Archiv für 6. September 2018

Starker Input des Dokumentarischen. Zwei Deutsche verhelfen dem schwarzen Jazz zum Erfolg. Ein Arthouse-Roadmovie, das in Chile spielt. Eine New Yorker Minorität berichtet anhand einer Geschichte von ihrer Kultur. Ein Mister-Wettbewerb in Istanbul beweist, dass es schwule Araber gibt. Eine Mäuschendoku aus Frankreich erzählt von einer ganz besonderen Frühpädagogik. In jeder Faser antidokumentarisch sind ein Steinzeit-Coming-of-Age aus den USA sowie ein Möchtegernhorrostreifen ebenfalls von dorten. Und ein deutscher Spielfilm dokumentiert, wie er einen Weltkinostoff auf gremienkompatibles, deutsches Subventionsmaß zurechtstutz. Auf DVD erschien ein britisch-skurriler Geisterforschungsbericht.

Kino
IT MUST SCHWING – THE BLUE NOTE STORY
Der Wolf und der Löwe aus Berlin entdecken in New York ihre schwarze Seele – und machen ein berühmtes Jazz-Label daraus.

MESSI AND MAUD
„Die Holländerin“ muss damit zurecht kommen, dass sie nicht Mutter werden kann.

MENASHE
Die orthodoxe, jiddisch sprechende Gemeinde in Brooklyn erzählt die Geschichte vom Witwer, der einen Sohn und keine Frau hat.

MR GAY SYRIA
Erleichtertes Asyl und Einreise mit Mr Gay-Titel aus Istanbul?

DAS PRINZIP MOTESSORI – DIE LUST AM SELBER-LERNEN
Gebt uns die Kinder bis sechs Jahre und sie gehören uns.

ALPHA
Die Story ist klassisch; Settings und Verkleidungen sind Kitsch.

THE NUN
Kuddelmuddelhorrorstreifen.

DAS SCHÖNSTE MÄDCHEN DER WELT
Schönheit mit überlegenem Lächeln verwechselt; über Kastrationsängste und deren Kompensation durch deutsche Filmemacher.

DVD
GHOST STORIES
Ein Rationalist und die Spukgeschichtenforschung.

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Kino zum Rheumatismus kriegen.

Hat denn niemand von den Produzenten das Buch von Gary Daubeman gelesen? Hat Regisseur Corin Hardy sich nichts weiter gedacht dabei?

Dass anfangs willkürlich zur Einstimmung und als Genrehinweis ein paar Spukelemente verschoßen werden, das ist ja ok.

Einen Ansatz zu einer Geschichte gibt es auch. Es war 1952 in Rumänien. Im Kloster St. Carta in Bierlan hat sich eine Nonne erhängt. Ein junger Franzose, der dort lebt, entdeckt die Leiche. Es ist Frenchie (Jonas Bloquet).

Der Vatikan erfährt davon und will die Sache untersuchen. Father Burke (Demián Bichir) soll dahin fahren. Er braucht eine junge Nonne, eine Novizin, dazu. Die treibt er in einem Konvent in England auf, Schwester Irene (Taissa Farmiga). Sie hat den Schwestern-Eid noch nicht abgelegt.

Frenchie soll die beiden an den Entdeckungsort der toten Nonne führen. Das mag alles noch angehen. Es ist sogar ein schöner Moment in bisher reizvoller Horrorästhetik, wenn das Trio durch eine blühenden rumänischen Garten in Richtung Schauderkloster geht.

Der junge, frische, knackige Frenchie und die unberührte, ebenfalls blühend junge Nonne. Das könnte knistern. Da ist auch unter den Schauspielern was los.

Aber dann verlassen sie die Welt Gottes und damit die Welt anspruchsvollen und ansprechenden Genre-Kinos. Gelangen in das schlossähnliche Kloster. Landen in einer endlosen Sauce an Horror- und Geisterbahneffekten, die willkürlich durcheinandergerührt werden und weder Sinn ergeben noch Spaß machen. Der Film krepiert schließlich im eigenen Horrordurcheinander, hat jegliche inhaltliche Richtung verloren, lässt einen erstarren im Zuschauerraum – dem folgt Rheuma.

