„Ist Gehirntumor schlimm?“

„Da stirbt man“. Auch wenn das deutsche Kino schlimm ist, so heißt es noch nicht, dass es Gehirntumor hat und stirbt, da ist das Fernsehen, ist die Filmförderung davor. So kann es weiter vegetieren, aber erblühen wird es auf diese Weise nicht. Der Kritiker mag weiterhin versuchen, zu diagnostizieren, woran das deutsche Kino – wie auch – hier leidet.

Hat es doch durchaus vorzeigbare Darsteller, hier spielen Armin Rohde und Richy Müller glaubwürdig die 30-Jahre-später-Ruhrpott-Rockmusikertypen, während Jan Josef Liefers etwas zu sehr mit seinem Gehirntumor beschäftigt scheint.

Vor dem Drehbuch gibt’s sogar einen Roman von Frank Goosen, von dem schon andere Bücher verfilmt worden sind: Sommerfest, Radio Heimat, Liegen lernen)

Aber dazwischen gibt’s leider das Drehbuch von Stefan Kolditz (Paula) – und dahinter wieder alle möglichen Förderer und ARD und Degeto, und die haben vielleicht auch mitgeredet und zur Verschlimmbesserung beigetragen.

Diagnose: der Film düfte im Kino den baldigen Gehirntod sterben. Wer will schon im Kino ausführlich über Nebenwirkungen von Tabletten informiert werden, die vor der Operation einem Gehirnturmorpatienten verschrieben werden? Wer will schon ins Kino gehen, um von Leuten zu hören, dass sie Fehler gemacht haben?

Dabei hat der Gehirntumor von Rainer keine weitere Bedeutung, als dass er ihn zum Anlass nimmt, Rainers Band „Bochums Steine“ nach 30 Jahren wiederzubeleben. Bis auf zwei epileptische Anfälle und die Vorbereitung zur Gehirntumor-OP spielt der Krebs keine weitere Rolle.

Das Drehbuch von Kolditz hat den Zuschauer mit dem Gehirntumor aufs Glatteis geführt, denn der löst in Rainer keine Konflikte aus, wobei wir eh praktisch nichts über den Charakter von Rainer erfahren, außer dass seine Frau mit einem anderen zusammen ist, und dass Sohn Daniel ab und an beim Vater sein darf.

Ihm schreibt das Drehbuch also nichts zu, was Interesse erwecken oder Spannung erzeugen könnte. Denn auch die Reaktion auf den Gehirntumor ist außer einem gedankenverlorenen Blick die Aktion, von der der Film offenbar eigentlich handeln will: dem Come-Back, wenn auch nur für ein einziges Konzert, der Bochumer Steine nach 30 Jahren, anno 2017. So erzählt bleibt es nostalgische Schwelgerei im Gestern.

30 Jahre früher, das zeigen vorausgeschickte Szenen, gab es einen unschönen Vorfall bei einem Konzert, der damals das Ende besiegelt hat. Aber was da genau war, darüber wird der Zuschauer im Unklaren gelassen.

Der Rest ist absehbar. Es sind die abgelutschtesten Hindernisse für das Zustandekommen des Comebacks eingebaut. Philipp Kadelbach inszeniert brav ab Blatt wie ein Pennäler, so dass noch der saloppesten Pointe an ihrer Langsamkeit die Luft ausgeht.

Und ein Michael Kadelbach hat an den moralinischen Stellen, wenn es darum geht, dass Tumor schlimm ist und Fehler eingestanden werden (50er Jahre Käseglocke oder Opas aufgewärmtes Kino) eine Moll-Ton-Bedröppelmusik geschaffen, oh Melo, oh Drama.

So wird es denn Schwachbrustkino, das die Öffentlich-Rechtlichen zu später Stunde für all jene medikamentös ruhig gestellten Mitbürger ausstrahlt, die nicht in der Lage sind, den Sender zu wechseln.

Ein Film, der einmal mehr beweist, wie meilenweit das deutsche Kino hinter dem Weltkino herhinkt, vergleichen wir nur im Hinblick auf das Musikfilmelement, Thilda und die beste Band der Welt – Los Bando, wie die aus wenig, aber gut beobachteten Charakteren einen spannenden, witzigen und überraschenden Film machen.

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