Archiv für 8. November 2018

Es geht kunstvoll um russischen Rock/Pop, um Gedächtnis und Identität, um die Befreiung der Frau, um gravierenden Realitätsverlust, um eine Nettigkeit und ihre Folgen, um Krebs als Anlass für Ruhrpott-Musik-Nostalgie, ferner laufen an ein niederschwelliger amerikanischer Patriotismusfilm und ein noch niederschwelligerer, amerikanischer KriegsheldenZombieNazifilm. Das Fernsehen überraschte mit Statements von über 100-Jährigen.

Kino
LETO
Russisch Rock hinterm Eisernen Vorhang.

REMEMORY
Eine thrillerhafte Spielerei um Identität und Gedächtnis.

#FEMALE PLEASURE
Ein Überblick über den Stand der Emanzipation der Frau aus ihrer Unterdrückung am Beispiel von fünf bekannten Aktivistinnen.

IN MY ROOM
Burnout eines Kameramannes mit verrückten Folgen.

NUR EIN KLEINER GEFALLEN
Amerikanische Beziehungskomödie in bester Routine-Manier.

SO VIEL ZEIT
Was jetzt? Krebsaufklärungs- oder Rocknostalgiefilm?

AUFBRUCH ZUM MOND
Wer diesen Aufbruch nicht für einen großen Schritt der Menschheit hält, darf sich schuldig fühlen Amerika gegenüber.

OPERATION: OVERLORD
Möglichst laut, möglichst gigantische Leinwand sollen vom Verzicht auf Plausibilität dieser Zombie-Nazi-Schmiere ablenken.

TV
Ü 100 – DAS GEHEIMNIS DER 100-JÄHRIGEN
Woran denken über 100-Jährige? Über den Tod im Nacken? Eher nicht, dann doch lieber Fußball!

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„Ist Gehirntumor schlimm?“

„Da stirbt man“. Auch wenn das deutsche Kino schlimm ist, so heißt es noch nicht, dass es Gehirntumor hat und stirbt, da ist das Fernsehen, ist die Filmförderung davor. So kann es weiter vegetieren, aber erblühen wird es auf diese Weise nicht. Der Kritiker mag weiterhin versuchen, zu diagnostizieren, woran das deutsche Kino – wie auch – hier leidet.

Hat es doch durchaus vorzeigbare Darsteller, hier spielen Armin Rohde und Richy Müller glaubwürdig die 30-Jahre-später-Ruhrpott-Rockmusikertypen, während Jan Josef Liefers etwas zu sehr mit seinem Gehirntumor beschäftigt scheint.

Vor dem Drehbuch gibt’s sogar einen Roman von Frank Goosen, von dem schon andere Bücher verfilmt worden sind: Sommerfest, Radio Heimat, Liegen lernen)

Aber dazwischen gibt’s leider das Drehbuch von Stefan Kolditz (Paula) – und dahinter wieder alle möglichen Förderer und ARD und Degeto, und die haben vielleicht auch mitgeredet und zur Verschlimmbesserung beigetragen.

Diagnose: der Film düfte im Kino den baldigen Gehirntod sterben. Wer will schon im Kino ausführlich über Nebenwirkungen von Tabletten informiert werden, die vor der Operation einem Gehirnturmorpatienten verschrieben werden? Wer will schon ins Kino gehen, um von Leuten zu hören, dass sie Fehler gemacht haben?

Dabei hat der Gehirntumor von Rainer keine weitere Bedeutung, als dass er ihn zum Anlass nimmt, Rainers Band „Bochums Steine“ nach 30 Jahren wiederzubeleben. Bis auf zwei epileptische Anfälle und die Vorbereitung zur Gehirntumor-OP spielt der Krebs keine weitere Rolle.

Das Drehbuch von Kolditz hat den Zuschauer mit dem Gehirntumor aufs Glatteis geführt, denn der löst in Rainer keine Konflikte aus, wobei wir eh praktisch nichts über den Charakter von Rainer erfahren, außer dass seine Frau mit einem anderen zusammen ist, und dass Sohn Daniel ab und an beim Vater sein darf.