Immerhin, der Sound ist keine Schlafmusik.

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Eine klassische Variante des Coming-of-Age in vollendet pathetischem Steinzeit-Edelkitsch. Worüber vermutlich gar nicht groß gestritten werden muss. Also eine Geschmacksfrage.

Der Film spielt in Europa vor 20′ 000 Jahren und einer Woche. Keda (Kodi Smit-McPhee, aufgefallen in Slow West) soll ein Mann werden und das Töten lernen. Er sträubt sich dagegen.

Einmal im Jahr bekämpft sein Stamm, der in einer Kitsch-Postkarten-Steinzeit-Landschaft lebt, in der „großen Jagd“ das „große Biest“, eine Art scharfhörniger, zotteliger Mammut. Keda hat den Mumm zum Töten nicht. Er wird einen Abgrund runtergeschleudert. Bleibt auf einem Vorsprung mitten in einer Steilwand hängen, einer Steilwand, wie sie für den Protagonisten von „Durch die Wand“ gerade die richtige Herausforderung wäre. Der Stamm hält ihn für tot.

Ein Aasgeier bringt ihn kurz vorm Aushacken des Auges ins Leben zurück. Bouldern hat er nie geübt. Er wäre beim Versuch, abzusteigen unweigerlich dem Tod ausgeliefert. Der Wettergott oder der Filmemacher Albert Hughes (The Book of Eli) der in biblischen Dimensionen denkt, und der mit Daniele Sebastina Wiedenhaupt auch das Drehbuch geschrieben hat, erfindet ein kräftiges Gewitter und Anschwellen des Tales unter der Steilwand, das grenzt an ein alttestamentarisches Wunder, so dass Leda überlebt.

Kedas Weg zurück zum Stamm wird zum Weg zu sich selbst als erwachsenem Mann mit einigen etwas zu stark kolorierten Barthärchen, der – als Selbstverteidigung – auch das Töten lernt. Sein Coming-of-Age-Begleiter und Beschützer ist der Wolf Alpha. Eine rührende Geschichte. Wolf und Boy spielen ihre Parts hervorragend.

Der Kitsch, das ist diese Ausstattung aus dem Fundus eines Völkerkundesmuseums gemischt mit den Stilansprüchen eines modernen Abenteuer-Kleidungsausrüsters und mit Folkloreschmuck zwischen Eskimo und Maori.

Dann die Lichtstimmungen zur Verklärung der Natur, die Verkünstelung der Landschaft, immer ihr die Realität und den Realismus raubend, als seien es Bilder, die fürs Museum oder die geistige Erbauung bestimmt seien; da man aus dieser Zeit eh nicht viel Konkretes weiß, ist die Fantasie frei.

Wobei die Arbeit mit den Bildern mit ihrem Hang ins überhöht Surreale (wie manche Bibel-Ikonographen es auch lieben), ihre Bereitstellung und Montage hochprofessionell passieren. Aber eben, es ist Geschmackssache. Immerhin lernen wir aus diesem Film, dass die Steinzeitmenschen zum Schwimmen Badehosen trugen, eine sicher wertvolle Erkenntnis, die auf einen hohen Grad an Zivilisierung schließen lässt. Sind ja unsere Vorfahren.

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Mutterschaft ist das elementare Recht der Frau, ja ihr Privileg. Wenn das nicht möglich ist, so kann es enorme Kompensations-Energien freisetzen, zu Identitätsproblemen führen, zum Ausbruch aus einem geplanten Leben, aus einer Partnerschaft, besonders wenn der Partner Frank (Guido Pollemans) von Maud (Rifka Lodeizen) das Problem als leicht abtut und nicht achtsam damit umgeht.

Die beiden haben es lange probiert und es hat nicht funktioniert, so erzählt Maud es später. Aber sie erzählt viel.

Wechselweise ist sie die Holländerin (so ist der Originaltitel: La Holandesa) aus Schweden oder aus Kanada, sie ist dreifache Mutter und verwitwet, was ihr gerade einfällt.

Das Paar, das einst glücklich war und dem allmählich die Texte ausgehen, will auf einer Wanderreise in Chile die Beziehung retten. Aber Frank träumt mehr davon, einen Puma in freier Natur zu entdecken, als davon, seine Partnerin tiefer zu sehen, zu begreifen.

