Tatort: KI (ARD, Sonntag, 21. Oktober 2018, 20.15 Uhr)

„Der Turing Test untersucht, ob ein Computer wie ein menschliches Wesen denkt.
Kann eine Person nicht unterscheiden, ob sie es in einem Gespräch mit einem menschlichen Gegenüber oder mit einer künstlichen Intelligenz zu tun hat, so hat die Maschine den Turing-Test bestanden.
Der Test wurde bis heute noch nie erfolgreich durchgeführt.“

So rein theoretisch fängt dieser Tatort an. Er will mit Text und nicht mit Bildern fesseln. Das dürfte die Zugangsschwelle hoch ansetzen. Und diejenigen, die sich auf etwas Anspruchsvolles einstellen und freuen – endlich mal im Tatort – umso herber enttäuschen, als dann doch nebst vielen Erklär- und graphischen Spielereistellen nur die aller schablonenhaftesten Beziehungen vorkommen (das geschiedene Paar, das um das Kind bangt und in dieser Angst sich wieder näherkommt und Gefahr läuft, sich in eine heftige Liebesszene zu involvieren) und ein billiger Wortwechsel zwischen dem Kalle und der Mitarbeiterin im Computerforschugnszentrum in Garching – was extrem plum aufgelöst wird.

Sonst geht es um die Habhaftwerdung von Verdächtigen, um die Postproduktion von Wasser- und anderen Leichen; Pardon, mit Postproduktion sind die grausliche Schminkerei und die üblichen Autopsie-Befunde gemeint.

Was die versprochene KI betrifft, so tappst der Film im Ungefähren, es gibt zwar die Maria, die so eine ist, ein Forschungsobjekt, was durch einen Hacker entkommen ist und sich jetzt mit Melanie (einsam) anfreundet. KI Maria ist wenig schlüssig („Keine Angst, ich beiße nicht“).

Melanies Einsamkeit wird wiederum nur erklärenderweise vorgetragen und nicht wie in einem der bisher wohl besten Filme zum Thema, in Her, wo die Einsamkeit des Protagonisten filmisch spürbar gemacht wird.

So bleibt das KI-Thema in Ansätzen stecken, bei der Beiziehung unendlich vieler Schablonen des Hit and Run und der Mutmaßerei, teils recht Handgelenk-mal-Pi, was und wer und wieso und oft nicht brillant zu nennender Inszenierung dieser Dinge.

Damit fängt der Film schon an, ist auch schwierig, aus dem Stand heraus einen geschiedenen Vater zu spielen, der seine Tochter abholen möchte in einem ansonsten offenbar leeren Einfamilienhaus. Sie antwortet nicht. Da der Vater das Drehbuch kennt, agiert er überzogen hektisch. Er muss sich künstlich aufregen. Dabei weiß der Zuschauer immer noch nicht, ob er diesen aufgeregten Vater nun sympathisch finden soll und mit ihm mitleiden oder nicht. Dann stellt sich heraus, dass es ein Berufskollege der Kommissare ist und ab dem Moment reden sie alle ganz gedeckt.

Fanal: ein brennend roter Himmel zwischen Spurensuche. Als Illustration zum Begriff „Maria und die ungehäckte Empfängnis“?

So spannungsarm, weil nett gemeint, etwas hochschülerhaft, versuchen die Autoren einem breiteren Publikum KI näher zu bringen, auch mit viel dekorativer Bildschirmspielerei. Das Fernsehen empfindet sich dabei vermutlich als mutig und innovativ. Aber es vergisst dabei, dass den Menschen immer das Menschliche interessiert – und nicht die KI an ihm.

Vergleiche Joaquino Phoenix in Her: da geht es um menschliche Einsamkeit. Hier geht es um Computertüfteleien und Spielereien mit der Künstlichen Intelligenz und dann die übliche Spurensuche, die also solche nicht fasziniert und als allzubekanntes Schema ohne besonderen Reiz daherkommt. Im Gegensatz zu Her wird hier die Hauptfigur, die einen Grund hat, sich auf KI einzulassen, ausgeblendet, bleibt eine Leerstelle.

Hat sich die Redakteurin Stephanie Heckner von den KI-verspielten Autorenjungs Stefan Holtz und Florian Iversen eintüdeln lassen, weil diese ihr gegenüber einen Vorsprung behaupten, das Urteilsvermögen der Redakteurin mit diesem vorgeblichen Wissensvorsprung ausgehäckt haben?

Da wirken die beiden Kommissare höchst laienhaft. Aber so ist es ja auch.
Hinzu kommen Dinge wie eine schwach gefilmte Verfolgungsjagd auf dem Campus in Garching mit vielen unlogischen Schnitten und Bewegungen. Die Regie von Sebastian Marka ist zu mangelhaft für einen Tatort. Das steigert sich ins Peinliche, wenn der Verdächtige schreit „Sie lebt“ und sich vom Haus stürzen will. Und dann plötzlich unerklärlich feierliche Musik drüber zu Gewässerimpressionen und der Einnahme von Pillen. Groschenromanhaft: Streit der Eltern darum, dass der Vater sich nicht um das Kind gekümmert habe.

Mit solchen Produktionen trägt der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht gerade zu seiner Legitimation bei, die eh schon in einer schweren Krise steckt.

Dann eine amtliche Verhandlung über die Tauglichkeit von Gesichtserkennung eines Computerprogrammes und das Problem der Richterin, ob sie daraufhin einen Haftbefehl ausstellen darf, hier ist der Film ein Stück weit in sich logisch, aber nicht spannungserzeugend.

Und dann muss noch das Mathhäus-Evangelium herhalten.
Das Gespräch über Rache ist garantiert ein Wegzapper.

Und dann noch eine Selbstmordgeschichte.
Die beigen wieder viel zu viel rein: Scheidung (inklusive schablonenhafter Wiederannäherung), Einsamkeit, Selbstmord (inklusive Wahlmöglichkeiten), Rache (und die Meinung der Bibel dazu), KI (als sowohl moralischer, lexikalischer als auch kriminalistischer Instanz),…. — sieht denn das die Redakteurin Frau Heckner nicht, dass das zu viel und zur Spannungserzeugung gleichzeitig zu wenig ist?

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