Ihm schreibt das Drehbuch also nichts zu, was Interesse erwecken oder Spannung erzeugen könnte. Denn auch die Reaktion auf den Gehirntumor ist außer einem gedankenverlorenen Blick die Aktion, von der der Film offenbar eigentlich handeln will: dem Come-Back, wenn auch nur für ein einziges Konzert, der Bochumer Steine nach 30 Jahren, anno 2017. So erzählt bleibt es nostalgische Schwelgerei im Gestern.

30 Jahre früher, das zeigen vorausgeschickte Szenen, gab es einen unschönen Vorfall bei einem Konzert, der damals das Ende besiegelt hat. Aber was da genau war, darüber wird der Zuschauer im Unklaren gelassen.

Der Rest ist absehbar. Es sind die abgelutschtesten Hindernisse für das Zustandekommen des Comebacks eingebaut. Philipp Kadelbach inszeniert brav ab Blatt wie ein Pennäler, so dass noch der saloppesten Pointe an ihrer Langsamkeit die Luft ausgeht.

Und ein Michael Kadelbach hat an den moralinischen Stellen, wenn es darum geht, dass Tumor schlimm ist und Fehler eingestanden werden (50er Jahre Käseglocke oder Opas aufgewärmtes Kino) eine Moll-Ton-Bedröppelmusik geschaffen, oh Melo, oh Drama.

So wird es denn Schwachbrustkino, das die Öffentlich-Rechtlichen zu später Stunde für all jene medikamentös ruhig gestellten Mitbürger ausstrahlt, die nicht in der Lage sind, den Sender zu wechseln.

Ein Film, der einmal mehr beweist, wie meilenweit das deutsche Kino hinter dem Weltkino herhinkt, vergleichen wir nur im Hinblick auf das Musikfilmelement, Thilda und die beste Band der Welt – Los Bando, wie die aus wenig, aber gut beobachteten Charakteren einen spannenden, witzigen und überraschenden Film machen.

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Das Gedächtnis ist eine identitätsstiftende Angelegenheit.

In diesem Film von Mark Palansky, der mit Mike Vukadinovich auch das Drehbuch geschrieben hat, geht es nicht um das kollektive Gedächtnis, das in Archiven aufbewahrt und in Museen und Instituten gepflegt wird, hier geht es um das individuelle Gedächtnis und zwar weit über das hinaus, was jemand in Fotoalben, auf Video oder in Texten festgehalten hat.

Wobei das Kino ein idealer Ort für eine Art des Gedächtnisses ist – und also auch für einen Film, der von dem Thema handelt. Es geht um das totale Gedächtnis eines Menschen, um „die reine, ungefilterte Wahrheit“.

Das glaubt Gordon Dunn (Martin Donovan) entwickelt zu haben. Das ist ein Gerät ähnlich wie ein Laptop. Dazu gibt es eine Art Chip. Der ist wie ein Stück Glasscheibe, so durchsichtig und oben am undurchsichtigen Haltegriff ist der Name eingraviert, dessen Gedächtnis hier gespeichert und über die Maschie ablesbar ist. Dazu bedarf es eines speziell entwickelten Kopfhörers.

Gordon betreibt das als Geschäft mit der Firma Cortex. Die wird am Schluss den Rememory 2.0 „launchen“. Bis dahin ist Gordon Dunn allerdings tot. Sein Tod ein Rätsel. Er ist keines natürlichen Todes gestorben. Es gibt zwar Einschüsse an der Wand seines eleganten und geräumigen Büros. Aber an der Leiche finden sich keine Spuren. Das Musterexemplar der Gedächtnismaschine, die der Schlüssel zu allem sein könnte, also auch zur Rekonstruktion der Tat, ist verschwunden.

Die Polizei ist überfordert und zeigt wenig Interesse.

Es gibt aber verschiedene Individuen, die aus verschiedenen Gründen hinter dem Apparat her sind, sei es aus enttäuschter Liebe oder weil Gordon individuelle Gedächtnisausschnitte für seine großen, öffentlichen Präsentationen missbraucht hat oder von Seiten weiterer „troubled“ people.