So haut sie ab. Macht sich auf einen ungewissen Weg. Das langgestreckte Chile bietet sich geradezu an für so ein faszinierendes Bijoux von Arthousmovie, das einen Menschen auf der Suche nach seiner Bedeutung in den Mittelpunkt stellt.

Insofern ist die deutsche Untertitelung irreführend, die von Messi und Maud spricht, in Anklang an „Harold and Maud“. Messi ist nur eine zwar mehr als schmückende, eher eine illustrierende Zugabe zum Bild von Maud, einer Frau, die keine Kinder bekommen kann.

Schon auf der Fähre gibt es eine Szene, die zeigt, wie groß der Schmerz darüber sein kann und zu welchen Taten, im Ansatz, das führen kann; jedenfalls ist die Mutter eines Säuglings hell entsetzt, wie sie ihren Kleinen der ihr unbekannten Maud kurz überlässt und erkennt, welche ungeheuerlichen Fantasien sich in Maud breit machen, so dass sie bereits den ordentlich organisierten Weg ihrer Reise verlassen muss, in einem LKW auf der Fähre untertauchen bis zur Landung.

Dann das Weite suchen. Dabei fällt ihr der Bub Messi zu, mit dem sie vor seinem brutalen Vater, einem LkW-Fahrer, Reißaus nehmen.

Chile mit seinen Weiten, den Bergen und der Atacama-Wüste, mit diesen Landschaften als Ausdruck verlorener Seelen, kann wunderbar von der Einsamkeit der Menschen und von ihren Sehnsüchten erzählen. Das nutzt die Holländerin Marleen Jonkman, die nach einem Drehbuch von Daan Gielis die Regie führt, filmkünstlerisch weidlich aus. Ihre Protagonistin Rifka Lodeizen spiegelt wunderbar die verschiedenen Gefühlszustände, diesen Bruch mit ihrer hergebrachten Beziehung und der Trotz, sich in einer wildfremden Welt zu behaupten, keine Hemmungen mehr zu kennen, dem falschen Partnerschaftsgetue, was ihr doch kein Verständnis gebracht hat, tschüss zu sagen.

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Mahmoud ist Flüchtling und Journalist. Er stammt aus Syrien. Er hat es bis Berlin geschafft und lebt dort. Er ist schwul und LGBT-Aktivist. Er möchte sich dafür einsetzen, dass Schwulität aus Syrien sichtbar und anerkannt wird. Denn offiziell existiert so etwas in Syrien gar nicht. Deshalb organisiert er halb konspirativ in Istanbul unter schwulen syrischen Flüchtlingen einen Wettbewerb um den Titel des Mr Gay Syria. Der dermaßen Auserkorene soll am Wettbewerb um den Titel Mr Gay World in Malta teilnehmen und damit verbesserte und beschleunigte Aussicht auf Ausreise aus der immer homophober wedenden Türkei erhalten. Außerdem hilft Mahmoud in Berlin schwulen Flüchtlingen speziell aus dem arabischen Raum beim Papierkram, wenn es um die Anerkennung als Flüchtling in Deutschland geht.

Mahmoud ist einer der beiden Protagonisten in dieser hautnahen Dokumentation von Ayse Toprak aus einem Lebensbereich, der für den bürgerlichen Deutschen in mehrfacher Hinsicht eher weniger bekannt sein dürfte: das Leben als arabischer Flüchtling in Istanbul, der zudem ein offen schwules Leben führen möchte.

Husein, der zweite Protagonist, ist Flüchtling aus Syrien, Frisör, schwul. Er ist verheiratet, hat ein Töchterchen, seine Familie lebt wie er in Istanbul. Aber sein Arbeitsplatz ist weit weg von der Familie. So dass er diese nur an seinem freien Tag sehen kann. Da er nicht geoutet ist, muss er die Maskerade, die er nach seiner eigenen Aussage praktisch von Geburt an pflegte, weiterführen. Lieber würde er sich in der Gay Community herumtreiben. Sein Vater schlägt ihn, seine Mutter weiß nicht mal, was schwul ist, hat nie davon gehört; so etwas existiert in ihrer Vorstellungswelt nicht.

