Archiv für Oktober 2018

Üppige britische Süßspeise,

aber darauf verstehen sich die Briten, auf emotional-emphatisches Erzählen, egal, dass Bryan Singer, der Regisseur, aus den USA kommt, und der Drehbuchautor Anthony McCarten (Die dunkelste Stunde, Die Entdeckung der Unendlichkeit) aus Neuseeland stammt, das waren schon zwei sehr britische Stoffe, und der Protagonist, der Freddie Mercury spielt, Rami Malek, ägyptischer Abstammung ist; so ein Mix, Brexit hin oder her, ist ja auch typisch britisch (Malek war kürzlich als Louis Dega in Papillon zu sehen).

Singer und McCarten nehmen sich für ihr Biopic den Lebensabschnitt des Leadsängers von Queen von 1970, kurz vor Gründung der Band, bis zum großen und berühmten Live Aid Konzert 1985 im Wembley-Stadion in London vor.

Der thematische Rahmen ist der Rat zur guten Lebensführung des Vaters (der Musik ausschließt) bis zur Versöhnung anlässlich dieses Konzertes, mit dem Mercury Gutes getan hat.

Die Vorstellung des etwa 24-jährigen Mercury, der noch ganz anders heißt, ist knapp. Er strotzt vor dem Gefühl von Talent, das er in sich spürt, grandios spielt Malek diese vor Selbstbewusstsein schier platzende und sich nichts bieten lassende, schon gar nicht Kompromissbereitschaft zeigende Arroganz, obwohl er noch nie aufgetreten ist, sondern nur Texte geschrieben hat.

Mit seinem exaltiert-exotischen Look besucht er Konzerte. Anschließend treibt er sich Backstage herum. Bis der Drehbuchautor das Glück walten lässt. Einer Band ist der Lead-Sänger abhanden gekommen – die Chance für Mercury!

Aus der Band wird schnell „die Familie“. Der Künstlername Freddie Mercury wird definitiv. Erst tingeln sie. Es ist ein wagemutiger Entscheid, ein Album aufzunehmen, das war damals teuer. Sie geben den Bandbus an Zahlung. So kommen sie ins Radio.

Der Rest dürfte Geschichte sein. Und allerspätestens mit dem Refrain „Wir sind die Champions“ hat jeder sie gekannt.

Der Film erzählt chronologisch mit viel Musik direkt oder auch mal im Hintergrund. Die Probenarbeit, Diskussionen, die Auseinandersetzungen um den künstlerischen Wagemut (Inspiration durch die Oper) und mit den Managern, Tournee, Liebe von Freddie zu Mary (Lucy Boynton), Heirat, die Entdeckung der Männer, das versteckte Doppelleben; das Outing seiner Frau gegenüber, die er aber als Frau behalten möchte.

Freddies Katzenliebe wird üppig bebildert. Und wie es sich für eine exzellente Süßspeise gehört, wird auch das Bittere nicht ausgespart, in diesem Fall die aufkommende und tödliche Krankheit AIDS, aber nur so weit bis zum Mercury-Statement, er habe keine Lust, auch nur eine Sekunde in die Opferrolle zu schlüpfen, und er wolle die Zeit zum Musikmachen nutzen.

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Kino für den Vereinsabend.

Ein Super-8-Zusammenschnitt von Bubenfreuden zweier Brüder im Schwarzwald leitet den Film energievoll ein; die Gebrüder Schneider sind es, die Gebrüder Christian und Georg.

In der Erwachsenenvariante 30 Jahre später werden sie dargestellt von Lars Eidinger und Bjarne Mädel. Eine auf den ersten Blick schön gegensätzliche Paarung.

Georg ist Schreiner geworden und im Schwarzwald geblieben. Christian ist ein Business-Man, der um die Welt düst und ständig am Handy hängt.

Der Tod des Vaters ruft Christian nach 30 Jahren wieder nach Hause. Wegen einer blöden Bahnschranke kommt er auch noch zu spät. Die Beerdigung wird kurz abgehandelt.

Dann sind die Brüder unter sich. Erinnerungen kommen hoch. Christian stöbert auf dem Dachboden. Mehr aus dramaturgischen Gründen als aus innerem Need. Sie finden einen Plan, den die beiden als Halbwüchsige gemacht hatten, mit dem Moped an die Ostsee zu fahren und dort ins Meer zu pinkeln.

