Alles ist gut

Deutsche Drehbuchkunst.

Jede Szene, jeder Satz (im Rahmen der trendigen Impro-Acting-Methode) ist gesetzt, das schuldet die Autorin und Regisseurin dieses Filmes, Eva Trobisch, allein schon dem Umstand, dass sie an der HFF München und der UDK Berlin Inszenierungs- und Drehbuchseminare gibt und dafür staatliches Geld erhält.

Für Eva Trobisch steht also auch ihr Ruf als Unterrichtende auf dem Spiel (und sie wird ihn komplett verspielen!). So wundert es nicht, dass große Teile des Filmes so ausschauen, als seien sie Arbeitsmuster, Arbeitsausweise für eine Bewerbung als Autorin/Regisseurin.

Der Film ist TV-affine 93 Minuten lang. Nach etwa der Hälfte gibt es eine Szene, die bannt und die einen starken Konflikt umreißt. Bei einem Klassentreffen, das offenbar zu diesem Behufe für den Film erfunden wurde, weil es sonst keinerlei Handlungszusammenhang gibt, wird die Protagonistin Jeanne (Aenne Schwarz) von Martin (Hans Löw) vergewaltigt, halb sich wehrend, halb einvernehmlich.

Jeanne ist mit Piet (Andreas Döhler) zusammen, der ein erfolgloser Autor ist. Die beiden müssen wegen Privatinsolvenz, was nicht näher plausibel gemacht wird, umziehen. Der Zuschauer kann im Nachhinein kombinieren, dass sie aus diesem Grund von München nach Niederbayern gezogen sind.

Der Konflikt könnte nun storytreibend werden, denn Jeanne akzeptiert das Angebot eines befreundeten Verlegers, für eine – überausführlich geschilderte – Schwangerschaftsvertretung einzuspringen. Ihr Büronachbar oder ihr Vorgesetzter – dieser Kontext wird weggenuschelt – ist just dieser Martin.

Das ist eine elementare Konfliktsituation, wie sie jahrelang Schauspielerinnen um Harvey Weinstein oder um Dieter Wedel mit sich herumgetragen haben. Nicht ganz parallel zu setzen – aber vom Verdrängen und Verstecken einer Untat und der Begegnung zwischen Täter und Opfer später, wie es auch nach der Nazizeit in Deutschland passiert war, dem Thema im Bereich menschlicher Erfahrung und menschlichen Leidens und Leidenmachens nicht allzu fern.

Die präzise Szenenarbeit macht es nun allerdings leichter, auf die Missgeburtigkeit des Plotes zu sprechen zu kommen. Denn was interessiert den Zuschauer im Kino? Menschliches Schicksal, wie ein Mensch mit Konflikten, schier unauflöslichen, umgeht. Das ist hier der Konflikt der Vegewaltigung – und der im Nachhinein wieder überaus detailliert erzählten Abtreibungsgeschichte, als handle es sich um einen Abtreibungsberatungsfilm -, das ist vor allem die Konfrontation zwischen Opfer und Täter – wobei dann so eine Abtreibungsgeschichte 99 Prozent von seiner Relevanz verliert.

Und was macht Eva Trobisch? Sie vertrödelt fast den halben Film damit, zu erzählen wie es zur Situation mit dem Konflikt kommt. Sie fängt an wie in einem Heimwerkerfilm mit Umzugsdetails von Piet und Jeanne und verpasst es dabei, was später konfliktberfördernd und -zuspitzend hinzukommen könnte, deren Verhältnis, wie heiß, wie innig, wie vertrauensvoll oder wie entfremdet zu schildern.

Wie in jedem deutschen Drehbuchfilm wird gegessen, gekocht, umgezogen, ein Klavier geschenkt (vielleicht sollte das die Kälte der Beziehung, die aber dann konfliktmindernd wirken würde, signalisieren), umgezogen, gefeiert.

Der Grundkonflikt der Hauptfigur und somit des Filmes, kommt erst etwa in der Mitte hinzu. Dann wird er läppisch von der Drehbuchautorin angegangen: die beiden Figurgen (Opfer und Täter) begegnen sich bei der Arbeit. Sie wollen sofort, er zumindest, was noch erstaunlicher ist, darüber reden. Man stelle sich vor, ein Harvey Weinstein hat eine Darstellerin missbraucht und am ersten Drehtag beim nächsten Film fragt er sie, ob sie darüber reden wolle.

Das zeigt wie weltfremd, wie hanebüchen oberflächlich und gegen jede menschliche Erfahrung Eva Trobisch den Konflikt, der vielleicht gar keiner sein soll?, behandelt.

Und: typisch deutsche Drehbuchkrankheit (vielleicht darf die Autorin deshalb lehren?), immer wieder kommt der Satz vor, was denn hier los sei, was die denn hier machen.

Wer nicht hineingeprügelt wird, wird den Film wohl kaum anschauen – aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Der Grund wäre allerdings schon beim Lesen des Drehbuches zu analysieren gewesen: dass der Hauptkonflikt erst in der Mitte des Filmes eingeführt und dann nicht konsequent verfolgt wird.

Dazu trägt allerdings auch ein krasser Missgriff beim Casting von Jeanne bei, der wiederum jede menschliche Erfahrung im Umgang mit der hier geschilderten Gewalt vermissen lässt: die Darstellerin Aenne Schwarz scheint unter Acting zu verstehen: Gefühle zeigen, lächeln, traurig schauen. Genau das aber machen Menschen, die einen verletzenden Intimübergriff erlebt haben, nicht, sie verschweigen das schamhaft. Nicht umsonst hat es Jahre gedauert, bis diese Metoo-Debatte überhaupt entbrannt ist.

Es müsste also eine Schauspielerin mit Geheimnis sein. Zugegeben, das ist erst ein sekundärer Kapitalfehler. Den ersten allerdings begannen – einmal mehr – diverse Funktionäre vom BR (Natalie von Lamdsdorff, Claudia Gladziejewski), vom FFF und vom Bayerischen Bankenfonds, die offenbar das Drehbuch nicht gelesen haben oder des Drehbuchlesens unkundig sind.

Vielleicht ist die Unterstützung für das Projekt so zustande gekommen, dass die Schwarmintelligenz der Förderer und Finanzierer einhellig begeistert waren, dass eine Frau so ein Thema überhaupt aufgreift und da sie Drehbuch unterrichtet, brauchte das Buch selbst gar nicht mehr geprüft und begutachtet werden. Wodurch einmal mehr viel Steuer- und Zwangsbeitragsgeld verbrannt wurde.

Die symoblischste Ironie verpasst der Film sich selbst am Schluss: er offenbart sich als ein Schwarzfahrerfilm!

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!
Herr Wilhelm, schauen Sie endlich mal, was für Leute sie engagiert haben in Ihrem Betrieb!

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