geht. Deftig gemosert ist auch schon was. Vielleicht im Sinne der bayerischen Lebenseinstellung des Grants – das hat per se einen gewissen Unterhaltungswert. Das Buch eröffnet einem so auch einen Blick in die unendlichen Möglichkeiten, was der Mensch filmisch mit Horror durch kleine Wesen alles anzustellen pflegt, Einblick in eine ganz bestimmt Sparte menschlicher Abgründe, die sich hochkultureller Behandlung eher entzieht.

Mir scheint, dass es bei einigen der behandelten Filme lustiger und kurzweiliger sein dürfte, die Review von Peter Vogel zu lesen, als sich die ganzen Filme anzutun. Kinolesen kann ein anregende, inspirierende Aktivität sein. Mir geht es auch ab und an so, dass ich von einem Film wenig angetan bin, wenn ich aber anfange, ihn zu rekapitulieren, mir die Ideen spannender erscheinen als der Film selbst.

Und wie so oft lesen sich Verrisse von drögen Filmen quicklebendig: das fängt gleich beim ersten Film „Aberrations“ an: „Der ganze Kack-Film ist ein einziger Irrweg“ – „niemand sollte diesen oberüblen Film jemals sehen, nicht mal eingefleischteste Trash-Aficionados“ oder über „Demon Dolls“: „Der Wetterkanal hat mehr künstlerischen Anspruch“ oder „Seit ‚The Dummy 2‘, den ich vorher gesehen hatte, glaub ich ja, dass Dustin Ferguson mal zu lang mit dem Kopf unter Wasser war oder in einer prägenden Kindheitsphase von Tieren großgezogen wurde. Seine Filme sind so unterirdisch schlecht, dass sie auf der anderen Seite des Erdballs wieder herauskommen. Ist Ferguson ein Troll?“ oder zu „The Dummy 2“: „Normalerweise hätte man bei der Sichtung sagen müssen ‚OK, wir sind zwar eine Schundfirma, die ausschließlich Schundfilme vertreibt, aber dieser Schund ist selbst für uns zu schundig.‘ Ich habe mir The Dumy 2 für 94 Cent auf Vimeo ausgeliehen, und mich trotzdem betrogen und bestohlen gefühlt.“ oder „Hier haben wir billige und relativ inkompetente Horror-Videogülle der spaßigen Art“ .

Wogegen vorbehaltlose 5-Sterne-Wertungen, die selten genug sind, immer etwas ernsthafter wirken wie bei „Cat’s Eye“: „Der Troll will Amanda im Schlaf buchstäblich den Atem rauben, und es kommt zum epischen Kampf Katze vs. Gnom“ oder bei ‚Critters‘ „Nach Ghost Busters (eine andere „Gruselkomödie“) die wohl beste filmische Mischung aus Horror und Komödie“ oder zu ‚Dead Silence‘: „Vor allem ist es der wahrscheinlich gruseligste Film überhaupt in diesem Buch und eine der qualitativ hochwertigen Produktionen“ oder über „Dolls“: „Wenn es etwas zu bekritteln gibt, dann nur die kurze Laufzeit von nur 77 Minuten“ und als Begründung für das Buch schreibt der Autor: „Gäbe es die ‚Puppet Master‘-Reihe nicht, hätte ich dieses Buch niemals geschrieben“.

Das Buch ist wie der Bericht eines Abenteurers, der durch dreckige, ätzende, ankotzende Schundzonen sich durchquälen muss, aber versehen mit penibel notierten „Kill Counts“ für jeden Film (differenziert in on-screen oder off camera), einem Merker für „Creative Killing“, den notorischen, nervigen Skeptikern (ein solcher möchte er selbst nicht sein), auch da wird genau Buch geführt, sowie einem ständigen Hadern mit seinem Schicksal als Autor dieses Buches: „Überhaupt will ich nach Festigstellung dises Buches keine shot-on-video-Filme mehr sehen, lieber schleife ich meinen Hodensack durch ein brennendes Reisnagelfeld“ oder “Also schlechte Filme fabrizieren und frech werden auch noch, oder wie?!“

Gerne tritt der Autor auch in einen Dialog mit dem unsicht- und unhörbaren Leser/Filmfan, wer sich hier mehr zumute und ob er dafür am richtigen Ort sei: „Wer bei ‚Ghoulies go to College‘ nicht zumindest ab und zu heftig schmunzelt, der geht zum Lachen in den Keller (und macht dort wahrscheinlich noch ganz andere Sachen)“ oder „Den freakigen Stonern unter Euch sowie den waghalsigen Trashliebhabern von der Sorte ‚Gebt mir mehr! Ist das alles, was ihr zu bieten habt?!‘ empfehle ich die ersten beiden Teile der Reihe“ oder „vier kurze Softsexszenen. Wem das viel gibt, der darf noch einen Stern zum Zweierrating dazu packen“ oder auch „Okay, den meisten Genrefans wird ‚Shrunken Heads‘ wohl zu kindisch sein, und den Gorehounds unter Euch ist er sicher zu zahm“.

Abqualifikationen
„Schrott, Schundwerk, ein eher vernachlässigbarer Beitrag, es gibt schlechte Filme, aber es gibt so etwas wie – die späteren Evil Bong-Teile, ein durch und durch mieser Käse, Filme, die so mies sind wie dieser, eine äußerst banale Schlaftablette von einem Film, wie ein unausgegorener, mieser Experimentalfilm, ein dreckiger, mieser, kleiner Film, in dem wir krassen Scheiß sehen, müder Episodenfilm“.

Merke
„… ein Gruselfilm, der auch wirklich gruselig ist, ist leider alles andere als eine Selbstverständlichkeit.“

Das Buch ist erschienen im Mühlbeyer Filmbuchverlag und ist auch dort zu bestellen.

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