Archiv für 13. September 2018

Kino von Poesie und Sinnlichkeit aus Portugal, eine harte Mutter-Sohn-Geschichte aus Holland, eine meisterliche, deutsche Ostseedokumentation, ein deutscher Crash-Rettungs-Film, aus den USA eine Gangsterballade mit Coming-of-Age-Input sowie ein Kriegstraumaversorgungsfilm, ein asiatischer Actionfilm, eine Art Franziskus-Verkündigung aus Italien, zwei schöne Kinderfilme, ein deutscher Gesundheitsfilm, deutsches Reenactment einer deutschen, filmhistorischen Begebenheit, ein amerikanisches Blockbusterwindschattengewächs und knapp vor Kinostart gab es noch ein Alien-Männerwitz-Movie. Auf DVD gibts Radrennfahrerschmerz. Und das Fernsehen suchte nach dem verschollenen, jugendlichen Publikum.

Kino
AL BERTO
Von Schönheit und Hässlichkeit der Liebe – und warum können das andere nicht ertragen?

COBAIN
Was soll das für eine Mutter sein?

SEESTÜCK
Wie wirken Antidepressiva auf Fische?

STYX
Der Kontrast zwischen professioneller Crash-Rettung im Straßenverkehr und der ungeübten Seenotrettung.

KIN
Was dem Mädel die Hexe ist dem Jungen die Alien-Waffe; die ist in der Gangsterwelt des großen Bruders von Nutzen.

LEVAE NO TRACE
Mit großer Bildauthentizität dem Kriegstrauma einen Schmerzverband umgelegt.

MILE 22
In der totalen Überwachung frei agieren? Action mit asiatischen Einsprengseln.

GLÜCKLICH WIE LAZZARO
Nach dem Brückeneinsturz – nicht in Genua sondern im Fabulieren von Alice Rohrwacher in romantisch-unlogischen Settings.

MARY UND DIE BLUME DER HEXEN
Görenenergie explodiert neben alten Schachteln.

PETTERRSON UND FINDUS – FINDUS ZIEHT UM
Über das Alleinsein kann auch gemütlich erzählt werden.

EINGEIMPFT – FAMILIE MIT NEBENWIRKUNGEN
Impferfahrungsbericht und vorsichtige Recherche eines jungen Vaters und Dokumentaristen. (Mit diesem „kleinen“ Film jagt der Dokumentarist der Pharma-Lobby offenbar einen gehörigen Schreck ein).

MACKIE MESSER – BRECHTS DREIGROSCHENFILM
Die Fußnotenqualität machts: kompliziert.

BOOK CLUB – DAS BESTE KOMMT NOCH
Die Lektüre von Fifty Shades of Grey soll ältere Damen heiß machen.

PREDATOR – UPGRADE
Sich bei der Menschheit upgraden? Aliens versprechen sich was davon.

DVD
THE TRIAL
Porennah beim Radprofi.

TV
SERVUS BABY FOLGE 1: HÖLLE
SERVUS BABY FOLGE 2: MANISCH
Das Fernsehen sieht sein Jugendbild bestätigt und jubelt über Klicks.

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Jemand hat einen Alien gevögelt.

Dadurch sind die Aliens auf den Geschmack menschlicher DNA gekommen, haben sich eine Ausweitung und Bereicherung ihrer Existenz versprochen.

Jetzt sind sie auf dem Weg auf die Welt, um mit weiteren Extrakten aus dem Rückenmark möglichst intelligenter Menschen einen Upgrade zu machen.

Als interessanter Kandidat wird sich der Junge Rory (Jacob Trembly, der sich auf Wesen an der Grenze des Iridischen spezialisert hat) erweisen. Er hat Asperger und ist der Sohn eines erfolgreichen Soldaten, von Quinn McKenna (Boy Holbrook, dessen Gesicht zur Heldenrollen eine interessante Spannung erzeugt).