Der Alkohol und ein weiterer dramturgischer Geistesblitz lässt die beiden sich entscheiden, das Abenteuer jetzt und hier nachzuholen, noch in den schwarzen Anzügen mit Krawatten von der Trauerfeier.

Mitten in der Nacht fahren sie los mit Gejuchze. Auch hier mehr dem Buch als dem inneren Triebe gehorchend.

Es folgt ein behagliches, sympathisches Roadmovie durch Deutschland. Immer fällt dem Autor Oliver Ziegenbald (Mein Blind Date mit dem Leben, Kundschafter des Friedens, Becks letzter Sommer, Frau Müller muss weg!, Russendisko, Friendship!) wieder etwas Nettes ein, auch Elementares, in Berlin gibt es nämlich eine Frau, die ein Kind von Christian hat.

Das Hauptmotto, das die Jungs sich damals vorgenommen hatten, war: Saufen, Frauen, beim Griechen die ganze Speisekarte durchfressen und am Timmendorfer Strand in die Ostsee pinkeln.

Den Plan erfüllen sie drehbuch- wie planmäßig.

Regisseur Markus Goller (Simpel, Alles ist Liebe, Frau Ella, Eine ganz heiße Nummer, Friendship!) inszeniert ganz ordentlich, ohne übergroße Kinoambition. Er hat ja prima Schauspieler durchs Band. Und den beiden nicht mehr ganz jungen Protagonisten macht es Spaß, wieder zu kicken, zu flirten, Tischtennis zu spielen oder die verzockten Mopeds in einer Laubenkolonie wieder zu entführen bis sie von einem Stadtindianer gejagt werden; sie versprühen Urlaubs- und Drehpausenlaune.

Vielleicht hat sich das Autor/Regie-Duo an seinem großen Erfolg Friendship orientiert, den als Rezept genommen. Wobei dort im Hintergrund die DDR und auch das Vaterthema spannungserzeugend mitgespielt haben. Zwischen Friedrich Mücke und Matthias Schweighöfer hatte die Chemie hervorragend gestimmt.

Hier kommen vor allem bei Eidinger die Entertainerqualitäten (wie er britischen Slang nachzuahmen versucht) zum Tragen und weniger die Bruderchemie. Insofern ist dieser Film deutlich gemütlicher geworden, aber die Qualitäten für einen Vereinsunterhaltungsabend hat er allemal, beispielsweise das Spiel mit dem Rückwärtssprechen von Texten oder der Steptanz und zwischendrin mal ein ernsthaftes Gespräch über die Liebe, das Leben und den Vater.

Der Ehrgeiz der Filmemacher zielt nicht über die bundesdeutschen Filmsubventionsgrenzen hinaus.

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Rassimus im BR?

An diesen Lebenslinien von Boris Tomschiczek (Redaktion Christiane von Hahn) über Christiane Blumhoff sind einige Dinge bemerkenswert.

Sie ist Schauspielerin, wird hier aber als Volksschauspielerin bezeichnet. Näheres über diese Begriffsdifferenzierung zu erfahren, wäre interessant.

Die Kamera von Josef Mayerhofer liebt Spiegelspielereien, besonders, wenn Christiane Blumhoff vor ihrem Verhau von Fotos der Kindheit sitzt; dieses Chaos spiegelt sich in den Brillengläsern. Chaos, Härten, Brutalitäten in der Kindheit, das was schon in den Lebenslinien von anderen Schauspielerinnen zu erfahren, bei Ilse Neubauer.

Hier war es das Extrem der Bindung und Terrorisierung durch die Oma (der Krieg hatte ihr alles genommen und nur die Enkelin gelassen). Jetzt sagt die Schauspielerin, Freiheit sei ihr das Wichtigste. Aber ihre Kernfamilie, das sind nach dem Tod ihres Mannes ihre drei längst erwachsenen Kinder, würde zusammenhalten wie ein Kokon – spiegelt sich da nicht das Verhalten der Oma wieder?

Am bemerkenswertesten allerdings – und dass der BR das sendet, dafür verdient er Respekt – ist der Hinweis auf Rassismus beim BR, zumindest in der Vergangenheit. Nachdem Christiane Blumhoff einen jungen Mann, der Diplomat werden wollte, geheiratet hat, blieben die Angebote vom BR, bei dem sie beim Komödienstadel gut beschäftigt war, plötzlich aus.

