Es gibt Filme, die begeistern einen durch ihre brillante Machart und erste recht, wenn sie noch eine brisante politische Aussage haben, wie kürzlich Spike Lees Blackkklansman oder durch ihre brillante Horrorerzählart wie mother! oder Filme, die antörnend und ungewöhnlich eine Liebesgeschichte erzählen, wie Call me by your Name oder die eine unglaubliche, abenteuerliche Geschichte dokumentieren wie demnächst „Durch die Wand“

und dann gibt es noch die ganz seltenen Film, die von Menschen erzählen, die schon längst gestorben sind, die es aber so einfühlsam und respektvoll und ganz ohne Quotenschielerei tun, dass man ganz glücklich ist, sie so kennengelernt zu haben und diese Begegnung für eine Bereicherung und für ein Licht im weiten Felde menschlicher Durchschnittlichkeit und Abhängigkeitsverhalten und Opportunismen und Ehrgeizen hält.

Das schafft Eric Friedler mit der vorliegenden Dokumentation (späte Interviews, Archivmaterial, Nach-Animationen) über die beiden Gründer des Jazz-Labels Blue Note, die beiden Deutschen Alfred Lion und Francis Wolff, der Löwe und der Wolf.

Sie wachsen im Berlin der Roaring Twenties auf. Sie sehen im Admiralspalast noch in den 20ern das erste Mal schwarze Musiker und vor allem hören sie das erste Mal Jazz. Sie sind vom Moment an glühende Fans.

Wegen der aufkommenden Nazis wird es für die beiden in Berlin zusehends schwieriger. Alfred emigriert 1929 nach New York. Francis folgt etwa zehn Jahre später. Sie fangen gleich an, Plattenaufnahmen von Jazz zu machen., denn „Race-Discs“ gibt es kaum. 1939 gründen sie das Label Blue Notes.

Sie haben die Musiker gefragt, ob sie wollen. Das war für die eine Überraschung. Sie haben auch spontan nachts Aufnahmen gemacht. Sie haben nur produziert, was sie liebten. So hat keine Plattenfirma gearbeitet. Es war keine verbreitete Musik und es war mutig von ihnen, Schwarze auf das Cover zu setzen. Wie einmal eine Bestellung von 30 Platten reinkam, da sind Wolff und Lion schier ausgeflippt.

Francis hat halbzeit noch als Fotograf gearbeitet, das war sein erlernter Beruf. Die beiden hat nur die Musik interessiert. Es war reine Hingabe. Diese Musik war wichtiger als alles andere: Gewinn, Heirat, Kinder. Weshalb die erste Ehe von Alfred auch in Brüche gegangen ist. Beim Label hat eine familiäre Stimmung geherrscht.

Die beiden Produzenten haben sich hineingefühlt nicht nur in die Musik, auch in die Probleme, die das Leben als Musiker mit sich bringt. Hingabe. Radikale. Totale.

Besonders Francis sei ein sehr introvertierter Mensch gewesen, über ihn wusste kaum jemand was, so dass es bei der Beerdigung noch zu einer faustdicken Überraschung gekommen sei. Ein Musiker kommt noch Jahre später beim Interview zum Weinen, dass er sich gar nicht an die Stimme von Francis erinnern kann, so leise habe er gesprochen, so zurückhaltend sei er gewesen.

Die beiden Deutschen haben die Musiker auch unterstützt darin, ihren Gefühlen, gerade im Zusammenhang mit der politischen Bewegung von Black Panther und Martin Luther King, Ausdruck zu verleihen. Die Musik als kommunizierende Röhre zu den politischen Vorgängen.

Das Verrückte an solchen Menschen ist, dass sie überhaupt nicht auf einen Verehrungssockel zu stellen sind, dessen scheint sich Eric Friedler genau bewusst, weshalb der Film das Gefühl hinterlässt, man habe Zeit mit Menschen verbracht, die einem keine Vorurteile entgebenbringen, die einen leben lassen und akzeptieren, wie man ist, die nicht auf Bewunderung schielen durch Rekorde, Quoten, Gewinne, durch Sockelposition, die sich selbst in den Hintergrund stellen und der Musik den absoluten Vorrang geben. Während bei uns schon eine jede Fimförderung mit affiger Arroganz in den Vorspann drängt – das sagt eigentlich schon alles über die darniederliegende deutsche Filmkultur – wobei so ein Film wie dieser aus Deutschland einen Lügen straft. Aber er ist eben ein Ausnahmefilm aus Deutschland über Ausnahmemenschen – aus Deutschland.

Die Wahrheit der Musik. A monumental statement about freedom, respect, understanding of others.

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