Archiv für 3. Oktober 2018

Die böse Wissenschaft residiert mit Dr. Drake (Riz Ahmed) an der Spitze der Life Foundation in einem futuristischen Bau an einem Steilhang in der Nachbarschaft der Golden Gate Bridge bei San Francisco. Hier gibt es keine Tierversuche. Die Experimente sind zu wichtig. Hier werden Menschenversuche gemacht.

Aktuell geht es um Symbionten, Wesen aus dem Weltall, die sich mit Menschen vermengen.

Ein Raumschiff, das anfangs dieses Films von Ruben Fleischer nach dem Drehbuch von Scott Rosenberg + 5 eine eindrückliche Bruchlandung in Ost-Malaysia hinlegt, hat Extrakte außerirdischer Wesen in durchsichtigen Hochsicherheitsbehältnissen zur Erde gebracht.

Drake dürfte fasziniert sein, zu sehen, dass sie sich mit Menschen begierig mischen, so zu Symbionten-Existenzen werden, die wechselnd die menschliche Gestalt oder typische Varianten von computeranimierten Marvel-Gruselriesen und -Kraken annehmen können.

Das Moralthema bleibt allerdings ungelöst. So richtig klar wird nicht, ob nun ein solcher Symbiont in einem guten Menschen zu einem guten Symbionten wird oder in einem schlechten Menschen zu einem schlechten oder umgekehrt oder vice versa, wie es überhaupt um die Moralistik dieser Wesen steht.

Denn deren Kreateure haben mehr Spieltrieb investiert in die Erfindung nicht weiter logisch begründbarer gummiartiger Napftentakeln, die sehr dehnbar sind, oder in die Formung von Köpfen und Masken, die in der modernen Hollywood-Mythologie der Vorstellung von „außeriridsch“ oder „superheldenhaft“ entsprechen.

Die Ideen für Zungen und Gebisse haben sie sich wiederum woanders geholt, vielleicht in der Formalinsammlung eines pathologischen Institutes oder wo auch immer oder gar in der Stadtbibliothek von New York, die ein unerschöpflicher Quell der Inspiration sein kann, und worüber Frederick Wiseman einen aufschlußreichen Film gemacht hat, der am 24. Oktober bei uns ins Kino kommt (Ex Libris: Die Public Library von New York).

Genug des Exkurses, zurück zu Tom Hardy, der eine gewisse Irritation bei der Auswahl seiner Rollen verspüren lässt – oder der vielleicht vorher schon mit so einem Außerirdischen infiziert worden ist – und der hier eine Stange Geld verdient haben dürfte als Eddie Brock. Der ist ein Journalist mit einer investigativen Fernsehsendung (Eddie Brock Report). Er kommt, auch über eine plakativ-naiv-operativ-schöne Michelle Williams als Anne Weying, dem bösen Dr. Drake und seinen Experimenten auf die Spur. Das löst die verschlungenen Entwcklungen aus, die die mit Hammer&Amboss-Methode computergenerierte Restfilmzeit füllen und das in ollem 3D-Realismus, der auch dem Bösesten eine niedlich-zwergige Perspektive abzugewinnen imstande ist.

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Bildungsbürgers idealistisches Bekenntnis zur Kunst.

Ein schwerer, in seiner Wirkungsweise unfreiwillig skurriler Barockschinken über drei Bereiche deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts.

Vor der Pressevorführung sagte Florian Henckel von Donnersmarck, der Film sei ein Versuch, die Tauglichkeit von Kino zu prüfen (das ist kein wörtliches Zitat). Gimme Five. Und gleich schob er die Verantwortung für den Erfolg des Filmes auf die anwesende Presse, heißt, die mögen ihn doch gut schreiben.

Das ist eine krasse Überschätzung der Filmkritik. Wie sagte schon Bazin, Filmkritik sei so wichtig wie der Tropfen Wasser, der in den Fluss fällt.