McKenna hat gerade in Mexiko ein Treffen mit Aliens gehabt und einen erledigt. Schnell noch greift er sich den Helm und einen Armschutz, schickt diese als Paket an sein Postfach, um Beweise zu sichern.

Die Autoren Fred Dekker und Shane Black haben eine solide Exposition gebaut. Das fremdelnde Gefühl im Dschungel Mexikos, wie McKenna mit dem Unerklärlichen, den Aliens, in Berührung kommt. Sprung zur Hopkins-Universität, Projekt Stargazer, in der es um deren Erforschung geht.

Und Sprung nach Hause von McKenna. Hier landet das Paket irrtümlich doch bei der Familie, da das Postfach nicht mehr bezahlt wurde. Es landet exakt da, wo es nie hin sollte, in den Händen von Rory.

Dieser nutzt den Helm als Halloween-Maske und wird unerwartete Reaktionen auslösen, er der Hochsensible. Das sind alles Zeichen für seriöse Drehbucharbeit, dass Dinge gesetzt und dann genutzt werden, Rory verhilft der Fund dazu, mächtigen Respekt bei jenen größeren Buben zu gewinnen, die ihn sonst verlachen. Das als kleine Nebenbeigeschichte.

Selbstverständlich sind die Aliens, die noch leibhaftig auftreten und für viele Schießereien gut sein werden, mehr ein Vorwand für eine Männerunterhaltung, die mit dem Aufspielen von Männern als Männer und als Männer mit gewissen Defiziten zu tun hat, was sich in saloppen Dialogen niederschlägt.

Exzellentes Beispiel ist die Gruppierung jener Soldaten, die von der Armee als traumatisiert, verletzt, krank, irr oder wahnreligiös und also nicht einsatzfähig gelten und einer psychiatrischen Behandlung zugeführt werden sollen. Da pssieren ganz heftige Witze, wie sie in der Schlagfertigkeit ein Männerstammtisch kaum zustande bringen dürfte.

Shane Black inszeniert skrupellos und mit gutem Tempo (wenn nur das Düster-3D nicht wäre!).

Dass Soldaten Killer sind, darf unwidersprochen geäußert werden.

Irgendwann ist die Truppe von 5 Desperados zusammen. Sie wird aufgehübscht durch die Forscherin Casey Bracket (Olivia Munn). Später stößt Rory mit seinen ganz speziellen Fähigkeiten dazu, ja er wird sogar von den Aliens gekidnappt, was noch mehr handfeste Action nach sich zieht. Wenn die Truppe mal zusammen ist, bekommt die Handlung eine gewisse Beliebigkeit, viel Ballerei und Zerstörung und könnte auch ewig so weitergehen. Irgendwann ist Schluss. Aber so, dass selbstverständlich eine neue Folge gedreht werden kann.

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„Ist das eine Mutter?“

„Die legt sich doch in den Straßengraben und dann ist sie tot.“ So spricht der Zuhälter Wickmayer (Wim Opbrouck) zu Cobain (Bas Keizer), seinem 15-jährigen Mitarbeiter, über dessen Mutter Mia (Naomi Velissariou). Sie ist schwanger, in Geldnöten und ein Junkie.

Es herrscht eine widersprüchliche Spannung zwischen Mutter und Sohn. Der Sohn, der in einer Pflegefamilie untergebracht ist, möchte zu seiner Mutter. Sie will nicht. Er findet Unterschlupf bei Wickmayer, hilft mit, wo er gebraucht wird.

Nebenbei lernt er mit einer von Wickmayers Prostituierten den Sex kennen. Mutter taucht bei Wickmayer auf. Der spricht nur negativ über sie, verjagt sie. Cobain bekommt Mitleid mit seiner Mutter. Er fängt an, sich sich um die Hochschwangere zu kümmern.

Das sind die existentiellen Grundparamater: Mann, Frau, Kind, Mutter, Sohn. Hier wird der halbwüchsige Sohn, der sich schon rasiert, aber es ist nicht klar, ob es wirklich etwas zu Rasieren gibt, zum Beschützer seiner Mutter.

