Ballon

Ein Erlösungsfilm.

Nach zwei Stunden Kino- und DDR-Qual und dem technisch recht ordentlich gemachten Supsense des Countdowns, Ineinanderschnitt von verfolgender Stasi und in Richtung Westen davonfliegendem Heißluftballon mit Republikflüchtlingen, kommen einem die Begrüßungsworte in Bayern wie eine Erlösung vor und man ist dankbar, dass es die DDR nicht mehr – und Bayern immer noch – gibt. Und dass der Film zu Ende ist.

Dieses Befreiungsgefühl wird noch verstärkt durch den voluminös anschwellenden Feelgood-Orchestersound.

Ansonsten empfinde ich wenig Neigung, von einem begeisternden Kinoerlebnis zu berichten oder von möglicher Größe des Kinos zu schwärmen. Eher tendiere ich dazu, den Begriff eines bemühten Seminars zu verwenden, zu überlegen, wieso ich mir schwer vorstellen kann, dass so ein Kino die Massen anziehen soll, weil es eben über weite Strecke nur wie Fernsehen aussieht.

Weil es für die Grundentscheidung, nicht die Geschichte eines Helden zu erzählen, beispielsweise die von Peter Strelzyk (Friedrich Mücke), der das historische Vorbild für die dramatische DDR-Flucht zusammen mit seiner Frau Doris (Karoline Schuch) und dem Ehepaar Wetzel (David Kross und Alicia von Rittberg) und vier Kindern abgibt, und der es nach einem Misserfolg nochmal wagt. Also auf Psychologie zu verzichten, sich ganz auf das Abenteuerliche der Geschichte zu verlegen.

Dafür ist sie filmisch definitiv zu brav geworden. Das hängt zusaätzlich damit zusammen, dass die Drehbuchautoren Kit Hopkins und Thilo Röschelsen sich bemüßigt fühlten, Aufklärungsunterricht über die DDR einfließen zu lassen (insofern ist der Film schon mal prädestiniert fürs Mauermuseum) und sowieso sich zu sehr auf Erklärtexte und Planungstexte beschränken.

Dass sie nicht die Charaktere studierten und aus denen heraus dramatische Entwicklungen entstehen ließen. Insofern ist auch das Casting (Daniel Tolkien) mitverantwortlich dafür, dass der Film kaum über deutsche Gemarkungen hinaus auf besonderes Interesse stoßen dürfte.

Casting heißt in Deutschland: einen gremienkompatiblen Cast zusammenstellen. Das macht die Casterin angepasst. Und trägt damit ihr Teil für die Durchschnittlichkeit des Filmes bei. Dafür lässt sie sich dann von den Gremien rühmen und wird von den Produzenten fett im Abspann genannt. Just diese Angepasstheit hilft mit, zu verhindern, dass ein aufregender Film draus wird.

Im Presseheft ist zu lesen, dass die beiden Familien inzwischen kein Wort mehr miteinander reden. Das hätte bei einem Entscheid zur Berücksichtigung von Gruppendynamik und Psychologie hochspannende Elemente beitragen können. Denn das müsste schon angelegt sein. Aber solches hat offenbar auch Michael Herbig, den Regisseur wenig interessiert. Wobei das hätte mithelfen können, ein interessanteres und glaubwürdigeres DDR-Bild zu entwerfen anstelle des hier gezeichneten, gemütlichen Hochglanzmusterländles.

So aber erreicht der Film nicht mal die Durchschnittsqualität eines früheren Derricks, der immer das Psychologische im Auge hatte. Diese DDR-Menschen müssen vernünftelnde Dialog sprechen in einem Drehbuch, das museal-illustrierende Rekonstruktionsarbeit leisten will. Dazu der moralische Inupt mit pädagogischen Aufklärdialogen: „Eigentlich soll man nicht lügen“. „Ihr sagt mir nie die Wahrheit“. „Das mit der Wahrheit ist manchmal kompliziert … dass man sie hier in unserem Land nicht so sagen darf“.

Zudem fehlt Michael Herbig das Faible für die Montage und die entsprechende Bereitstellung der Bilder. Das macht den Film streckenweise betulich und schwer. Einzig die Tonspur erinnert sich an die Bedrohlichkeit der Lage.

Wie ein Loch in der Spannung wirkt eine Szene, in der Soldaten über den Schießbefehl, ohne dass das Wort fällt, aufgeklärt werden. Dabei ist dieser Fakt doch gleich in der Eingangsszene gezeigt worden, ohne dass verbaler Ergänzungsbedarf bestünde. So dumm sind die Zuschauer nicht – Belehrungen und Erklärung mögen sie im Kino schon gar nicht.

Dass zu viele Halbnahszenen sich häufen, mag auf das zu kleine Budget zurückzuführen sein. Auch das mindert die Strahlkraft eines Filmes, speziell, wenn er so eine allgemeine Geschichte und just nicht die persönliche Geschichte von Figuren erzählen will. Dieser museale Ansatz nimmt dem Film enorm viel an Dynamik, als ob nicht genügend Gas für den Heißluftballon da sei und er nicht mal richtig sich blähen, geschweige denn abheben kann.

Auch das Verhör mit dem LKW-Fahrer sieht eher aus wie eine Lückenbüßerszene.

Wegen diesem musealen Aufkläransatz kommt nie die Stimmung des Misstrauens, das in der DDR allgegenwärtig gewesen sein muss, glaubwürdig und nachvollziehbar rüber.

Keinesfalls unwichtig: Hollywood habe den beiden Fluchtfamilien die Filmrechte für alle Zeiten abgekauft, ist im Presseheft zu lesen. Jetzt war Hollywood so gnädig, die deutschsprachigen Remake-Rechte zu gewähren. Da müssen sie schon sehr überzeugt gewesen sein, dass die Deutschen dafür sorgen, dass daraus kein Weltmarkthit wird und ihnen Marktanteile abjagt. Der Originalballon, wie er im Abspann auf Fotos zu sehen ist, war deutlich interessanter als der rekonstruierte Filmballon (weil das Stoffangebot in der DDR vermutlich nicht so breit gefächert und bunt war).

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