Der Makel an der Heirat: die Hautfarbe ihres Mannes war schwarz, er stammte aus Niegeria. Wäre solche Besetzungwillkür beim BR heute theoretisch noch möglich? Wie wird generell heute besetzt? Haben alle Schauspieler gleiche Chancen? Gibt es Wettbewerb um die Rollen? Oder ist nicht auch heute noch jede Besetzung ein nicht justiziabler Gunstbeweis?

Im Film trifft die Protagonistin auf die Tochter des Erfinders des Komödienstadels, die will nicht wahrgenommen haben, dass Blumhoff damals bewusst ausgegrenzt worden sei. Nach der Metoo-Debatte scheint das ein noch unbeackertes Feld.

Und überhaupt: warum wird immer nur über bekannte Schauspielerinnen so ein Feature gemacht. Hier kommt Ursula Rehm vor, wer ist sie – hätte sie – und viele, viele andere, die immer wieder im Fernsehen zu sehen sind, nicht auch was zu erzählen? Ist das nicht auch wieder eine Art der Diskriminierung, nur die zu präsentieren, die eh schon im Geschäft sind? Womit die Sendung lediglich eine Werbesendung in eigener Sache wird.

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Omas Horror-Symphonie des erblichen Seins zum Horror – und die Gefährdung des Realitätsbegriffes. Siehe stefes Review.

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Zwei exzellente, kulturelle Dokus: Intensiv-Doku über die New Yorker Stadtbibliothek und vom Feinsten über den spanischen Tanz Jota. Ein wilder japanisch-französisch-amerikanischer Cartoon. Ein kaputter Abfluss aus Beiruth. Eine britische, animierte Hexe aus Japan. Aus den USA der VorTrumpAera ein ActionThriller und ein Halloween-Abgrusler. Aus Deutschland drei ansehnliche Dokumentationen und ein Hundefilm, der weder Tier- noch Menschenfilm ist. Eine DVD guckt dem Nikolaus hinter den Bart und das TV übersah vor lauter KI-Spielerei das Menschliche.

Kino
EX LIBRIS – DIE PUBLIC LIBRARY VON NEW YORK
Die Stadtbücherei als ein gesellschaftlicher Wirkort.

JOTA – MEHR ALS FLAMENCO – JOTA DE SAURA
Mitreißendes Handbuch über diesen Tanz.

MUTAFUKAZ
Hier gibt Harald Witz seinen Einstand als Filmjournalisten-Autor – der hat richtig was drauf und enorm Ahnung, gerade auch von Comics – unbedingt lesen – Welcome Harald!

THE INSULT
Ein kaputter Abfluss mit Folgen wie beim Zerbrochenen Krug.

WILDHEXE
Hexentum zur Bewältigung des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen.

HALLOWEEN
Abgrusler oder Absacker zum entsprechenden heidnischen Brauch.

HUNTER KILLER
Wie war die Welt vor Trump doch übersichtlich und ermöglichte klare Spannungen.

PROJEKT: ANTARKTIS
Jungs in Karrierestartlöchern bringen sich mittels Start-Up-Expedition in die Antarktis in Position.

MEIN STOTTERN
Nettostottern und kompensatorische Lösungen.

MORITZ DANIEL OPPENHEIM
Ein viel zu wenig bekannter, deutscher Genremaler.

WUFF
Solche Hunde gibt es nur im Filmsubventionstümpel.

DVD
PLÖTZLICH SANTA
Wenn der Schreiner plötzlich Nikolaus wird.

TV
TATORT KI
Das Fernsehen konnte aus dem Thema künstliche Intelligenz keine menschliche Spannung erzeugen.

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Nach Zonda: Folclore Argentina präsentiert Carlos Saura einen weiteren Film á la „Fine Art of Movies“ zu spanisch-lateinamerikanschem Tanz und Gesang, wieder in der edlen, abwechslungsreich gestalteten Studioatmosphäre wie ein preziöses Handbuch, diesmal zum Jota. Über diesen schreibt er zu Beginn des Filmes:

„The „“Jota“ belongs by rights to the province of Aragon, but it is also presents throughout most of Spain, Latin America and the Philippines.
This vigorous and rhythmic genre of song and dance has attracted the attention of such prestigious composers as Liszt, Saen Saens, Massenet, Ravel, Glinka, Granados, Albéniz, Tárrega and Bretón.
Where does it com from? Most believe it has Arab and Oriental influences, and that the word „Jota“ comes from the Arabic „Xotar“: to jump.
Akin to Fandango and the „Bolera“school, ist clearly related to Flamenco.“

