Warum tanzen Männer keinen Spitzentanz?
Wohl weil es doch elementare Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Und nichts bringt diese mehr und faszinierender zum Oszillieren als ein Mensch, der sich zwischen den Geschlechtern fühlt oder sich im falschen Geschlecht fühlt, wie Lara (Victor Polster), ein Junge von 16 Jahren, der unbedingt eine Frau und Tänzerin dazu werden will.
In Mathias (Arieh Worthalter) hat er einen nicht stromlinienförmigen, verständnisvollen Vater. Am kleinen Bruder, den er/sie zum Kindergarten bringen muss, kann Lara schon mal das Mütterliche ausprobieren.
Lara ist involivert in einen geschlechtlichen Umwandlungsprozess. Sie wird beraten von Psychologen und Medizinern, von Dr. Naert (Katelijne Damen) und Dr. Pascal (Valentijn Dhaenens).
Der Film spielt in Belgien und ist sprachlich entsprechend möbliert. Lara schafft es immerhin, an ein Spitzeninstutut für Tanzausbildung zu gelangen. Eine typische und harte Ballettlehrerin hält es zwar für schwierig, mit 16 noch Spitzentanz zu lernen, üblicherweise fangen die Mädchen mit 12 damit an. Denn es kann eine schmerzhafte Angelegenheit werden, es führt zu blutigen Füßen bei Lara.
Sie hat schon mit der Hormonbehandlung angefangen. Sie kann es kaum erwarten, bis die Brüste anfangen zu sprießen. Das männliche Geschlechtsteil bindet sie strikt mit Klebestoff an den Körper für die Tanzlektionen. Sie beißt sich durch.
Aber es wird sich zeigen, dass diese extreme körperliche Herausforderung mit der ebenso extremen physischen Hersausforderung der Hormonbehandlung kollidiert.
Lukas Dhont, der mit Angelo Tijssens auch das Drehbuch geschrieben hat, hängt sich wie mit dokumentarisch belebter Spontan-Kamera und mit wachem Gespür für das, wo gerade was los ist, an das Leben und Leiden – Freunde sind kaum welche da – von Lara ran. Er erweckt so den Eindruck eines dramatischen Berichtes aus einer flirrenden Zone der Geschlechterwelt, was in Momenten an belgischen Surrealismus grenzt.
Victor Polster ist faszinierend als diese Zwitterfigur, manchmal scheinen die kantig-männlichen Züge mehr durch, dann wieder, speziell mit dem langen blonden Haar, käme man nicht auf die Idee, dass das keine „richtige“ Frau sein könnte.
Den Hauptkonflikt wird Dhont hochdramatisch und schmerzhaft zuspitzen. Das gewährt intime Einblicke in eine schillernde – aber auch leidvolle – Zwischenexistenz mit einem großartigen Darsteller, dessen Name dann doch der eines Mannes ist. Hochachtung.
Surrealistisches Detail: das Donnern der Spitzenschuhe beim Training, als ob eine schwere Gewitterwolke – oder Kavallerie – sich uns nähert. Es ist eben auch ein Ballettfilm.