Archiv für 11. Oktober 2018

Eisiges Zottelabenteuer am Himalaya, schrill überzeichneter Alltag in den USA, Beschwörung des Alt-Hollywood-Kinos, junge Amoure eines alten Franzosen, Fortpflanzungsproblem eines Dorfes ohne Männer, Verwicklungen zwischen Literatur und Leben, ein Votum für die Artenvielfalt, Therapie für Eltern und Kinder, die keine Zeit haben, ein deutscher Möchtegern-Autopsiethriller und ein Sesamstraße-unter-die-Gürtellinie-Drücker aus den USA. Zwei erstklassige DVDs mit amerikanischen Filmen: eine mit lässiger Laune erzählte Valet(Ganoven)-Geschichte und ein heftiger Feuerkatastrophenfilm. Das TV verbrämt eine Werbesendung für Alpenschamanen mit mystisch-magischem Bild- und Tonfirlefanz.

Kino
SMALLFOOT: EIN EISIGARTIGES ABENTEUER
Wider den Populismus.

A HAPPENING OF MONUMENTAL PROPORTIONS
Wie im Alltag Mücken zu Elefanten werden.

BAD TIMES AT THE EL ROYALE
Agonie von Alt-Hollywood?

VERLIEBT IN MEINE FRAU
Französische Beziehungskomödienkost von gestandenen Mimen – schön gereift.

DAS MÄDCHEN DAS LESEN KONNTE
ist auch das Mädchen, das lieben und damit für Nachwuchs sorgen kann.

INTRIGO – TOD EINES AUTORS
Literatur hat auch mit Augenausstechen zu tun.

UNSER SAATGUT – WIR ERNTEN WAS WIR SÄEN
Wenn Saatgut zur kostbaren Rarität wird.

ELTERNSCHULE
Mäuschendoku; Werbung für eine Eltern-Kind-Therapie.

ABGESCHNITTEN
Ein weiterer Beitrag zur Pathologie des blindlings geförderten deutschen Kinos der Gegenwart.

THE HAPPYTIME MURDERS
Muschi, strengen Sie ihr Stoffhirn an!

DVD
BAD SAMARITAN – IM VISIER DES KILLERS
Erfrischend erzählt wie nach einem Platzregen: die Geschichte von den zwei nebenamtlichen Ganoven, die an einen extrem gestörten Verbrecher geraten.

NO WAY OUT – GEGEN DIE FLAMMEN
Hier fehlt der Platzregen definitiv; die Hitze der Flammen sorgt für die Hitze des Filmes.

TV
ALPENSCHAMANEN – EINE REISE IN DIE BESEELTE NATUR
und in die geschäftliche Ausbeutung derselben, müsste der Titel korrekt ergänzt werden.

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Bad Times nicht nur im Hotel El Royale, Bad Times für Hollywood, das sein großartiges Können solcherart für Nostalgie verwendet, so rückwärtsgerichtet, das so nur im eigenen, zwar gut gegorenen, Safte schmort.

Hollywood, wie es die Welt zu bannen wusste mit erstklassiger Inszenierung, großartiger Kinematographie (edle Schönschrift; very sophisticated movie style), was hier nochmal zeigen darf, wie das geht; samt dem religiösen Input der Konfession und Absolution, die es damit gewiss auch sich selbst erteilt. Hollywood, wie es die Welt nicht mehr braucht.

Hollywood mit allen Zutaten, in denen es stark war: Knarren, Geiselnahme, schöne Frauen, interessante Männer, Bankraub, Amischlitten, Koffer und Betten, ein Staubsaugervertreter, ein Geistlicher, ein Geheimagent, versteckte Kamera, Schnurtelefon oder Telefonzelle, eine Sängerin, ein Hotelportier, Verwanzung von Zimmern, Beobachtung durch Spionagespiegel, Innenräume als exquisite Bühne, das filmstarke Setting eines Hotels mit Vergangenheit, „El Royale“, das Geschichten für Legionen von Filmen erzählen könnte. Hier ist jeder Beobachter, Opfer und Täter zugleich.