Es ist ein Hochgenuss, Saura, einem profunden Kenner der spanisch-lateinamerikanischen Kultur und einem Hochschätzer dazu, zuzuschauen, wie er eine fesselnde Nummernshow mit Ansagetiteln daraus arrangiert, immer im Ambiente einer Studiobühne, die für jeden Gesang, jeden Tanz, jede Musik variabel gestaltet wird, mal gibt es Aquarellzeichnungen auf den Projektionsflächen, mal tauchen dahinter Musiker auf, mal läuft ein Stück filmgeschichtlicher Footage, es gibt Seniorentanz und ab und an ist auch ein Publikum zu spüren, zu hören, einmal unterhalten die sich sogar – inszeniert – über den Film „Nobleza Baturra“ von Florián Rey von 1935.

Oder es sitzt eine Lateinklasse vor einem Lehrer und soll „rosa“ deklinieren; über die drei Seitenwände wird dabei Archivmaterial vom spanischen Bürgerkrieg in dreifacher Ausführung laufen; ein Bürgerkrieg, der mit der anschließenden Franco-Diktatur bis heute nicht aufgearbeitet ist – zu dem Thema kam eben erst ins Kino die Dokumentation „Franco vor Gericht: das spanische Nürnberg?“ Dazu läuft der Song „rosa, rosae“ – eine tief beeindruckende Sequenz.

Manchmal geht es auch lustiger zu oder es gibt reine Orchesternummern, eine Tanzschule kommt eingangs vor, es gibt Silhouettentanz bis hin zum finalen El Pueblo en Fiestas, das große Fest mit Masken zum Schluss.

„Der Rhythmus des Jota erreicht Dein Herz.“

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!Wahrlich ein Dokument

über den in den Welten von Bildung, geistiger Auseinandersetzung und Demokratie breit aufgestellten, hochaktiven Organismus „Stadtbibliothek New York“, um den Begriff der „Public Library“ in unser gewöhntes Deutsch zu übersetzen.

Der Großmeister der dokumenthaften Dokumentation, Frederick Wiseman, rastert das komplexe Gebilde mit seiner bewährten Gründlicheit, Systematik und ohne jeden belehrenden oder erklärenden Kommentar, ohne Quasselstatements Beteiligter, Betroffener, Verwandter, Promis oder von Nachbarn.

Wiseman lässt die Institution durch ihre Repräsentanten in ihren Funktionen, Aufgaben und Auseinandersetzungen sprechen. Da diese geistig-literarischen, fotografischen und anderweitig kulturellen Kontent sammeln, sichten, sortieren, ausleihen, digitalisieren oder anderweitig zur Verfügung stellen, wird aus der Dokumentation ein saftiger, kalorienreicher VHS-Intensiv-Kurs in kompakten 3 1/4 Stunden.

Wiseman vermittelt einen tiefen Einblick in Themen und Auseinandersetzungen amerikanischer Bürger, deren bürgerschaftliches Engagement zu Verbreitung von Bildung, gerade auch in bildungsfernen Stadtteilen.

Die Institution ist im Gegensatz zu unseren Stadtbibliotheken keine staatliche; sie bekommt zwar von der Stadt und vom Staat Zuschüsse, um die sie sich jährlich neu bewerben muss, wofür sie sich vernehmbar und attraktiv machen muss. Den Rest müssen Sponsoren aufbringen.

Sowohl darüber, wie das Geld zu beschaffen sei, gibt es innerhalb des Führungspanels der Bibliothek harte Diskussion, als auch darüber, wie das Geld zu verteilen sei, für welche Anschaffungen, ob mehr Bücher für die Kleinen in einer der zahlreichen Außenstellen in der Bronx beispielsweise oder mehr Geld für Bestseller, für Bücher oder doch lieber für E-Books?

Auch um die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen geht es im Hinblick auf viele Projekte. Für Reparaturen und Renovierungen in den vielen Gebäulichkeiten müssen sie ein eigenes Budget und einen eigenen Etat organisieren.

Wiseman versteht es, sich nahezu unsichtbar zu machen bei den zahlreichen Veranstaltungen und Diskussionsrunden. Wie, um das zu beweisen lässt er die Szene, in der George einmal und sogar länger in die Kamera blickt, bewusst drin, was den Dokumentaristen nur noch unsichtbarer werden lässt.