Palansky nutzt diesen Kriminalfall anhand der üblichen Puzzlearbeit speziell von Sam Bloom, der als persönlich Betroffener die detektivische Fleißarbeit mit den Puzzleteilen aus Gedächtnis-Chips erledigt, um die Idee eines totalen Gedächtnisses zu ventilieren, was ist der Mensch anderes, als die Summe der Erinnerungen, und was ist mit Erinnerungen, die wir vergessen haben, ohne dies allerdings radikalphilosophisch zu vertiefen. Wobei die Frage nicht angeschnitten wird, wie weit eine ständige Totalpräsenz aller Erinnerungen den Menschen noch lebensfähig macht oder ob dazu nicht eben partielle Gedächtnisverluste absolut nötig sind.

Die Erinnerung ist, das behaupten manche Bildfolgen, nichts als ein wüster Haufen von willkürlich (oder scheinbar willkürlich) aneinandergeschnittener Bilder und Szenen.

Sam hat selbst ein tragisches Erlebnis mit seinem Bruder Dash (Matt Ellis) zu verarbeiten. Involviert ist Wendy (Evelyne Brochu), die Geliebte von Dunn, seine Ehefrau Carolyn (Julia Ormond) und noch eine weitere, posthume Rolle von Anton Yelchin als Schweißer Todd.

Mit diesem exzellenten Ensemble und aus all den anderen Parametern mixt Palansky einen anregenden und packenden SciFi-Mystery-Memory-Thriller und dem entsprechend verhalten unterlegten Sound.

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Das Geschäftskalkül dieses Filmes von Julius Avery nach dem Drehbuch von Billy Ray und Mark L. Smith scheint gewesen zu sein: Große Leinwand, Dezibelmaximierung, Zombietrash gemixt mit 2.-Weltkriegsoldatenheldentum muss funktionieren, das wollen die Leute sehen, eine gewisse mir nicht näher eruierbare Klientel zumindest, so dass man sich Schlamperei im Storytelling und Schmierentum in der Darstellung leisten zu können glaubt.

Die amerikanischen Soldaten mitten im Nazifeindesland ganz nah an einem HochsicherheitsZombieLabor lümmeln in einer akustisch gegen den Rest der Befestigung kaum abgesicherten Dachräumlichkeit herum als ob sie zuhause in der Homebase seien. Realismus nicht beabsichtigt.

Dröhnend aus allen Tonverstärkerrohren fliegen sie im Bombengeschwader in den Krieg, versuchen Lockerheit im Dialog, bis das Flugzeug daneben brennt und ihr eigener Flieger angeschossen sich dreht.

Ganz wild versucht einer sich nach Fallschirmlandung im Meer oder in einem See, so genau wollen wir das gar nicht wissen, dramatisch unter Wasser vom Fallschirm zu befreien. Glücklicherweise ist direkt an dieser tiefen Stelle das Ufer, an das er klettern kann.

Im deutschen Wald mit viel Farn und anderem Kraut findet der Held seine Kameraden. Ihr Chef, das beobachten sie aus dem Hinterhalt, wird von den Nazis im Stehen erschossen. Ist ja ein Schwarzer, halb so wild.

Dann stoßen die Kriegsmänner auf eine verwilderte Frau. Die fasst schnell Vertrauen und führt sie in ihr Logis, wo noch ein Kind und eine Tante sind. Das ist direkt in dem Gelände mit den TopSecretZombieforschern.

Das dauert alles, ist nicht besonders originell und vor allem nie groß auf Plausibilität hin inszeniert. Vermisst wird die besondere Freude der Macher an einem solchen Film, wie er mir kürzlich bei Bad Samaritan aufgefallen ist, die Hingabe ans genaue Detail und die pointierte Auswahl des Castes.