Ein herausragendes Repertoir-Stück Hollywood mit der passenden Musik der 60er dazu und auch Gesang, mit Feuer und Regen, mit Rauch, Drinks und K.O.-Tropfen und statt Nummerngirls wie beim Zirkus gibt es wie beim Stummfilm liebevoll schlicht gestaltete Schwarz-Weiß-Zwischentitel.

!Und veritable Stars: Jeff Bridges, Dakota Johnson, Jon Hamm, Lewis Pullman, Chris Hemsworth, Xavier Dolan.

Es gibt politisches Zeitkolorit: Vietnam und die Hippies, das Meer und das goldgelbe Blütenfeld, man könnte direkt ins Schwärmen geraten beim Versuch der Rekapitulation dieses Filmes von Drew Goddard (The Cabin in the Woods).

Trotzdem bleibt die Frage, was Hollywood mit diesem Gottesdienst der Selbstgenügsamkeit und der Sehnsucht zurück uns erzählen will? Dass es das Gefühl hat, es sei endgültig vorbei, aus der Schmaus, passé die großen Zeiten? Ein Abgesang auf Glanz und Glamour? Ein letzter Sud? Geraucht wird nicht und Sex gibt es auch keinen, Autoverfolgungsjagden ebsowenig wie Außerirdische oder Blockbusteranimationen, kein Pferd, kein Handy und kein Wildwest, einzig Reno in der Nähe mit seinen Spielerhöllen wird noch einen kleinen Auftritt erhalten als Hinweis auf unsterbliche Sucht – Hollywoods heutige Spielersucht der Blockbusteritis?

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Stoffhirn ausschalten

und die Sesamstraße vergessen.

Im Untertitel heißt dieser Film von Brian Henson nach dem Drehbuch von Todd Berger auch: „Kein Sesam. Nur Straße“.

Das mag interpretiert werden: anfangs noch ein zwei gute Pointen zu Themen wie Diskriminierung von Stofftieren, Rassismus oder datenabgreifgierige Geheimdienste und dann aber ganz schnell ab ins Niveau unter der Gürtellinie mit gaaanz viel Arschloch- und ähnlichen Texten.

Wie bei solchen Abzotfilmen üblich gibt es durchaus eine Story, an der die niveaulosen Witze und Pointen aufgereiht werden. Es ist eine Welt aus Menschen und Stofftieren. Von der Puppenband „HappyTime Gang“ wird ein Mitglied nach dem anderen ermordet. Detektiv Phil, inzwischen nicht mehr Kommissar, versucht zusammen mit Detective Connie Edwards (Melissa McCarthy) den Morden auf die Spur zu kommen.

Ein Pornoladen spielt eine Rolle, es gibt Einbrüche, Überfälle, Schießereien, Handschellen, einen Angriff mit Kampfhunden, Polizeigewahrsam. Es gibt die weiße Puppe Sarah White mit sexy Perücke, „die alles vögelt, was bei drei nicht auf dem Baum ist“. Sie wird Phil ganz schön nicht nur den Kopf verdrehen.

Oder es gibt Phils Starbruder Larry, über den es heißt „da friert mir je vor Angst die Muschi zu“. Es gibt die Drohung: „Und wenn Sie nicht kooperieren, beiß ich Ihnen auch in den Schwanz“. Einmal ruft jemand aus „Heilige, verschissene Scheiße“ oder „Du verdammtes Stück Kremlscheiße“, „Ich hab auf den Spiegel gepisst“, „Die ficken den Puffreis solange, bis er die Konsistenz von Risotto hat“. Das sind ganz offensichtlich Texte, die versuchen, das Bild der ordentlichen Sesam-Straße gezielt saumäßig zu destruieren. Wollen solche Texte Stoffhirne anfeuchten?

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Animation gegen den Populismus.