Grundlegende Verwandlung eines Menschen. Die erzählt Nanouk Leopold nach dem Drehbuch von Stienette Bosklopper unaufgeregt und extensiv, sie lässt die Dinge passieren, ab und an unterfüttert sie sie mit einem konturierenden Elektrosound.

Der Film folgt dem jungen Mann, der erst so wild entschlossen und ernst guckt wie ein junger Boxer, der losgelöst ist von der familären Bindung und noch keinen Ersatz hat. Wie ein umherstreifender junger Wolf. Dann doch bei seiner Mutter hängen bleibt, aber nicht mehr als Sohn sondern als Mutterkümmerer, als Betreuer, als Pfleger.

Am Schluss sitzt Cobain am Rande des Fußballfeldes, auf dem er kickt (dabei taut seine Miene auch auf), nachdenklich, weltverloren und vielleicht nach dem heftigen Erlebnis mit seiner Mutter (er wird noch zum ungewöhnlichen Geburtshelfer werden!, hart, hart) auch Welt gefunden habend in die Ferne, seine Gesichtszüge haben sich nach den Erlebnissen in diesem Film verändert, sind realer geworden, beschriebener.

Sicher suhlt sich der Film sowohl leicht romantisierend im Bild orientierungsloser Jugend als auch in der wohligen Aura des Namens Cobain. Denn der Junge behauptet, wenn er darauf angesprochen wird, er sei der Sohn des berühmten Musikers Kurt Cobain, der sich selbst umgebracht hat. Über ihn gibt es auch mindestens einen Film: Cobain – Montage of Heck.

Ein Film mit ähnlichem Thema ist der ebenfalls eindrückliche Die beste aller Welten.

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Kino von Poesie und Sinnlichkeit.

Das beinhaltet hohe Sensibilität des Regisseurs und Drehbuchautors Vicente Alves do Ó für das, was Poesie und Sinnlichkeit beinhalten und ausmacht: die Tiefe, die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit und Liebe und Leidenschaft mit allen ihren Nebenwirkungen. Was ist Liebe, wie umfassend kann sie sein, wie verfügbar ist sie, wie haltbar, wie verlässlich?

Das beinhaltet ein Auge für schöne Bilder, für Ästhetik, für attraktive Darsteller, ein Gefühl für die Führung der Darsteller, Blicke in die Abgründe und in Portugal muss die Zeit der Diktatur gestreift werden, das Thema Arbeiter (und Widerstandskämpfer) und Reiche, Ausbeutung (nicht ein Leben lang Fischarbeiterin zu sein).

Der Film spielt Mitte der 70er in Sines, einer Stadt am Meer im Süden Portugals. Al Berto (Ricardo Teixeira) hat die Ortschaft verlassen, hat Brüsseler Luft geschnuppert und Freiheiten gefunden.

Al Berto kehrt zurück und quartiert sich in einer leerstehenden Villa ein, die seiner Familie gehört hat. Bei einem Konzert verliebt er sich in Joao (José Pimentao), den er von früher kennt. Sie leben einer freie, malerische Liebe in der Villa. Sie machen ihre Liebe publik.

In der Villa lässt Al Berto eine Familie einziehen. Es werden Lyrik-Lesungen veranstaltet (Dichtung kennt keinen Dresscode) und Partys mit Discokugel gefeiert. Al Berto eröffnet im Fischerstädtchen einen Buchladen. Er will Geist und Kunst in den Ort bringen.

Zum Wesen der Menschen gehört aber auch, dass manche es nicht mögen, wenn andere frei sind, dass sie es nicht haben können, wenn Menschen ihr Leben genießen. Es kommt im Dorf Negativstimmung auf gegen das Leben in der Villa (Blicke von Dorfbewohnern, die töten könnten, oder der Satz: die Leute reden).

Und auch die Beziehung von Al Berto und Joao wird nach einer Party mit Matrosen – dort tritt auch ein Travestiekünstler auf, den Al Berto aus Brüssel kennt – schwer geprüft.