Aus den Vorträgen, Reden, Moderationen, Lesungen, Bühnenperformances, Konzerten, Sponsoren-Events, Teambesprechungen, Diskussionen berichtet er ausführlich in langen Passagen.

Um die Zuschauer damit nicht allzu sehr zu strapazieren, schneidet er dazwischen Street-Views um die Bibliothek und ihre Filialen herum, Besucher, Touristen, Buchsortierer, Seniorentanz, Literaturkreis oder er wirft einen Blick auf eine Halloweenparade.

Aber er guckt auch Besuchern über die Schulter und interessiert sich dafür, was diese interessiert, ob Krankheiten, Historisches, Kriege, Rassimus oder ob sie vielleicht nur Vidogames spielen; er beobachtet Vorgänge bei der Ausleihe, das Einscannen von Material.

Das sich immer wieder in den Vordergrund drängende Thema ist der immer noch latente Rassimus in der Ausformung des Gegensatzes von Schwarz und Weiß, was auch ein wesentliches Thema der Aktivitäten der Stadtbibliothek ist im Hinblick auf Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Demokratie, digital Divide; auch zum Thema Klassenkampf gibt es einen pikanten Vortrag; ebenso spielt die Inklusion eine Rolle, Kulturzugang für Blinde und Taubstumme.

Bilder werden in der Sammlung thematisch abgelegt. Künstler holen sich Inspiration. Frappantes Beispiel einer Schubladenbezeichnung: „Hunde in Aktion“ – das hätten sich die Macher des deutschen Filmes Wuff, der auch heute startet, mal vor Projektbeginn anschauen sollen!

Wiseman spürt mit seinem Film, in dem es konzentriert um Content geht, dem Wesen der „Stadtblibliothek“ und ihrer gesellschaftlichen Ferment-Funktion nach. Überraschungsfundstück: Dürers Rhinoceros, eine der ältesten Druckgrafiken in der Sammlung – und auch der Welt!

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Wau,

wau wau, kläff, knurr – miau. Viele Hunde, viele Rassen, dazwischen erfundene Menschen, locker geschauspielert von lockern Schauspielern, mutmaßlich nach dem Leben, aber eben: nicht nach dem Leben, sondern nach den Erfindungen von Andrea Wilson (SMS für dich, Vaterfreuden) in der nicht strengen Regie von Detlev Buck, dem es wohl auch an tieferer Einsicht darin gefehlt hat, was uns Andrea Wilson mit diesem ihrem Drehbuch sagen will.

Es gab anno 2000 einen aufregenden Film über Hunde und Herrchen: „Amores Perros“ von Alejandro G. Inarritu. Das war ein Film, der mit Scharfblick Verhaltensweisen von Hunden und Herrchen beobachtet und pikant filmisch serviert hat, der bewiesen hat, dass sich aus der Beobachtung von Viechern und Menschen kinematographisches Kapital ziehen lässt. Er hat sich auf drei Paarungen beschränkt – in der Beschränkung zeigte sich schon früh seine Meisterschaft. Es war denn auch der Durchbruchsfilm von Inarritu.

Das dürfte Detlev Buck und Andrea Wilson nicht passieren. Sie haben im Subventionstümpel längst ihren Durchbruch, da kommt es auf Einbrüche nicht an; denn Subventionsname ist gleich Subventionsname; geheiliget seien bei den Fördergremien die Subventionsnamen, denn die Gremien sind leichtgläubig und gerngläubig, wenn sie einen Namen mal buchstabieren gelernt haben.

So kommt es, dass Buck und Wilson sich nicht weiter um ihr Thema kümmern zu glauben müssen. Sie fahren eine Unmenge von Hunden und Herrchen und Frauchen auf, viele darunter Subventionsnamen; und dann erfinden sie Szenen, Alltagsszenen, vielleicht auch Berliner Szenen.

Ein Beispiel soll genügen, vielleicht ist es sogar das verheißungsvollste, denn es skizziert immerhin einen Konflikt: Ein Chefredakteur zitiert zwei seiner Angestellten, es ist ein Ehepaar. Er erklärt des Langen und Breiten, dass nur eine Person der beiden Chef werden könne und dass das, weil er ihm gesteckt hat, dass sie mitten in der Familienplanung seien, nun mal der Mann sei, da die Frau ja mit Kinderkriegen beschäftigt sei (es hieß mal die Frau als Gebärmaschine, aber so weit wollen Buck-Wilson sich nicht aus dem Fenster lehnen). Das könnte immerhin, wenn auch ein recht plumper, Konflikt sein. Wobei offen bleibt, was Hunde damit zu tun haben.