Das scheint hier alles nachlässig Handgelenk mal Pi passiert zu sein, Hauptsache laut, Hauptsache überdimensionierte Gesichter auf breiter Leinwand und ein paar Zombiefressen wie aus dem Halloween-Store.

Vielleicht kommt es bei diesem Film auf den Lebenszusammenhang an, in welchem man ihn sehen möchte. Wer eine dröge Arbeit hat und einfach mal abschalten will, wird ihm womöglich mehr abgewinnen können als ein Filmmensch, der gerade zuvor, was der Alltagsmensch eh kaum machen würde, einen höchst anspruchsvollen und extrem präzise überlegten und inszenierten Arthouse-Film gesehen hat.

Wo Cheesburger drauf steht, ist Cheese drin, kann auch Analog-Käse sein. Kein Interesse an Glaubwürdigkeit. Die Schauspieler spielen Angst, Furcht oder Bedrohung so, wie Lieschen Müller denkt, dass man Angst, Abscheu oder Schrecken spielt. Eine tiefere Reflektion dazu ist nicht ablesbar. So gibt’s es viel Horror-, Zombie- und Kriegsheldentheatralik zu sehen.

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„Könntest Du mir mal einen kleinen Gefallen tun?“ – die Frage ist hinterhältig, weil sie nicht offenlegt, worum es geht und weil man schlecht „einen kleinen Gefallen“ abschlagen kann.

Wie hinterhältig das sein kann, schildert Paul Feig nach dem Drehbuch von Jessica Schwarzer nach dem Erstlingsroman der Vorschullehrerin aus Chicago, Darcey Bell.

Feig inszeniert das Dialogstück in schwindelerregendem Tempo, dass man ganz schnell Zweifel am Rätsel Mensch bekommen kann, was ist der Mensch und wo ist ihm überhaupt zu glauben?

Wie rasant er inszenieren kann, hat Feig schon bei Brautalarm oder bei Spy – Susan Cooper Undercover bewiesen.

Feigs Protagonistin Stephanie Smothers (Anna Kendrick mit ihrer bewährt distanzierend-zackigen Mimik) ist auch so jemand, die niemandem einen Gefallen abschlagen kann. Sie betreibt den Video-Blog „Hi, Moms! With Stephanie“. Sie nimmt ihre Beiträge zuhause am Küchentisch auf, so simpel wie es geht. Sie spricht ihre Zuschauerinnen immer mit „Hi Moms“ an.

Sie selbst ist Witwe (dazu gibt es Geschichten, die diesen an sich bemitleidenswerten Befund in ein anderes Licht tauchen) und sie hat ihren kleinen Buben Miles (Joshua Satine). In der Schule freundet dieser sich mit Nicky (Ian Ho) an, zwei frische, muntere Buben.

Die Mutter von Nicky stammt aus einer anderen Welt. Emily (Blake Lively) ist Werbedirektorin bei der Dennis Nylon Holding. Sie ist eine extravagante Frau, wohnt mit Sean in einem mondän-feudalen Bungalow, mehr Design, weniger Geschmack. Er sei ein Bestseller-Autor, der vor Jahren einen Bestseller geschrieben hat und seither nichts mehr.

Sie habe sich, derlei Dinge und mehr sind zu erfahren, nachdem sich Emily und Stephanie über die Kinder angefreundet haben, richtiggehend an den Erfolgsautor herangemacht.

Es gibt Rückblendeszenen, wie der Bub gezeugt worden sein dürfte, ganz schnell in der Flugzeug-Toilette.

Der kleine Gefallen besteht darin, ob Stephanie den kleinen Nick für ein paar Tage bei sich aufnehmen könnne, da Emily geschäftlich nach Miami verreise.

Und Emily ward nimmer gesehen.

Aus dem kleinen Gefallen entwickeln sich neue Familienkonstellationen. Es wird eine Leiche gefunden, die Emily sein muss. Aber sie ist nicht aus der Welt. Wie von einem Phantom tauchen Spuren von ihr auf. Die Menschen reden viel. Stephanie fängt das Recherchieren an.