Die Zotteltiere von Yetis, die sind vom Ästhetischen her gesehen bessere Autowaschanlagenbürsten, aber das stört gar nicht, da in diesem Film von Karey Kirkpatrick Geist die wichtigere Rolle spielt. Der wird eingesetzt nicht nur für jede Menge Gags und Situationskomik mit dem entsprechenden Witz, der alle Generationen erheitern kann, sondern auch um die Moral klar und deutlich zu machen: es bringt nichts, andere zu Monstern zu erklären (das Prinzip des Populismus). Man muss aufeinander zugehen und reden. Es bringt nichts, sich mit Lebenslügen am Leben zu erhalten und so sein jeden Tag neues, „glückliches“ Leben zu zelebrieren.

So halten es die Yetis ganz hoch oben im Himalya, hoch über den Wolken. Ihr kleines, eisiges Land ist auf Glück abonniert und gleicht einem Freizeitpark. Die Gesetze sind in Stein gemeißelt und über sie wacht der Steinhüter mit dem steinernen Gewand.

Die Yetis machen sich ganz schön einen vor. Zum Beispiel gilt, dass der Tag mit dem Gongschlag von ihnen selbst aufgerufen wird. Dazu wird einer, der dazu geschult ist, mit einem Mechanismus wie mit einer Steinschleuder über das ganze Dorf hinweg zu einem Gong hoch am anderen Ende geschossen; kopfvoran erzeugt er den Schlag. Im Kopf dürfte es aussehen, wie in dem eines amerikanischen Footballspielers (mehr dazu).

Die Hauptfigur Migo möchte den Gongschuss gerade lernen. Sein Vater und Vorgänger hat schon einen ziemlich platten Kopf von der täglichen Herbeirufung des neuen Tages. Die ersten Versuche gehen in gekonntem Slapstick schief, doch dann kommt ein Versuch, der Migo weit über das Ziel an den Rand des Yetireiches schießt.

Dort erlebt er einen Flugzeugabsturz und sieht den Kapitän, der sich mit dem Schleudersitz rettet. Das stellt das Weltbild von Migo in Frage. Denn der Pilot hat kleine Füße. Ein ehernes Gesetz unter den Yetis sagt aber, dass es kleine Füße gar nicht gibt und wer das bezweifelt, der verstößt gegen das Gesetz.

Ein Konflikt von galileischem Ausmaß bricht in Migo aus. Denn er möchte die Wahrheit sagen, das ist ein weiteres ehernes Gesetz, aber er möchte seine Erkenntnis auch nicht verleugnen. Wer jedoch dem Gesetz widerspricht, der begeht einen kapitalen Fehler und muss mit Verbannung rechnen, schon gar nicht kann Migo Gongwecker werden.

Als Verbannter versucht Migo der Sache nachzugehen und stößt auf Mitverschworene, die auch nicht alles glauben, eine konspirative Gruppe. Sie wollen versuchen, Migo von einem hohen Felsen unter die Wolkenschicht abzuseilen, wo der Kleinfuß vermutet wird. Auch dieses Unternehmen ist ergiebig, was Zeichentrickgags anlangt und wie der alte Steinkeeper dahinter kommt, läuft die Aktion schief.

Migo aber entdeckt das, was es unter den Wolken gibt: Himalya-Dörfer und ein Fernsehteam, das auf der Suche nach dem Yeti ist. Lauter Kleinfüße. So kommt allerlei köstliche, dramatische Verwechslungshandlung in Gang und gibt Anlass für jede Menge an weiteren heiteren Gags und Chokes, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es nichts bringt, andere für Monster zu halten. Denn die Vermonsterung war bisher durchaus gegenseitig und hat sich so bestens am Leben erhalten. Angereichert wird die flapsig-humorige Handlung mit Songs und Tanz und die deutsche Synchro ist durchaus ansprechend.