Wenn man sich als Betrachter schon die Zeit für die Pressevorführung nimmt – hier sind es an die zwei Stunden – so möchte man sich selbst die Zeit ja nicht als verloren abschreiben, indem man versucht, den Film zu retten. Hier sieht es in dieser Beziehung mau aus.

Ein Möglichkeit, um aus dem Film wirklich ein brisantes Stück Kino zu machen, wäre wohl dies – das habe ich mir so während dem Screening vorgestellt – allen beteiligten Akteuren, als sei es selbstverständlich, ein Armbinde mit dem Hakenkreuz umzulegen. So könnte Provokation draus werden. Das habe ich mir eine Weile lang vorgestellt. Der Führer hatte ja auch was mit einem Hund.

Einen Tipp für Inspiration gibt es für die Filmemacher im ebenfalls heute anlaufenden Film von Frederick Wiseman Ex Libris – Die Public Library von New York.

Aber so, da fehlt nicht nur etwas, da fehlt es an allem: an Spannung, an Glaubwürdigkeit, an Witz, an Menschenkenntnis, an einem Geschichtsfaden. Mir scheint hier wieder viel Filmfördergeld für nichts und wieder nichts verpulvert worden zu sein zur Umverteilung von öffentlichen Geldern an Subventionsnamen.

Es gibt dreimal mindestens fettes Product-Placement für „drive now“ – keine gute Werbung und sie dürfte es verunmöglichen, den Film im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu zeigen, denn da ist das so ja nicht gestattet. In was für einer Welt leben Buck und Wilson eigentlich – und all die Schauspieler, die die Rollen zugeagt haben?

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Die Dänen, lässig und unaufgeregt in Ungarn, verschaffen sich den Überblick über die Irrungen und Wirrungen zwischen Kindsein und Erwachsenwerden mit rasendem Drohnenflug über das waldig-grüne Ungarn, das den mystischen Wald für diesen Übergang darstellt.

Sie montieren mit leichter Hand die Symolbilder für diese drastische Veränderung im heranwachsenden Menschen mit Schluchten und Nebel und Dunkelheit, Wald und wilder Weg (da muss sie durch), Undurchdringlichkeit und Orientierungslosigkeit und Hexen- und Zauberbrimborium.

Das Mädchen Clara (Gerda Lie Kaas) ist rothaarig, so müssen werdende Hexen und Wildhexen (das sind Übergangshexen) sein. Und sie muss allein da durch, durch diese Kämpfe und Überwindungen, speziell im Kampf gegen die Chimera (May Simón Lifschitz), durch diesen elementaren Veränderungskosmos des Coming-of-Age. Und das trotz Wildhexenfreund, das ist Oskar (Alber Werner Ronhard), der auch ein schwarzer Kater sein kann, der immer im unpassenden Moment den Schulweg kreuzt.

Dazu gehört die Wildhexenfreundin Kahla (Vera Mi Fernandez Bachmann). Sie ist die Tochter von Isa (Sonja Richter). Das ist eine Tante der Mutter von Clara, von Mille (Signe Egholm Olsen), von der Clara noch nie etwas gehört hat und die im Wald ein Wildhexentraining anbietet.

Denn die Mutter stellt sich ahnungslos und überfordert mit dem, was mit Clara plötzlich los ist. Sie tut so, als stimme mit Clara etwas nicht, Clara wird das Gefühl vermittelt, sie sei anders als die anderen. Fieber wird diagnostiziert und ein merkwürdiges Heilgebräu verabreicht.

Diese Leerstelle am Ende der Kindheit, die so anfällig oder aufnahmefähig für Magie und Hexerei macht, ist ein Universalmoment, der die Kinder offen und anfällig werden lässt für die Sprache der Tiere, von Katzen, Eulen und Chinchillas (so einen befreit sie in der Schule), Feuerechse, Rabe, Bär und Vogelschwärmen, für die Mystik und Symbolik der Natur und Lügen (von denen es offenbar in dieser Altersstufe wimmelt) können sie förmlich riechen. Hypersensibilität.