Es ist zum Verzweifeln, was die Menschen alles erzählen und wie sie handeln, dass ein richtiger Mystery-Psycho-Thriller draus wird. Feig schildert diese Menschen und deren Behauptungen heutig und macht krass bewusst, wie wenig wir generell über unsere Mitmenschen wissen und dass unter schönen Oberflächen Unerwartetes und Schlimmeres zu finden sein kann.

Feig lässt es auch, besonders mit dem Musikeinsatz, gerne offen, ob es sich hier nun um eine Komödie oder doch um eine Tragödie, um eine Frotzelei oder um ernsthafte Seinsrecherche handelt.

Zur Frischheit trägt bestimmt auch bei, dass der Roman, der die Drehbuchvorlage lieferte, ein Erstling ist. So dass der Mensch unvoreingenommen in die Fallen tappt, die so ein kleiner Gefallen verdecken kann.

Zu dieser gefährlichen Naivität der Grundlage passt, dass Stephanie außerhalb von New York in Warfield wohnt, wo so etwas desto weniger zu erwarten wäre. Und zur Frischheit der Performance trägt sicher auch bei, dass Feig oder die Autorin in keiner Sekunde versuchen, zu psychologisieren. Dass die Texte mehr wie von einem Magier wie in einem Verwirrspiel vor unseren Augen jongliert werden.

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Das ist ein zugeneigter Erinnerungsfilm an russische Rock- oder Popmusiker der 80er, die hier im Westen nicht unbedingt bekannt sind: Mayk Naumenko (Roman Bilyk) und Viktor Tsoy (Teo Yoo).

Anfangs des Filmes ist Mayk schon bekannt und erfolgreich. Viktor probiert sich aus, schwankt zwischen Rock und Pop. Er spielt Mayk vor. Dieser ist angetan.

Der Film zeigt die Entwicklung der beiden, die zusammenspielen, der Jüngere vom Älteren gefördert.

Im persönlichen Bereich steht Natasha (Irina Starshenbaum) Mayk nahe. Mit ihm hat sie auch ein Kind. Aber der Musiker ist mehr mit seiner Musik beschäftigt. So entwickelt sich ein Verhältnis zu Viktor.

Regisseur Kirill Serebrennikov (Der die Zeichen liest) dreht die Geschichte nach dem Drehbuch von Mikhail Idov + 3 nach den Erinnerungen von Natalya Naumenko in künstlerisch-verführerischem Schwarz-Weiß, erlaubt sich wie einsten Eisenstein rote Kolorierungen, hier bei Äpfeln oder bei einem Frauenkleid.

Auch sonst geht er mit dem Material spielerisch um, bearbeitet es mit Spaß, speziell wenn aus dem Video ein Musikclip wird, kann er sich nicht zurückhalten, was kein Nachteil ist. Er verwendet auch Super-8, Farbe und Split-Screen, um auf die künstlerischen Freiheiten und Kühnheiten des Rocks adäquat zu referieren; genau so setzt er auf eine smarte Verfolgerkamera.

Diese russischen Rockmusiker waren voll vom westlichen Rock elektrisiert. Dessen Platten hängen bei ihnen in der Wohnung. Und wer da einen Bezug dazu hat, der wird von diesem Film sicherlich mehr gefangen, erst recht, wenn er die russischen Musiker kennt, an die diese gediegen und in schönster Filmhandschrift gehaltene Hommage erinnert.

Es gibt eine Figur, die direkt zum Publikum spricht und auf den Anspruch der künstlerischen Freiheit dieses Gedenkfilmes hinweist, der sagt immer: alles was Sie sehen, ist nie passiert. – Im Film passiert es – fast zu schön!

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Den Boden unter den Füßen verloren

und dann doch irgendwie weich gelandet – vielleicht in einem archetypischen Traum von Selbständigkeit und Unabhängigkeit.

Dem dies widerfährt, das ist Armin. Ihn spielt Hans Löw – man schaut ihm gerne zu, er ist nicht der prototypische Subventionsschauspieler, hat Eigenheit und Individualität (aber für seine Weiterentwicklng bräuchte er dringend forderndere Rollen!).

