Keine Spur hinterlassen,

so die deutsche Übersetzung des Titels, kann doppelt gelesen werden.

Zuerst ist es das Need des Protagonisten Will (Ben Foster), mit seiner Tochter Tom (Thomasin McKenzie) unentedeckt in einem Naturpark zu hausen.

Er trainiert seine Tochter, die bereits eine junge Frau ist, darin, sich zu tarnen, kein Schuh darf zwischen dem ausladenden Farnkraut sichtbar sein, wenn sie sich versteckt. Denn in dem Naturpark, einer grünen, urwaldhaften Augenweide, arbeiten Rangers. Campieren ist verboten.

Wobei Will und Tom Zugang zur Zivilisation haben. Sie tragen gepflegte Klamotten und Schuhe, machen Ausflüge in die City über eine historische Brücke und unter Benutzung einer Seilbahn. Sie tätigen Einkäufe. Über Geld verfügen sie also. Wobei man sich fragt, wieso Will keine Feuerzeuge besorgt und lieber mühsam Feuer mit Reiben erzeugt, jedes Mal eine Geduld erfordernde Prozedur.

Die zweite, tiefere Deutung liefert die Machart des Filmes von Debra Granik, die mit Anne Rosellini auch das Drehbuch nach dem Roman von Peter Rock „My Abandonnment“ geschrieben hat.

Wie einen sorgfältigen Deckverband legt sie den Film um die Verwundung von Will, die wohl der Grund für seinen Entscheid gewesen sein dürfte, in der Natur zu leben. Mit klinischer Sorgfalt und mit viel Bedacht sind die Bilder hergestellt, ausgestattet, beleuchtet, werden die Schauspieler zu minimalistischem, ausdruckslosem Spiel angehalten.

Nichts soll die Erinnerung an das Kriegstrauma von Will durchscheinen lassen. Nur nach einem Gespräch nach einem Unfall von ihm kommt das kurz zur Sprache. Tief im Wald verborgen gewissermaßen. So erzeugt Debra Granik eine intensive Schutzatmosphäre.

Selbst die Ausflüge in die und die Begegnungen mit der Zivilisation bleiben so, als befinden sich Tom und Will in einem Schutzraum. Obwohl es sogar zu einer kurzen Begegnung von Tom mit einem Gleichaltrigen kommt, der Kaninchen züchtet. Das ist, nachdem Tom und Will im Park aufgespürt und in die Mangel der fürsorglichen Zivilisation geraten sind, die aus lauter freundlichen, besorgten Menschen besteht, umweht von einem Hauch tiefer Religiosität.

Hier meldet sich das gute Amerika des Gemeinschaftssinnes, auch jenes, das dem Camperleben und der Folkmusik huldigt. Aber selbst dieses kann Tom und Will nicht vereinnahmen, wobei für Tom die Dringlichkeit der Verlockung merklich zunimmt.

So verhindert der Film gleichzeitig jegliche Diskussion über Sinn und Unsinn von Krieg, verweigert sich ihr konsequent mit sozusagen undurchlässig bemalter Leinwand. So sehr sie den Schmerz und die Erinnerung verhindert, so sehr verdrängt sie diese auch. Nur der Sound, der bedient sich ab und an beim Horrorgenre. Wobei das sorgfältig ausgestattete Interieur einer verlassenen Waldhütte auch die entsprechenden Bilderwartungen evoziert.

Momentweise ließ mich der Film, wie die Parkmenschen zivilisiert werden sollten, an die Dokumentation Farewell Halong denken, in der es um die Umsiedlung von Bootsbewohnern in der Bucht von Halong geht; was allerdings nur einen Teilaspekt dieses Kriegstraumaverdrängungsfilmes ist.

Äußerst sorgfältig und mit Bedacht eingerichtetes und inszeniertes Naturleben, wodurch der Film große erzählerische Authentizität behauptet. Nähe zur Siedlerromantik und jeder will nur seine Ruhe haben. Der Film versucht der Frage nach einem Humanismus nachzugehen.

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