Husein verkehrt in Istanbul in einem Kreis, der sich „Tea and Talk“ nennt. Hier kann er offen über seine Probleme als Schwuler sprechen. Hier überredet ihn Mahmoud, an der Entscheidung für die Wahl zum Mr. Gay Syria teilnzunehmen. Das kostet ihn bereits eine Überwindung. Aber er stellt sich der Konkurrenz von vier Mitbewerbern und – so viel sei verraten – er wird sich mit einem berührenden Auftritt, der sich gänzlich von denjenigen seiner Konkurrenten unterscheidet, durchsetzen.

Jetzt steht die Reise nach Malta in Aussicht. Dafür aber braucht er ein Visum. Der Film berichtet von den Vorbereitungen, den Hindernissen, der Auseinandersetzung mit seinem Coming-Out in der Familie, die in Istanbul lebt. Der Film bleibt dicht dran. Nebenbei streift er auch die Schicksale von anderen aus der Gruppe. Von einem Paar, in dem der eine nach Skandinavien ausreisen konnte und der andere versucht, mithilfe einer UN-Organisation das Visum für die Nachreise zu seinem Mann zu bekommen.

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Ein ungeschickter Mensch.

Menashe (Menashe Lustig) ist ein Mann von großer Körperfülle und mit ein paar Eigenschaften ausgestattet, die gerade solchen Menschen gerne zugeschrieben werden.

Menashe lebt nach seinen eigenen Gesetzen, er ist nicht primär anpasserisch, er kommt zu spät, vergisst die Tür seines Lieferwagens zu schließen und so fallen bei der nächsten Kurve die Kartons mit dem gefrorenen Fisch auf die Straße.

Menashe fühlt sich nicht respektiert in seiner Gemeinschaft. Er arbeitet als Verkäufer in einem Supermarkt. Er duldet, dass er für sein Zuspätkommen am Abend noch den Boden wischen soll. Er nimmt sein Schicksal an, möchte sich aber bessern. Er lebt mit seinem Sohn (Rieven (Ruben Niborski) allein. Seine Frau ist vor einem Jahr gestorben. Er ist ein Mensch, der aneckt, dem die anderen Menschen, die die Regeln verinnerlicht haben, dreinreden wollen, ihm Ratschäge erteilen, ihm zu verstehen geben, dass er nicht angepasst ist.

Menashe gerät ständig in Konfliktsituationen. Von diesen berichtet Joshua Z Weinstein, der mit Alex Lipschulz und Musa Syeed auch das Drehbuch geschrieben hat, in seinem Dokufictionfilm. Das heißt, er hat Originaleinwohner aus dem orthodox-jüdisch geprägten Stadtteil Borough Park in Brooklyn, New York, für eine Geschichte gecastet, die er geschrieben hat, die sie aber in ihrem Stadtteil und mit ihrer chassidisch-religiösen Kleidung und Kopfbedeckungen und Haartrachten spielen.

Wobei Menashe auch im normalen Leben Supermarktverkäufer sei. Gesprochen wird Jiddisch mit wenigen amerikanischen Einsprengseln und auch Spanisch, dies von den Latino-Regaleinräumern im Supermarkt.

Die Grundkonfliktsituation ist die, dass die Gemeinde von Menashe verlangt, eine Frau zu suchen – und das zeigt der Film sehr schön, wie eng diese Gemeinschaft ist, wie aber diese Geborgenheit gleichzeitig auch einer totalen Überwachung und einem Dreinreden gleichkommt –, weil der Talmud sage, dass der Mensch drei Dinge brauche, ein schöne Frau, ein schönes Zuhause und ein gutes Essen; das schließt aus, dass Menashe allein mit seinem Sohn lebt. Das sei nicht gut. Entweder soll er eine andere Frau heiraten oder der Sohn muss in eine andere Familie gegeben werden.

Das fordern besonders vehement die Hinterbliebenen seiner Frau, an erster Stelle der Schwager Eizik (Yoel Weisshaus). Mit dem Ausrichten der Jahresgedenkfeier zum Tode seiner Frau will Menashe beweisen, dass er fähig ist, so eine Feier zu organisieren, den Kuchen zu backen. Die Feier fällt gemischt aus, manche der Männer mosern am Essen herum, aber der Rabbi (Meyer Schwartz) ist ein verständiger Mann.