Armin wird vorgestellt anhand seiner zerstreuten Kamera, die er in der Bundeshauptstadt bei Pressekonferenzen von Linken und SPD nicht mehr unter Kontrolle hat. Armin muss ganz schön neben der Kappe sein, denn später in der Fernsehredaktion ist auf dem Bildmaterial nur das zu sehen, was nicht verwendet werden kann: Decken, Beine, Anweisungen an die Interviewpartner und im Moment, da diese sich zusammenreißen und freundlichst ihre politische Botschaft in die Kamera lächeln wollen: Filmriss. Der ist genau dann vorbei, wenn der Interviewpartner aus dem Bild geht.

Das ist so katastrophal, dass man es nicht für möglich halten möchte. Mir wird das erst jetzt bewusst, was für ein dramatischer Aussetzer das für einen Kameramann sein muss. Es ist aber auch so katastrophal, dass es drauf und dran ist, dem Zuschauer nur noch Kopfschütteln zu entlocken und sich zu überlegen, ob er weiter dem Film folgen soll.

Wer die Geduld aufbringt, wird später ausgiebig belohnt, auf jeden Fall, wenn er mit der üblichen Erwartung an einen deutschen, gremienkonsensfähigen Film denkt.

Bald schon fällt auf, dass Ulrich Köhler (Schlafkrankheit war schon außergewöhnlich für einen deutschen Film, mit Afrikabezug dazu und kritisch der Entwicklungshilfe gegenüber) offenbar in der Nachfolge und als deutsche Variante das Prinzip der Gebrüder Dardenne sich zunutze macht: sich für einen Protagonisten zu entscheiden und dem in seinen Handlungen zu folgen; eine angenehme Abwechslung zu der Überzahl an Themenfilmen, die das deutsche, fernsehgeschwängerte Subventionskino am liebsten bietet.

Allerdings wird dabei auch klar, dass in Deutschland deutlicher Nachholbedarf besteht in der Glaubwürdigkeit der Inszenierung von Realität, die in Dokumanier gefilmt wird.

Diese inszenierte Realität springt von Berlin in eine Ortschaft mit dem Autokennzeichen HF, Kreis Herford. Hier berichtet der Film über den familiären Background von Armin. Seine Oma ist ein Pflegefall, liegt im Sterben. Sein Papa ist da, sein Bruder. Sie kümmern sich liebevoll um die alte Frau. Beklemmend wie sie mit dem Tod konfrontiert sind.

Ab da nimmt der Film eine Wendung in die Abgründe der Psychologie. Er verliert jeglichen Realismus. Der Übergang passiert schleichend. Armin fährt mit dem Auto los. An einer Tankstelle steht zwar ein Auto, das betankt wird, stehen zwei Motorräder, ist der Kiosk offen, aber kein Mensch weit und breit.

Armin ist ein korrekter Mensch, besorgt sich Einkäufe und legt das Geld auf die Theke. Kurz nach der Tankstelle gibt es einen in eine Leitplanke gekrachten Wagen und auch kein Mensch weit und breit.

Diese Leere weitet sich aus, als funktioniere die Welt nicht mehr empirisch, an der Grenze zum absurden Theater oder zum Surrealismus.

Armin hat den Boden unter den Füßen verloren. Es mag ein Traum sein. Es mag ein Bohren in den Tiefen seiner Träume sein. Eine Frau taucht auf, Kirsi (Elena Radonicich). Ab hier wird es eine spannende Mann-Frau-Beziehung mit einer zwischen den beiden Darstellern hervorragend funktionierenden Chemie. Es scheint, als wolle Köhler auf den Traum gar keinen Deckel mehr setzen, als wolle er den Film ganz ohne Moral auslaufen lassen. Eine seltene und leise strahlende Kinoblume aus Deutschland.

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Ein Stück Biopic aus dem Leben des Ersten Mannes auf dem Mond, Neil Armstrong.