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Extrem magazinhaft und schnellblätternd, keineswegs verbiestert, ja mit elanhaftem Humor gestalten Jon Betz und Taggart Siegel ihren Appellativfim, der mit einem Aufruf endet:

„Beteilige Dich an der Bewegung zur Erhaltung der Saatenvielfalt
Baue GMO-freies, offen bestäubtes Saatgut an
Bewahre und tausche Saaten
Hilf mit, eine Saatenbank zu gründen
Unterstütze Saatenbanken
Unterstütze die Ächtung toxischer Pestizide
Iss lokale, organisch angebaute Lebensmittel
trete Organisationen zur Unterstützung der Saatenvielfalt bei“

Sie begründen den Appel mit einem plausiblen, attraktiven Bildmix aus Animationen, Statements, Dokumenten, Zeitraffer- und Zeitlupenaufnahmen, Naturaufnahmen, historischem Footage, kleinen Geschichten, einer Prise Folklore und vielen prominenten Befürwortern der Saatenvielfalt: Raj Patel, Vandana Shiva, Jane Goodall, Tyrone Hayes, Wendell Kabutan.

Sie lassen Pfleger und Vertreter indigener Kulturen zu Wort kommen, Wissenschaftler, Ökonomen, Vertreter von Organisationen, Institutionen und Saatenbanken, Anwälte, Ethnobotaniker, Biodynamiker, Aktivisten, Pestizidbetroffene, Surfer, Lehrer, Landwirte, Weizen- und Rapsbauern, Molekularbiologen, Politiker und einen Restaurantbesitzer.

Sie geben Einblicke in unterschiedliche Saatenbanken in verschiedenen Weltregionen und in das Fort-Knox-mäßig geschützte Svalbard in Skandivanien mit Kopien des Saatgutes fast aller Saatenbanken der Welt.

Die abenteuerlichsten Figuren sind die zwei Weltenbummler von Saatgutsammlern und botanischen Entdeckern, botanische Schatzsucher, die flippen schier aus, wie sie in der Kalahari-Wüste Teufelsklaue, Nara-Melonen und Gemsbock-Gurken entdecken.

Die industrielle Landwirtschaft wird angeführt, einer der Hauptrepräsentanten ist Monsanto und das Glyphosat. Die Mittel, die die Industrie anwendet, um Bauern abhängig zu machen, in den Schuldenzirkel zu treiben, die 270 000 Selbstmorde verschuldeter Bauern in Indien werden zitiert.

Hawaii als Experimentierfeld für die Agrarchemie und deren Rücksichtslosigkeit den Einheimischen gegenüber. Auszüge aus Hearings und amtliche Dokumente kommen vor. Zu denken gibt es schon, wenn man hört, wie extrem die Artenvielfalt auf dem Planeten allein in den letzten 100 Jahren geschrumpft ist, dass 94 Prozent der Saatgutvielfalt im 20. Jahrhundert verloren gegangen sei.

Weitere Begriffe: Lebensmittelwald. Patentierbarkeit von Leben? Saatgut-Diktatur. Erbe der biologischen Vielfalt.

Websites: zum Film und zu Collective Eye.

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Es gibt Leute, die Christian Alvart (Banklady, Halbe Brüder), der hier für die Regie und das Drehbuch nach dem Roman von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos steht, hochhalten wollen, die diesen Film retten wollen.

Dazu müssen sie eine ganze Reihe von „Wenns“ anführen, „wenn“ das Buch klarer geschrieben worden wäre, „wenn“ er gestrafft hätte.

Mir unverständlich. Wie mir überhaupt unverständlich ist, dass Alvart noch öffentliche Gelder erhält, wo doch die Filme durchs Band notleidend sind, wobei er nicht immer für das Drehbuch steht. Und es scheint schlimmer zu werden.

Das zeichnete sich schon bei seinem letzten Film Steig nicht aus ab. Da schien die dünne unausgereifte Story schon gar nicht mehr interessiert zu haben; sie war lediglich Vorwand für beliebig endlos aneinandergereihte Actioneffekte.

Beim vorliegenden Film kann nur noch von einer Filmleiche gesprochen werden, denn der Film ist leer, hat kein nachvollziehaber herausgearbeitetes Handlungs- und Storygerüst, ist kaum rekapitulierbar; es sollte offensichtlich ein Autopsie-Thriller oder -Schocker werden, wurde aber direkt ein Beitrag zur Pathologie des deutschen, geförderten Kinos der Gegenwart.