Die Welt der Kunst und der Empfindung, geistvoll angereichert mit Literatur – und diese Welt, die wünscht, dass die Menschen friedlich miteinander leben, ohne sich auszubeuten, die findet immer ihren Gegenpart, zu dem auch die Staatsgewalt gehören kann. Ein malerisch-sinnliches Kino mit dem weichen Sound Portugals unterlegt.

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Wie wirken Antidepressiva auf die Fische?

Diese Frage beleuchtet einen winzigen Aspekt aus dieser großen, ruhigen Dokumentation über die Ostsee und deren Anrainer von Volker Koepp (In Sarmatien), der mit Barbara Frankenstein auch das Drehbuch geschrieben hat, und die Uwe Mann oft aus der Perspektive eines Caspar David Friedrich großartig und gemäldehaft fotografiert. Das wird explizit in einer Szene mit einem Berufsfotografen an einer versteckten Stelle mit Findlingen im Meer in der Nähe von Greifswald.

Volker Koepp stammt aus dieser wunderbaren Ecke Europas. Er hat sich in seinen Filmen immer mit dieser Region befasst. Er ist kein Mäuschen- oder Ineinanderverzopfdokumentarist. Er fasst den Begriff deutlich weiter. Bei ihm gehören profunde Kenntnis des Gegenstandes genauso dazu wie das Interesse mehr und Neues zu erfahren, das Gespräch mit den Menschen auf Augenhöhe zu suchen und zu finden und auch immer wieder seine Biographie ins Spiel zu bringen.

Koepp beleuchtet mit seinen Interviewpartnern Aspekte der Natur und des Meeres (die Titelfrage zu dieser Review stammt von einem Meeresbiologen, der besorgt ist über die Zunahme der Todeszonen in der Ostsee und der von der Schwierigkeit erzählt, Einträge ins Meer auf ihre Herkunft hin zu bestimmen, ob menschengemacht oder natürlich).

Es geht um das denkerische Potential, hier ist Emmanuel Kant aus Königsberg hervorragend. Aber auch um den bildnerischen Bereich, eben Caspar David Friedrich, den dichterischen mit einem Zitat von Tomas Tranströmer, das dem Film vorangestellt ist „Unendlich hoch stehen die Wolken. An den Wurzeln des Himmelsbaums wühlt das Meer, zerstreut und wie auf etwas lauschend“.

Die Ostsee als wachsender Industrieraum: Windparks, Flüssiggasterminal, Frachtschiffe, Fähren, Kreuzschifffahrt, der Tourismus und seine Hotelburgen. Aber auch den militärischen Bereich streift Koepp. Ein schwedischer Oberst im Ruhestand spricht über ein gesteigertes, ungutes Gefühl im Baltikum, das Russland wieder vermehrt als Bedrohung wahrnimmt. Die Meinung teilen andere, aber nicht alle.

Koepp hat den direkten Draht zu Fischern, kleinen Fischern, die hoffen, dass die Robben ihnen nicht den Fang wegfressen, oder die einen deutlichen Rückgang verschiedener Fischarten feststellen.

Zwischen den Interviews gibt es einmalige Aufnahmen vom Meer, vom Horizont, von den Wolken, von Strand und Dünen, von den verschiedensten Licht- und Wetterstimmungen. Es bleibt genügend Zeit, den geistigen Input zu verdauen. Für die Interviews stehen die Protagonisten vor der Kamera; Koepp stellt ab und an Fragen. So entsteht ein persönliches, vielschichtiges Bild dieses Gebietes, dieses einmaligen Kultur-, Natur- und Industrieraumes, geprägt von einer tiefen, liebenden wie besorgten Zuneigung, „staunend ergriffen“.

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Von der Magie des Coming-of-Age.

Bei Mädchen kündigt sich das Coming-of-Age gerne in Form von Hexentum an. Bei Eli Solinski (Myles Truitt) sind es Aliens, die ihm eine geheime Superwaffe in die Hände spielen.