Der Film nach dem Buch von Josh Singer (Die Verlegerin) nach dem Roman von James R. Hansen in der Regie von Damien Chazelle (La la land; Whiplash – mit diesen beiden Filmen hat Chazelle eine recht smarte, hollywoodkonforme Kinohandschriftenprobe vorgelegt) fängt bei der Landung eines Vorversuches zum Mondflug 1961 in der Mojave-Wüste an.

Da zeigt der Film schon, worauf es ihm ankommt: auf Markerschütterung scheint er es anzulegen, bildnerisch mit ungeheurem Geruckel, dass die Leinwand zu bersten droht und mit Sound aus allen Kanälen. Der Film will nahe gehen, erzählt er uns damit.

Und er will uns noch näher gehen, indem er das Leben von Armstrong auf zwei Schienen erzählt; als Familienvater mit einer stinknormalen Familie, ja mit tragischem Input: ein Töchterchen, was an einem Tumor ganz klein schon stirbt; aber eine Vorbildfamilie.

Wobei es ein lustiges Apercu ist, dass seine Frau Janet (Claire Foy) mit einer Nacharin über diese Normalität spricht, respektive von ihr träumt, nachdem das Astronautentum ihres Mannes immer abenteuerlichere Züge und Bekanntheit annimmt. Während die Nachbarin von einer Zahnarztgattin erzählt, die tatsächlich ein „normales“ Leben führe – und sich nach Außergwöhnlichem sehne. Der Mensch hat’s nie recht, so wie er’s hat. Das heißt nicht, dass mich solche Allgemeinplätze für den Film vereinnehmen.

Es gibt sogar Dinge, die mich eher distanziert lassen. Denn der ganze Film ist von einem selbstverständlichen, subtilen Patriotismus durchzogen, dass die Amis mit dem Mondflug endlich die Russen hinter sich gelassen haben, dass auf dem Mond das Sternenbanner weht (gerade deshalb diskutieren sie in den USA, ob der Film patriotisch genug sei, da dieses Pflanzen der amerikanische Flagge auf dem Mond nicht genügend zelebriert werde).

Auch vermittelt mir der Film in dieser Mischung aus Karriere und Familie, die beide aus der Mäuschenperspektive geschildert werden, das unangenehme Gefühl, dass ich mit etwas befasst werde, was ich nicht unbedingt wünschenswert finde; das ist vielleicht diese Selbstverständlichkeit, mit der ich diese patriotische Position, die den Mondlug bewundert und für Amerika reklamiert, nicht unbedingt teile.

Was mich ferner filmisch auf Distanz hält, das ist Ryan Gosling, der die Rolle offenbar unbesehen zugesagt hat, dem möglicherweise gar nicht aufgefallen ist, dass die Rolle alles andere als spannend geschrieben ist, denn die ist mehr Deko fürs Raumfahrtsmuseum denn Essential fürs heutige Kino.

Gosling muss so oft wie möglich frisch und jung aussehen, optimistisch sein, über Leichen gehen (bevor Apollo elf erfolgreich war, kamen einige Astronauten bei Fehlversuchen Tode). Da ist er dann nachdenklich oder weint. Aber der Star ist unterfordert mit der Rolle; denn der niederschwellige Patriotismus geht eindeutig vor. Dieser verträgt keine Komplikation durch eine komplexe Rolle. Da darf keine Schauspielerleistung ablenken davon.

Irgendwie scheint der Film den Zuschauer in eine Position des schlechten Gewissens zu drängen, dass er selbst sich nicht an diesen patriotischen Aktionen beteiligt hat, bei denen ein kleiner Schritt auf dem Mond einen großen Schritt für die Menschheit bedeute. Wobei der Film die Erklärung schuldig bleibt, was denn das für ein großer Schritt gewesen sein soll, wenn man die aktuellen gesellschaftlichen-politischen Zustände nur schon in Amerika betrachtet; dass der aktuelle amerikanische Präsident ein großer Schritt für die Menschheit sei, ein Fortschritt gar? So besehen gewinnt der Film die Qualität eines grimmigen Propagandastreifens.