Je weniger Inhalt und Story vorhanden sind, desto mehr glaubt Alvart, auf die Ketchup- und die Soundtube für aufgeschnittene Leichen und die Tonspur drücken und dann noch computeranimierten Sturm auf Helgoland und Schnee und vor allem Lärm hinzufügen zu müssen.

Moritz Bleibtreu kämpft sich redlich ab als Pathologe. Es gibt junge Schauspielerinnen, die kämpfen sich ebenfalls ab im beabsichtigten Horrorgenre. Und wenn man Lars Eidinger innert kürzester Zeit schon wieder in einer schlecht geschriebenen Rolle sieht, so möchte man ihn auch nicht so schnell wieder auf der Leinwand sehen.

Es ist dies ein schnoddriges Aufschneiderkino, ein Wichtigtuerkino, was Mist großzügig an zu errrichtende Hauswände klotzt, für die es aber weder Grundriss noch Stützgerüst gibt – direkt zum Scheitern verurteilt.

Kürzen kann Alvart auch nicht. Für solche Projekt staatliches Geld herzugeben ist Verschwendung und Missbrauch von Steuergeldern. Es fehlt ihm am elementar Narrativen – auch der Horrorfilm braucht das. Alvart sollte mother studieren, wie schmerzhaft ein Horrorfilm sein kann, warum hier die auch nicht knickrig eingesetzen Effekt so wirken und dann sollte er selbstreflektiv nachfragen, warum die bei ihm so ins Leere gehen, also zum Fenster hinausgeworfene Liebesmüh sind. Leeres Großkotzkino, das sein Handwerk im Elementar-Erzählerischen nicht beherrscht.

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Der Huster im Haydn-Konzert.

Die Vermengung von Literatur, Autor (sein Privatleben und sein Fantasieleben), Übersetzer, Frauen, Konkurrenten scheint das Thema in diesem Film aus einem hochkomplizierten Produzentengeflecht von Daniel Alfredson, der mit Birgitta Bongenhielm auch das Drehbuch nach dem Roman von Hakan Nesser geschrieben hat.

Literatur und ihr Verhältnis zu den Autoren und deren Leben, zu den Frauen und Verlegern ist hochkomplex, so viel lässt der Film in jeder Faser spüren, so sehr, dass der Eindruck entsteht, die Macher und Darsteller wollen nichts falsch machen, ja, als hätten sie ein großes Tablett mit randvoll gefüllten Gläsern über einen Pflasterstein-Platz zu tragen und als dürfe kein Tröpfchen verschüttet werden.

Die Rahmenhandlung ist die: Ein Übersetzer, David (Benno Fürman) besucht den berühmten Autor Henderson (Ben Kingsley) auf einer, wie es heißt, griechischen Insel, die leider so gar nicht griechisch aussieht, denn gedreht worden ist in Kroatien.

Egal, es geht um Literatur und nicht um Geographie. Henderson wundert sich, dass David ihn überhaupt gefunden hat. Dieser möchte ihm aus seinem Buch vorlesen, was Henderson erst ablehnt. Er gewinnt ihn jedoch mit einem unerwarteten Twist.

Die Erzählung geht betulich langsam voran, als könne nichts die ruhige Stimmung trüben. Plötzlich gleitet sie in den Film dessen über, was erzählt wird. Es ist aus dem Leben von David, wie er mit Eva (Tuva Novotny) in die Berge fährt. Sie aber gibt ihm bekannt, dass es aus sei zwischen ihnen. So weit so hochnotpeinlich normal.

Aber die Twists, es gibt die Twists, es gibt Abweichungen vom vorgegebenen Schienenweg, der Film landet in Berlin. Hier trifft sich David mit Frau Kerr (Veronica Ferres); es geht um die strikt geheime Übersetzung eines Buches.

So kann der Film in den nächsten Schienenstrang einbiegen. Hier stößt Mariam (Daniela Lavender) zum Ensemble, was dadurch mit einer weiteren Farbe eines internationalen Kontinentalenglisch angereichert wird.

