Nachlass

Lass nach,

meint einer der Protagonisten dieser Holocaustnachbereitungsdoku von Christoph Hübner und Gabriele Voss.

Damit mahnt der Sohn des berühmten SS-Jagdfliegers Alfred Grislawski, Jürgen, einen künstlerischen Umgang mit dem Wort Nachlass an, was auch auf einer künstlerischen Tafel im Hintergrund zu sehen ist.

Mit diesen zwei Sätzen herrscht in stefes Review bereits mehr Klarheit als in der Doku, die das Vergeheimnissen liebt, manche Protagonisten tauchen erst im Abspann mit Namen auf, andere kann man im Laufe des zu langen Filmes identifizieren.

Die Dokumentaristen haben Kinder und Enkel von Tätern und Opfern zu deren Umgang mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren befragt. Hauptsächlich setzen sie sie in ihrer eigenen, häuslichen oder atelierhaften Umgebung designhaft ins Bild mit sorgfältig arrangierten Hintergründen von Hausgeräten, Blumen, Akten aus der Zeit.

Das Designhafte bestimmt auch den Schnitt. Zwischen den Verzopfschnipseln der einzelnen Protagonisten setzen sie Schwarzbild, setzen den Ton aus und beginnen – lange nicht immer, aber durchaus gerne – mit einem Tonakzent den neuen Schnipsel aus den vielen Statements, die sie von ihren nach nicht weiter nachvollziehbaren Kriterien zusammengewürfelten Protagonisten gesammelt haben.

Weitere Schnipselsequenzen liefern Bilder von der Arbeit mit Nazidokumenten, Schubladen mit Karteikarten, Aufnahme der Karteikarten auf Mikrofilm, Fensterputzen in der Topographie des Terrors oder Unkrautjäten, Schaukästen leeren oder montieren, KZ-Tourismus- oder Gedenkfeiern, Arrangieren von Fressnäpfen, Herstellung von Stolpersteinen, Gerichtsprozess und ein junger Filmemacher darf sogar von seinem Südafrikafilm erzählen – immer gefilmt mit dem Designblick auf schräge Perspektiven und Geometrien im Bild.

Durch die relative Unklarheit des Dokumentaransatzes dürfte der Verwertbarkeit des Filmes im Kino enge Grenzen gesetzt sein – allenfalls im Zusammenhang mit Veranstaltungen, die eines der Themen berühren; und auch das Designhafte trägt zu einer gewissen, wenn auch gepflegten, Sterilität bei; das penible Arrangement der Interviewsituation bringt Befangenheit statt Spontaneität.

Die Protagonisten sind aus der Enkelgeneration: ein junger Filmemacher mit Täteropa, eine Reiseführerin aus Israel mit Opferopa, der Sohn des Jagdfliegers, Tochter eines SS-Arztes, Sohn von Opfern aus Ungarn.

Den Dokumentaristen fehlt eine Recherche- und dokumentarische Leitidee, wodurch ein Spannungsaufbau nicht möglich ist – so könnten sie ihre Ausbeute genau so gut in Vitrinen ausstellen. Das wäre vielleicht sogar aufschlussreicher, weil der Betrachter seinem eigenen Tempo und Interesse folgen kann.

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