Weinstein hat mit genauer Beobachtung einen reichen Film geschaffen, der wie dokumentarisch aus dem Leben dieser Minderheit berichtet, der aber auf jegliche Judentümelei verzichet, die gerade im amerikanischen Kino gerne kurz mal angeführt wird, weil es schick ist in einer Nebensszene zu verstehen zu geben, dass man jüdisch sei und dabei noch kurz auf den Holocaust referiert.

Besonders charmant gerade für deutsche Ohren ist das jiddische Idiom (es wird deutsch untertitelt). Und bei der Feier singt der Bub ein ganz anrührendes Lied an seine Mutter.

Die Begeisterung für das Religiöse hält sich in pragmatischen Grenzen; wie Menashe mit seinem Sohn ein Heiligenbild für die Feier aussuchen soll, beschreibt er einen Heiligen als einen, der die Mäuse verjage.

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Es gibt Filme, die begeistern einen durch ihre brillante Machart und erste recht, wenn sie noch eine brisante politische Aussage haben, wie kürzlich Spike Lees Blackkklansman oder durch ihre brillante Horrorerzählart wie mother! oder Filme, die antörnend und ungewöhnlich eine Liebesgeschichte erzählen, wie Call me by your Name oder die eine unglaubliche, abenteuerliche Geschichte dokumentieren wie demnächst „Durch die Wand“.

und dann gibt es noch die ganz seltenen Film, die von Menschen erzählen, die schon längst gestorben sind, die es aber so einfühlsam und respektvoll und ganz ohne Quotenschielerei tun, dass man ganz glücklich ist, sie so kennengelernt zu haben und diese Begegnung für eine Bereicherung und für ein Licht im weiten Felde menschlicher Durchschnittlichkeit und Abhängigkeitsverhalten und Opportunismen und Ehrgeizen hält.

Das schafft Eric Friedler mit der vorliegenden Dokumentation (späte Interviews, Archivmaterial, Nach-Animationen) über die beiden Gründer des Jazz-Labels Blue Note, die beiden Deutschen Alfred Lion und Francis Wolff, der Löwe und der Wolf.

Sie wachsen im Berlin der Roaring Twenties auf. Sie sehen im Admiralspalast noch in den 20ern das erste Mal schwarze Musiker und vor allem hören sie das erste Mal Jazz. Sie sind vom Moment an glühende Fans.

Wegen der aufkommenden Nazis wird es für die beiden in Berlin zusehends schwieriger. Alfred emigriert 1929 nach New York. Francis folgt etwa zehn Jahre später. Sie fangen gleich an, Plattenaufnahmen von Jazz zu machen., denn „Race-Discs“ gibt es kaum. 1939 gründen sie das Label Blue Notes.

Sie haben die Musiker gefragt, ob sie wollen. Das war für die eine Überraschung. Sie haben auch spontan nachts Aufnahmen gemacht. Sie haben nur produziert, was sie liebten. So hat keine Plattenfirma gearbeitet. Es war keine verbreitete Musik und es war mutig von ihnen, Schwarze auf das Cover zu setzen. Wie einmal eine Bestellung von 30 Platten reinkam, da sind Wolff und Lion schier ausgeflippt.

Francis hat halbzeit noch als Fotograf gearbeitet, das war sein erlernter Beruf. Die beiden hat nur die Musik interessiert. Es war reine Hingabe. Diese Musik war wichtiger als alles andere: Gewinn, Heirat, Kinder. Weshalb die erste Ehe von Alfred auch in Brüche gegangen ist. Beim Label hat eine familiäre Stimmung geherrscht.

Die beiden Produzenten haben sich hineingefühlt nicht nur in die Musik, auch in die Probleme, die das Leben als Musiker mit sich bringt. Hingabe. Radikale. Totale.

Besonders Francis sei ein sehr introvertierter Mensch gewesen, über ihn wusste kaum jemand was, so dass es bei der Beerdigung noch zu einer faustdicken Überraschung gekommen sei. Ein Musiker kommt noch Jahre später beim Interview zum Weinen, dass er sich gar nicht an die Stimme von Francis erinnern kann, so leise habe er gesprochen, so zurückhaltend sei er gewesen.