Wobei für die Deutschen schon lustig ist, wenn Veronica Ferres und Benno Fürmann miteinander Englisch sprechen. Das lassen sie auch bald sein und fallen ins Deutsche zurück.

Zu diesen deutschen Subventionsstars ist zu sagen, dass Ferres ihren Part tadellos ausfüllt. Bei Fürmann gibt es Momente, in denen er aus seinem bisherigen Rollenkorsett ausbricht, zu internationalem Format gedeiht, speziell, wenn er gar nichts macht, nur schaut und sinniert, da wächst er beachtlich, aber dann gibt es Fürmannrückfälle in Bewegung, Gestik und Mimik – wodurch die Rollenkontinuität ins Wanken kommt. Das fällt vielleicht einem nichtdeutschen Zuschauer weniger auf. Benno Fürmann mit einem erstaunlich antrainierten, ambitionierten irgendwie englisch klingenden Englisch.

Die Musik versucht, die Inszenierungs- und Erzählungswackler aufzufangen, gut abzupolstern.

Ben Kingsley lässt eine beachtliche Unlust am Dreh verspüren und er macht keinen Unterschied, ob er in seiner Rolle Fürmann in dessen Rolle als Übersetzer und Möchtegernautor verachtet oder ob er als Weltschauspieler den deutschen Provinzschauspieler, der sich nach dem Weltniveau zu strecken versucht, herablassend behandelt.

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Mäuschendoku.

Eine Mäuschendoku ist für mich die einfachste Art der Dokumentation, die auch kaum Recherche oder anderweitige Vorbereitung braucht. Der Dokumentarist und sein Team sind bei einer Person, einer Familie, einem Verein, bei einer Institution, bei einer Organisation einfach da und halten die Kamera und den Tonarm drauf, allenfalls werden die Protagonisten mit Mikros „verkabelt“. Den Film müssen die Macher dann im Schneideraum herstellen.

Jörg Adolph, der mit Ralf Bücheler und mit seinem zuverlässigen Kameramann Daniel Schönauer diesen Film realisiert, hat das schon in Die große Passion ausprobiert, einer Mäuschendoku über die Oberammergauer Passionsfestspiele. Der Film ist damals viel zu lang geworden. Es schien Adolph ein Problem, das Loslassen können, das auf Schnipsel verzichten können.

Hier dokumentiert er nun selbst eine Institution, die das Loslassen gestressten Eltern beibringen möchte. Er war in Gelsenkirchen unterwegs in der Kinder- und Jungendklinik, in der Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“. Sein Protagonist ist Dietmar Langer, der hier schon über dreißig Jahre lang „gestörte Familien“ behandelt. Die ältesten Patienten-Videos im Film datieren von 1992.

Weitere Protagonisten stammen aus dem Betreuungsteam und einer Gruppe von „Patienten“, vorwiegend Mütter mit Kindern mit Ess- und Schlafstörungen und dergleichen.

So eine Doku wird selbstverständlich immer auch zum Werbeträger für die Institution. Denn aus einiger Distanz, das war absehbar, wird es die Fragen zur Behandlung geben und die Mütter können diese nicht genügend rühmen, dass sie jetzt wieder schlafen können, dass das Kind wieder isst.

Aber auch hier hat Adolph Mühe, seine immenses Material in einen kinotauglichen Spannungsbogen zu montieren. Er greift auf die unsägliche Ineinanderverzopferei mehrerer Fälle zurück. Nie bleibt genug Zeit, einen Vorgang genau zu betrachten, sich in einen Fall hineinzudenken. Das dürfte dem mitproduzierenden Fernsehen geschuldet sein.

An einer Stelle streckt ein Junge der Kamera die Zunge heraus und zeigt den Stinkefinger. Gag oder ernsthaftes Alarmsignal? Ich weiß nicht, ob ich als Kind in so einer schwierigen Lebensphase, denn es geht um existentielle Kämpfe, sich durchsetzen, die Dinge selbst in Griff nehmen oder sich verwöhnen lassen, ob ich als Kind in so einer Situation hätte gefilmt werden wollen zu mehr als nur zum Zwecke der Behandlung und zur Evaluierung des Behandlungserfolges. Das scheint mir eine höchst problematische Seite dieser Doku zu sein, diese unfreiwillige Mitwirkung der Kinder.

