Mario

Unter der Dusche sind sie alle gleich, sind sie alle nackt, die Fußballer. Aber für manche ist es ein Problem, wenn das Gerücht geht, dass einer von ihnen etwas mit einem Mann habe. Oh, das ist kaum auszuhalten – im selben Duschraum mit so einem. Wieso, das ist nicht ersichtlich. Das kann auch dieser sorgfältige, bodenständige Film aus der Schweiz von Marcel Gisler, der mit Thomas Hess nach dessen Idee auch das Drehbuch geschrieben hat (sie hatten auch noch einen Drehbuchcoach: Grischa Duncker) plausibel machen oder erklären.

Gisler will es nicht psychologisch aufdröseln, woran es liegt, dass Fußballer partout nicht schwul sein dürfen, vielleicht eines der letzten Tabus? In den meisten anderen Lebensbereichen spielt das ja offiziell keine diskriminierende Rolle mehr, das können sogar Minister oder Ministerpräsidenten sein. Aber Fußballer und schwul? Das geht gar nicht.

Der Film entwickelt sorgfältig Szenen mit dem talentierten Nachwuchsfußballer Mario (Max Hubacher) aus Thun, der sexuell und beziehungsmäßig ein unbeschriebenes Blatt ist. Er hat eine beste Freundin, Jenny (Jessy Moravec); mit der singt er Karaoke. Die könnte er bestens als Alibi-Freundin öffentlich vorführen.

Dann kommt Leon (Aaron Altaras) aus Deutschland in den Club. Nichts Auffälliges, außer dass er höchst attraktiv und knackig ist.

Die Schweizer Denkweise lässt nun die beiden die ersten halbe Filmstunde aneinandervorbeileben. Diese Denkweise repräsentiert eine Art Filmrealismus, der das Thema realitätsproportional diskret in die Filmrealität einbettet, in lauter Alltagsszenen, in denen wir die Jungs (die „Gielen“) trainieren sehen, in denen wir erfahren, dass Mario noch geborgen bei seinen Eltern Daniel (Jürg Plüss) und Evelyn (Doro Müggler) lebt.

Aus Karrieregründen kommt die Idee auf, Mario in einer Spielerwohnung einzuquartierern, um Fahrten zu sparen. Ausgerechnet Leon wird sein Mitbewohner. Nach einer halben Filmstunde gibts den ersten Kuss.

Dann dauerts nochmal zehn Minuten bis mehr daraus wird. Die beiden sind glücklich.

Aber die sorgfältigen „Gedankengänge“ ihrer Umgebung, denn das glückliche Paar wird knutschend beobachtet, bahnen sich schweizerisch bedächtig ihren Weg, unaufhaltsam.

Mit dem Glück kommen die Probleme. Die Liebe eines Spielers ist eine öffentliche Angelegenheit, hat mit den Werbepartnern zu tun.

Gespräch um Gespräch und Beratung um Beratung wird dieses Glück zerfleddert, bis es sich negativ auf die Leistung auswirkt. Karriere und Liebe schließen sich immer mehr aus.

Ab und an entscheidet sich der Film für dramaturgische Wendungen, die nicht unbedingt zwingend sind, aber dann nimmt er auf dem neuen Gleis wieder Fahrt auf.

Gisler führt den exzellenten Cast behutsam und glaubwürdig. Das hängt mit den sorgfältigen Dialogen zusammen, die nie erklärend sind, sondern die Entwicklung forttreiben, versuchen, Lösungen zu finden aus den gesellschaftlichen Zwickmühlen, die sich aus dem Thema Schwulität und Fußball immer noch ergeben.

Gut schweizerisch demokratisch wird keiner verteufelt, darf jeder seine Position zum Thema vortragen im Gerüst einer spannenden Geschichte in diesem schön geerdeten Kino aus der Schweiz.

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