Projekt: Antarktis

Dieser Film von Tim David Müller-Zitzke, Michael Ginzburg und Dennis Vogt, die von Bremerhaven als dem Tor zur Welt träumen, dokumentiert Mehrfaches.

Er ist ein Dokument über das Filmemachen in der Art eines Start-Ups, was also mehr umfasst als nur ein Drehbuchschreiben und dann zu verfilmen. Es ist, wie der Titel sagt: ein Projektbericht.

Die Jungs, die an ihren Masterarbeiten sitzen, haben sich ein Projekt vorgenommen, was sie mit Unbekanntem konfrontiert, was aber gleichwohl planbar scheint: eine Expedition in die Antarktis, um dabei Filmmaterial zu beschaffen – dieses Ziel war wohl anfangs nicht ganz eindeutig formuliert – aus dieser abgeschiedensten Weltregion, die anderthalb Mal so groß ist wie Europa und die durch die Antarktis-Konvention streng geschützt ist. Aus dem Material sollte ein Kinofilm werden. Das setzt eine beachtliche logistische Leistung voraus, Vorabklärungen, Beschaffung von Material, das antarktistauglich ist, dann die Sponsorensuche. Schließlich sollte die Expedition auch einen bestimmten Zeitrahmen nicht überschreiten.

Der Film ist aber auch ein Dokument darüber, wie eine vermutlich gut bürgerliche, deutsche Jugend sich eine Bildungs- und Abenteuerreise vorstellt, organisiert und finanziert. Es ist ein Film über einen Akt der Selbstverwirklichung, sich ein Ziel setzen und das auch durchziehen: das wird am Schluss explizit als die Moral des Filmes in direkter Ansprache an ein vermutet leicht jüngeres Publikum, das diese Bildungsreise noch vor sich hat.

Es ist ein Film der Art wie Egal was kommt, deutsch-technische Eroberung der Welt (das ist die nicht Aussage des Films, das bleibt unterschwellig).

Unfreiweillig ist es eine Dokumentation darüber, wie die Jungs damit umgehen, dass eben lange nicht alles planbar ist. Das zeigt die ellenlange Sequenz des Wartens in Buenos Aires, weil das mit dem Zoll und den vielen Kisten mit dem Kameraequippment alles andere als einfach ist und nicht nach deutschen Regeln funktioniert.

In Buenos Aires gibt es auch einiges an Footage mit versteckter Kamera, auf Kniehöhe getragen. Als Zuschauer wundert man sich, jetzt sind die schon so lange in einem fremden Land und bis jetzt haben sie – außer mit Taxifahrern und Beamten und vermutlich Hotelleuten – noch keine Menschenseele kennengelernt.

Es ist nämlich auch ein Film über eine Erkenntnis, die ihnen vermutlich erst beim Schneiden oder gar mit helfender Beratung gekommen ist: sie waren extrem fokussiert auf die Durchführung ihres Planes und wenn etwas nicht funktioniert hat, waren sie aufgeschmissen.

Erst nach etwa einer Filmstunde, da haben sie ihren ersten Antarktis-Vorstoß schon hinter sich, ist ihnen aufgefallen, dass allein auf so einem Expeditionsschiff sich ziemlich verrückte Figuren tummeln. Einige werden dem Zuschauer nicht vorenthalten: der Bergsteiger mit einer Beinprothese, der in aller Welt Berge besteigen will. Die Kapitänin ist ab und an zu sehen. Aber ein menschliches Interesse an ihr und den anderen Mitreisenden lassen die Jungs vermissen.

Sie sollten sich den Film Weit anschauen, der läuft seit über einem Jahr, jetzt in München noch als Sonntagsmatinee, in den Kinos. Und warum? Vielleicht weil dieses Filmemacherpaar sich primär für die Menschen und nicht für die Umsetzung eines Planes interessiert hat und so auch etwas zu erzählen hat, was mehr ist als nur über die Gründung eines Startups.

Immerhin, ein paar Königspinguine, Robben und Buckelwale sind dann doch noch für den Film abgefallen.
Ein Stück weit auch: ein Film im Sinne eines Projektes und einer Selbsterfahrung wie Drei von Sinnen.

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