Das schönste Mädchen der Welt

Kastrationsängste.

Ein großer, klassischer Stoff:: ein geistreicher, sensibler Mann, unschön wegen seiner enormen Nase, verliebt sich in eine schöne Frau, hält sie für unerreichbar und schiebt einen äußerlich gut aussehenden, aber nicht mit denselben künstlerischen Gaben versehenen, anderen Mann als Lockvogel vor. Die Frau lässt sich bezirzen, weiß aber nicht um den Hintergrund.

Ein Stoff für die Weltliteratur, ein Stoff fürs Weltkino; ein Stoff geplündert bei Cyrano de Bergerac – Motiv.

Und was machen Aron Lehmann (Die letzte Sau, Highway to Hellas, Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel) als Regisseur und Judy Norney und Lars Kraume (einer der Musterschüler unseres Subventionstümpelkinos) als Drehbuchautoren daraus?

Sie stutzen den Weltstoff auf gremienkompatibles, subventioniertes deutsches Filmmittelmaß als Gemüse für den regionalen Markt und eine Saison zusammen, illustrieren knallig mit Witzen und komplizierten Sätzen die dramatische Grundstruktur, statt sie dynamisch einzusetzen, sie verstehen als Jugendkino: Lautstärke, viel Lärm, Disco, Hip-Hop (nur teilweise verständlich), Knallchargen statt Charaktere, so besehen handwerklich erstklassig gedrechselt.

Warum das über die deutschen Grenzen hinaus kaum funktionieren dürfte, trotz Weltkinostoff?

Erstens die Definition von „schön“ und Einführung und auch Besetzung der Roxane mit Luna Wedler. Sie mag von Funktionären als „Shooting Star“ auserkoren worden sein. Aber sie verwechselt Schönheit mit angestrengtem, professionellem Lächeln. Und die Besetzer verwechseln „gut aussehend“ (auch das professionell) mit „schön“.

Auch von der Story her, wird der Schönheitsbegriff verwischt, indem Roxane als aus superreichem Haus stammend eingeführt wird, wenn sie verspätet zu der Klassenfahrt nach Berlin an den Bus gebracht wird von Vater und Chauffeur. Schönheit gleich Reichtum, Reichtum gleich Schönheit? Dass sie verspätet zur Klassenfahrt stößt, wird damit begründet, dass sie aus dem Internat geflogen sei. Auch das ist eine rein theoretische Info, die sich in ihrem Verhalten und ihrem Charakter nicht ansatzweise belegen lässt.

Da ist die Besetzung von Cyril mit der dicken Nase mit Aaron Hilmer, der attraktive Momente hat, aber an den Sätzen, die Kraume und Horney ins Buch geschrieben haben (generell die Tendenz zu Erklärsätzen, da sie die dramatische Strukturen der Charakter nicht analysieren, und bei Cyril wird dann ein fast gottesdienstlicher Monolog im Hinblick auf Toleranz daraus), muss wohl jeder junge Schauspieler scheitern.

Dass er sich in Roxane verliebt, wird auch nur erklärt, ist sinnlich nicht nachvollziehbar. Insofern findet sich der Zuschauer in einem nüchternen Theorieraum statt im Kinogefühlsraum.

Auch die Besetzung von Damian Hardung als Rick ist problematisch. Das hängt mit der Figurzeichnung durchs Drehbuch zusammen, das hängt auch bei ihm mit den Sätzen zusammen. Er ist derjenige, den Cyril als Lover von Roxane vorschiebt. Er bleibt eine diffuse Erscheinung.

Aber selbst diese simple Grundgeschichte geht immer wieder unter in der generellen Laustärke der Performance, der tiefen Angst, Zuschauer zu verlieren, wenn nicht dauernd Witze gemacht werden, einer abgrundtiefen Kastrationsangst der von Fernsehen und Förderung längst entmannten deutschen Filmemacher. Insofern ist die Angst, die sich auch in so einem Satz spiegelt, überflüssig.

Die Youngsters können einem leid tun, dass sie ihren vollen Einsatz in der degenerierten deutschen Filmkultur leisten, die eine Phobie vor einem gepflegten Erzählkino hat. Die Darsteller treten damit gezwungenermaßen auf der Stelle.

Es gibt einen, einzigen sinnlich, berührenden Moment in dem Film. Der ist ganz am Anfang. Wenn der Maskenmann (Cyril – dessen Name kaum je verständlich ausgesprochen wird) seine Hip-Hop-Battle gegen den Konkurrenten – im auch wieder viel zu laut inszenierten Kampf – schlägt – und sofort die Bühne verlässt und ganz allein seinen Triumph in einer Radahrt durch die nächtlich leere Stadt auskostet. Da ist der Zuschauer ganz nah bei ihm und mag ihn wie nicht wieder.

Dem Darsteller ist das nicht zuzuschreiben, da kann er nichts dafür; geradestehen müssen Buch, Regie, Casting. Nämlich dafür, dass der Film in seiner Machart ein Zielpublikumsfilm bleiben soll, gedacht für deutsche Teens, die der Film mit aller Gewalt anzubaggern versucht – mit den beschriebenen Elementen und den Sex-, Schwanz-, Kondom- und Zeugungswitzen oder wenn im Bus die ganze Klasse „pissen“ rhythmisiert- wodurch der Film mehr zum Knallfroschkino wird – erotiklos.

Allein schon wegen der Knallcharge von Lehrerin, die unnatürlich brüllt die ganze Zeit. Das kann kein Mensch ernst nehmen.

Und wenn man den Film schon „das schönste Mädchen der Welt“ betitelt, dann sollte wenigstens in der Hinsicht auch was passieren beim Besuch von Nofrete im Museum; das sollte ein Licht zum Thema Schönheit angesteckt werden; dazu wäre das Kino der Superort!

Was das Außenseiterthema mit dem nicht konformen Gesicht betrifft, sollten sich die Macher nochmal Wunder anschauen, wie die immerhin erzählen können. Hier wird das Thema ernst genommen, während das deutsche Kino versucht, sich mit Hahaha an sein Publikum anzubiedern.

Unter Drehbuchschreiben verstehen die, die dramatische Grundstruktur mit Witzen, Pointen, jede dritte unter der Gürtellinie, dröhnend aufzufüllen, statt sie erst mal in ihrer Dynamik zu studieren und diese für eine spannende Handlung nutzbar zu machen. Durch ihre Schreibermethode allerdings berauben sie die Figuren der Konflikte; statt Probleme und Situationen zu bewältigen, müssen die Darsteller Erklärsätze sagen – oder Witze reißen.

Zum Castingproblem: Solche unnatürlichen Dialoge – in dem Sinne, dass sie sich nicht aus einem Handlungszusammenhang oder aus einer Konfliktsituation ergeben – erfordern einen schnoddrigeren Typus von Schauspieler, der den geringen Stellenwert dieser Texte einschätzen und sie entsprechend unwichtig transportieren kann, ohne dass jedoch die Verständlichkeit darunter leidet. Bei diesem Cast führt das allerdings dazu, dass die Text bemüht möglichst laut und mit Druck reproduziert werden, worunter die Attraktivität des Castes und damit auch des Filmes leidet und sein Wirkkreis deutlich auf das deutsche Zielpublikum eingeschränkt wird – falls dieses (wenigstens) zu gewinnen ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.