Keine Bange, dieser Film von Jonathan und Josh Baker, deren Drehbuch Daniel Casey nach ihrem Kurzfilm „Bag Man“ geschrieben hat, ist kein Coming-of-Age-Film im eigentlichen Sinne. Es ist das prickelnde Element, das sie einer fein gearbeiteten und schön erzählten Gangsterballade beimischen.

Eli ist das Adoptivkind von Hal Solinski (Dennis Quaid, irreversibel mürrisch und ordnungs-rechthaberisch in dieser Rolle); Eli soll anstelle des eingeknasteten, älteren Bruders Jimmy (Jack Reynor) die Sohnemannrolle in der Familie übernehmen. Die Mutter ist schon gestorben.

In einer romantisch anzusehenden Niemandsland-Fabrikruine strolcht Eli umher; findet Materialien wie Kupferdrähte oder Aluminium, die er beim Schrotthändler verscherbelt, um sich zum kümmerlichen Taschengeld etwas hinzuzuverdienen.

Bei einer seiner Touren fällt ihm ein merkwürdig rechteckiger Gegenstand wie eine Metallschachtel in die Hände. Ohne zu wissen, was es ist, nimmt er ihn mit. Denn Jungs in seinem Alter, er ist 14, haben so gewisse fünfte Sinne.

Unerwartet taucht sein älterer Bruder Jimmy aus dem Knast auf. Vater will ihn gleich wieder rausschmeißen, wie er erfährt, dass er 60′ 000 Dollar Schulden habe, dafür, dass er sich im Gefängnis hat schützen lassen. Sein Gläubiger ist Taylor Balik (James Franco, schaut total fertig aus) und seine Bande.

Da Jimmy das Geld nicht hat, eskaliert gleich die erste Begegnung mit den Gangstern. Jimmy und Eli fliehen. Aber Jimmy hat das Geld, was er eigentlich schuldet, sich untern Nagel reißen können.

Es wird nun ein Roadmovie, das auch einen Moment eines Initiationsmovies enthält, wenn der ältere Bruder den jüngeren in einen Dance-Club mit hübschen Frauen und Alkohol mitnimmt. Auch dort geraten die Dinge außer Kontrolle.

Ab jetzt sind sie zu dritt. Zu den beiden Jungs gesellt sich die lebenspragmatische Tänzerin Milly (Zoe Kravitz), die eh nur ausgenutzt wurde im Club.

Das Trio flieht aber nicht nur vor Taylor und seiner Bande. Denn inzwischen haben die Aliens den Verlust ihrer Wunderwaffe bemerkt. Das ist reizvoll gemacht, wie sie mit Hologrammen und einem gläsernen, geschliffenen Kristall, sie orten können und auch das, was sie inzwischen angerichtet hat – das ist einiges an Action, hat doch Jimmy inzwischen Zugang zu seiner Waffe gefunden.

Die Gebrüder Baker benutzen eine wunderschöne Step-by-Step-Erzählweise, sie wischen nichts von Belang unter den Teppich, immer ist Platz für einen Seitenblick auf die sozialen Lebensbedingungen der Figuren, für einen Schuss Menschlichkeit; das Balladenhafte macht einen Reiz dieser Erzählart und die offensichtliche Begeisterung der Macher für das Genre.

Und es bleibt Platz für die Verwunderung darüber, was doch Menschen alles für Geld zu tun bereit sind. Dabei bleibt die Sympathie bei den beiden Brüdern. Wobei der Film hierzulande vermutlich seine größere Resonanz im DVD-Bereich entwickeln dürfte. Die Musik gibt immer feine Orientierung.

Kin, Kin-n, Kin-o, S-Kin (Haut) und auch kean (kühn), Kin-der; vielfältig ergänzbarer Titel.

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Mit einer Crash-Rettung

wird die Protagonistin Rike (Susanne Wolff) vorgestellt. Sie ist Notfallärztin in Gibraltar.

