Mäuschendoku.

Eine Mäuschendoku ist für mich die einfachste Art der Dokumentation, die auch kaum Recherche oder anderweitige Vorbereitung braucht. Der Dokumentarist und sein Team sind bei einer Person, einer Familie, einem Verein, bei einer Institution, bei einer Organisation einfach da und halten die Kamera und den Tonarm drauf, allenfalls werden die Protagonisten mit Mikros „verkabelt“. Den Film müssen die Macher dann im Schneideraum herstellen.

Jörg Adolph, der mit Ralf Bücheler und mit seinem zuverlässigen Kameramann Daniel Schönauer diesen Film realisiert, hat das schon in Die große Passion ausprobiert, einer Mäuschendoku über die Oberammergauer Passionsfestspiele. Der Film ist damals viel zu lang geworden. Es schien Adolph ein Problem, das Loslassen können, das auf Schnipsel verzichten können.

Hier dokumentiert er nun selbst eine Institution, die das Loslassen gestressten Eltern beibringen möchte. Er war in Gelsenkirchen unterwegs in der Kinder- und Jungendklinik, in der Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“. Sein Protagonist ist Dietmar Langer, der hier schon über dreißig Jahre lang „gestörte Familien“ behandelt. Die ältesten Patienten-Videos im Film datieren von 1992.

Weitere Protagonisten stammen aus dem Betreuungsteam und einer Gruppe von „Patienten“, vorwiegend Mütter mit Kindern mit Ess- und Schlafstörungen und dergleichen.

So eine Doku wird selbstverständlich immer auch zum Werbeträger für die Institution. Denn aus einiger Distanz, das war absehbar, wird es die Fragen zur Behandlung geben und die Mütter können diese nicht genügend rühmen, dass sie jetzt wieder schlafen können, dass das Kind wieder isst.

Aber auch hier hat Adolph Mühe, seine immenses Material in einen kinotauglichen Spannungsbogen zu montieren. Er greift auf die unsägliche Ineinanderverzopferei mehrerer Fälle zurück. Nie bleibt genug Zeit, einen Vorgang genau zu betrachten, sich in einen Fall hineinzudenken. Das dürfte dem mitproduzierenden Fernsehen geschuldet sein.

An einer Stelle streckt ein Junge der Kamera die Zunge heraus und zeigt den Stinkefinger. Gag oder ernsthaftes Alarmsignal? Ich weiß nicht, ob ich als Kind in so einer schwierigen Lebensphase, denn es geht um existentielle Kämpfe, sich durchsetzen, die Dinge selbst in Griff nehmen oder sich verwöhnen lassen, ob ich als Kind in so einer Situation hätte gefilmt werden wollen zu mehr als nur zum Zwecke der Behandlung und zur Evaluierung des Behandlungserfolges. Das scheint mir eine höchst problematische Seite dieser Doku zu sein, diese unfreiwillige Mitwirkung der Kinder.

Langer hat zweifellos ein paar zwischenmenschliche Mechanismen zwischen Eltern und Kindern gut beschrieben und nutzt das therapeutisch aus.

Allerdings hat die Mäuschendoku den Nachteil, dass man kaum etwas erfährt über den Hintergrund der Familien. In einem Fall ist klar, dass es Flüchtlinge aus Mazedonien sind. In einem anderen Fall kann die Überforderung der Mutter mit dem unregelmäßigen Schichtdienst in Zusammenhang vermutet werden. Womit wir auf die ökonomischen Ursachen kämen: in wie vielen Familien müssen heute Mutter und Vater arbeiten, teils mit mehr als einem Job, allein um Wohnung, Kleidung und Essen bezahlen zu können? Dass Kinder und deren Beziehung zu den Eltern unter solchem Erwerbsstress leiden, ist nicht verwunderlich.

Die Mäuschendoku will Werbung für die Methode von Langer machen statt ökonomische Probleme zu ergründen, den Schaden des Kapitalismus auf die Menschlichkeit. Da wäre es wenigstens ein Zeichen von Rückhalt, im Abspann – über den eine nette Labyrinth-Szene gelegt wird – Details über die Klinik, Kosten, Adresse etc. bekannt zu geben. Wenn schon Werbefilm, dann bittschön richtig.

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