The Insult – L’Insulte

Der kaputte Abfluss

ist das Symbol für diesen heftigen Gerichtsfilm von Ziad Doueiri, der mit Joelle Touma auch das Drehbuch geschrieben hat. Das erinnert an den „Zerbrochenen Krug“ von Kleist, weniger von der Komödie, als vielmehr von der Konsequenz des Denkens her.

Ein banaler Alltagsgegenstand wird zum Auslöser einer Dramatik, die die Ausmaße einer Staatsaffäre annimmt und dabei ein Röntgenbild einer Gesellschaft zeichnet.

Der Abfluss noch dazu als Symbol dafür, wie mit Dingen umgegangen wird, die entsorgt gehören, und wenn es nur das Wasser vom Balkon ist. Und was passiert, wenn das nicht ordentlich geschieht.

Der Christ Toni Hanna (Adel Karam) hat den Abfluss vom Balkon seiner Wohnung in Beirut kaputt gemacht. Er gießt seine Balkonblumen in dem Moment, in dem unten auf der Straße der Unternehmer Talal (Talal el Jurdi) mit seinem zuverlässigen und vorbildlichen Vorarbeiter Yasser (Kamel el Basha) eine Ortsbesichtigung für Bauarbeiten unternimmt.

Das Abwasser vom Balkon trifft Yasser. Er schickt ein „Arschloch“ zu Toni auf dem Balkon. Toni verlangt eine Entschuldigung. Denn Toni ist Christ (er betreibt eine Autoreparaturwerkstätte und kann nur den Kopf schütteln über die Chinesen, die erstklassige Boschteile aus Deutschland kopieren und nicht mal das Wort „Bosch“ richtig abschreiben können, sie schreiben „Boch“) und Yasser ist Palästinenser.

Yasser lebt in einem abgeschlossenen Palästinenserlager und dürfte seinen Job überhaupt nicht ausüben. Er weigert sich, sich zu entschuldigen. Sein Chef Talal bedrängt ihn, es zu tun, denn er kann keinen Ärger gebrauchen; es geht um große Aufträge.

Yasser willigt ein und geht, begleitet von Talal, zur Garage von Toni. Die Begegnung endet statt mit einer Entschuldigung mit zwei gebrochenen Rippen von Toni. Zudem ist seine Frau schwanger. Jetzt hat das Drama schon den zweiten Gang eingelegt.

Hinzu kommt eine Fehlgeburt von Tonis Frau. Beide finden sich im Spital wieder. Jetzt mischt sich die Rechtsindustrie ein. Durch die Anwälte wird der Fall hochgeschaukelt. Er wird zur Staatsaffäre. Zuletzt mischt sich der Präsident ein. Denn auch Toni hat seine Vergangenheit, sieht sich als Opfer, nicht nur der Palästinenser.

Es kommt zum Disput zum Thema „Monopol der Opferrolle“ oder „Monopol des Leidens“, was auch als kleiner Seitenhieb auf die Juden gelesen werden kann, die aber in diesem Film nur an einer Stelle erscheinen, in Form von antisemitischen Schmierereien an der Garage von Toni, dem unterstellt wird, er würde für die Juden agieren.

Das Massaker von Damur (bis dahin beschauliche Bananen-Plantagen) wird in die Verhandlung eingeführt. Jeder kann sich in Nahost in der Opferrolle sehen, selbst die Christen, von denen es an einer Stelle heißt, sie würden nur daliegen und das Leben genießen im Libanon.

Der Film zeigt, wie verwickelt und unlösbar die Situation im Nahen Osten ist. Wie in Taste of Cement (als poetisch-traurige Variante, dessen, was hier dramatisch passiert) gibt es Drohnenflüge über Beirut; das immerhin ein bisschen in einem Aufschwung zu sein scheint. Vergessen wir nicht, bis in die frühen Siebziger Jahre hinein galt der Libanon als die Schweiz des Nahen Ostens; die Saudis verbrachten dort als beliebte und viel Geld ausgebende Gäste ihre Sommerfrische.

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