Die beiden Deutschen haben die Musiker auch unterstützt darin, ihren Gefühlen, gerade im Zusammenhang mit der politischen Bewegung von Black Panther und Martin Luther King, Ausdruck zu verleihen. Die Musik als kommunizierende Röhre zu den politischen Vorgängen.

Das Verrückte an solchen Menschen ist, dass sie überhaupt nicht auf einen Verehrungssockel zu stellen sind, dessen scheint sich Eric Friedler genau bewusst, weshalb der Film das Gefühl hinterlässt, man habe Zeit mit Menschen verbracht, die einem keine Vorurteile entgebenbringen, die einen leben lassen und akzeptieren, wie man ist, die nicht auf Bewunderung schielen durch Rekorde, Quoten, Gewinne, durch Sockelposition, die sich selbst in den Hintergrund stellen und der Musik den absoluten Vorrang geben. Während bei uns schon eine jede Fimförderung mit affiger Arroganz in den Vorspann drängt – das sagt eigentlich schon alles über die darniederliegende deutsche Filmkultur – wobei so ein Film wie dieser aus Deutschland einen Lügen straft. Aber er ist eben ein Ausnahmefilm aus Deutschland über Ausnahmemenschen – aus Deutschland.

Die Wahrheit der Musik. A monumental statement about freedom, respect, understanding of others.

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Kastrationsängste.

Ein großer, klassischer Stoff:: ein geistreicher, sensibler Mann, unschön wegen seiner enormen Nase, verliebt sich in eine schöne Frau, hält sie für unerreichbar und schiebt einen äußerlich gut aussehenden, aber nicht mit denselben künstlerischen Gaben versehenen, anderen Mann als Lockvogel vor. Die Frau lässt sich bezirzen, weiß aber nicht um den Hintergrund.

Ein Stoff für die Weltliteratur, ein Stoff fürs Weltkino; ein Stoff geplündert bei Cyrano de Bergerac – Motiv.

Und was machen Aron Lehmann (Die letzte Sau, Highway to Hellas, Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel) als Regisseur und Judy Norney und Lars Kraume (einer der Musterschüler unseres Subventionstümpelkinos) als Drehbuchautoren daraus?

Sie stutzen den Weltstoff auf gremienkompatibles, subventioniertes deutsches Filmmittelmaß als Gemüse für den regionalen Markt und eine Saison zusammen, illustrieren knallig mit Witzen und komplizierten Sätzen die dramatische Grundstruktur, statt sie dynamisch einzusetzen, sie verstehen als Jugendkino: Lautstärke, viel Lärm, Disco, Hip-Hop (nur teilweise verständlich), Knallchargen statt Charaktere, so besehen handwerklich erstklassig gedrechselt.

Warum das über die deutschen Grenzen hinaus kaum funktionieren dürfte, trotz Weltkinostoff?

Erstens die Definition von „schön“ und Einführung und auch Besetzung der Roxane mit Luna Wedler. Sie mag von Funktionären als „Shooting Star“ auserkoren worden sein. Aber sie verwechselt Schönheit mit angestrengtem, professionellem Lächeln. Und die Besetzer verwechseln „gut aussehend“ (auch das professionell) mit „schön“.

Auch von der Story her, wird der Schönheitsbegriff verwischt, indem Roxane als aus superreichem Haus stammend eingeführt wird, wenn sie verspätet zu der Klassenfahrt nach Berlin an den Bus gebracht wird von Vater und Chauffeur. Schönheit gleich Reichtum, Reichtum gleich Schönheit? Dass sie verspätet zur Klassenfahrt stößt, wird damit begründet, dass sie aus dem Internat geflogen sei. Auch das ist eine rein theoretische Info, die sich in ihrem Verhalten und ihrem Charakter nicht ansatzweise belegen lässt.

Da ist die Besetzung von Cyril mit der dicken Nase mit Aaron Hilmer, der attraktive Momente hat, aber an den Sätzen, die Kraume und Horney ins Buch geschrieben haben (generell die Tendenz zu Erklärsätzen, da sie die dramatische Strukturen der Charakter nicht analysieren, und bei Cyril wird dann ein fast gottesdienstlicher Monolog im Hinblick auf Toleranz daraus), muss wohl jeder junge Schauspieler scheitern.