Wolfgang Fischer, der mit Ika Künzel auch das Drehbuch geschrieben hat, inzeniert und filmt in hervorragender Zusammenarbeit mit dem exzellenten Kameramann Benedict Neuenfels einen ziemlich verrückten Unfall.

Bald schon ist die Kamera in übersichtlicher Position hoch über der Kreuzung, in der nach einem verwegenen Beinahzusammenstoß ein weiterer Wagen so von der Spur abkommt, dass er in ein geparktes Auto an der Kreuzung fährt und stehenbleibt.

Es kommt einem vor wie eine Ewigkeit bis die Armada von Polizei-, Feuerwehr- und Sanitätswagen ankommt, sich arrangiert, Beleuchtung installiert und bis endlich die erste Person sich um den Unfallwagen kümmert und feststellt, dass der Fahrer regungslos mit dem Kopf über dem Steuerrad hängt und bis die Ärztin den Befehl der „Crash-Rettung“ erteilt.

Jetzt ist die Kamera ganz nah dran. In der Manier einer Dokumentation schildert sie präzise und nachvollziehbar wichtige Schritte im Ablauf dieser Crash-Rettung, wie der Patient stabilisiert wird, wie er auf eine Trage gehoben und in den Notarztwagen geschoben wird.

Somit hat der Film sein größeres Thema anhand eines konkreten Beispieles vorgeführt, die Organisation von Rettung und Überleben in existentiell bedrohlicher Lage.

Vorausgegangen sind erinnerungswürdige Stimmungsbilder von Gibraltar mit den Affen als Leitmotiv. Ganz in der Ferne taucht ein Zipfelchen Afrika auf. Nicht eines Gedankens wert.

Rike hat ein Segelboot mit einer kleinen Kajüte und einem Hilfsmotor. Sie will allein einen Abenteuertörn nach Ascension mitten im atlantischen Ozean zwischen Afrika und Lateinamerika unternehmen.

Ihre Reisevorbereitungen und die Fahrt schildert der Film weiter in dokumentarisch-protokollhafter Art, konkret und glaubwürdig. Sie nimmt genügend Proviant mit.

Wie sie allein auf dem Meer ist, kommt einem ein anderer großartiger „ Das Meer und ein Mensch“-Film in den Sinn: All is Lost mit Robert Redford. Dieser Film wurde ausschließlich im Studio gedreht. Dort kämpft Redford einen vergeblichen Kampf gegen ein havariertes Boot von ähnlicher Größe wie das von Rike.

Bei Wolfgang Fischer verhält es sich anders. Da kommt mitten auf dem Meer die Flüchtlingsgeschichte dazu. Das verändert die Geschichte, lässt diese fikitonal, hypothetisch werden.

Ein Sturm treibt Rike in die Nähe eines lecken, mit Flüchtlingen überladenen Fischerbootes. Sie verhält sich vermeintlich professionell. Einen Flüchtling kann sie retten; aber ihr Boot löst auf dem sinkenden Schiff eine Panik aus, viele springen ins Wasser und ihre „Asia Gray“ ist definitiv zu klein, um auch nur eine annähernd sinnvolle Zahl Menschen zu retten.

Schon mit Kingsley (Gedion Odour Wekesa) hat sie es schwer genug, diesen leblosen Körper des 14-Jährigen überhaupt an Bord zu hieven und dann eine Erstversorgung zu bewerkstelligen. Die goldene Folie, mit der sie ihn bedeckt ist die Signalfarbe aus Markus Imhoofs Eldorado.

Jetzt ist Crash-Rettung angesagt. Die funktioniert aber auf dem offenen Meer jenseits aller Nationalgrenzen überhaupt nicht. Für eine Geschichte ist die Ausgangslage auch zu hoffnungslos, das kleine Segelschiff, das vielleicht maximal eine Handvoll Menschen aufnehmen könnte und dort das Schiff mit den Dutzenden von Menschen.

Die Konflikte, die sich daraus mit Kinglsey ergeben, der schnell wieder zu Kräften kommt, wirken vor diesem Hintergrund zwar plausibel aber ebenfalls hypothetisch.