Langer hat zweifellos ein paar zwischenmenschliche Mechanismen zwischen Eltern und Kindern gut beschrieben und nutzt das therapeutisch aus.

Allerdings hat die Mäuschendoku den Nachteil, dass man kaum etwas erfährt über den Hintergrund der Familien. In einem Fall ist klar, dass es Flüchtlinge aus Mazedonien sind. In einem anderen Fall kann die Überforderung der Mutter mit dem unregelmäßigen Schichtdienst in Zusammenhang vermutet werden. Womit wir auf die ökonomischen Ursachen kämen: in wie vielen Familien müssen heute Mutter und Vater arbeiten, teils mit mehr als einem Job, allein um Wohnung, Kleidung und Essen bezahlen zu können? Dass Kinder und deren Beziehung zu den Eltern unter solchem Erwerbsstress leiden, ist nicht verwunderlich.

Die Mäuschendoku will Werbung für die Methode von Langer machen statt ökonomische Probleme zu ergründen, den Schaden des Kapitalismus auf die Menschlichkeit. Da wäre es wenigstens ein Zeichen von Rückhalt, im Abspann – über den eine nette Labyrinth-Szene gelegt wird – Details über die Klinik, Kosten, Adresse etc. bekannt zu geben. Wenn schon Werbefilm, dann bittschön richtig.

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Vom Traum biblischer Urväter.

Oder: Fortpflanzungswunschträume verhaltener Frau über sieben Ecken mit strenger Bildkomposition und mit literarischem Ablenkungsinteresse verbrämt zu einem anständigen, harmonischem Bildbogen verhäkelt.

Ähnliches hat Sophie Coppola schon mal versucht mit Die Verführten. Das war fürs städtische Kunstgewerbemuseum, während es hier Marine Francen (unter Drehbuchmitarbeit von Jacques Fieschi und Jacqueline Surchat nach dem Roman von Violette Allhaud) eher ins Museum einfacher Bauernmalerei, etwas more sophisticated in Richtung Segantini vielleicht, praktiziert.

Die strengen Bildkompositionen im fast quadratischen Format vermögen zu fesseln. Sie lassen aber immer auch den Stickrahmen drumherum mitdenken.

Der Film beginnt 1851 mit der Machtübernahme Napoleons. Alle Männer, die demokratisch und revolutionär denken, werden gefangengenommen und verschleppt. In dem Bergdorf, in dem der Film spielt, bleiben nur Frauen zurück und kleine Kinder.

Wie soll sich so ein Dorf fortpflanzen? Die Ernte, das Mähen des Getreides, das schaffen die Frauen schon. Sie sind malerisch schön mit langen Röcken und gut sitzenden Oberteilen bekleidet, bildschön frisiert.

Wie die Fotografie sowieso auf Fotografie angelegt ist. Immer harmonisch und mittig ausgerichtet. Was die Strenge einer Arbeitsschullehrerin vermittelt.

Die Frauen trauen sich nicht ins Tal hinunter aus Angst, belangt zu werden. Insofern wissen sie nicht Bescheid über den Weltenlauf. Es gibt noch kein Radio, kein Telefon.

Die einzige im Dorf, die lesen kann ist, Violette (Pauline Buriet). Sie ist die einzige von den jungen Frauen, die noch Jungfrau ist. Nach vielen Gesprächen, Küchen- und Feldarbeiten und einer Schulstunde, in der Violette den Kindern die Buchstaben beibringt, taucht nach etwa einer Filmstunde als Silhouette ein Mann auf.

Ein Mann, ein Mann. Die Frauen haben sich aus Zukunftssorge verabredet, sollte ein solcher je wieder auftauchen, dann solle er möglichst viele Kinder zeugen. Sie haben das in weniger eindeutigen Worten gesagt.