Henckel von Donnersmarcks Kinotestwerk befasst sich interssanterweise nicht mit Kino, sondern mit bildender Kunst.

Jede Stunde dieses Dreistundenfilmes beginnt mit einer kunstgeschichtlichen Lektion auf Abiturstoffniveau. Es fängt an mit einer Führung durch eine Ausstellung entarteter Kunst in Dresden.

Das vorneweg: die Schauspieler zeigen plakative Kante bei Henckel von Donnersmarck. Hier Lars Eidinger als Führer und Erklärer. Nazizeit: kein Wunder dass, wer Geld in der Bundesrepublik für Kino ausgeben kann, als Förderer und Mitfinanzierer mitgemacht hat.

Diese erste Stunde dominiert Elisabeth May (Saskia Rosendahl). Sie wird Opfer der Euthanasie- und Arisierungspolitik der Nazis. Ihr Erbgut sei nicht lebenswert. Sie zeige Anzeichen von Schizophrenie. Der behandelnde Arzt ist der auf diese Rolle längst festgelegte Sebastian Koch als Dr. Carl Seeband. Ihn spielt er als einen Arzt, dem die Frauen nicht unbedingt vertrauen. Er lässt Elisabeth eine „Sonderbehandlung“ angedeihen.

Die Erzählung ist linear, gerne in Schuss-Gegenschussverfahren aufgelöst. Wie Doktor Seeband an seinem Tisch sitzt, da nimmt Henckel von Donnersmarck Rückgriff auf seinen hochprämierten Vorvorgängerfilm „Das Leben der Anderen“.

Zwischenzeitlich hat Henckel von Donnersmarck seinen weniger rühmlichen Einstand in Hollywood gegeben, für das sich der Johnny-Depp-Angelina-Jolie-Film offenbar nicht ausbezahlt hat, sonst hätte er garantiert dort weitergearbeitet; zurück also in den deutschen Subventionstümpel. Hier ragt er allein mit seinem Auftritt und der großen Kelle, mit der er sein Werk anrührt, heraus und auch mit der dezidiert gesetzten Bildgestaltung (dazu später mehr).

Die zweite Stunde fängt mit einer Lektion über die Kunst im Sozialismus der DDR an. In jeder dieser Lektionen geht es auch um die Wahrheit in der Kunst. Der Filmemacher wird es soweit treiben, dass die Kunst in seinem Film die Wahrheit über einen Naziverbrecher (den Euthanasiearzt), der in der zweiten Stunde noch ein unaufgedecktes bürgerliches Leben als Herr Doktor führen kann, aufdeckt. (Einen exzellenten Mengele-Film, schmerzhaft und ganz ohne Augenzwinkern, hat Lucía Puenzo mit „Wakolda“ 2013 geliefert!).

Die Kunst als Aufdeckerin der Wahrheit, das scheint mir die etwas naive, aber großbürgerlich bombastisch-barock präsentierte Message im Film zu sein. Wozu die an sich prägnant geführten Figuren allerdings nur – irgendwie dann doch typisch deutsches Subventions- und Moralkino – elegante Staffage und Bannerträger bilden.

In Stunde zwei wabert über dem Film immerhin die unsichtbare Spannungswolke, ob Dr. Seeband weiterhin unentdeckt bleibt. Da verdichtet sich auch die Bilderzählung. Sie wird massiv unterbaldowert von einem Sound, der immer wieder alle Register zieht, der wie in einem Dom mit 5 Orgeln gleichzeitig in alle Pedale tritt. Traut der Filmemacher seinem Werk doch nicht so ganz, dass er dermaßen mit der Phonzahl auf den Putz hauen muss?

Im Dresden der Stunde zwei entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Tom Schilling als einem Wahrheitskünstler und Möchtegernkunstmaler zur inzwischen volljährigen Tochter Ella (Paula Beer) von Dr. Seeband. Da leistet sich das Wahrheitsbekenntnis-Kino von Henckel von Donnersmarck einen (von mehreren) Ausrutschern ins fidele Genre des Groschenromans.

