Französisch-Japanische Freundschaft

Gemeinsam mit Shōjirō Nishimi legt der französische Künstler Guillaume „Run“ Renard die Spielfilm-Fassung seines Comics „Mutafukaz“ vor. Die rotzfreche Geschichte vom Loser aus der dystopischen Hood, der nach einem Unfall eine weltweite Verschwörung aufdeckt, verhehlt nie die Lust am Spiel mit sämtlichen Popkultur-Referenzen, derer die Macher habhaft werden können. Auch wenn der ganz große Wurf ausbleibt, lohnt sich der Gang ins Kino. Genüsslich zelebriert der visuell überbordende Animationsfilm die Kunst des Mash-up.

Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit verfolgt der französische Künstler Run sein Herzensprojekt „Mutafukaz“. Schon vor der Jahrtausendwende, auf seinem Werdegang vom Webdesigner zum Comic-Künstler, startete Guillaume Renard, wie Run bürgerlich heißt, das Projekt und entwarf dafür einige Flash-Clips. 2002 legte er den 8-minütigen Animationskurzfilm „Mutafukaz : Operation Blackhead“ vor, der die Grundlage für die erfolgreiche Comic-Reihe ab 2006 bildete, die jenseits des Rheins längst Kultstatus besitzt.
Auch wenn er zwischenzeitlich mit “DoggyBags“ (ab 2011) eine zweite erfolgreiche Reihe lancierte, kann er die Finger von „Mutafukaz“ bis heute nicht lassen. Seit 2017 gibt es eine Spin-Off-Comicreihe („Mutafukaz: Puta Madre“), und gemeinsam mit dem Japaner Shōjirō Nishimi hat Renard nun eine Langfilmversion des Stoffes geschaffen, die auf dem Annecy Animationsfilmfestival 2017 ihre Weltpremiere feierte.
Dank des Anime-Spezialisten Peppermint findet „Mutafukaz“ nun den Weg in unsere Kinos. Der Verleih setzt dabei weniger auf die französischen Wurzeln des Stoffes als vielmehr auf die Zugkraft der japanischen Produktionspartner. Dabei verfügt Shōjirō Nishimi keineswegs über den Ruhm eines Katsuhiro Ôtomo („Akira“, 1988), auch wenn er sich ausgerechnet dort seinen ersten Credit im Animation Department erarbeitet hat. Aber die deutsche Manga/Anime-Fangemeinde ist so stattlich wie umtriebig – und „Mutafukaz“ zelebriert die Liebe zur japanischen Comic-Kultur nicht nur hinter den Kulissen, sondern auch stilistisch auf der Leinwand.
Tatsächlich ist das spannendste Merkmal des Streifens weniger die Handlung selbst, als vielmehr dieses rotzfreche, interkulturelle Mash-Up aus Zeichenstilen, Erzählmustern, Leinwand-Konventionen, Referenzen und winzigen Anspielungen auf alle möglichen popkulturellen Medienangebote wie Games, Comics, Film und Musik. Die Einflüsse der Neo-Ligne Claire eines Yves Chaland („Bob Fish“) oder Ted Benoit („Ray Banana“) sind überall zu finden. Luc Bessons visuelle Ästhetik war wohl prägender als Tarantinos Erzählkraft, aber wohl nicht so stark wie die Gewaltexzessen einschlägiger Egoshooter.
Im urbanen Ghetto-Alltag von Dark Meat City mischen sich Hispano-Gangsta-Style („Sin Nombre“, 2009) mit hyperästhetisierten Shootouts in Slowmo à la „Matrix“. Das Alter Ego von Los Angeles entpuppt sich als eine überhitzte Megapolis aus dem Prospekt für Genre-Visionen – einschließlich allerhand schriller Figuren, wie man sie auf Cosplay-Conventions findet.
Hier schlägt sich der 22-jährige schwarze Hänfling Angelino mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und bewohnt mit seinem besten Freund Vinz, einem skelettierten Feuerkopf, sowie einer Kakerlakenarmee ein siffiges Apartment im Mietshaus-Dschungel. Gemeinsam mit dem notorisch Verschwörungen witternden Willy bilden sie ein scheues Trio, das sich aalglatt durch den brutalen Alltag mogelt. Doch eines Tages hat Angelino in seinem Job als Pizza-Lieferant einen folgenschweren Unfall: er kann die Augen nicht von dem schönen Sailormoon-Klon auf dem Gehweg nehmen und prallt mit seinem Moped geradewegs in eine Citroën-Cammionette – japanisch-französische Freundschaft in ihrer Reinform.
Danach plagen Angelino gewaltige Kopfschmerzen und offensichtlicher Liebeskummer. Nur bleibt für letzteres keine Zeit, denn seltsame Visionen suchen ihn heim, wenn er Passanten auf der Straße plötzlich als obskure Monster wahrnimmt (ein Schelm, wer hier an John Carpenters „Sie leben!“ denkt). Schon stürmt ein schwerbewaffnetes Einsatzkommando das Apartment und zwingt die Kumpels zur Flucht. In Willys Wohnwagen finden Angelino und Vinz zunächst Unterschlupf, doch liegt der am Kreuzpunkt diverser Gangs des urbanen Ghettos. Und der skrupellose Bruce Maccahabee und seine „Men in Black“ haben sie natürlich längst lokalisiert. Bleihaltige „Diskussionen“ werden unausweichlich…
Nicht immer gelingt der Transfer von der Vorlage auf die Leinwand, und Geduld ist nicht gerade die Sache des französisch-japanischen Regie-Duos. Atemlos jagt die Erzählung durch die prototypische Genre-Handlung. Wie im Rausch werfen die Macher mit kleinen und großen Referenzen um sich, irritieren mit obskuren Erinnerungsfetzen als Verweise auf die tiefere Hintergrundhandlung. Und natürlich dürfen Visionen aus Gewalt und Waffenfetisch nicht fehlen, das Heroic Bloodshed der End-Achtziger eines John Woo und eines Wong Kar-wai haben auch in Frankreich tiefen Eindruck hinterlassen.
Der fiebrige Wahnsinn hat Methode, denn Nishimi und Renard lenken mit dieser selbstironischen Reizüberflutung locker davon ab, dass hier mit altbekannten Handlungsmustern hantiert wird. Das mutige Neben- und Miteinander unterschiedlichster Einflüsse aus Fernost, dem frankophilen Europa und Hollywood strahlt eine ganz eigene, eine verführerische Faszination aus, die sich dem Schicksal der „Mutafukaz“ gerade noch so unterordnet. Nishimi und Renard gelingt es, die 90 Minuten so stringent zu halten, dass das Finale wie bei einem guten Game irgendwie unerwünscht – weil auf jeden Fall zu früh – kommt. Unwillkürlich hofft man auf eine Fortsetzung, oder zumindest auf eine deutsche Veröffentlichung der Comics.

D-Start: 25.10.2018
http://www.mutafukaz.com/
http://www.777run.com/

Eine Antwort zu “Mutafukaz”
  1. Stefe sagt:

    Lieber Harald,
    sei begrüsst in diesem Blog –
    hier ist noch viel Platz für viele weitere Reviews von Dir –
    ich freue mich darauf!

    stefe

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