Die Filmemacher, das ist Kaspar Munk als Regisseur, der mit Poul Berg und Bo Hr. Hansen das Drehbuch nach den Bestsellern von Lene Kaaberbol geschrieben hat, ist in der dänischen Filmkultur verwurzelt. Das bedeutet auch exzellente Arbeit mit den Darstellern, die ihren Rollen mit nordischem Ernst Glaubwürdigkeit und Faszination verschaffen. Die Musik lässt auf ihre Weise die Doppelbödigkeit des Hexenzustandes manifest werden.

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Der kaputte Abfluss

ist das Symbol für diesen heftigen Gerichtsfilm von Ziad Doueiri, der mit Joelle Touma auch das Drehbuch geschrieben hat. Das erinnert an den „Zerbrochenen Krug“ von Kleist, weniger von der Komödie, als vielmehr von der Konsequenz des Denkens her.

Ein banaler Alltagsgegenstand wird zum Auslöser einer Dramatik, die die Ausmaße einer Staatsaffäre annimmt und dabei ein Röntgenbild einer Gesellschaft zeichnet.

Der Abfluss noch dazu als Symbol dafür, wie mit Dingen umgegangen wird, die entsorgt gehören, und wenn es nur das Wasser vom Balkon ist. Und was passiert, wenn das nicht ordentlich geschieht.

Der Christ Toni Hanna (Adel Karam) hat den Abfluss vom Balkon seiner Wohnung in Beirut kaputt gemacht. Er gießt seine Balkonblumen in dem Moment, in dem unten auf der Straße der Unternehmer Talal (Talal el Jurdi) mit seinem zuverlässigen und vorbildlichen Vorarbeiter Yasser (Kamel el Basha) eine Ortsbesichtigung für Bauarbeiten unternimmt.

Das Abwasser vom Balkon trifft Yasser. Er schickt ein „Arschloch“ zu Toni auf dem Balkon. Toni verlangt eine Entschuldigung. Denn Toni ist Christ (er betreibt eine Autoreparaturwerkstätte und kann nur den Kopf schütteln über die Chinesen, die erstklassige Boschteile aus Deutschland kopieren und nicht mal das Wort „Bosch“ richtig abschreiben können, sie schreiben „Boch“) und Yasser ist Palästinenser.

Yasser lebt in einem abgeschlossenen Palästinenserlager und dürfte seinen Job überhaupt nicht ausüben. Er weigert sich, sich zu entschuldigen. Sein Chef Talal bedrängt ihn, es zu tun, denn er kann keinen Ärger gebrauchen; es geht um große Aufträge.

Yasser willigt ein und geht, begleitet von Talal, zur Garage von Toni. Die Begegnung endet statt mit einer Entschuldigung mit zwei gebrochenen Rippen von Toni. Zudem ist seine Frau schwanger. Jetzt hat das Drama schon den zweiten Gang eingelegt.

Hinzu kommt eine Fehlgeburt von Tonis Frau. Beide finden sich im Spital wieder. Jetzt mischt sich die Rechtsindustrie ein. Durch die Anwälte wird der Fall hochgeschaukelt. Er wird zur Staatsaffäre. Zuletzt mischt sich der Präsident ein. Denn auch Toni hat seine Vergangenheit, sieht sich als Opfer, nicht nur der Palästinenser.

Es kommt zum Disput zum Thema „Monopol der Opferrolle“ oder „Monopol des Leidens“, was auch als kleiner Seitenhieb auf die Juden gelesen werden kann, die aber in diesem Film nur an einer Stelle erscheinen, in Form von antisemitischen Schmierereien an der Garage von Toni, dem unterstellt wird, er würde für die Juden agieren.

Das Massaker von Damur (bis dahin beschauliche Bananen-Plantagen) wird in die Verhandlung eingeführt. Jeder kann sich in Nahost in der Opferrolle sehen, selbst die Christen, von denen es an einer Stelle heißt, sie würden nur daliegen und das Leben genießen im Libanon.

Der Film zeigt, wie verwickelt und unlösbar die Situation im Nahen Osten ist. Wie in Taste of Cement (als poetisch-traurige Variante, dessen, was hier dramatisch passiert) gibt es Drohnenflüge über Beirut; das immerhin ein bisschen in einem Aufschwung zu sein scheint. Vergessen wir nicht, bis in die frühen Siebziger Jahre hinein galt der Libanon als die Schweiz des Nahen Ostens; die Saudis verbrachten dort als beliebte und viel Geld ausgebende Gäste ihre Sommerfrische.

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