Wobei wiederum verwunderlich ist, dass auch das Godard-Thema von den 24 Mal die Wahrheit pro Sekunde nicht vorkommt. Das Wahrheitsthema taucht in der dritten Stunde auf in der Figur des Zeitungsboten in Düsseldorf (Beuys und Konsorten). Dieser annonciert das Corpus Delicti der Wahrheit in den Film. Der Zeitungsjunge wirkt wie eine niedliche Referenz an Opas Kino.

Sebastian Koch versucht seinen Dr. Seeband als verschlossen und kantig zu spielen, um ihn von seinen anderen Arztrollen zu unterscheiden.

In der dritten Stunde geht es um die Kunstakademie im Düsseldorf der 60er Jahre. Vorher haben der Künstler Kurt Barnert (also Schilling) und seine Freundin Elli rübergemacht in die BRD und sind in Düsseldorf aufgelaufen und mit der dortigen aktiven Künstlerszene in Berührung gekommen.

Vater Seebald war noch vorm Mauerbau mit seiner Frau nach Oldenburg ausgereist, weil der Russe, der ihn protegiert und vor Aufdeckung geschützt hat, nach Moskau zurückversetzt worden ist. Eine merkwürdige Geschichte. Seebald als russischer Gefangener hört im Gefangenenlager die Wehen einer Frau. Er bietet sich an als Geburtshelfer. Das nötigt ihm den Respekt des Russen ab, weshalb der ihn fortan protegiert.

Das Ansinnen von Henckel von Donnersmarck ist sicher integer, Kunst soll Wahrheit ans Licht des Tages bringen, ob das allerdings für ein breites Interesse im Weltkino reicht, wage ich eher zu bezweifeln. Die Bildungsbürger mögen den Ansatz eines Abrisses der Kunstgeschichte über die drei Phasen Nazi-DDR-BRD goutieren.

Die Botschaft verbreitet Henckel von Donnersmarck ohne jede Komplexität fast wie im Schulunterricht, momentweise wirken die Szenen wie saubere Übungen an einer Filmhochschule.

Was das Weltkino heute zu leisten imstande ist, zeigt ein zeitnahes Beispiel: BlacKkKlansman von Spike Lee.

Im Nazizeitteil ist viel Bedröppelung wie gehabt im Spiel. Zum Thema der Zwangssterilisierung empfiehlt sich zum Vergleich mit heutigem Kino die französische Doku über Zwangseinweisungen 12 Tage.

Canaletthohafte Animation der Dresdenruinen.

Man sollte nicht anfangen, nach narrativer Logik zu suchen, handelt es sich weder um eine Fakedoku noch um ein realistisches Drama: es geht um das bürgerlich-idealistische Bekenntnis zur Kunst und dass sie für die Wahrheit zuständig sei; und da das höchst fragwürdig ist, muss die entsprechende Beschwörungsmusik darüber gelegt werden, damit keiner auf die Idee kommen möge, an der reell vorgetragenen Message zu zweifeln. Bei aller gepflegten Schauspielerei, oft nuscheln mir die Leute zu sehr, wenn sie nicht gerade Reden halten.

Beim Unscharf-Blick auf dieses Werk erinnert es – just wegen der Präzision der einfachen Einzelzeichnung – an die naive Malerei mit ihrem wenigen, klaren Kontent. Der Film liefert so zumindest eine interessante Facette zum Kino als solchem, als Begründung für dessen Notwendigkeit aber reicht er nicht aus. Mein Eindruck ist eher der, dass Henckel von Donnersmarck das Kino vereinnahmt, um sein eigenes (naives) Wahrheitsideal groß herauszustellen, alles ist groß, alles muss groß sein, alle sind die größten, mit denen der Autor und Regisseur zusammenarbeitet, der Wirbel um den Film muss der größte sein, nur die Message ist ein kleines Sparflämmchen – großbürgerlicher Idealismus auf Abwegen?

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