Ein Mann, ein Mann (und nun grad gar kein besonders attraktiver). Er geht direkt auf Violette zu. Sie kümmert sich um ihn, die Frauen sind froh, dass überhaupt einer da ist. Die Natur besorgt den Rest zwischen Violette und Jean (Alban Lenoir), nachdem noch die Begriffe Voltaire und Victor Hugo gefallen sind – als Stimulantien?

Die anderen Frauen werden missmutig und erinnern Violette an die Verabredung. Sie ist bereits schwanger und er war nur mit ihr zugange. Aber sie hält sich an die Verabredung. Jean darf seines Amtes walten. Er darf sich abendlich mit einer anderen Frau verabreden.

Doch die Filmemacherin möchte es mit den schwangeren Bäuchen in Grenzen halten. Pars pro toto. Noch eine läuft rundlicher rum. Wie ich aus dem Kino kam, sind mir drei Frauen mit ebensolchen Bäuchlein wie im Film und die nebeneinanderher gingen, entgegengekommen; träum ich oder bin ich noch im Kino?

Sonst gibt es diese Geschichten im Alten Testament, wie die Alten ihre Stämme gegründet haben.

Die deutschen Untertitel sind ärgerlich fehlerhaft, von einem Mädchen, das zwar lesen, aber nicht richtig Deutsch schreiben kann?

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Mensch und Institution.

Eine Reihe von am losen Faden eines Ortes und zweier Begebenheiten aneinandergereihten, prägnanten Sketchen erzählt von den Dauerdiskrepanzen zwischen Mensch und Institution (hier eine Schule).

Oder: wie aus einer Maus ein Elefant gemacht wird (das ist der kaputte Kaffeeautomat) und wie ein Toter, das ist ja ein existentiell einschneidendes Ereignis, der Tod, trotz aller Organisation und Organisationen nicht zu wegzubewegen ist.

Judy Greer hat diese unterhaltsamen Szenen, die alle in einer austauschbaren Gegend und Institution stattfinden, nach dem Buch von Gary Lundy inszeniert. Sie hat prima Kinderdarsteller, die köstlich in einem Erwachsenenmodus handeln und prima Profis für die Erwachsenenrollen: Jennifer Garner, Katie Holmes, Allison Jeanney, Bradley Whitford, Nat Faxon, Maria Sokoloff, John Cho, Rob Rigle, Anders Holm, Common, Kumail Nanjiani, Storm Reid, Mary Birdsong, Al Madrigal.

Am Anfang des Tages finden zwei Lehrkräfte den toten Gärtner Kevin vor der Schule. Den Anblick möchten sie den Kindern ersparen. Sie schleppen die Leiche ins Lehrerzimmer. Aber die herbeigerufenen Nothelfer sind für Tote nicht zuständig.

Parallel wird am Kaffeeautomat ein Sabotageakt entdeckt. Das ruft die Polizei auf den Plan samt Absperrband. Großes Entsetzen unter den Angestellten, was gibt es Wichtigeres als den morgendlichen Kaffee.

Die Szenen drehen sich um erste zarte Liebe, Diskriminierung wegen Brille, Seitensprung mit Sekretärin (und Herausforderung durch deren Gatten), den Frust des Musiklehrers, den die Mutter wieder rausgeschmißen hat, den Sinn des Lebens und die Suche nach dem Resthumanismus, die ewige Diskrepanz zwischen menschlicher Privatregung und den Anforderungen der Struktur der Organisation, der Push-Test mit dem Neuling in der Schule und dass es nicht sein kann, dass ein Gärtner Kevin heißt und dass es in der Stadt gleich vier Kevins gibt, die Gärtner sind und noch dazu, dass alle am Leben sind, wo doch einer als Leiche im Lehrerzimmer liegt.

Da könnte sich manch deutscher Film ein Beispiel nehmen, der ebenfalls einen Film über Alltagsprobleme machen will, wie sorgfältig hier Story und Figuren entworfen und entwickelt worden sind, gemäß dem Comedy-Format. Aber auch da muss eine Figur Hand und Fuß – und Kopf und Seele haben. Hier haben sie es.

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