Shut up and Play the Piano

Chilly Gonzales ist musikalischer Künstler und Rapper. Er wurde in Kanada geboren, kam mit einer Tournee um 2000 nach Berlin, war begeistert von der Szene, hat hier den Rap entdeckt und lebt zur Zeit dieses Biopics von Philipp Jedicke in Köln.

Seine Motivation, Künstler zu sein, dürfte mit männlichen Bezugspersonen in seiner Familie zusammenhängen. Sein Vater war ein Selfmademan und höchst erfolgreicher Bauunternehmer in Kanada.

Sein Bruder ist Karrieremusiker geworden und musste, so meint Chilly, der bürgerlich Jason Beck heißt, die entsprechenden Kompromisse eingehen, was er nicht mag und weswegen er wirtschaftlich nicht so erfolgreich ist.

Wobei man diesen Film durchaus auch als Marketing-Instrument verstehen kann. Er wühlt wild in viel privatem Archivmaterial. Je jünger biobepicte Künstler werden, desto wohlfeiler gibt es jede Menge Bild- und Videomaterial, und davon hier genug.

Gerne schaut Chilly forschend – in allen Altern – in die Kamera. Er braucht die Kunst zur Selbstbstätigung. Er sieht sich als Marke. Er braucht die Aufmerksamkeit, Hauptsache auffallen, das teilt er mit dem Künstler Julian Schnabel, über den es neulich einen ähnlichen Film gegeben hat; Künstler, die vor allem sich selbst in Szene setzen.

Das versteht Gonzales auch vortrefflich und wirft sich beim Konzert mit den Wiener Philharmonikern in die Menge (Publikumsurfen), deren schwachen Arme ihn kaum stemmen können, armes Konzertpublikum, aber es bekommt so eine Abwechslung in der Berechenbarkeit der Klassik.

Die Differenz tritt gerade im Zusammenspiel mit diesen klassischen Musikern deutlich zutage; Chilly kann improvisieren, mitreißenden Rap, die Orchestermusiker gucken irritiert bis entzückt, spielen brav ihren Schuh runter und der Gast schmeißt sich auf den Flügel oder eben über die Zuschauer.

Später entdecken wir ihn, wie er zuhause versucht am Klavier klassische Partituren zu üben. Klingt uns allen wohlvertraut, wie es aus vielen Nachbarswohnungen zu hören ist.

Kunst durch Inszenierung und Grenzüberschreitung – um der Inszenierung und Grenzüberschreitung willen; arbeitet gegen Routine und anödende Regeln; ist nicht immer nach meinem Geschmack und wenn es dann noch mit üblichen Dokustatements zwischengeschnitten wird, kommt jedenfalls kein glanzvoller Dokumentarfilm raus. Immerhin ironisiert Chilly seine Labelpolitik, indem er sagt, er habe keine Lust, sein Leben lang Chilly Gonzo zu sein. So veranstaltet er ein Casting für Doubles von ihm. Was die Qualität eines netten Gags kaum überschreitet.

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