Dass er sich in Roxane verliebt, wird auch nur erklärt, ist sinnlich nicht nachvollziehbar. Insofern findet sich der Zuschauer in einem nüchternen Theorieraum statt im Kinogefühlsraum.

Auch die Besetzung von Damian Hardung als Rick ist problematisch. Das hängt mit der Figurzeichnung durchs Drehbuch zusammen, das hängt auch bei ihm mit den Sätzen zusammen. Er ist derjenige, den Cyril als Lover von Roxane vorschiebt. Er bleibt eine diffuse Erscheinung.

Aber selbst diese simple Grundgeschichte geht immer wieder unter in der generellen Laustärke der Performance, der tiefen Angst, Zuschauer zu verlieren, wenn nicht dauernd Witze gemacht werden, einer abgrundtiefen Kastrationsangst der von Fernsehen und Förderung längst entmannten deutschen Filmemacher. Insofern ist die Angst, die sich auch in so einem Satz spiegelt, überflüssig.

Die Youngsters können einem leid tun, dass sie ihren vollen Einsatz in der degenerierten deutschen Filmkultur leisten, die eine Phobie vor einem gepflegten Erzählkino hat. Die Darsteller treten damit gezwungenermaßen auf der Stelle.

Es gibt einen, einzigen sinnlich, berührenden Moment in dem Film. Der ist ganz am Anfang. Wenn der Maskenmann (Cyril – dessen Name kaum je verständlich ausgesprochen wird) seine Hip-Hop-Battle gegen den Konkurrenten – im auch wieder viel zu laut inszenierten Kampf – schlägt – und sofort die Bühne verlässt und ganz allein seinen Triumph in einer Radahrt durch die nächtlich leere Stadt auskostet. Da ist der Zuschauer ganz nah bei ihm und mag ihn wie nicht wieder.

Dem Darsteller ist das nicht zuzuschreiben, da kann er nichts dafür; geradestehen müssen Buch, Regie, Casting. Nämlich dafür, dass der Film in seiner Machart ein Zielpublikumsfilm bleiben soll, gedacht für deutsche Teens, die der Film mit aller Gewalt anzubaggern versucht – mit den beschriebenen Elementen und den Sex-, Schwanz-, Kondom- und Zeugungswitzen oder wenn im Bus die ganze Klasse „pissen“ rhythmisiert- wodurch der Film mehr zum Knallfroschkino wird – erotiklos.

Allein schon wegen der Knallcharge von Lehrerin, die unnatürlich brüllt die ganze Zeit. Das kann kein Mensch ernst nehmen.

Und wenn man den Film schon „das schönste Mädchen der Welt“ betitelt, dann sollte wenigstens in der Hinsicht auch was passieren beim Besuch von Nofrete im Museum; das sollte ein Licht zum Thema Schönheit angesteckt werden; dazu wäre das Kino der Superort!

Was das Außenseiterthema mit dem nicht konformen Gesicht betrifft, sollten sich die Macher nochmal Wunder anschauen, wie die immerhin erzählen können. Hier wird das Thema ernst genommen, während das deutsche Kino versucht, sich mit Hahaha an sein Publikum anzubiedern.

Unter Drehbuchschreiben verstehen die, die dramatische Grundstruktur mit Witzen, Pointen, jede dritte unter der Gürtellinie, dröhnend aufzufüllen, statt sie erst mal in ihrer Dynamik zu studieren und diese für eine spannende Handlung nutzbar zu machen. Durch ihre Schreibermethode allerdings berauben sie die Figuren der Konflikte; statt Probleme und Situationen zu bewältigen, müssen die Darsteller Erklärsätze sagen – oder Witze reißen.