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Das tut weh,

wenn Leyla Hussein vor interessierten Männern und Frauen an einem weit überdimensionierten Vagina-Modell verschiedene Varianten weiblicher Beschneidung mit Schere und anderem derbem Handwerkszeugs vorführt. Da dürfte sich im Kino noch in jedem Gesicht der Abscheu, der Schmerz widerspiegeln oder manche gar nicht mehr hinschauen wollen. Wer das gesehen hat, wird nie wieder für weibliche Genitalverstümmelung sein und sie schon gar nicht seinen Kindern angedeihen lassen wollen.

Leyla Hussein ist eine von 5 Aktivistinnen, die Barbara Miller in ihrer Dokumentation, die viel Wert auf leinwandattraktive Fotografie legt, ruhig eineinandergeschnitten präsentiert in einer Art Survey über den Stand der weiblichen Emanzipation an den fünf ausgewählten Beispielen.

Deborah Feldman ist Autorin, Mutter von einem Kind. Sie ist in der streng chassidischen Gemeinde New Yorks aufgewachsen. Der Blick auf sie wirft sozusagen einen ergänzenden Blick auf den Film Menashe, der in der Gemeinde in Brooklyn gedreht worden ist, aus der Sicht einer Frau und wie sie letztlich als reine Gebärmaschine behandelt und zwangsverheiratet wird. Das ist auch auch ihr passiert. Aber sie hat sich davon befreit, ist mit Kind nach Berlin umgezogen und hat sogar das Sorgerecht für ihr Kind erstritten, obwohl die Gesetzeslage in den USA das gar nicht vorsieht.

Rokudenashiko aus Japan versteht nicht, dass im japanischen Schintoismus der Penis als überdimensioniertes Symbol verehrt und in Prozessionen durch die Straßen gezogen wird und dass dabei selbst kleine Kinder Penislutscher schlecken und dass gleichzeitig die Darstellung einer Vagina tabu und sogar gesetzlich verboten ist. Deshalb macht sie aus Vaginaabdrücken Kunst. Und kommt vor Gericht. Das Boot, das sie nach den Maßen ihrer Vagina geformt hat, wird akzeptiert, dass sie aber deren 3D-Maße ins Internet stellt, ist ein Gesetzesverstoß, eine 3D-Unzüchtigkeit. Anmerkung: In „Das große Buch des kleinen Horrors“ von Peter Vogel (Rezension geht am 11. 11. 11.11 Uhr online) ist ein japanischer Film aufgeführt, „Kiseichû: Kirâ Pusshî“, in dem ein Vaginamonster vorkommt; der Film stammt von 2004.

Doris Wagner wollte als Nonne ein gottesfürchtiges, enthaltsames Leben führen. Im Vatikan wurde sie von einem Geistlichen, der immer noch in Amt und Würde ist, vergewaltigt. Sie hat sich aus den Fängen der Kirche und ihrer abgestandenen Moral befreit, lebt heute ein selbstbestimmtes Familienleben und kämpft gegen die Verlogenheit der römischen Kirche.

Vithika Yadav in Indien sträubte sich gegen die Zwangsheirat, entschied sich für ihre Liebe, einen Piloten. Sie kämpft gegen die Missachtung der Frau als beliebiges Lust- und Vergewaltigungsobjekt in der indischen Gesellschaft mit einer Plattform im Internet, die die Themen anspricht und diskutiert.

Der Film fängt mit einer peppigen Bildmontage aus Reklamebildern mit sexy dargestellten Frauenkörpern an. Gemeinsam ist den Beiträgen, dass es es sich um Themen von globaler Bedeutung handelt, dass Frauen sich dagegen wehren, dass ihre Sexualität von Männern beherrscht wird, dass Frauen als Antithese von Spiritualität gesehen und als Eigentum betrachtet werden.

Dass Frauen auch Macht über Männer ausüben können, wird im Film „Frühes Versprechen“ zu sehen sein, der am 27. Dezember seinen deutschen Kinostart hat, über einen Mann, der von seiner Mutter nicht loskommt.

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