Von einem Frachter in der Nähe, den Rike per Funk zur Rettung schicken möchte, bekommt sie die Antwort vom Kapitän, er dürfe das laut seinem Vorgesetzten nicht machen und er möchte seinen Job nicht verlieren.

So schön das alles erzählt ist, so konfrontiert es den Zuschauer doch mit einer Situation der Ohnmacht oder der Erkenntnis, dass das Crash-Rettungswesen auf den Weltmeeren noch ausbaufähig ist oder dass das Seenot-Recht anzupassen sei. Ein Beispiel für eine wunderschön erzählte Geschichte, die sich jedoch als Stoff für das Geschichtenerzählen als nicht optimal erweist. Irgendwie fehlt ihr die Hefe zum Aufgehen beim Backen.

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Selbständigkeit.

Kater Findus hat ein neues Bett bekommen und hopst wie auf einem Trampolin ständig auf der Matratze auf und ab. Das nervt Pettersson (Stefan Kurt, der die Figur zu schöner Einsamkeitskurriliät weiterentwickelt). Er schlägt vor, Findus solle in einem Zelt schlafen; das funktioniert nicht.

Findus wird ein eigenes Häuschen erhalten – so wie früher die Plumpsklos neben den Häusern standen oder wie ein Wachhäuschen. Findus kommt auf den Geschmack der Selbstständigkeit und richtet sich wohnlich ein. Will auch in dem Häuschen schlafen. Das irritiert Pettersson.

Allerdings gibt es die Gefahr des Fuchses. Dass er dieser Gefahr mehr mit Glück entkommt, das einzugestehen, diese Blöße will er Pettersson nicht geben. Zusammen entwickeln sie eine Sicherungsanlage, die Alarm schlägt. Die geht immer im falschen Moment los.

Nachbarin Beda (Marianne Sägebrecht – ihren vertüdelten Oma-Manierisimus treibt sie in eine entzückend-herzliche Richtung) vergisst die Eier für den Kuchen. Pettersson hat eine halbautomatische Einrichtung, um an die Eier zu kommen.

Der kleine idyllische Kosmos wird abgerundet durch Gustavsson (Max Herbrechter, längst mit der Rolle eins geworden), der Jagd auf den Fuchs machen will. Dann sind da noch die Hühner, die eine Art Chorfunktion übernehmen und edel-etepetete ihre Kommentare abgeben. Die Ratten und Mäuse treiben ihr unterirdisches Unwesen, was in ein Open-AirFestival wie Woodstock für Mäuse, ein Muckstock ausartet.

Der Film von Ali Samadi Ahadi (Pettersson und Fundus 2 – Das schönste Weihnachten überhaupt) nach dem Drehbuch von Thomas Springer nach dem Buch von Sven Nordqvist erzählt von der Einsamkeit des Individuums, der Ureinsamkeit, die aber gegen Vorurteile und Dünkel zu durchbrechen ist. Er erzählt das in einer wohligen Märchengeborgenheit mit entzückend haptischer Ausstattung in fröhlichen Farben.

Die Stimme von Findus (Roxana Samadi) ist, der Rollenentwicklung hin zur Selbständigkeit entsprechend, kecker und sebstbewusster geworden – auch wenn es in der Geschichte doch nicht so einfach ist mit dem Alleinleben. Die musikalische Untermalung ist leicht, gerne auch barpianohaft.

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Regisseur Peter Berg nutzt das Drehbuch von Lea Carpenter, um mit einem dichten Räderwerk an Bildern unterschiedlichster Provenienz und Überwachungsprovenienz eine total überwachte moderne Welt zu entwerfen.

Die Überwacher sitzen überall in Kommandozentralen, in Häusern oder Flugzeugen. Ihre Bildschirme liefern einen Wust an Informationen über die überwachten Akteure, viel mehr als in einen Pass oder in eine Akte reingeht. Sie gucken hinter Mauern und in das Innere von Häusern, eines russischen Safe-Hauses; sie sehen jede Bewegung, jeden Raum.