Zum Castingproblem: Solche unnatürlichen Dialoge – in dem Sinne, dass sie sich nicht aus einem Handlungszusammenhang oder aus einer Konfliktsituation ergeben – erfordern einen schnoddrigeren Typus von Schauspieler, der den geringen Stellenwert dieser Texte einschätzen und sie entsprechend unwichtig transportieren kann, ohne dass jedoch die Verständlichkeit darunter leidet. Bei diesem Cast führt das allerdings dazu, dass die Text bemüht möglichst laut und mit Druck reproduziert werden, worunter die Attraktivität des Castes und damit auch des Filmes leidet und sein Wirkkreis deutlich auf das deutsche Zielpublikum eingeschränkt wird – falls dieses (wenigstens) zu gewinnen ist.

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Eng auf das Erziehungsideal von Maria Montessori fokussierte Dokumentation, beschränkt auf zwei Jahre der Klasse von Lehrer Christian in Roubaix, Frankreich.

Ein Nahbericht mit der Kamera konsequent auf der Höhe der Kinder zwischen 2 ½ und 6 Jahren, also im Vorschulalter. Hier lernen sie bereits lesen auf dem Wege der sanften Manipulation des Heranführens an den haptischen Umgang mit wohlpräparierten (durch Experimente herauskristallisierten) Materialien, beispielsweise Türmchenbauen aus einfarbigen Klötzchen verschiedener Größe oder durch Abfüllen vom Inhalt eines Gefässes in ein anderes.

Der Film präsentiert die Methode von Maria Montessori, indem Zitate von ihr eingesprochen werden und am Leitfaden des Interesses des Dokumentaristen Alexandre Mourot, der mit Anny Duperey und Christian Maréchal auch das Drehbuch geschrieben hat, weil er selbst Vater einer Tochter geworden ist und so unvermittelt mit den Erziehungsproblemen konfrontiert wurde.

Der Film verlässt die enge Perspektive der anmächeligen Präsentation der Methode nicht, stellt keine kritischen Fragen in Richtung Menschenbild und Geschichtsphilosophie oder dazu, dass auch diese Methode die Menschen manipuliert – auf ihre Weise, denn alles muss in dieser Schule ganz penibel präpariert sein, die Arbeitssets für die Kinder und die Pädagogen flüstern fast nur, alles dient der Lernoptimierung der Kinder.

Ganz neu ist der Ansatz nicht. Maria Montessori sagt, in diesem Alter zwischen zweieinhalb und sechs Jahren seien die Kinder am beeinflussbarsten, am lernfähigsten, am leichtesten zu prägen. Das haben schon die Jesuiten seit Jahrhunderten gesagt: gebt uns die Kinder bis 6 Jahre und sie gehören uns.

Wobei der Montessori-Ansatz, die Kinder an ihrem eigenen Entdeckungs- und Lerntrieb und an ihrer unglaublichen Konzentrationsfähigkeit zu packen, durchaus einleuchtend, sympathisch undoktrinär und unpaukerhaft ist.

Interssant wäre selbstverständlich eine Langzeituntersuchung, die zeigt, ob Menschen, die eine Montessori-Schule besucht haben, später im Leben überdurchschnittlich zur Verbesserung der Menschheit beitragen, ob überdurchschnittlich viele an die Hebel der Macht kommen, um diese Ziele zu realisieren: eine friedliche Menschheit, die nach ihren Talenten lebt.

Im Gegensatz zur nordischen Dokumentation über den Waldkindergarten Aurora, bei der die Dokumentaristin als störend und beeinflussend empfunden wurde, ist sich Mourot durchaus seiner die Situation verändernden Präsenz bewusst.

Immerhin hat er in Géraud einen Buben gefunden, der gerade in der Phase intensiver Konzentration ist, in der er alles um sich herum vergisst und also auch die Kamera und den Dokumentaristen ausblendet.

Der Film ist zu sehen als ein winziges Puzzleteile in einer Reihe von Filmen, die sich dem Thema Erziehung widmen (mehrere Links dazu in Kindheit-Bardom und damit der Zukunft unserer Gesellschaft, auch die Frage, wieviel Freiheit braucht der Mensch, wieviel Zwang; ist er von Natur aus gut oder schlecht?

Der Film selbst gleicht einem Wimmelbild zum Thema Montessori; es gibt viel zu sehen und zu entdecken bei den 28 Schülern, die die Klasse hat. Köstlich sind die etwas unförmigen Beinah-Schuluniformen, zu weite Joppen, die eine uniformhafte Individualität behaupten.

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