Das Paradoxe an dieser scheinbar totalen Überwachung ist aber, dass es immer noch Geheimnisse gibt, Lücken, dass es immer noch Unvorhersehbares gibt, Überraschungen, ja dass genau die Überwachungsmaschinerie verlangt, dass 7 Agenten urplötzlich nie Staatsbedienstete waren, dass sie gar nicht existieren.

Es geht im Land Indocarr im Osten Asiens darum, ein „Paket“ 22 Meilen sicher durch die hektische Großstadt zu bringen. Denn Li Noor (Iko Uwais) ist ein Überläufer; er bietet den Amis an: Info gegen Überstellung in die USA. Es handelt sich um eine info über radioaktives Material, das mehrere Megapolen auslöschen könnte.

Der Zugangscode zur Info ist so komplex, dass die raffiniertesten Geheimdienstler ihn nicht innert nützlicher Frist aufschlüsseln können. Das bedeutet erhöhten Druck, Li Noor außer Landes zu bringen.

Dafür müssen erst die 22 Meilen geschafft werden. Die gehen nicht ohne klassische Action ab. Aller Überwachung zum Trotz tauchen immer wieder Squads von schwarz vermummten Motorradfahrern auf schwarzen Motorrädern auf und Mark Wahlberg hat als Hauptheld genügend zu tun in seiner bei aller Action höchst unaufgeregten Art, den Transport zu einem glücklichen Ende zu bringen.

Es zeigt sich, dass die moderne Überwacherei für das Kino ergiebig ist, da sich von einer Sache immer die verschiedensten Ansichten zeigen lassen. Beim Verlassen des Kinos war mir einigermaßen mulmig bei der Vorstellung, man könnte im Fokus von x Kameras und Beobachtern stehen. Tut man inzwischen.

Li Noor zeigt Befreiungskämpfe mit großer Nähe zu den asiatischen Martial Arts. Der Begriff „Woman of extreme violence“ fällt. Die Wunden, die bei den Kämpfen abfallen, sind filmmalerisch schön, schrecklich, aber trotzdem nicht realistisch. Die Fights sind prima choreographiert.
Aber der Film zeigt auch die Lücken in der scheinbar perfekten Überwachung.

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Wenn eine rothaarige Göre, Mary Smith, allein bei zwei alten Schachteln, der Großtante Charlotte und ihrer Haushälterin Miss Banks, eine Woche Ferien verbringen muss und noch keine Schule ist und die Eltern weit weg sind und das einzige Ereignis, auf das sich die beiden alten Damen vorbereiten, eine Beerdigung am Abend ist, so kann das in der Göre magische Energien freisetzen, die einen turbulenten Anime aus Japan von Hiromasa Yonebayashi nach der Geschichte von Mary Stewart, daher die englischen Namen, füllen und schier explodieren lassen und dazu den Geheim- und Verwandlungsexperimenten der unerfreulichen Art der Endor Universität von Doctor Dee und seiner Zuarbeiterin Madame Mumbleshook gefährlich werden kann.

Das Bindeglied ist der gartenzwerghafte Flanagan, der Mary über ihre Zauberkräfte aufklärt, speziell im Hinblick auf den Hexenbesen. Dorthin käme sie aber nicht, wenn sie nicht ein Tabu brechen würde, nämlich in den Wald zu gehen, in den Zauberwald, in den Träumerwald, in den mystischen Wald.

Dort zieht es Mary hin wegen einer Katze. Deren gibt es nämlich zwei, die zum Verwechseln ähnlich sind Tib und Gib. Die wiederum lernt sie kennen, weil es die Katzen von Peter sind, einem Nachbarsbuben von Großtante Charlotte. Die beiden haben ein paar Briefgeheimnisse miteinander.

Der Schlüssel ist eine magische Blaue Blume, eine Variante der Blauen Blume der Romantik? Gut zu wissen, wie der Abspannsong kündet, dass Magie nicht ewig wirkt.

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